Krieg gegen Rojava

(Follow-up hierzu )

Der türkische Regierungssprecher Numan Kurtulmuş hatte das Treffen des US-CJCS Joseph Dunford mit dem türkischen Generalstab zunächst offiziell mit den Worten kommentiert, die unterschiedlichen Auffassungen zur Lage und den militärischen und politischen Notwendigkeiten im Syrienkrieg bestünden fort.

Gleichzeitig veröffentlichte der Verbindungsmann Dunfords im Presseamt des Pentagon eine Reihe von Kommentaren  des CJCS zu seiner Türkeireise, die einen Eindruck von seiner Mission und ihrem Erfolg hinterlassen, der den Aussagen des türkischen Regierungssprechers direkt widerspricht.

“The coalition and Turkey will work together on the long-term plan for seizing, holding and governing Raqqa” …  “Obviously as a close ally, we really just want to make sure that we’re completely tight [with Turkey] as we work through some challenging issues” … “[The SDF] are moving south to isolate the enemy that’s in the vicinity of Raqqa and in Raqqa. We always advertised that the isolation phase is going to take months.” …
The SDF is making sure the ISIL forces that are in Mosul cannot reinforce the ISIL forces in Raqqa, and that the force in Raqqa cannot conduct external operations “into  Turkey, into Europe and into the United States,” Dunford said. “We are going to limit their freedom of movement now even as we work on a long-term plan that is more viable for holding … Raqqa.” … “We always knew the SDF wasn’t the solution for holding and governing Raqqa. What we are working on right now is to find the right mix of forces for the operation.”
The meeting today reinforced the long-held promise that the coalition would not move ahead with the seizure phase in Raqqa “without incorporating the Turks and their perspective into our plans,” Dunford said. “They will be helpful in identifying the right forces to do that.”

Um den Grad und das Maß der Übereinstimmung zwischen Dunford und seinen türkischen Partnern ermessen zu können, muß man wenigstens folgende Voraussetzungen kennen.
Seit Monaten, seit Beginn der Vorbereitungen zur Eroberung Mosuls vom Kalifat, gibt es Berichte aus den USA und Israel, ergänzt um lokale Berichte, über eine Verlegung der Hauptmasse der Kalifats-Kämpfer aus Mosul Richtung Raqqa, Deir Ezzor und Ar Rutbah, einem Verkehrsknotenpunkt in der irakischen Provinz Anbar, der geeignet ist, ein logistisches Zentrum für künftige Angriffe der Daeshianer auf Deir Ezzor, Palmyra und Damaskus zu bilden. Die Behauptung Debkafiles vor etwa zwei Wochen, in Ar Rutbah werde die Hauptmasse der aus Mosul ausfiltrierten Kämpfer versammelt, wurde wenige Tage darauf bestätigt. Der Ort, bis dahin von Stammeskämpfern kontrolliert, die sich vom Kalifat distanziert hatten, wurde von Daeshianern überrannt und übernommen.
Unterdes hatten syrische Regierungsquellen berichtet, der Zufluß feindlicher Kämpfer aus Mosul in der Provinz Deir Ezzor sei vergleichsweise bescheiden. Lokalen Berichten zufolge machte sich das zweitstärkste Kontingent der Mosuler Daeshianer über Tal Afar und Sindschar auf den Weg nach Raqqa, was vor wenigen Tagen eine um syrische Verbündete verstärkte Abteilung Peschmerga-Kämpfer zur Eroberung Sindschars motivierte. Die türkische Reaktion hierauf:

“… the PKK has been trying to take control of the town and turn it into a second headquarters, like the Qandil Mountains … We told the Americans that if the PKK attempted to turn Sinjar into a second Qandil, it would be a threat to Turkey’s national security and we would definitely intervene.“

So erneut dargelegt in einem Hürriet-Artikel von heute, der Kurtulmuş o.zit. Worte auf der Grundlage der Pentagon – Veröffentlichung von Garamone korrigiert. Die anonyme türkische Quelle, die Hürriet zusätzlich zitiert, ergänzt:

General Dunford said that under circumstances of national security, that would be Turkey’s right.

Zugleich melden Sprecher der SDF heute den heftigsten türkischen Artillerieangriff auf eine ihrer Stellungen in der Provinz Hasaka, den es je gab und zahlreiche Verwundete sowie erhebliche Materialverluste hinterließ. Der Sprecher erklärt, der Angriff sei mit Mörserfeuer au die türkischen Stellungen beantwortet worden, die das Feuer nach einer Stunde einstellten.
Der Leser hat hier zu beachten, daß mindestens 200, wahrscheinlich deutlich mehr, amerikanische „Special Forces“ an der Seite der SDF operieren. Der türkische Angriff setzt eine Freigabe durch das Pentagon voraus, das zuvor sichergestellt hatte, daß die angegriffene Basis von den Special Forces entweder geräumt oder gemieden wurde!

Das Pentagon führt folglich bereits jetzt – nicht erst im Januar, wie viele Kommentatoren, einschließlich meiner (auf Telepolis) erwartet haben – an der Seite der türkischen Armee einen Auszehrungskrieg gegen Rojava mit mehr oder weniger williger Unterstützung von zusätzlich heran geführte Söldnern aus den Reihen ISILs.

Zum Hintergrund zählt auch, daß nach übereinstimmenden amerikanischen Berichten Obama persönlich über CENTCOM, das in der Person General Votels und des Sondergesandten Brett McGurk für die Zusammenarbeit des Pentagon mit den kurdischen Selbstverteidigungsmilizen verantwortlich ist, den Beginn der Operation zur Eroberung Raqqas angeordnet hat. Das Pentagon hat mit Hilfe für den Irak zuständiger Kommandeure und ihren irakischen Verbindungsleuten über den mindestens geduldeten, wenn nicht geförderten, Zufluß an Kämpfern nach Raqqa den SDF die Option versperrt, sich der amerikanisch-türkischen Instrumentalisierung zu eigenen Lasten zu verweigern.

Das spielt eine gesonderte Rolle an einer anderen Front, in der Provinz Aleppo.
Kurtulmuş hatte sich in der o.zit. Pressekonferenz damit gebrüstet, den USA bezüglich des türkischen Anspruches, die kurdischen Sozialrevolutionäre aus dem Bezirk Manbij zu vertreiben, den sie vor Monaten von ISIL eroberten,  und sie durch die islamistische Besatzungsmacht der türkischen „FSA“ zu ersetzen, ein Ultimatum gestellt zu haben:

Kurtulmuş also said one of Ankara’s strategic priorities was to ensure that all PYD forces would be withdrawn from the Manbij area in northern Syria.
“We have also made clear that eliminating the PYD from Manbij one way or another is among our strategic priorities, and that Turkey has accomplished its preparations on Manbij,” he added.

Die jüngere türkische Stellungnahme meldet nun Vollzug:

[The source] said the Turkish side was happy to hear assurances from Dunford that the Americans will take back all YPG militia in Manbij to the east of the Euphrates River, as earlier promised.

Die SDF können, müssen und werden sich solchen amerikanischen Anordnungen widersetzen: Die inkriminierten Kräfte werden in der Hauptsache von Einwohnern gestellt, die sich über das Manbij Military Council (MMC) organisiert haben. Doch des in der Vergangenheit wirksam gewordenen Druckmittels, die Beteiligung an einer Raqqa-Operation zu verweigern, sind die SDF nun ledig.

Allerdings haben die kurdisch-arabischen Verteidiger gegen die türkische Invasion in den vergangenen Wochen im Raum Sheikh Issa, Marea, Tel Maleed  bewiesen, daß sich die türkischen Proxies an ihnen eine blutige Nase holen, so lange sie keine Deckung von der Luftwaffe der NATO erhalten. Diese Deckung entfiel seit dem 23. Oktober, nachdem die syrische Luftwaffe am 20. Oktober verkündet hatte, türkische Flieger angreifen zu wollen. Die Verzögerung von zwei Tagen bis zur Aussetzung der Luftangriffe deutete an, daß abermals nicht das Pentagon, sondern das Weiße Haus sie befahl, um eine Eskalation zu meiden. Der jüngere Hürriet – Artikel behauptet unter Berufung auf seine anonyme Quelle, dieser Befehl solle binnen kurzem entfallen. So würde der Weg frei für eine türkische Offensive auf Manbij unter Vermeidung eines Sturms auf Al Bab, den die Türkei seit Wochen ankündigt und nie umsetzte. Warum auch. Die Daeshianer in Al Bab erfüllen ihre Rolle, indem sie die SAA,  die Afriner Koalitionstruppen und die Kräfte des MMC beschäftigen, ablenken und ihnen Verluste zufügen.

Ein „Feuer frei“ auf Manbij liegt auch aus autoritativer Quelle vor, obgleich – natürlich – nicht explizit. Urteilt selbst. Pentagon – Sprecher Peter Cook auf der Pressekonferenz vom 7.11.:

Q:  Turkey’s deputy prime minister said he had told Chairman Dunford that Ankara’s priority was to take out or remove the YPG from Manbij.
Does the U.S. agree with that, that that should be the priority?  And has the U.S. agreed to that with Turkey?

MR. COOK:  **I — I’m not sure exactly what comments you’re referring to.**

But our focus — and we’ve discussed that at some length with not just Turkey, but all of our coalition partners — remains eliminating ISIL from Syria.  And that is the primary goal of our efforts in Syria …

Q:  So, Turkey’s priority that they stated is to remove the YPG from Manbij.  Is that something —

MR. COOK:  We — we continue — our top priority in Syria … is to eliminate ISIL from — from Syria.  And that will continue to be our foremost mission.
And obviously, of course, the concern for us is not only what ISIL is doing to the Syrian people, but also the threat ISIL poses to the United States, to our allies and partners.

Klartext: Die Türkei wird und kann machen, wonach Erdogan der Sinn steht, so lange sie nicht unzweideutig dem erklärten Hauptziel des Weißen Hauses quer kommt. Genau dafür sind die Voraussetzungen geschaffen und von Dunford abgesegnet worden.

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2 Antworten zu Krieg gegen Rojava

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