Update zum türkischen Terrorkrieg in Syrien

Ein Lagebericht mit Rückblick auf strategische Vorentscheidungen im September.

Rückblick

lieutenant_general_stephen_j-_townsendAm 21. August Army übernahm Lt. Gen. Stephen J. Townsend das Kommando über die Combined Joint Task Force-Operation Inherent Resolve von Army Lt. Gen. Sean MacFarland. MacFarland ist ein strategischer Kommandeur, der jahrzehntelange Erfahrungen in der Feld- und Kräftevorbereitung hat, Townsend ist ein taktischer Kommandeur, ein „Kavallerist“ und „Feuerwehrmann“, der in Afghanistan und Syrien wiederholt für anspruchsvolle Operationen berufen wurde.

Am 8. Sept. gab es im Pentagon eine mit Spannung erwartete Pressekonferenz mit dem Sprecher der Operation Inherent Resolve, Colonel John Dorrian, die ich verpasst habe. Hätte ich sie gekannt, hätte ich meine Kommentare zum seitherigen Kriegsgeschehen entschiedener formulieren können. Auch zu dokumentarischen Zwecken will ich Dorrians Aussagen zum syrischen Schauplatz ausführlich zitieren und kommentieren:

After taking Jarabulus with its partnered forces, Turkey has announced that they’ll clear the remaining — that they’ve cleared the remaining border region from further infiltration by Daesh.

Die erste Aussage und die erste Unwahrheit, angezeigt in der Korrektur des Futur ins Perfekt. Die Ereignisse bis heute zeigen, die türkische Seite hat auf der Sichtweise bestanden, die Grenzsicherung, die Dorrian i.A. seines Kommandeurs für erledigt erklärt, sei mit der Besetzung weiteren Terrains erst noch abzuschließen.

This terrain was important as an infiltration route into and out of the region.  ISIL’s losing freedom of movement in this area improves security in Europe and around the world and severely impacts Daesh’s ability to reinforce fighters in Syria and Iraq.

Eine Halbwahrheit. Wie wir aus kurdischen und FSA-Quellen wissen, die Townsend aus erster Hand kennt, mittelbar auch aus türkischen Quellen, wurden mindestens hunderte Daeshianer rasiert, umgeflaggt und in die türkische Proxietruppe eingegliedert. Die Türken haben nicht einen einzigen gefangen genommenen Dashianer vorzuweisen. Sie werden entweder übernommen, getötet, oder in die ihnen verbleibenden Gebiete um Al Bab und Rappa vertrieben. Zugleich hat die Türkei den Personal- und Waffennachschub für Ahrar al Sham, Jaish al Fatah und damit Al Nusra im Raum Idleb und Aleppo verstärkt, wie wir u.a. von Charles Lister wissen. In Summe: Die vom Kreml geforderte und zwischen Moskau und Washington zwischenzeitlich vertraglich vereinbarte Scheidung und Trennung zwischen legitimierten und lizensierten „Aufständischen gegen Assad“ und delegitimierten Usurpatoren syrischen Territoriums wurde vollzogen – allerdings unter Einschluß der vom Kreml geächteten Al Nusra in die Reihen der „Aufständischen“.

… and the coalition will continue to support Turkey as our NATO ally, and their partner forces, as they continue to strengthen their lines and secure that border.  The coalition will also continue working with our SDF partners in Syria to assure the latest progress continues to build momentum for a lasting defeat of Daesh in the region.

Merke: Inerent Resolve soll eine NATO-Operation sein.
Zu beachten in dieser vorbereiteten Rede: „Lasting defeat“. Die Inherent Resolve / NATO-Partnerschaft mit den SDF war zu dieser Zeit (von McFarland und Obama / Ashton Carter) auf Dauer konzipiert. Es folgt ein unzweideutiger Befehl an die türkische Seite:

… to assure that all anti-Daesh forces operating in Syria have the lines of coordination and deconflict operations in what has become very crowded battle space.  Unity of focus on ISIL over the coming days and weeks is imperative.

Dem ein strategischer Ausblick folgt:

Operation Inherent Resolve is a coalition of many nations … our training partners from Australia, New Zealand, Spain, Italy and others are working hard to prepare Iraqi Security Forces. Indeed right now as we speak there are 6,500 ISF in training, more than at any one time during the campaign here. That’s not just army forces for the liberation of Mosul, that’s also wide area security forces –- the police – that will be needed as Daesh continue to lose control of territory and continue to devolve into terrorist and insurgent tactics.

Aus militärischer Sicht ist in dieser Aussage die syrisch-irakische Grenze, weil von keiner syrischen Autorität gesichert, aufgehoben. Die betroffenen Gebiete werden der Hoheit der „Partner“ unter dem Vorbehalt der Gefolgschaft überantwortet.

Jetzt zu Raqqa:

Q: Idrees Ali with Reuters. (…) there was a bit about Raqqah and how the push had been put on hold because there was tension between Turkey and the United States.  Has the push for Raqqah been put on hold?  And is it for that reason?

COL. DORRIAN:  (Wiederholung) … So, we’re now working with the Turkish military and we’re working with our SDF partners to come up with the game plan for the way ahead here.  You know, there was some — some challenges between the SDF and the Turkish military for some period of time.  We’re very glad to see that it’s been relatively peaceful between those two.  So we’ve opened lines of communication and coordination to make sure that we de-conflict the things that are going on there. Ultimately, what we’re trying to do is set conditions where every armed entity that wants to work with us to fight Daesh can do so, but in a manner where it’s a coordinated effort and everyone can do so safely.

Das ist einfach die Forderung an die türkische Seite, in einen dauerhaften Nichtangriffspakt mit den YPG’s einzuwilligen, solange „Inherent Resolve“ aktiv ist.

Q:  Then a hold on the push for Raqqah, because that’s what General Townsend said?

COL. DORRIAN:  As far as, you know, the status of the effort against Raqqah is planning continues, as do a tremendous number of shaping operations — a lot of the things that we’ve talked about with the airstrikes and strikes in general; the further reduction in freedom of movement for Daesh fighters. All that work continues at pace. All of it.

Der Beginn und Abschluß der „ersten Phase“ einer „Operation Raqqa“ seither unter fortgesetzten türkischen Angriffen auf die SDF und YPG’s sagt das Nötige über das Schicksal dieses Befehls.
Im Anschluß konfrontiert der Vertreter der türkischen Anadolu News Agency Dorrian mit den seinerzeitigen, ausdrücklichen Gehorsamsverweigerung des türkischen Kriegsministers nach seinem Treffen mit Ashton Carter. .

Q:  The Turkish defense minister today, after his meeting with Secretary Carter, said that … he conveyed to the secretary that Turkey will not accept PYD and YPG forces trying to exploit the Raqqah operation in order to make some territorial gains in northern Syria.

Dorrian verrät darauf nach längerem Eiern die Linie, die Townsend gegenüber seinem Minister und den politischen Vorgaben insgesamt fährt:

COL. DORRIAN:  (…) the coalition does continue to work with the SDF, and … a part of our role is to keep …  different interests in a — in a channel where they’re coordination and communication with us, we can assure that there’s not going to be a situation that results in — in unsafe battle space … All those discussions are really working at a diplomatic level much higher than our operational role here.  So it — it would probably be well above my pay grade to try to broker anything with at that level.  This is — this is operational level.  What you’re talking about is a political level.

Safe battle space ist der Titel, unter dem die Militärführung der Operation Inherent Resolve die strategische Partnerschaft mit den kurdischen Sozialrevolutionären politisch einklagt – von ihren obersten Dienstherren, und von der Türkei.

Die türkische Antwort folgte damals umgehend:

Q:  Last question, Colonel, Turkish military and Free Syrian Army is now moving toward al-Bab.  What would be your reaction to that?

COL. DORRIAN:  Yeah, what — what the — I’m unaware of those reports.  I haven’t seen that but, you know, what — what we’re about is keeping all of the groups fighting Daesh.  I think I probably just should leave it at that.

Über den Fortgang habe ich hier, v.a. auch in Kommentaren auf Telepolis, ausführlich berichtet. Türkische Armeeeinheiten und ihre Proxies rückten nicht auf Al Bab vor, sondern griffen unter dem Vorwand der „Vorbereitung“ eines solchen Vorrückens parallel mit Kommandotrupps der Daeshianer Einheiten der kurdisch-arabischen revolutionären Selbstverteidigungseinheiten im Raum Marea-Azaz und südlich davon, Shebah Dam an.
Türkische F-16 flogen unterstützende Luftangriffe noch zwei Tage, nachdem die syrische Militärführung eine Abschußwarnung ausgesprochen hatte, erst dann, offenkundig auf Befehl aus dem Pentagon, endeten vorerst die Luftangriffe aller an „Inherent Resolve“ beteiligten Kräfte auf die Kurden und ihre Verbündeten. Denn voraus gegangen war die bizarre Episode, daß – detaillierten russischen Angaben zufolge – zwei F-16 unter belgischer Kennung von einem jordanischen Flugfeld aufstiegen, nahe Deir Ezzor von einem amerikanischen Flieger betankt wurden, ein kleines Massaker in einer kurdischen Ortschaft im Raum Shebah Dam anrichteten und unter erneuter Auftankung wieder nach Jordanien entschwanden. Die belgische Regierung leugnete die „Operation“ standhaft.

Summe: Im Gefolge des von der Pentagon-Führung mit der Kommandoübergabe an Lt. Gen. Townsend abgesegneten Beginns der operationellen Phase der Eroberung Mosuls und Raqqas führte das Brüsseler Oberkommando der NATO, vertreten durch SACEUR Scaparotti und Gen. Joseph Dunford, der in dieser Zeit mehrfach zwischen Brüssel und Ankara pendelte, eine Art „Fernkrieg“ zu kurdischen Lasten gegen die Pentagon-Führung und ihr operationelles Kommando über „Inherent Resolve“ über die Frage der strategischen Allianz mit den kurdischen Sozialrevolutionären.

Damit komme ich zu den aktuellen Ereignissen.

Führung der „Operation Inherent Resolve“ distanziert sich vom türkischen Syrienkrieg

Vom 16. November:

U.S. halts military support for Turkey’s fight in key Islamic State town
The U.S. military has halted support for Turkish ground troops pushing deeper into Islamic State-held territory in Syria, highlighting the mounting tension between NATO allies over how to defeat the extremist group.
A spokesman for U.S. forces in Iraq and Syria said on Wednesday that no airstrikes or American special operations advisers are assisting the Turkish military’s operation targeting ISIS fighters in al Bab (…)
“We’ve not supported the advance to al Bab thus far ,” Air Force Col. John Dorrian said. „This is a decision they’ve made to go into al Bab, but it’s not one that the coalition has provided strikes in support of.“

Ich zitiere die „Military Times“ weil es keine offizielle Quelle zu Col. Dorrians Worten gibt. Vertraut man anderen Quellen, erweist sich die zitierte Darstellung als Halbwahrheit und Dorrian sagte tatsächlich:

The US-led coalition has not previously, and is not now supporting the Syrian rebels’ push into al-Bab city, according to its spokesman.
“The coalition has not been a part of the Turkish advance toward al-Bab. This is a national decision that they made,” said Colonel John Dorrian (…)  “What we are definitely positive about is that everybody here –Turkey and our partners on the ground and the partnered force that’s working with Turkey– all have a vested interest in defeating Daesh.”
According to Col Dorrian, the coalition’s advisors are not part of the al-Bab operation. “[Our] advisors were removed after the Turkey-backed rebels started moving on al-Bab,” he said. “We’ve not supported the advance to al-Bab thus far. We did conduct a lot of strikes in support of the Turkish military and their partnered force as they conducted operations to clear Daesh along their border,” Col Dorrian explained, in reference to earlier Turkish Army operations near the towns of Jarabulus and Marea.

Der Erklärung Dorrians folgten Vollzugsmeldungen der YPJ and YPG zum angekündigten kompletten Rückzug aus dem Bezirk Manbij.

raman-roj-ava-620x364Ihre Kommandeure erklärten am 17.11., die Selbstverteidigungskräfte des Manbij Military Council seien hinreichend aufgefüllt und ausgebildet und die kurdischen Unterstützer würden in Ain Issa die Operationen gegen Raqqa verstärken, warnten aber, sie würden umgehend zurück kehren, sollte in Manbij „irgend etwas geschehen„.
Seither hat die Türkei ihre Angriffe auf Einheiten der YPG’s und andere Selbstverteidigungskräfte nicht eingestellt. Der Flüchtlingsstrom aus den türkisch besetzten Gebieten um Al Bab evin-jiya-300x169nach Afrin schwillt nach Angaben von Hawarnews an, es ist von „ethnischen Vertreibungen“ die Rede.

Gleichwohl legt die Nachrichtenlage eine Zurückhaltung aller Seiten nahe. Nach der wiederholten Positionierung Lt. Gen. Townsends gegen die türkischen Ansprüche und ihre Unterstützer im Brüsseler Hauptquartier der NATO scheinen alle darauf zu warten, daß im Pentagon überfällige Entscheidungen angegangen werden.

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  1. Pingback: Erdogan forciert Machtkampf zwischen NATO-Führung und Pentagon | Themen & Essays

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