Erdogan forciert Machtkampf zwischen NATO-Führung und Pentagon

Im letzten Eintrag habe ich den Machtkampf im für Europa und den Mittleren Osten zuständigen amerkanischen Offizierskorps anhand eines schmalen Ausschnittes zureichend dokumentiert. Er wurde am Wochenende auf der Ebene der Militärdiplomatie ausgeweitet.Der Forderung des UN-Sonderbeauftragten Staffan de Mistura vom Sonntag, die syrische Regierung solle Ost-Aleppo eine autonome Verwaltung für den Fall zugestehen, daß die Kämpfer von Al Nusra und ihre Verbündeten die Stadt verließen, war auch ohne Nennung als eine türkische Initiative kenntlich. Hätte sich die syrische Regierung in einer überraschenden Kehrtwende auf den Vorschlag eingelassen, kamen nur die Türkei und ihre Proxies in der „Sicherheitszone“ als zweite Garantiemacht in Frage, die nötige Versorgung zu gewährleisten.
Unterstellt, de Misturas Initiative sei kein rein propagandistisches Manöver, das nach The Donalds Wahlerfolg in der Luft hinge, muß man unter Vorbehalt schließen, daß sie eine zumindest bedingte Unterstützung aus dem Kreml erfuhr, der auf diesem Wege Druck auf die syrische und iranische Regierung, sowie die Hezbollah auszuüben gedachte, den „Limbus“ der amerikanischen Kriegsstrategie nicht für militärische Vorentscheidungen zu nutzen.

Die militärischen Vorgänge lassen diese Auslegung zu. Die türkische Seite nutzt das Ende des Moratoriums für Luftangriffe in Syrien, das russischer Deckung bedurfte, bislang ausschließlich für Angriffe auf unbotmäßige Söldner im Raum Al Bab. Die Eroberung Al Babs wäre zur mittelbaren Eingliederung Ost-Aleppos in die türkische „Sicherheitszone“ nötig.
Aus mehreren internationalen Quellen, darunter Debka.com, verlautete, die vom russischen DoD groß angekündigte Luftkriegsoffensive in Idleb und im Westen Aleppos sei eine begrenzte Operation gegen ausgewählte Stellungen von Al Nusra – Gruppen gewesen, die sich innerhalb und außerhalb Aleppos weigern, der Führung Ahrar al Shams und damit einem türkischen Oberkommando zu gehorchen. Auf dieser – begrenzten! – Ebene fungierte die russische Luftwaffe erneut als das ausführende Organ des Weißen Hauses und zugleich als „Liaison“ zum türkischen Führerhauptquartier. Entgegen einigen westlichen Falschmeldungen beteiligt sich die RuAF nach wie vor nicht an Luftangriffen im Aleppiner Stadtgebiet.

Diese Überlegungen verleihen einem heute in der englischen Ausgabe von ASHARQ AL-AWSAT erschienenen Artikel Glaubwürdigkeit, in dem es unter Berufung auf anonyme türkische Quellen heißt:

Diplomatic sources told Asharq Al-Awsat that Turkey was still negotiating with Russia and the International Coalition a proposal that would allow residents of Aleppo to manage their city. The sources said the Turkish proposal does not stipulate the creation of a so-called “autonomous zone” in Aleppo, but is based on the idea of leaving the city to its own residents after the withdrawal of all foreigners. The proposal would therefore employ the example of the buffer zone that Turkey is working to establish in northern Syria … the sources said Turkey is mainly working with Russia on this proposal … Turkey’s Foreign Minister Mevlut Cavusoglu had also discussed the issue with his U.S. counterpart John Kerry in a telephone conversation last week, the sources said … However, the sources added that Iran objects Turkey’s proposal, which stipulates the withdrawal of all foreign forces supporting the Syrian regime, in addition to removing their heavy weapons from the city.

Das iranische Außenministerium sah sich inzwischen zu einer Stellungnahme veranlaßt, die über die Stützung der syrischen Weigerung hinaus eine eigene Wertung vornahm.

Iranian Foreign Ministry spokesman Bahram Qassemi said any such plan is doomed to failure. Qassemi said disintegrating Syria will have a lot of regional impacts and cannot be implemented unilaterally. The Iranian official also reiterated that the issue of Syria has so many players and any such plans cannot be easily applied.

Erdogans Antworten: Erneute Forderung nach einer „No Fly Zone“ und ein Appell an die NATO-Führung, der Türkei zum Schutze Europas freie Hand zu einem Angriff auf Rojava zu geben.
Selbstredend ist eine NATO-Lizenz zum Krieg gegen Rojava so wenig zu erwarten, wie eine syrische Zustimmung zur Teilung Aleppos. Mit seinem Vorstoß kündigt Erdogan, unter fortgesetzten Terrorangriffen gegen Rojava, das Stillhalteabkommen, auf das der Chairman Chief of Staff Dunford  den türkischen Generalstab vor der Wahl Trumps verpflichtet hatte.
Und das ist hoch aktuell, denn während Erdogan redete, traf ein von Dunford entsandter Liaison-Offizier des Pentagon in Ankara ein, der, so heißt es, die türkischen Kriegshandlungen in Nordsyrien direkt mit CENTCOM-Commander Votel koordinieren soll, der in der Vergangenheit als ein streitbarer Befürworter der Allianz mit den kurdischen Selbstverteidigungskräften aufgetreten war und persönlich verantwortlich ist für die von Erdogan angeklagten „Waffenlieferungen unserer Freunde an die PKK-Terrorgruppen“.

Ich will den Lesern nicht vorenthalten, daß diese Nachrichten mich, den Parteigänger der kurdischen Sozialrevolutionäre – die in Rojava eine überfällige bürgerliche Revolution anführen – vorsichtig optimistisch stimmt. Erdogan übernimmt sich, indem er die Speerspitze der seit Monaten geführten Auseinandersetzung im Pentagon, namentlich zwischen EUCOM und CENTCOM – Führungen, mit militärischen Mitteln zu gewinnen versucht. Und soweit der Kreml Erdogan dazu ermutigt, handelt es sich um eine Falle.

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Eine Antwort zu Erdogan forciert Machtkampf zwischen NATO-Führung und Pentagon

  1. tgarner9 schreibt:

    Gestern abend lt. ANF der erste türkische Luftangriff im Raum Manbij.

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