Updates zu Syrien, Türkei, Russland

Kreml übt sich in „Chefdiplomatie“

Kreml-Sprecher Peskow nannte Erdogans Kriegserklärung gegen Damaskus ein „hypothetisches Argument“ und damit „grundsätzlich irrelevant“ und ergänzte diese Einschätzung um eine „Erinnerung“ daran,  wer in Syrien das Sagen beanspruchen dürfe und könne: „Ausschließlich russische Streitkräfte handeln rechtmäßig auf syrischem Boden„.

Dem stellvertetenden russischen Außenminister Ryabkov kam die Aufgabe zu, die Chefdiplomatie in Ansagen an die „Kollegen“ zu übersetzen. Erdogans Aussagen seien Geschwätz, sagte er sinngemäß, das man gleichwohl ernst nehme, insofern es einen Stimmungsumschwung auf der Handlungsebene anzukündigen scheine:

„We’ve never harbored any illusions as regards the objectives the US and some of its allies are pursuing … That’s why there isn’t any new element in the situation from a meaningful point of view but it’s another thing they’re streamlining concrete military efforts now for the purpose of a regime change in Damascus. This implies certain forceful actions and operations that can take place in the current context and the fact is certainly bothering us“ Ryabkov said.

Das syrische Außenministerium folgte artig. Die „Reaktion auf die türkische Aggression“ (Interfax-Titel) bestand in der Versicherung, „die syrische Führung, die Armee und das Volk“ würden „Einmischung“ des „Tyrannen Erdogan“ in die die „inneren Angelegenheiten Syriens nicht zulassen„.
Eine zweischneidige Erklärung insofern, als Damaskus den türkischen Krieg gegen Rojava mit ihr adoptiert

PS.: Vgl. dazu diesen Kommentarstrang

Krieg gegen Rojava

Ich sehe Wladimir van Wilgenburg als eine Art Testboje in syrischen Gewässern, weil der zum Freelancer gewordene CIA-Stipendiat es sich nicht mutwillig mit gewissen Kontakten in den USA verscherzen wird, obgleich er sich sehr entschieden – nicht aber kritiklos – hinter das Projekt Rojava und gegen die islamistischen Imperiumssöldner aller Herkünfte aufgestellt hat. Wladimirs Tweets haben die Schranke offener Feindschaft gegen die türkische Invasionsstrategie und ihre Unterstützer in der NATO überschritten. Er stützt sich dazu auf eine Klarstellung des Oberkommandos „Inherent Resolve“, daß die Türkei in der „Operation zur Isolierung von Raqqa“ keine Stimme habe. Generalmajor Jones hielt sich dazu an Joseph Dunfords Vorgabe, eine türkische Beteiligung an der „letztlichen Eroberung“ Raqqas sei offen, doch die strategischen Vorgaben und Umgebungsvariablen setzt IR ausschließlich mit der SDF.
Eine wachsende Rolle in der amerikanischen Öffentlichkeit könnte der Tod eines amerikanischen Freiwilligen in den Reihen des Manbij Military Concil spielen, der angeblich einem türkischen Luftangriff zum Opfer fiel.

Auch in anderen amerikanischen / imperialen Medien ist ein Übergang zu unzweideutiger Parteinahme für Rojava gegen den NATO-gestützten türkischen Angriff zu erkennen.
Vgl. etwa The National Interest und Middle East Eye.

Die Kriegspartei gegen Damaskus übt sich derweil in zunehmend lächerlicher und absurder Propaganda.

Zuspitzung an der ukrainischen Front

Die russische Militärführung hat angekündigt, ukrainische Raketen, die heute und morgen im Rahmen eines „Manövers“ in der Nachbarschaft des Luftraums der Krim abgefeuert werden sollen, abzuschießen. Der Kreml weigert sich, den Luftraum der Krim stattdessen für Zivilflüge zu sperren. Die kommenden Stunden werden deshalb ein Test auf die vorgestrigen „Normandie“-Gespräche (Russland, Ukraine, Deutschland, Frankreich) zum Ukainekrieg, von denen Außenminister Steinmeier „minimale Fortschritte, die den Aufwand gleichwohl lohnen“ vermeldet hatte.

Kurzmitteilung | Dieser Beitrag wurde unter syrien veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Antworten zu Updates zu Syrien, Türkei, Russland

  1. Klaus-Peter schreibt:

    Ich denke es wird Zeit für ein Update zum Update, da sich heute einiges aufgeklärt hat.
    Erdogan: „The aim of the Euphrates Shield Operation is not any country or person but only terror organizations“. Auch von Lavrov und Cavusoglu kamen eher übliche als scharfe Töne. Hat die Chefdiplomatie so fix gefruchtet?
    Und nebenbei berichtet Sputnik (eng.) bzw. die FT es hätte russische Kontakte zur „Opposition“ unter Ausschluss der USA gegeben.

    Gefällt mir

    • tgarner9 schreibt:

      Habe mir jetzt Zugang zu dem FT-Artikel verschafft, den Du erwähnt hast. Ich darf mitteilen, daß er meine Analysen hier und in den vergangenen Wochen und Monaten im TP-Forum in voller Breite und Tiefe bestätigt.

      Der große Rahmen: Die Aufteilung Nordsyriens in türkische und russische Zuständigkeit, wobei den Türken überlassen ist, sich mit den USA über Rojava zu prügeln.

      Konkreter ist von Kommissionsgesprächen auf Expertenebene die Rede, denen Erdogan mit seiner Kriegserklärung gegen Damaskus ein vorläufiges Ende gesetzt hat, weil die Russen „den Raum verließen“, bis Putin die Sache mit Erdo „geklärt“ habe. In diesen Rahmen sind offenbar die Gespräche mit Vertretern der Aleppiner Söldner in Ankara zu stellen. Ein erstes Treffen habe es am Montag gegeben, ein zweites sei für Samstag vorgesehen.
      Noch konkreter sei es um humanitäre Korridore nach Aleppo gegangen. Dem Kreml sei offenbar weiter an einer Waffenstillstandsregelung in der Stadt gelegen. Dazu zitiert die FT Charles Lister mit denselben Argumenten, die mich seit Monaten ätzenden bis hassigen Putinchen-Kommentaren aussetzen:

      “Russia is hedging its bets. It would prefer to make a deal with the opposition,” (Lister) said. “If Aleppo were to fall, the Syrian regime would need so many troops to hold the city that its forces would be left thin elsewhere in the country — or dependent on Iranian help, which Moscow would prefer to avoid.”

      Klartext: Lister’s Auftraggeber bedauern, daß der Kreml die syrischen und iranischen Hardliner im Zaum hält, weil sie andernfalls die Gelegenheit zu einer in EU und USA unumstrittenen Offensive der Chaos-Reiter gegen Damaskus zu bekommen glauben.

      Nimmt man den Artikel zur einzigen Grundlage, wäre nurmehr unklar, wie tief und breit der Graben zwischen EUCOM (NATO) und CENTCOM (im Moment noch die durch Obama in der Vorhand gelhaltene Macht im Pentagon) sich auch nach dem Staatsstreich noch immer durch die türkische Armeeführung zieht. Daß Erdogan das wohl selbst nicht so genau weiß, mag der Grund für seinen Ausfall gegen den Kreml gewesen sein.

      Gefällt mir

  2. tgarner9 schreibt:

    Noch zu früh für ein update :)
    Ich hatte in meinem ersten Eintrag zu dem Thema erwartet, daß Erdogan sich von seinem Wortlaut distanzieren werde. Internationale Agenturen haben Lavrovs Worte zum „Vorfall“ („Syrien war’s auch nicht“) ins Gegenteil verkehrt. Die türk. Luftwaffe fliegt weiter Terrorangriffe im Raum Manbij. „Russische Kontakte“ zu den Söldnern gibt es seit Jahr und Tag, es sind syrische Kontakte bis hinauf bspw. zum Kommandeur der Tiger Forces.
    Von einem „Erfolg“ der Chefdiplomatie, wie Du ihn zu buchstabieren scheinst, werde ich schwerlich reden, bevor Al Bab in der Hand der SAA ist.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s