Basics: Patriarchat

Vorbemerkung

Ich veröffentliche diesen Blogeintrag von 2011 – für Exleser: es sind nur einige leicht zu bereinigende sprachliche Ungeschicklichkeiten beseitigt – weil er mir bei aller Kürze hinreichend scheint, meine abweichende Auffassung des Themas vorzustellen und in einem wesentlichen Punkt auch zu begründen. Dieser Punkt ist die Eigenständigkeit des Produktionsprozesses des Patriarchats gegenüber dem Reproduktionsprozess der jeweiligen Herrschaftsfomationen, denen es angehört.

Die Zugehörigkeit zu den Klassengesellschaften relativiert selbstredend solche Eigenständigkeit und die Aufklärung der Reichweite solcher Relativierung ist Aufgabe einer zureichenden Patriarchatskritik, mit der ich einstweilen noch nicht dienen kann.

Der Angelpunkt meiner Auffassung sowohl in politökonomischer wie ideologiekritischer Hinsicht ist die vollständige Auflösung der Individuen der Gemeinwesen in Geschlechtsverbände. Das erscheint auf den ersten Blick mindestens paradox, wenn nicht absurd. „Gesellschaft“ besteht doch aus nichts anderem, als dem Zusammenwirken von Individuen, und ihr erstes Produkt sind abermals Individuen – Kinder, deren Individualität sowohl in genetischer wie kultureller Hinsicht das ist, worum es in der Fortpflanzung zu tun ist. Das Paradox verschwindet rasch, wenn man eines der gängigsten Vorurteile über Ökonomie und Gesellschaftstheorie fallen läßt. Dazu zitiere ich mich der Einfachheit halber jetzt selbst:

Heutzutage mag kaum ein Lehrbuch oder Grundkurs darauf verzichten, das Wirtschaften existentiell, im Rahmen eines bürgerlichen Menschenbildes zu legitimieren.
Dafür kommt zumeist die biblische Vorstellung eines ewigen Mangels, den das Strafgericht Gottes über die Menschen verhängt habe, gerade recht: Zweck und Notwendigkeit des Wirtschaftens soll abstrakt-allgemein in der Bewältigung von Mangelzuständen liegen.

Eine ökonomische Untersuchung befaßt sich mit dem Lebensprozeß von Menschen, ob er denen nun armselig vorkommt, oder nicht. Dieser Lebensprozeß hat zwei Seiten. Erstens ist er Natur­prozeß, „Stoffwechsel mit der Natur“, der in erster Linie biologische Reproduktion, Vermehrung nebst ihren Voraussetzungen ist.
Zweitens ist er über’s Kopulieren hinaus ein Zusammenwirken der Menschen, die diesen Stoffwechsel bewältigen, und dieses Zusammenwirken ist nicht weniger Naturprozess, obgleich gegenüber dem Reproduktionsprozess anderer Tiergattungen eine entwickeltere Kultur hinzu tritt.
Ein Reichtum, der Menschen instand setzt, ihr Gattungsleben zu reproduzieren, ist der ökonomischen Untersuchung also vorausgesetzt und nicht das Problem, um das es in ihr geht. Die Sentenz vom existentiellen Mangel, was immer man sonst von ihr halten mag, ist in der Ökonomie ein Unfug.

Ginge es in der Ökonomie um die geschichtlichen Techniken der Reproduktion, dann wäre sie eine Lehre von und über Produktionstechnologien. Doch schon aufgrund der geschlechtlichen Natur der Menschen ist jede produktive Tätigkeit Bestandteil und Mittel eines gesellschaftlichen Zusammenhangs, der mehr umfaßt, als ein technisches (und kommunikatives) Zusammenwirken von Individuen. Die gesellschaftliche Form des Produzierens ist der eigentliche Gegenstand der Ökonomie. Die gesell­schaftliche und technische Seite der Lebensprozesse gehören zusammen, ob ich es mit homo erectus, römischen Bürgern, feudalen Gottesknechten oder bürgerlichen Individuen zu tun habe. Folglich ist der Reichtum einerseits für jeden gesellschaftlichen Zustand spezifisch, dann für die gesonderte Stellung der Individuen in ihr und schließlich auch für jede Generation. Was zu irgendeiner Zeit vom Standpunkt individueller Bedürfnisse als Reichtum oder Armut, als Mangel oder Sättigung beurteilt wird, ist nicht Gegenstand der ökonomischen Untersuchung, die sich vielmehr mit den Voraussetzungen solcher Urteile befaßt.

Kurz: Nach der Seite der ökonomischen Untersuchung eines Gemeinwesens sind die Individuen stets vorausgesetzt, nicht Gegenstand. Gegenstand werden sie erst nach der Seite des Resultats der ökonomischen Untersuchung. Die Individuen sind das Produkt der spezifischen Form ihres Zusammenwirkens im Gemeinwesen und sie haben dieses Zusammenwirken zu tradieren. „Patriarchat“ umfaßt offenkundig diese beiden Phasen, die voneinander geschieden sind, indem die eine der materiellen Überlieferung angehört, die andere der immateriellen. Resultat der materiellen Überlieferung ist eine Population einer für die Reproduktion hinreichenden Anzahl gebärfähiger Frauen mit hinreichender genetischer Vielfalt,  mitsamt Zubehör, zu dem im Minimum ein einziger zeugungsfähiger Mann gehört. Die immaterielle Überlieferung ist ein anderes Ding – sage ich jetzt mal vorläufig so dahin.

Ein weiteres Rezeptionshindernis mag der Gebrauch sein, den ich im Text vom Eigentumsbegriff mache. Ich übernahm ihn im Wesentlichen von Marx (es gibt weitere Quellen, aber die spielen erst bei späteren Texten eine Rolle) und meine knappe Darstellung ist im Wesentlichen eine erweiterte Paraphrase folgender Sätze in den „Grundrissen“ (Seite 391 in meiner 50 Jahre alten EVP-Ausgabe)

„Eigentum meint ursprünglich nichts als Verhalten des Menschen zu seinen natürlichen Produktionsbedingungen als ihm gehörigen, als mit seinem eigenen Dasein voraus gesetzten; Verhalten zu denselben als natürlichen Voraussetzungen seiner selbst, die sozusagen nur seinen verlängerten Leib bilden. Er verhält sich eigentlich nicht zu seinen Produktionsbedingungen, sondern ist doppelt da, sowohl subjektiv als er selbst, wie objektiv in diesen natürlichen, anorganischen Bedingungen seiner Existenz. Die Formen dieser natürlichen Produktionsbedingungen sind doppelt:
1) Sein Dasein als Glied eines Gemeinwesens, also das Dasein dieses Gemeinwesens, das in seiner ursprünglichen Form Stammwesen, mehr oder minder modifiziertes Stammwesen ist.
2) Das Verhalten zum Grund und Boden vermittels des Gemeinwesens, als dem seinigen …
(…)
Eigentum meint also Gehören zu einem Stamm, in ihm subjektive-objektive Existenz habend, und vermittels des Verhaltens dieses Gemeinwesens zum Grund und Boden … als seinem unorganischen Leib …“

Vielleicht werdet ihr bemerken, wie ich in meiner erweiterten Paraphrase das patriarchalische Moment in Marx Sätzen eliminiert habe. Kleiner Tip:
Durch Ersetzung des schillernden „Natur“ und „natürlich“ durch „verlängerter Leib“, die Ersetzung von „unorganischen Voraussetzungen“ durch „organische Voraussetzungen“ und Behandlung der Individuen, insbesondere Individuen verschiedenen Geschlechts, als das, was sie eigentümlich füreinander sind: Dinge. Selbstverständlich selbstbewußte Dinge, und in diesem Selbstbewußtsein Artgenossen füreinander und daher und darin für sich selbst.

Mein Text:

Ein Gemeinwesen zu bilden, es fortzupflanzen und an die folgende Generation weiter zu geben, ist der erste, übergreifende Inhalt des Produktions- und Selbstschöpfungsprozesses der Gattung homo, sowie der erste Gegenstand einer Arbeitsteilung.

Der weibliche Beitrag daran ist in beträchtlichem Umfang an den Lebenslauf weiblicher Individuen gebunden. Der individuelle männliche Anteil endet mit dem Zeugungsakt, weitere männliche Beiträge sind kollektiv und im Extremfall vorübergehend entbehrlich. 
Hinsichtlich der Fortpflanzung und allem, was dazugehört – auch die Grundlagen kultureller Tradierung – war und bleibt das männliche Geschlecht ein periodisch unverzichtbares Zubehör eines weiblichen Lebens­prozesses innerhalb der Geschichte der Gemeinwesen, sprich: Zubehör einer Weibergemeinschaft.

Übrigens ist eine biologische Grundlage dafür in einem Phänomen besonders kenntlich, in dem ein in der Geschlechterkonkurrenz befangener Verstand das gerade Gegenteil sehen will: in der bei vielen Tierarten zu beobachtenden Haremsbildung.
Die Konkurrenz der Männchen um einen Harem ist mit der Geschlechtswahl der Weibchen identisch und bildet die Männchen häufig physisch zu ihren Zähnen, Klauen und Muskelbergen, die zu unterhalten sie allemal weniger kostet, als entwickelten sie sie selbst.

Die Weibergemeinschaft begreift die Herren der Schöpfung einerseits ein, andererseits steht ihr gemäß des funktionellen Unterschiedes die Männerwelt gegenüber, als Männergesellschaft.

Tätigkeiten, die an diesem primären Produktionsprozeß beteiligt sind, bleiben an ihn gebunden, doch kann diese Bindung je nach Produkt enger oder weiter sein.
Im Maße, wie die Erhaltung und Fortpflanzung der jeweiligen Kommunen, wie ich die betreffenden arbeitsteiligen Populationen nennen will, individuelle wie gemeinschaftliche Kräfte frei setzt, über deren Verwendung nach Gutdünken entschieden werden kann, entstehen sekundäre Abteilungen der gesellschaftlichen Reproduktion, deren Einbettung Verknüpfungen untereinander erfordern. Nennen wir den primären Produktionsprozeß generativ, umfaßt er sekundäre Arbeitsteilungen sowohl zwischen den Geschlechtern, als innerhalb der Geschlechtsverbände.

Indem mutterrechtlich kodifizierte Gemeinwesen die primären und sekundären Abteilungen der Reproduktion im generativen Zusammenhang der Frauen tradieren, ist die Rolle der Männer individuell bestimmt durch ihre Stellung zu den Frauengenerationen und deren Haushaltungen. Daher stellen unter matrilinearen Voraussetzungen die Männergesellschaften einen Gemeinschaftsbesitz der Frauen dar, deren Bestand unter ihnen auf eine irgend geregelte Weise verteilt wird.
Indem z.B. der immobile Besitz in weiblicher Linie weitergegeben wird, wird auch der Lebenszusammenhang der männlichen Generationen, soweit an die Haushaltungen und den ihnen zugeordneten Bodeneigentum gebunden,  gemäß der individuellen Stellung der Männer zu diesem Eigentumszusammenhang an die Töchter weitergegeben.
Im Resultat bleiben alle sekundären Arbeitsteilungen, ihre weiblichen wie männlichen Domänen, auf traditionelle Weise (d.h. in der Form der Tradition) an die generative Arbeitsteilung gebunden.

Das Patriarchat dreht diesen Zusammenhang um.
Das Vaterrecht inventarisierte die Frauen sekundären Produktionsprozessen, neuen Formen der Arbeits­teilung, die mit Fortschritten der Arbeitstechniken einhergingen.

In Kriegerpatriarchaten, sofern deren kommunales Eigentum nicht in privates oder gentiles (Clan)eigentum zerrissen war, fand man die Umkehrung gleichsam in „Reinkultur“, die Frauengesellschaft wurde Gemeinschaftsbesitz der Männer.

Das scheint allerdings eine fragile Übergangsform zu Gentilgesellschaften gewesen zu sein. In stabilen, noch wenig korrumpierten Kommunen fand man eher modifizierte Formen, mindestens aber wirksame Rückstände matrilinearer Verhältnisse.Andere Modifikationen mögen entstanden sein, indem Frauenraub und -tausch zu einem paradoxen Bestandteil wehrhafter tribaler Ökonomien wurde.
Bezeichnenderweise war ein treibendes Moment der Übergänge vielfach Herdenhaltung, wovon auch die Bibel berichtet,  bei nordamerikanischen Stämmen wurde das auch in vivo beobachtet. Herdenhaltung trennt in weitem Umfang den männlichen vom weiblichen Lebensbereich und obgleich sie das Werk einer Gemeinschaft von Männern bleibt – man denke nur an die Zucht – partikularisiert sie die Aufgaben darin. Zucht und Hege der Herden überträgt überdies einen wesentlichen Teil der kulturellen Tradierung den Vätern. Freilich können auch Garten- und Feldkulturen, Fischfang, oder auch der Umfang, in welchem Verteidigung der Ressourcen zur Notwendigkeit, sowie Raub eigene Erwerbsquelle wurden, Basis eines Übergangs vom Mutter- zum Vaterrecht sein vgl. die Forschungen zu pazifischen Kulturen.

Die Inventarisierung der Frauen unter männliche Domänen der Arbeitsteilung ist abstrakt genommen bereits der ganze Inhalt von Sklaverei, falls das Subjekt solcher Inventarisierung nicht mehr eine Männergesellschaft ist, weil diese durch Dazwischentreten von Privateigentum – oder ständischer Gliederung – auseinander dividiert ist. Dann unterwirft solche Inventarisierung das Leben der weiblichen Glieder des Gemeinwesens einzeln den männlichen Domänen. Das geschieht im Maße, wie die Inventarisierung frei gehandhabtes Mittel der gegliederten Männergesellschaft, im Falle fortgeschrittener Partikularisierung der Kommunen ein Mittel  einzelner Männer bzw. ihrer Generationenfolge wird. Gegenüber der Frauengesellschaft einer Kommune erhält dann die Männergesellschaft den Charakter eines Männerbundes. Solche Bünde, und vermittels ihrer die männlichen Individuen, werden zu Eigentümern des weiblichen Inventars der von den Männern dominierten Abteilungen der (Re-)Produktion.

Der primäre, gemeinschaftliche Beitrag der Frauen zu Bestand und Fortentwicklung des Gemeinwesens geht so über in einen individuellen Beitrag zum Lebensprozeß männlicher Generationen und ihres Besitzes. Die Produktion des Gemein­wesens tritt den einzelnen Frauen als individueller Leistungs- und auch schon Arbeitszwang entgegen. Einzeln wie gemeinschaftlich verlieren sie erheblich an Kontrolle über ihr Produkt .

„Die freilich noch sehr rohe, latente Sklaverei in der Familie ist das erste Eigentum, das übrigens hier schon vollkommen der Definition der modernen Ökonomen entspricht, nach der es die Verfügung über fremde Arbeitskraft ist.“ ( MEW Bd. 3, S. 32)
Die (unbedeutenden) Mängel dieser flüchtigen Formulierung liegen in der fehlenden Scheidung zwischen Besitz und Eigentum, sowie darin, daß Marx/Engels, der Vorstellung von der Familie als der „Keimzelle“ des Staates verhaftet, an dieser Stelle vergessen, was sie zuvor über Sklaverei richtig bemerkten: Sklaven sind Gemeineigentum einer herrschenden Klasse/Kaste, in der „latenten“ Form des Patriarchates Zubehör einer Männergemeinschaft.

Es ist von allem Anfang an ein Verhältnis, das mit „Verbannung an Heim und Herd“ umschrieben wurde, obwohl die Klage es schlecht benennt.

(Sie greift die Unterwerfung des generativen Lebens unter die Erwerbstätigkeit, damit ihre Bornierung, Verarmung, Proletarisierung und Enterotisierung nicht an, sondern konkurriert um Lastenverteilung.)

Eine Schranke dieser Unterwerfung für Männer wie Weiber liegt in der Biologie der Fortpflanzung. Deshalb ist die Beschneidung der Sexualität vermutlich die erste Weise, wie ein Gewaltverhältnis im engen Sinne des Wortes in einer menschlichen Gesellschaft zustande kommt.
Aber solch eine Ur-Sprünglichkeit ist nicht der entscheidende Punkt, will Frau nicht darauf bestehen, dies Gewaltverhältnis zum Paradigma von Herrschaft überhaupt zu machen.

Übrigens ist Polygamie der Männer, die in unterschiedlichen Formenin archaischen Patriarchaten überwiegt, ohne Promiskuität und nachgeordnete Polygamie der Weiber bis heute nicht zu haben. So fand man in archaischen Patriarchaten vielfach die geduldete Promiskuität beider Geschlechter. Ein strenges Regime über die weibliche Sexualität scheint vorwiegend das Produkt von Hirtenvölkern zu sein und entfaltet seine volle Wucht naheliegend erst in Verhältnissen, die überwiegend vom Privateigentum geprägt sind.

Ist die erste Form sexueller Gewalt die Beschneidung weiblicher Sexualität, so sind die Folgeformen auch Produkt der Beschneidung der männ­lichen, die mindestens für einen Teil der Männer in ihr inbegriffen ist.

Welches biologische Geschlecht die Subsumtion unter sekundäre Arbeitsteilung erfährt, ist gewiß nicht von grundsätzlichem Belang.

Bei den matriarchalischen Reisbauern Südostasiens (Bali) schien die gesellschaf­tliche Rolle der Männer durchaus der von Sklaven zu ähneln. Sie gehörten den Haushaltungen entweder als Paarungspartner oder als geduldetes Inventar an, in beiden Fällen in erster Linie als Feld­arbeiter. Die matriarchalischen Haushaltungen sind dort Anhängsel des „Lebens“ der Reisfelder, das ständiger Betreuung bedarf. Was die Männer von Sklaven unterschied, war neben dem Dasein als Geschlechtspartner ihr Eigen­tum an Werkzeugen und (Jagd-)Waffen sowie die Tatsache, daß ihnen Dienstleistungen, Handwerke und Gewerbe außerhalb der Haushaltungen zufiel. Übrigens konnte von sexueller Beschneidung unter diesen Verhältnissen höchstens in der mildesten Form die Rede sein: Es herrschte halt Weiberwahl!

Ein Wort zu modernen Emanzipationsdebatten.
Auch in postmodern patriarchalischen Verhältnissen bleiben die Frauen in irgend einem Umfang Reproduktions­gehilfen der Männer. Biologische und damit verknüpfte soziale Zwänge lassen das nicht anders zu, weil die Fortpflanzung unproduktive Kost für die Kapitale ist. Der Status der Reprodutionsgehilfenschaft erzwingt die Fortdauer der Geschlechterkonkurrenz auch unter den Bedingungen fortgeschrittener Verflüssigung weiblicher Arbeitskraft für die Kapitale. In dieser Konkurrenz sieht sich ein jeder und eine jede sich zu dem Versuch teils gezwungen, teils berufen, einen Geschlechtspartner zum privaten Inventar seines gesellschaftlichen Lebens zu machen. Oder  auch mehrere Geschlechtspartner, was lustvoller, aber anstrengender ist.
Wiewohl diese Konkurrenz auch immer wieder Züge eines Kulturkampfes hat, in dem es um Emanzipation in einem Sinne geht, der nahe an Inhalte heran reicht, um die es in Auseinandersetzungen um die gemeinsame Unterwerfung der Geschlechter unter Lohnarbeit und Kapital, Staat und Recht geht, handelt es sich doch um zwei Paar Schuhe. Sie stehen zueinander, grob polemisch gesagt, etwa im selben Verhältnis, wie Pantoffeln und Stiefel.

Es ist überflüssig, empirisch untermauern zu wollen, daß das Patriarchat kein geschichtlicher Automat sein kann, der irgendwann Sklaverei, Lohnarbeit und Kapital ausspuckt.
So lange die Arbeits­teilung sowohl innerhalb eines Gemeinwesens wie zwischen Gemeinwesen, sei sie schon weitgehend über das Produkt vermittelt oder nicht, die Produzenten noch nicht so unwidersprechlich beherrscht, wie der Leser das unter dem Stichwort „Globalisierung“ kennt, verfügen die Produzenten über ihren Produktionszusammenhang noch in verschiedenen Traditionszusammenhängen, welche lokale Herrschaft ihnen konzediert, weil sie die Standortbedingungen, gewachsene Arbeitsteilung eingeschlossen, nützlich zu machen trachtet.

Mit der Verbreiterung von Formen der Herrschaft, wie sie historisch erstmals in Kolonialsystemen auftraten, nach der militärischen Vollendung des Weltmarktes, ändert sich das. In der Bewirtschaftung der Lohnarbeit und Armutsverwaltung haben sich die Nationalstaaten seither in wachsendem Maße als Agenturen des Weltmarktes zu bewähren, statt als Agenturen nationaler Kapitalstandorte.

Für die traditionellen Formen kommunaler Verfügung über den Produktionszusammenhang hatten Marx und Engels allerdings nur tiefste Verachtung übrig: Bornierung, Konservierung, Selbstgenügsamkeit seien ihre Kennzeichen. Dies Motiv hat eine Quelle in der Arbeitsteilung selbst, die uns noch weiter beschäftigen wird:
Alle nicht revolutionäre –  oder aber von außerhalb oktroyierte – Veränderung der Arbeitsteilung kann nur von einem Punkt in ihr selbst ausgehen, erfaßt erst einen lokalen, dann technischen, dann sozialen Umkreis und stößt dabei beständig auf den Widerstand der nur indirekt von ihr erfassten Bestandteile, soweit sie entweder technisch unverändert bleiben, oder an schwer oder gar nicht überwindlichen lokalen und sozialen Gegebenheiten hängen (Verkehrsverhältnisse und andere geologische Bedingungen). (…)

Eigentümlicherweis erwähnt Engels („Die Entstehung der Familie …“) das erste, sichtbare Moment eines Übergangs vom vorbürgerlichen Patriarchat zu neuen Formen der Sklaverei nicht als solchen, obwohl er ihn erwähnt: den Frauenraub, den man in zahlreichen patriarchalischen Gesellschaften als regelmäßige Verkehrsform zwischen Gemeinwesen fand.
Klar, daß er als Bedürfnis überall da entsteht, wo die Erfolge einer patriarchalischen Arbeitsteilung (Herdenreichtum, Jagderfolg, Kriegsglück u.v.a.), d. h. incl. des weiblichen Anteils an ihr (Kinderreichtum, weibl. Handwerke) an die biologische Grenze der geschlecht­lichen Zusammensetzung des Gemeinwesens stoßen. Engels erwähnt ihn in der halbwegs „harmonischen“ Form, mit der indianische Stämme weibliches Raubgut in ihre Abteilung eingliederten – ebenso wie männliche Gefangene, falls die Exemplare ihnen würdig schienen.
Der „Witz“ an dieser neuen Form der Sklaverei ist allerdings ihre konservative Natur, die in ihren Instituten sichtbar wird, sobald sie von patriarchalischen Keimformen zu regelmäßigen Verkehrsformen werden. Die Rede ist vom Frauenkauf und der Mitgiftehe, die in ursprünglicher Form überwiegend der Tausch Weib gegen Vieh ist, aber selbstredend, abhängig von der Arbeitsteilung, auch anders vorkommt. Notorisch auch der verdeckte Tausch im Verschwägerungspakt, also der Tausch der Frau gegen militärische Machtmittel bzw. Absicherung gegen benachbarte Gemein­wesen.
All dem sieht man mit ein wenig Überlegung an, es handelt sich um das willkürliche wie unwillkürliche Produkt des Bemühens, die patriarchalischen Produktions­verhält­nisse gegen innere Schranken zu konservieren, gegen äußere Schranken abzusichern und nicht zum Wenigsten gegen Naturbedingungen auszutarieren, zu denen mittelbar auch die territorialen Verhältnisse der Stämme gehören (z.B. stärker ins Gewicht fallende Sterblichkeit der Weiber in Friedenszeiten, Schwankungen des Jagderfolges, Witterungsunbill, Tierseuchen).
Man sieht ferner sofort, diese Verhältnisse sind nicht allein ökonomisch konservativ, sie sind destruktiv gegen Motive, die innerhalb solcher Verhältnisse zu ihrer Veränderung Anlaß geben könnten. Patriarchalischer Besitz an Produktionsmitteln leistet allem Widerstand, was die Zersplitterung dieses Besitzes aufzuheben trachtet – und dazu gehört die Sklaverei.
Das Kriterium eines Übergangs zur Sklaverei erst fremder dann eigener Stammes­angehöriger ist der Umfang, im dem die Arbeitsteilung, zu der sich ein Gemein­wesen vorgearbeitet hat, Sklaverei für einen herrschenden Stand produktiv macht, dem es gelingt, seinen parasitär gewordenen Lebensprozess für die Gesamtgesellschaft unverzichtbar zu machen.

Zusatz:
LeserInnen, denen jetzt erst recht männliche „Aggressivität“ einfällt, möchte ich etwas zu bedenken geben.
1) Durchschnittliche (!) Temperamentsunterschiede zwischen den Geschlechtern zu leugnen, wäre albern. Diese Durchschnittlichkeit verweist ebenso auf ihre Plastizität. Einen Hinweis, wie tiefgreifend diese Plastizität ist – wenn Frau den eignen Erfahrungen und Empfindungen nicht trauen mag – liefert die auffällige Schwankungsbreite des menschlichen Geschlechtsdimorphismus in rassischer, ethnischer und selbst noch lokaler Verteilung, schließlich noch seine unterschiedliche Verteilung zwischen den gesellschaftlichen Klassen einschließlich der unschwer zu beobachtenden Nivellierung, die der Dimorphismus in einer über Generationen bodenständigen Ackerbaubevölkerung erfahren kann.
2) Diese physische Plastizität unterstellt, nehme man die Widersprüchlichkeit in den Blick, die das Konzept männlicher „Aggressivität“ hat, wie es teilweise den einschlägigen Hochschulfakultäten, vornehmlich aber populärer Interpretation entstammt.

Sein allgemeiner Fehler ist schnell benannt. „Aggressivität“ trennt, wie praktisch alle Konzepte der Psychologen, einen physisch/psychisch/sozial auftretenden Vorgang von allen Beziehungen, in denen er steht, insbes. allen Zwecken, an die er gebunden ist und bleibt. Vorzüglich also auch von denjenigen psychischen Momenten, die, betrachtet man sie nach demselben Muster als Vorgang, der „Aggressivität“ entgegenwirken müssten. Es ist – um mich gleich sehr männlich zu äußern – ebenso lachhaft wie traurig, daß die Debatte um „männliche“ Aggressivität seit Jahrhunderten komplementäre Befunde über die „weibliche“ Psyche einschließt: Das Weib gilt dann als weniger leidenschaftlich („weicher“), weniger gemütsbestimmt, also weniger larmoyant und depressiv, folglich auch nüchterner, rationaler und unter dem Strich – härter als der Mann!

Ist nämlich „Aggressivität“ reinrassig als destruktives Moment beschrieben, muß ihr, wenn überhaupt etwas sein und werden soll, ein konstruktives Moment ebenso reinrassig entgegen und zur Seite gestellt werden. Man landet buchstäblich bei den ältesten patriarchalischen Mythologien: Chaos fickt Caligo (die Finsternis) und die Vereinigung dieser entgegengesetzten Konzepte der Formlosigkeit gebiert die Genealogie der Formen und Substanzen.
3) Will Frau nicht einen buchstäblich kindlichen Mythos zum Leitmotiv ihrer Weltanschauung machen, so wende sie sich von ihm ab und der Realität zu!

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Patriarchat veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Basics: Patriarchat

  1. Pingback: Sexuelle Identität | Themen & Essays

  2. wolfsmilchblog schreibt:

    Das ist eine bedeutende Erkenntnis, aber …

    … nur, wenn man gleichzeitig dazu sagt, wie selbstverständlich sie jemandem zu sein hätte, der nicht religiös befangen ist, zieht man in Rechnung, daß in diesen 600 Jahren überall dort, wo ermittelt wurde, eine Klassenherrschaft tradiert wurde. Dazu ein paar Zitate, weil es wohl kaum jemand besser sagen könnte:

    „Die Geschichte ist nichts als die Aufeinanderfolge der einzelnen Generationen, von denen jede die ihr von allen vorhergegangenen vermachten Materialien, Kapitalien, Produktionskräfte ausnutzt, daher also einerseits unter ganz veränderten Umständen die überkommene Tätigkeit fortsetzt und andererseits mit einer ganz veränderten Tätigkeit die alten Umstände modifiziert …“ K. Marx, Deutsche Ideologie, MEW 3, 45.

    „Da diese Entwicklung naturwüchsig vor sich geht … so geht sie von verschiedenen Orten, Stämmen, Nationen, Arbeitszweigen etc. aus, deren jede anfangs sich unabhängig von den anderen entwickelt und erst nach und nach mit den anderen in Verbindung tritt. … die verschiedenen Stufen und Interessen werden nie vollständig überwunden, sondern nur dem siegenden Interesse untergeordnet und schleppen sich noch jahrhundertelang neben diesem fort. Hieraus folgt, dass selbst innerhalb einer Nation die Individuen auch abgesehen von ihren Vermögensverhältnissen ganz verschiedene Entwicklungen haben, und dass ein früheres Interesse, dessen eigentümliche Verkehrsform schon durch die einem späteren angehörige verdrängt wird, noch lange im Besitz einer traditionellen Macht in der den Individuen gegenüber verselbständigten scheinbaren Gemeinschaft (Staat, Recht) bleibt … “ K. Marx, Deutsche Ideologie, MEW 3, 72f.

    „Die Menschen (sind) die Schausteller und Verfasser ihrer eigenen Geschichte.“ K. Marx, Elend der Philosophie, MEW 4, 135.
    „Nach materialistischer Geschichtsauffassung ist das in letzter Instanz bestimmende Moment in der Geschichte die Produktion und Reproduktion des wirklichen Lebens. Mehr hat weder Marx noch ich je behauptet. Wenn nun jemand das dahin verdreht, das ökonomische Moment sei das einzig bestimmende, so verwandelt er jenen Satz in eine nichtssagende, abstrakte, absurde Phrase. Die ökonomische Lage ist die Basis, aber die verschiedenen Momente des Überbaus – politische Formen des Klassenkampfs und seine Resultate – Verfassungen…, Rechtsformen, politische, juristische, philosophische Theorien, religiöse Anschauungen und deren Weiterentwicklung zu Dogmensystemen, bestimmten in vielen Fällen vorwiegend deren Form.“ F. Engels, Brief an Bloch (1890), MEW 37, 463.

    Ich rechne Engels hoch an, daß er den Unfug, den er z.B. im „Anti-Düring“ verzapft hat, später wiedergutmachte, indem er, angeregt von Feldforschungen Lewis Henry Morgan’s, zu Marx früher, aber vernachlässigter Erkenntnis zurück kehrte, das Patriarchat sei das bleibende politökonomische (siehe das letzte Zitat) Basiskonstrukt aller vergangenen Klassengesellschaften, weil es die biologische Reproduktion der Reproduktion gesellschaftlicher Eigentumsverhältnisse unterwerfe. („Vom Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates“)
    Das Patriarchat ist daher die erste und bleibende politökonomische Form, die folgende Erklärung liefert:

    „Die Natur ist der unorganische Leib des Menschen, nämlich die Natur, soweit sie nicht selbst menschlicher Körper ist. Der Mensch lebt von der Natur, heißt: Die Natur ist sein Leib, mit dem er in beständigem Prozess bleiben muss, um nicht zu sterben. MEW 40, 516.
    Alle „sogenannte Weltgeschichte“ sei nach dieser Seite „das Werden der Natur für die Menschen“ (ebd.)
    nebst:
    „Nicht die Einheit der lebenden und tätigen Menschen mit den … unorganischen Bedingungen ihres Stoffwechsels mit der Natur, und daher ihre Aneignung der Natur bedarf der Erklärung oder ist Resultat eines historischen Prozesses, sondern die Trennung zwischen diesen unorganischen Bedingungen des menschlichen Daseins und diesem tätigen Dasein … K. Marx, Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, 389.

    Das Patriarchat trennt mit der Unterwerfung der biologischen Produktion unter eine gesellschaftliche Eigentumsordnung Erstere von Letzerer ab. Umgekehrt stellt es die biologische Reproduktion den unorganischen Elementen der Reproduktion der Eigentumsverhältnisse gleich, der sexuelle Leib wird gleichsam „Boden, Luft, Wasser, Same“ der Eigentumsproduktion, gleichsam unorganische Voraussetzung derselben, sodaß der Form, in welcher den Gesellschaftsgliedern die Aneignung der Natur bewußt wird, dauerhaft ein Moment der Naturalisierung gesellschaftlichen Handelns konserviert.

    „Wenn die Ökonomen sagen, dass die gegenwärtigen Verhältnisse – die Verhältnisse der bürgerlichen Produktion – natürliche sind, so geben sie damit zu verstehen, dass es Verhältnisse sind, in denen die Erzeugung des Reichtums und die Entwicklung der Produktivkräfte sich gemäß den Naturgesetzen vollziehen. Somit sind diese Verhältnisse selbst nach ihrer Meinung von dem Einfluss der Zeit unabhängige Naturgesetze. Es sind ewige Gesetze, welche stets die Gesellschaft zu regieren haben.
    Somit hat es nach ihrer Meinung eine Geschichte gegeben, aber es gibt keine mehr; …“ K. Marx, Elend der Philosophie, MEW 4, 139.

    „Die Behauptung, dass die freie Konkurrenz = letzte Form der Entwicklung der Produktivkräfte und daher der menschlichen Freiheit, nichts heißt, als dass die Kapitalisten-Herrschaft das Ende der Weltgeschichte ist – allerdings ein angenehmer Gedanke für die Emporkömmlinge von vorgestern.“ K. Marx, Grundrisse der Kritik der politi-schen Ökonomie, 545.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s