Sexuelle Identität

Ente & Erpel

Ente & Erpel

Gemessen an den Klicks findet das Thema Patriarchat immerhin ein wenig Resonanz. So will ich gesondert auf einen Bestandteil meiner Auffasssung der Sache hinweisen, der mir selbst nicht von vornherein in voller Konsequenz klar wurde, als ich sie entwickelte:

Sie erledigt in einem Ritt alle Debatten um sexuelle Identität und Geschlechtsrassismus!

Das ist die eigentlich triviale Konsequenz der Eliminierung des in der bürgerlichen Gesellschaft gültig gemachten Begriffes vom „Individuum“. Er ist der gemeinsame Nenner aller Teilnehmer in solchen Debatten. „Individuum“ ist ihre Basisgröße, nämlich in der Form eines Prädikatenprädikates I (Individuuen) mit den zwei Stellen N („Natur“) und G (Gesellschaft oder Geist), die selbst wieder zweistellige Prädikate sind, worin N und G wiederkehren, diesmal jedoch als Funktionen, in denen „Natur“ und „Gesellschaft“ als einander bedingende Faktoren verwurschtet werden.
Der „Witz“ dieser Kalkulationen besteht darin, daß in ihnen gemäß dem in der bürgerlichen Gesellschaft unausrottbaren „Geist-Materie-Dualismus“ Natur und Geist (Gesellschaft) als Abstraktionen vom selben Grade figurieren. Wie kann das sein? Die Unterschiede und auch Gegensätze zwischen den Materialien der jeweiligen Abstraktionen – schließlich sieht man die „Faktoren“ an diversen Ecken und Enden im Konflikt miteinander – lassen logisch nicht zu, sie auf einem übergeordneten Nenner zu vereinen. Auf einem untergeordneten Level – beispielsweise neurophysiologisch oder evolutionsbiologisch – wäre das immerhin logisch zulässig (wissenschaftlich tatsächlich ein Fehler, aber den lasse ich hier außen vor).

Die Einheit, auf die sich diese Vereinigung des Unvereinten beruft, war schon benannt, „Individuum“, aber es ist nun zu sehen, daß damit nicht das Individuum bezeichnet ist, „wie es geht und steht“, nicht das Phänomen der Individualität, wie es in Individuen erscheint. Vielmehr werden die Individuen – Plural! – zur Ordnungskategorie in einer Debatte um „Natur und Gesellschaft“ herab gesetzt, in der sie Gegenstand eines Ordnungsbedürfnisses sind, um nicht gleich von Herrschaftsbefürfnis zu reden. In diesem Punkt sind die Debatten mit den Individuen schon fertig, bevor sie beginnen, ihnen ist der pfäffische oder ordnungspolizeiliche Standort einbegriffen.

Das ist ein Exempel für das, was ich in „überallgemeiner“ Form hier schrieb:

… findet ein Mensch in den Dingen, mit denen er umgehen muß und in den Verkehrsverhältnissen, in denen er sich zu bewegen hat, gültige Zwecke vor. Die widerstreitenden persönlichen Zwecke sind in den Instituten der Herrschaft zusammengeführt. Allgemeine „Menschlichkeit“ getrennt vom persönlichen Leben. Dies ist der Inhalt abstrakter Subjektivität. (…) Im Gesamtraum des Gemeinwesens hat Mensch die institutionellen Daseinsweisen abstrakter Subjektivität in sich zu verbinden. Darin ist er zuständig für sie und Individuum, die Form abstrakter Subjektivität. (…) Bürgerliche Individualität … ist objektiv (erzwungenermaßen) besondere Existenzweise der in Privateigentum, Familie und Staat verfaßten Gattung.

Es wird jetzt vielleicht Kritiker geben, die mir vorhalten: Aber Du hast den Scheiß doch mitgemacht, Du hast mitge“gendert“Nix da! Schon in der Überschrift steht „geschaffenes Feld“, nicht geschaffene oder angenommene Identität. Es ist eine Weise, wie sich Individuen ihre Geschlechtsnatur gesellschaftlich zu eigen machen, d.h. nicht als „als Natur“, nicht „als Identität“, nicht „als Eigenheit“ sondern als Eigentum, in welchem sie Männer und Weiber zugleich werden, weil und insofern sie diese gesellschaftlichen Pole in ihrem Wollen und Handeln verbinden.
Man könnte auch formulieren, sie sind in diesem Wollen und Tun nicht Individuen, sondern Modelle, aber nicht einer allgemeinen, abstrakten „Menschlichkeit“ oder „Individualität“, sondern des geschlechtlichen Zusammenwirkens von Individuen in einer Population.

Zur weiteren Illustration füge ich noch einen alten Forumsbeitrag von mir an

Die Debatte in diesem Thread drehte sich u.a. um das Verhältnis „geschlechtlicher Identität“ zu dem Bündel an Kategorien und Kriterien, das gewöhnlich unter „Mensch-Sein“ gefaßt wird, wobei Kit die geschlechtliche Identität in Form einer „Eigenschaft“ oder „Eigenart“ dem Mensch-Sein nachstellen und subsummieren wollte.

Ich hatte mit Kits Formulierung „Hinzugehen und sagen; ich bin kein Mensch, weil ich weiblich oder männlich bin, sondern ich bin einer und habe diese Eigenschaften.“ meine liebe Not, es gelang mir nicht recht, auf den Begriff zu bringen, was an ihr korrekt und was daneben sei, das hole ich jetzt nach.

Geschlechtlichkeit ist das obligatorisches Organ des obligatorischen Gattungslebens eines jeden Lebewesens, das sich ausschließlich sexuell fortpflanzt „Obligatorisch“ ist sie freilich nur im biologischen Sinn, nicht in einem iwie „existentiell“ gedachten Lebensprozess.
Ändert die Emanzipation der Sexualität von der Fortpflanzung, ihre Aufhebung in neue und weitere Bereiche eines Gattungslebens etwas daran?
Im Falle des Menschen lautet die Antwort: Ja, weil das Kulturleben für ein einzelnes menschliches Tier obligatorisch ist.

Das sexuelle Organ eines kulturlebenden Individuums hat die Eigenschaft, in allen seinen Bestandteilen doppelt da, und also vervielfacht zu sein. Das beginnt bei dem biologischen Geschlecht, dessen Identität nur in Bezug auf einen außerleiblichen Gegenpol existiert, also sowohl leiblich, wie außerleiblich. Der Kulturprozess vergegenständlicht das Gattungsleben eines jeden Individuums in Sprache, Tradition, Gebräuchen, Sitten, Riten u.v.m., die Schwierigkeit besteht nun darin, dabei festzuhalten, daß all diese scheinbar neben den Individuen da seienden Vergegenständlichungen dennoch in jeder Phase ihrer Betätigung Eigentum und Organ jedes einzelnen Angehörigen eines Kulturzusammenhanges sind und bleiben. Auch und gerade dann, wenn der Einzelne sie geistig-seelisch vor sich hin stellt, sie auf sich als etwas ihm Äußerliches und „Fremdes“ bezieht, bleiben sie integrale Bestandteile seiner Existenzweise, trivialerweise vermittels seiner biologischen Funktionen, solange die arbeiten.
Diese Organik unter „Eigenschaft“ oder auch „Eigenart“ zu fassen, ist offenbar daneben. Nicht nur, weil in der Bezeichnung der Subjektcharakter des Organischen untergeht, sondern weil jedes Individuum in der Betätigung seiner sexuellen Organik (nun im weiten Sinne gedacht) einen Bezug zur derjenigen Gesamtheit sozialer Geschlechtlichkeit herstellt, die mit der jeweiligen Handlung angesprochen ist. Üblicherweise geschieht das im kommunikativen Verhalten (f:cken gehört auch dazu!) zu einem gegengeschlechtlichen Individuum, das einen eigenen, polarischen Bezug auf die Gesamtheit herstellt, als welche die Geschlechtlichkeit des sozialen Zusammenhangs für dies zweite Individuum, d.h. als Bestandteil von dessen sexueller Organik existiert. Sexualität ist in diesem tätigen Sinne ein System und Kreislauf von Staffelläufen, welche die Mitglieder einer Sozietät zwecks Herstellung ihres sexuellen Kulturzusammenhangs mit den Bestimmungen der Geschlechtlichkeit veranstalten.

Erst im abstrakten Bezug auf diese Gesamtheit des Prozesses kann die polarisch festgehaltene Geschlechtlichkeit eines Individuums als ein Bündel von Eigenschaften erscheinen, das ihm zugeschrieben wird, bzw. die es sich selbst in Bezug auf die Gesamtheit zuschreibt und anmißt.
Das geschieht trivial, wenn Individuen ihr Geschlecht als Privateigentum behandeln, obwohl es das wg. der genannten Verdopplung und Vervielfachung in der kulturellen Betätigung nicht sein kann. Normierungen werden dann zur „Waffe“ der Individuen, sich im geschlechtlichen Zusammenhang ihrer Sozietät zu behaupten, sprich: sich ALS Mitglieder zu behaupten.
Insofern dies Verfahren institutionell (geworden) ist, hat es eine korrekte Seite, vom individuellen Geschlecht als „Eigenschaft“ zu sprechen, weil die Individuen selbst es als solche generieren – herstellen in Bezug zu einer Sittlichkeit, der sie alle zusammen eine Normativität zuschreiben und verleihen.

PS: Ich bekam grad ein Beispiel zugesteckt, wie ich das im Thread ebenfalls angesprochene Mißverständnis zahlreicher Biologen schlaglichtartig darstellen kann:
Sie behandeln, ähnlich wie Kit das mit den Menschen tut, den „Erpel“ als Erscheinungsform der (Gattung) „Ente“, in Wahrheit ist umgekehrt das erscheinende Gattungsleben der „Ente(n)“ Produkt und Daseinsweise jedes einzelnen Erpels und jeder einzelnen Ente einer Population.

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Patriarchat abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Sexuelle Identität

  1. tgarner9 schreibt:

    Die Mißachtung, die dieser Eintrag selbst im Vergleich mit anderen „Patriarchats“-Einträgen erfährt, war vorhersehbar. Ich werd dazu noch was schreiben, doch für den Moment lege ich euch nur ans Herz, den jungen Marx zu dem Thema zu lesen, hier. Ein paar (unzureichende) Hinweise zum Zusammenhang mit meinem Zeug – ich beanspruche, diesen Teil der Frühschriften mit dem „Kapital“ kritisiert zu haben, nämlich auf eine Weise, die ihren rationellen Kern einlöst – habe ich den Prolegomena beigegeben.

    Gefällt mir

  2. tgarner9 schreibt:

    In the mood …

    Gefällt 1 Person

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