Repost – Republikanischer Krieg um und gegen die Frau in Indien

[Redigierte Neuauflage eines Artikels von 2012.]

Wer wollte bei Vergewaltigung, Gruppenvergewaltigung gar, an Romeo und Julia denken?Und doch ist in gewisser Weise beides Gegenstand der ikonographischen Tragödie um den Wert und Unwert dessen, was heute in umfassend verrechtlichter Terminologie „sexuelle Selbstbestimmung“ geheißen wird, weil es zur Selbstverständlichkeit wurde, daß der sexuelle Leib eine Ware ist, deren Gebrauchswert vom Nutzen erweiterter masturbatorischer Hautreize1 bestimmt wird.
Shakespeare kleidete die Darstellung der Tödlichkeit eines Kampfes um den Leib eines geschlechtsreifen Mädchens zeitgemäß in das Paradox eines Narrativs, in dem nicht eine Vergewaltigung, sondern ihr Entfall im unerlaubten Verkehr den Tod der Beteiligten ursächlich nach sich zog. Der pädagogische Trick des Dramas, der diese auf der Hand liegende Dekonstruktion behindert, liegt darin, daß der patriarchale Krieg um Eigentum und gesellschaftlichen Nießbrauch an demselben, der in den offenen oder verdeckten Händeln um unerlaubte Nutzung eines weiblichen Genitales aktiviert wird, dem „Fall“ als gegenstandslos abstrakte „Familienfehde“ vorgelagert wird. Mit dieser Auseinanderlegung des historisch Zusammengehörigen gelang Shakespeare die dramatische Aushebung zweier „Prinzipe“, die gegeneinander zu wägen und auszuspielen waren, nämlich zweierlei Recht, einmal im Sinne von Rechtshoheit, also rechtsförmlicher Gewalttätigkeit, das andere Mal im Sinne von Recht-Schaffenheit und Gerechtigkeit, also einem zu schaffenden Rechtsfrieden.
Genau in Letzterem, im Rechtsfrieden, liegt die Res Publica, die öffentlich-rechtliche Angelegenheit patriarchaler Hoheit über das weibliche Genital.
Deshalb blieb es durch die Generationen seit Shakespeare bei einer Quote von Kriegstoten der Kämpfe um dies strittige Stück Eigentum. … auch in Berlin, London, Paris, Moskau und New York. Bis heute ist der sexuelle Leib zwischen den Instituten bürgerlicher Herrschaft umstritten; sexualstrafrechtlich ist er treuhänderisches Staatseigentum, familienrechtlich treuhänderisches Privateigentum, das von Erziehungsberechtigten mit Eintritt der Volljährigkeit an die Rechtssubjekte übertragen wird, welche die Leiber bewohnen.
Das ist die Sache, um die es geht, auch in Indien!

Der Bühnenauftritt des Rechtsempfindens zwischen Rechtsgewalt und Rechtsfrieden: Bestie Mensch

Die indische Parlamentspräsidentin Sonia Gandhi will es freilich anders. In einer Grußadresse, verfasst mit der Autorität einer anerkannten, obersten Patriarchin, verzichtete sie anläßlich der Ereignisse um wiederholte Fälle öffentlicher Gruppenvergewaltigung ausdrücklich auf die Neujahrswünsche ans Volk, die sie mit den folgenden Worten ersetzte:

“ … heute sind unsere Gedanken vielmehr bei der jungen Frau, die nach dem barbarischen Angriff um ihr Leben ringt (Quelle)

In dieser Aussage, und weiters im zitierten Artikel, stecken so viele „Klopper“, wie ich sie sachgerecht prollig nennen will, daß es einen eigenen Eintrag kostete, sie systematisch auseinander zu legen. Dazu zählt nicht zum Wenigsten die nachgerade obszöne, metaphorische Nachvergewaltigung, die der indische Premierminister sich gönnte, indem er den moralischen Beistand der Nation für sein tapferes kleines Mädchen einforderte. Ja, ich weiß, das ist korrupt zitiert. Singh sprach von dem „tapferen jungen Mädchen“ (brave young girl), aber der Kontrast zur landesmütterlichen Adresse an die „junge Frau“ spricht Bände.
Den Zynismus der Rede vom „Ringen um ihr Leben“ will ich mit zwei aktuellen Meldungen andeuten.
The Indian Express, 28.12.’12

Ein minderjähriges Mädchen aus dem Distrikt Pali Muqimpure ist angeblich von einer Gruppe unidentifizierter Männer vergewaltigt worden, bevor sie ihm die Kehle durchschnitten … Das 15jährige Opfer hatte das Haus gegen Abend verlassen, um einer Arbeit nach zu gehen … Sein Vater gab bei Anzeigeerstattung an, seine Tochter sei in den voran gegangenen Tagen von drei Jugendlichen mehrfach belästigt worden.

Russia Today, 28.12.’12

Opfer einer Gruppenvergewaltigung in Indien tötete sich selbst
Das Mädchen im Teenageralter starb in der Nacht zum Mittwoch an einem Gift, das sie aus freien Stücken zu sich genommen haben soll. Nach offiziellen Angaben war sie im vergangenen November auf einem öffentlichen Festival sexuell angegriffen worden.
Die polizeiliche Anzeige des Mädchens war seinerzeit folgenlos geblieben. Erst nach ihrem Selbstmord verhaftete die Polizei drei der Vergewaltigung Beschuldigte.
Oberinspektor Paramjit Singh Gill sagte, der Teenager habe „von Pontius zu Pilatus laufen“ müssen, bis ihre Anzeige überhaupt einmal aufgenommen worden sei, doch die zuständigen Beamten hätten keine Ermittlungsakte angelegt. „Stattdessen versuchte einer der Beamten das Opfer zu überreden, die Anzeige zurück zu ziehen.“ Ein Beamter sei inzwischen entlassen, ein anderer vom Dienst suspendiert worden.
Die Schwester des Opfers gab an, die Polizei habe hohen Druck ausgeübt, damit das Opfer entweder in eine finanzielle Regelung der Angelegenheit oder in eine Verheiratung mit einem der Angreifer einwillige. Wie eine Zeitung der hinduistischen Community berichtete, zählte die Vergewaltigte zur Kaste der „Unberührbaren“, während die Verdächtigen – die im Abschiedbrief der jungen Frau namentlich genannt sind – einer einflußreichen Familie der hinduistischen Oberkaste angehören.

Mit diesen Beispielen verlasse ich das Empörende der Vorgänge und wende mich ihrer Erklärung zu. Zusatzbemerkungen im Artikel Russia Today’s schaffen eine Überleitung:

Von den im vergangenen Jahr ca. 256 Tausend registrierten Gewaltverbrechen in Indien wurden 228 Tausend an Frauen begangen. Um die Welle dieser Gewalttätigkeiten wenigstens einzudämmen, sind die Behörden inzwischen dazu übergegangen, Namen, Adressen und Familienzugehörigkeit von Tätern im Internet zu veröffentlichen.

In Einzelfällen – die durchaus zahlreich sein können – mögen Mitarbeiter der zuständigen Behörden wünschen, Lynchjustiz gegen Täter zu mobilisieren, um die angedeuteten Hürden der Strafverfolgung zu unterlaufen. Doch auf der administrativen Ebene kann dies allenfalls ein Nebenmotiv sein, weil die Folgen der Lynchjustiz das „Problem“ nur verschlimmern können.
Nein, der Versuch gilt einer Reaktivierung hergebrachter, im Sinne des Rechtsfriedens intakt gebliebener patriarchal-familienrechtlicher Kontrollinstanzen, die auch in Europa Exzesse im Krieg um das Eigentum am weiblichen Genital, die von Männern begangen werden, die gegen ihre systemische sexuelle Depravation zum Zwecke des Erhaltes weiblichen Genitaleigentums selbstherrlich rebellieren, mehr oder minder gedeckelt haben.
Wir können der Einrichtung öffentlicher Pranger daher entnehmen, die zuständigen Behörden halten das Gewebe extrajudizialer familiärer Gewaltausübung, die beiträgt, im patriarchalen Krieg gegen und um die Weiber ein funktionales Gleichgewicht zu wahren, für zwar schwer belastet, aber nicht irreparabel geschädigt, trotz der Risse darin, die das geschriebene und ungeschriebene Familienrecht örtlich kollabieren ließen.

Republikanisches Frauenrecht: Völkische Wachablösung

Der Leser mag hier an die eigen-artigen Selbstverständlichkeiten, an das vielleicht befremdlich geringfügig Befremdliche der Shakesspear’schen Tragödie denken, um sich vorrepublikanische Verhältnisse ins historische Gedächtnis zu rufen, die man sich übergangsweise auch mit der urbanen Weltferne feodaler Polizeikräfte verbildlichen kann. Wenn in älteren Patriarchaten zwei junge Menschen geschlechtlich verkehrten, war ihr Einvernehmen zu diesem Akt eine Sache des Familienrechts einerseits und eine stammessittliche Angelegenheit andererseits. Wurde ihr Verkehr in irgend einer Weise strittig – und sei es, daß eine mittelbar beteiligte Partei es strittig stellte – konnte das Gesamtgefüge inner- und außerfamilialer Gewalt und Nötigung in Schwingungen geraten, das Mord und Totschlag nebst Blutrachefehden im Rahmen gelegentlicher Übergriffe auf patriarchale Bestimmungsmacht in den Familien hielt.

Bei „Romeo und Julia“ wird eines der bekanntesten Motive dazu mobilisiert und leistet seinen scheinbar selbstverständlichen narrativen Dienst: Nicht allein ein vergewaltigtes, auch ein unglücklich verliebtes Mädchen hatte zu gewärtigen, daß ihr Geschick zum Zünglein an der Waage im Kampf zwischen dem Patriarchen und einem zum Nachfolger bestimmten Sohn in der eigenen Familie wurde, und somit das Potential barg, die ganze Sippe schwer zu schädigen. Solche Verhältnisse verhelfen bis auf den Tag dem prominentesten familialen Gewaltmittel zivilisierter Gesellschaften, der zugleich demütigenden wie willensbildenden Prügelfolter, zu ihrer für sich betrachtet verblüffenden Akzeptanz. In allen bekannten barbarischen Gesellschaften ist Prügelfolter die denkbar abscheulichste gesellschaftliche Entgleisung, auch in nahezu allen bekannten vorsinthflutlichen Kriegerpatriarchaten. Dort traf andererseits einen Vergewaltiger einfach die volle Wucht gesellschaftlicher Verachtung, die ihn gemeinhin ins Exil trieb.
Soviel zu Sonja Ghandis Rede von „Barbarei“. Die indischen Exzesse sind genuin zivilisatorisch, obwohl, vielmehr weil sie wie ein Echo legendärer Erzählungen aus der Formierungsgeschichte moderner Patriarchate seit ca. 4000 Jahre erscheinen.

Kehren wir mit diesem – zweifelsohne groben – analytischen „Apparat“ zu den Bemühungen der indischen Autoritäten zurück, das altväterliche Zusammenspiel polizeilicher und familialer Gewalt zum Erhalt des Rechtsfriedens unter sexuell depravierenden Verhältnissen zu reaktivieren, und stellen die Phänomene eines Aufruhrs daneben, der gesamtgesellschaftliche Dimensionen erreicht hat, in dem die Polizei vereinzelt zum Schußwaffengebrauch geschritten ist, dann können wir mindestens erahnen, daß die sozialen Zustände in Indien die polizeiliche Front überrollt haben. An den Erscheinungsformen sowohl der Vergewaltigungen wie des Aufruhrs männlicher Empörung gegen eine Staatsmacht, deren teils eingestandene, teils uneingestandene praktische Unzuständigkeit die Vergewaltiger vorführen, wird ein Übergang zum republikanischen Krieg der Männer um die Frau kenntlich, der zur Geschichte jeder Nationenbildung gehört.
Die bürgerliche Gesellschaft muß „Die Frau“ im Volke aufheben, zu dem sie in Europa auch in frühbürgerlichen Verhältnissen lange Zeit nicht gezählt hat, wofür das Wahlrecht nur der äußerste und gröbste Index ist. In Deutschland kam es den Faschisten zu, die Frau in Gestalt der Volksgenossin den patriarchalen Gewaltverhältnissen eines bürgerlichen Staatswesens neu zu überantworten. Im Staatswesen soll der gesellschaftliche Dienst der Weiber auf allgemeingültigere Weise eigentumsförderlich werden, als dies unter feodal und tribalistisch geprägten patriarchalen Gemeinwesen möglich ist. Prägungen, zu denen in Indien noch die im engeren Sinne sklavischen Formen der hergebrachten Rassen- und Kastentrennungen zählen. Kein Staatswesen kann dies aus eigener Hoheit herstellen, weil es genötigt ist, seine Gewalt den Familienoberhäuptern (m/w) zu leihen, sofern es nicht zu obrigkeitlicher Enteignung und Kasernierung des Nachwuchses übergeht, wie es beispielsweise das antike Sparta tat.

Demokratische Frauenrechte – weitere Wächterwechsel

Diese über die Maßen verdichtete Darstellung ist unzureichend. Vielleicht kann sie den einen oder anderen Leser dennoch anregen, anhand der in vivo – Vorgänge in Indien zu prüfen, wie patriarchale Traditionen und Wertvorstellungen in seinem, in Europa historisch älteren, daher gleichsam in vitro aufbewahrten, völkisch-republikanisch geprägten Begriff von „Frauenrechten“ aufgehoben sein könnten. Von da aus führten weitere Schritte zum Begriff der demokratischen Vergenderung des Rechtsfriedens, welche die hergebracht patriarchale Überlieferung des Privateigentums vom biologischen Geschlecht emanzipieren soll; womit der Geschlechterkonkurrenz eine weitere Abteilung und neue Runde erschlossen ist.

Vielleicht macht Obenstehendes auch mein Urteil verständlich, daß eine irgendwie „humanistisch“, meinetwegen auch „rationell“ geprägte publizistische Öffentlichkeit die Sensationsmeldungen über den Tod des ikonographisch ausgewählten Vergewaltigungsopfers von Dehli unterlassen und die Nachricht allenfalls in einer Nebensparte plaziert hätte. Stattdessen zeigt die öffentliche Ausschlachtung, wie geil Schreiberlinge, Redakteure, Herausgeber und die Leserschaft, auf die sie rechnen, auf den hier beschriebenen Krieg sind. Die Gestorbene wird zur Gefallenen, ihr Leben zu einem abstrakten Wert, und in dieser Gestalt zum kollektiven Eigentum einer fiktiven, einer patri(!)otischen Herrengemeinschaft stilisiert. Die Tat der Vergewaltiger wird auf diese Weise mythologisch vollendet.


  1. Nach einem Wort von Robert Musil. 
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