Verschiedenes zum Syrienkrieg

Was hieltet ihr von einem Kommentator, der die „Massaker“ und „Kriegsverbrechen“ der syrischen Armee dem Holocaust vergleicht und die „Schuld“, die „der Westen“ auf sich geladen habe, indem er nicht schon vor 5 Jahren die syrische Armee zerschlagen habe – und auf diese Weise auch der russischen Intervention in Syrien vorgebeugt – der „Schuld“ europäischer Staaten und der USA, das deutsche Reich nicht frühzeitig nach Hitlers Machtergreifung angegriffen zu haben?

Nun, das schrieb ein gewisser Ronen Bergman, der mir aus früheren Recherchen als einer der blutrünstigsten Zionisten bekannt ist, am 20.12. über Israel und es wurde in Ynet veröffentlicht.
Anlaß war eine scheinbare „Klarstellung“ Liebemans nach einem israelischen Luftangriff auf eine SAA-Stellung nahe Damaskus, „der israelische Staat“ habe „kein Interesse an einer Intervention im syrischen Bürgerkrieg„.
Ob Bergman diese „Klarstellung“ mißverstanden hat? Sebstverständlich hat der Staat Israel kein Interesse an einer „Intervention“, sehr wohl aber daran, den Syrienkrieg zu seinen Gunsten zu entscheidensofern er die Gelegenheit dazu erhielte. Woraus folgt, daß Bergman nichts mißverstanden hat, sondern Liebermans Worte nur auf etwas idiosynkratische Weise paraphrasierte und sein Kommentar deshalb veröffentlicht wurde.

Knapp drei Wochen zuvor hatte Alex Fishman, vom selben Schlag, wie Bergman, ins selbe Horn geblasen und denselben Luftangriff .zum „Testfall des russisch-israelischen Einvernehmens“ deklariert, der vorerst zu Israels Gunsten ausgefallen sei.
Und vorgestern hat Netanyahu unter großem publizistischen Getöse, das auf Israel begrenzt blieb, mit Putin „über Syrien“ telephoniert.

Das sind Drohgebärden und die Volksweisheit will, daß bellende Hunde nicht beißen. Ist das so?

Es ist oft so. Amos Yadlin sah sich über Weihnachten veranlaßt, den Artikel „Radical moves will only deepen our diplomatic isolation“ zu verfassen. Nominell galt er der israelischen Innenpolitik, aber spätestens seit Kissingers gleichlautendem Spruch sollte jeder politisch Interessierte wissen, daß Israel keine Außenpolitik betreibt, sondern ausschließlich Innenpolitik, so wie das seit 9/11 im Wesentlichen auch für die USA gilt. Und Yadlin fand kein Gehör bei der zionistischen Regierungsmehrheit, das behauptet der Erziehungsminister Bennett nicht nur, er verkündete heute den ultimaten Test darauf, eine Gesetzesinitiative zur Annexion von Ma’aleh Adumim, der „bei geeigneter Gelegenheit“ eine Annexion des gesamten Areal C folgen solle.

“There is no such thing as a nationalist government without this law”

Bennett will die Regierung notfalls über den Gesetzentwurf stürzen und nimmt dabei volle Rücksicht auf Netanyahus kleines Problem mit der Justiz, das seine Chancen für eine neue Koalitionsbildung ohne die zionistischen Extremisten nicht eben verbessert.

Derweil weist das Brookings Institut, dessen Rolle meinen Lesern bekannt sein sollte, jeden Tag auf einen Artikel im Guardian vom 15.12. hin, der den Titel trug: Assad is thriving on the west’s hesitation. The time for standing back is over. Der Autor, ein gewisser , gibt nicht an, wer die Bodentruppen stellen soll, die er so rasch, als möglich, in Damaskus einmarschieren sehen will, aber das muß er auch nicht. Falls die IAF die SAA in Damaskus zu Klump bombt, werden sich schon welche „finden“ – und es werden keine russischen Truppen sein. Israelische auch nicht.

Falls da etwas im Busche sein sollte, würden Netanyahu / Lieberman kaum so dumm sein, initial in Damaskus zuzuschlagen, nehme ich an, sie werden einen „Zwischenfall“ an der libanesischen Grenze zum Anlaß des lang vorbereiteten und ersehnten Libanonkrieges nehmen.


Unterdessen ficht die syrische Armee weiterhin zermürbenden Abwehrkämpfe im Raum Damaskus. Nach Jubelmeldungen an der East Ghouta-Front kam gestern die Ernüchterung in Gestalt einer erfolgreichen Gegenoffensive der Söldner. Nach wie vor ist die Wasserversorgung Damaskus unterbrochen, natürlich kein „Kriegsverbrechen“ der Söldner, und die SAA kann nichts weiter tun, als den Ort der Unterbrechung aus der Luft zu bombardieren. In Ost – Homs hat sich an ihrer Defensive nichts geändert und das geltende Waffenstillstandsregime hält die Defensive grundsätzlich auch im Bezirk Aleppo aufrecht:

When the Syrian Arab Army (SAA) declared the entire rebel-held east Aleppo pocket under their control; it was assumed by many observers of this conflict as the last fight for the provincial capital. However, this premature assumption could not be further from the truth; especially, given the fact that the jihadist rebels still control the entire Idlib Governorate border with this province.

Denn in Idleb bomben jetzt Türken, Amerikaner und Russen, z.T. unter Einsatz bewaffneter Drohnen – vermutlich türkischen – allein gegen die Fraktionen der ehemaligen Al Nusra und ihrer Verbündeten, die sich dem türkischen Oberkommando, vertreten durch loyale Ahrar al Sham-Kommandeure, verweigern, Beispiel.

Seit dem Abend des 31. gibt es keine neuen Berichte über türkische Angriffe auf Rojava oder das MMC. Das könnte bemerkenswert sein, insofern ein Artikel in Al Manar vom 31. anzeigt, daß die „Hardliner“ in Teheran sich durchgesetzt haben und an der Seite der Türken das fröhliche Kurdenschlachten beginnen wollen. Was hat die Türkei bewogen, die Angriffe einstweilen einzustellen?

Vielleicht ist es eine absurde Spekulation, aber ich mag nicht vollständig ausschließen, daß es etwas mit dem Anschlag in Istanbul zu tun hat.
Die türkische Reaktion war außergewöhnlich. Es gab keine sofortige Zuweisung an PKK, auch nicht an IS. Andererseits bestand die türkische Regierung von Anfang an auf dem „lone wolf“-Szenario, obwohl sie darüber keine ausreichenden Informationen haben konnte und Augenzeugen ihr widersprachen. Inzwischen sollen 6 leere Magazine gefunden worden sein, was die Vermutung nährt, es habe viel mehr Opfer gegeben, als die angegebenen 39. Die Anzahl der getöteten Ausländer wurde auf 26 aufgestockt. Nimmt man den Polizisten und den Türsteher hinzu, hätte es nur 11 Türken im Inneren der Disco getroffen; glaubhaft? Wenig glaubhaft ist jedenfalls, daß ein einzelner Attentäter auf begrenztem Raum 5 mal das Magazin gewechselt hat und anschließend entkam. Die Zielauswahl paßt nicht zum IS, der meines Wissens noch keinen Anschlag in der Türkei ohne Führung des MIT verübt hat (für Suruc und Istanbul Juli ’15 ist die türkische Beteiligung erwiesen), eher würde ich Al Nusra verdächtigen. Das Szenario gleicht vielleicht nicht unabsichtlich den geheimdienstlich geführten Angriffen in Paris. Kurzum, über einen Punkt bin ich mir sehr sicher: Falls die türkische Regierung wirklich nicht weiß, wer die Fäden gezogen hat, wird sie in Erwägung ziehen, daß es russische Geheimdienstler waren, die über beste Verbindungen in die Exilszene kaukasischer Extremisten verfügen. Der Kreml hat sich mit dem jüngsten Vorgehen in Syrien unter seiner ehemaligen militaristischen Gefolgschaft echte Feinde gemacht.

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3 Antworten zu Verschiedenes zum Syrienkrieg

  1. tgarner9 schreibt:

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  2. tgarner9 schreibt:

    Das soll nicht unterschlagen sein:

    Moscow will not tolerate long-term occupation of any part of Syria, despite accepting Ankara’s military operation in the north of the country, Vitaly Naumkin, an adviser to the UN special envoy for Syria, said Monday.

    Read more: https://sputniknews.com/politics/201701021049202874-russia-syria-turkey/
    Naumkin nennt aber auch den Hintergrund dieser Aussage: Das Letzte Wort in der Sache wird ‚eh die neue US-Administration haben.

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