Blognotiz

Wie immer habe ich zu viele Projekte gleichzeitig laufen – zumindest im Kopf. Ich hatte Anstalten gemacht, den Begriff des „Judenstaates“ und seiner aktuellen Rolle im MENA vorzubereiten und nehme davon jetzt Abstand, weil ich das „Fenster“ für ein israelisches Eingreifen in Syrien / Libanon vor Amtsübernahme Trumps für geschlossen halte und daher keine Notwendigkeit sehe, das leidige Thema weiter zu verfolgen. Ich will aber immerhin einen allgemeinen Eindruck davon geben, worauf ich hinaus wollte – ultrakurz.

Weil das ohnehin ein Spezialthema ist, beginne ich mit einer Erinnerung an die „antideutschen“ Theoreme vom „Deutschen Sonderweg“ des Kapitalismus / Imperialismus, der entstanden sei, weil Deutschland „die zu spät gekommene Nation“ unter den Großmächten gewesen sei. Der deutsche Faschismus sei ein Rückgriff auf „vorbürgerliche Barbarei“ gewesen, der an die Stelle der bürgerlichen Revolution getreten sei, um Deutschland einen Platz an der Sonne unter den imperialistischen Führungsmächten zu sichern – so ungefähr ging das Theorem.

Das ist Blödsinn, aber es ist nicht ausschließlich Blödsinn. Der deutsche Faschismus enthielt in der Tat das Moment, Elemente einer bürgerlichen Revolution durchzusetzen, die unter der militaristischen Junckerherrschaft und im Zuge des sozialdemokratisch-protofaschistischen Bündnisses zur Vernichtung der Kommunisten in der Nachkriegszeit entfallen waren, und es gab einen „deutschen Sonderweg“, der allerdings mehr mit der bolschewistischen Revolution in Russland zu tun hatte, als mit den Motiven, die von den Antideutschen aufgenommen wurden.
Der Blödsinn liegt in der Hauptsache in einem falschen Subjekt – Kapitalismus. Damit meine ich jetzt nicht den Punkt, daß Kapitalismus ein „unechtes“ Subjekt ist, daß die Subjekte Elementen der Herrschaft des Kapitalverhältnisses Natureigenschaften zuschreiben und ihm damit eine „Gesetzlichkeit“ über ihnen verschaffen, sondern den Umstand, daß auf der Grundlage dieser Zuschreibungen Imperialismus ein anderes „Subjekt“, ein anderes Ding ist, als Kapitalismus. Imperialismus ist die Weise, wie der „Marschallstab“ des Weltmarktes, das jedes Kapital als Erscheinungsform des Klassenverhältnisses, das als Kapitalvehältnis auftritt,  „im Tornister“ hat, das Territorium des Globus erobert. Das geschieht, wie in den territorialen Schranken eines staatlichen Souveräns auch, vermittels der Subjekte – hier sind das die Souveräne, nicht die Klassenangehörigen – gleichsam durch sie hindurch.

Die Art und Weise der Durchsetzung des Weltmarktes erhält durch diesen Vorgang eine emergente Form, soll heißen, die territorialen Sonderformen seiner Durchsetzung vermittels der nationalen Souveräne haben ein imaginäres Zentrum, von dem die Bewegung ausgeht. Dies Zentrum ist selbstredend nicht rein imaginär, es hat Orte  – die Orte, wo die Avantgarde der globalen Kapitalisierungsprozesse mehr oder minder konzentriert hockt, und sie in Gang setzt; die Metropolen des Weltmarktes.

Die Sonderform des jüdischen Faschismus, der (institutionelle) Zionismus, ist solch eine „Emergenz“, eine Emanation der Durchsetzung des Weltmarktes gemäß lokaler, regionaler und territorialer Sonderbedingungen, wie jüngst der türkische Islamofaschismus auch, und der US-Faschismus, der seine Wurzeln im Siedlerkolonialismus der Europäer hat. Eine prägende – wenngleich nicht alleinige – Größe in den Sonderbedingungen des Zionismus war die Rolle der Region als ein alimentiertes Lagerregime für den wichtigste Hilfsstoff der Ausbeutung in den Metropolen des Weltmarktes. Dieser Parameter der zionistischen Herrschaft geht über verschiedene Wege verloren, und das entzieht dem Zionismus die ökonomische Herrschaftsgrundlage. Die Folgen sehen wir seit dem zionistischen Staatsstreich 1995, aber scharf akzentuiert erst seit 9/11. Ich lasse jetzt offen, warum ich dies Datum setze.

Der Vorgang gibt zugleich einen Ausblick darauf, was aus dem Kapitalismus insgesamt werden muß, je mehr er die Grundlagen der Herrschaft des Kapitalverhältnisses zerrüttet. Es sei denn, eine Revolutionäre greift ein.

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Antworten zu Blognotiz

  1. Klaus-Peter schreibt:

    Was deiner Meinung nach dieses Fenster geschlossen hat, würde mich dennoch interessieren! :)

    Gefällt mir

    • tgarner9 schreibt:

      Es gibt keine Vorzeichen, weder auf nationaler noch internationaler Ebene, ganz besonders nicht im Hinblick auf die Hezbollah.
      Schau mal hier:
      http://www.presstv.ir/Detail/2016/11/01/491599/Lebanon-Bassil-Hezbollah-Aoun-victory
      http://english.almanar.com.lb/84709
      http://english.almanar.com.lb/125629
      Bassil ist nicht nur Außenminister, sondern auch Schwager des Präsidenten und was in den Kommentaren u.a. gefeiert wird, ist der Fortbestand des Paktes, den Aoun 2006 mit der Hezbollah geschlossen hat. Er machte de facto einen Friedensschluß mit Israel, einschließlich Rückgabe der besetzten Gebiete, zur Vorbedingung einer Entwaffnung der Hezbollah.
      Hast Du darüber in den MSM irgendwas gelesen? Nee …
      Und Aoun ist auf dem Weg nach Riad
      http://english.aawsat.com/2017/01/article55365158/lebanons-defense-minister-asharq-al-awsat-aouns-visit-surpasses-arms-issuetackles-several-files
      Das saudische Königshaus hat sich im Herbst bezüglich Hezbollah wieder um 180° gedreht, schwenkte also von Killarys auf Obamas Linie um. Die Aussichten auf Killarys angesagte Großschlächterei im MENA trieb den Pronzen wohl doch den Angstschweiß auf die Stirn, vielleicht nicht zuletzt wegen der erbärmlichen Vorstellung ihrer ruhmreichen Armee im Yemenkrieg.

      Aber das ist nur die eine Seite der Ursachen. Eizenkot will nicht, und ich schätze, das hat v.a. innenpolitische Gründe. Israel ist eine ständische Militärdespotie. Es ist für die Generäle unverzichtbar, daß die IDF von einer gewichtigen Mehrheit der Bevölkerung als nationales Institut, und nicht als Institut zionistischer Extremisten gesehen wird. Eizenkot hat mehrfach erkennen lassen, daß er diesen Status in Gefahr sieht, zuletzt, indem er ein in die Westbank offenes Internetportal betrieben hat, auf dem er persönlich auf Fragen und Anklagen aus der Metökenbevölkerung geantwortet hat.

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s