Rojava vorerst gegen türkische Angriffe gesichert

220px-rojava_citiesIn zwei früheren Einträgen – ich such sie jetzt nicht heraus – hatte ich über die Unklarheiten russischer Unterhandlungen mit Vertretern Rojavas im Hauptquartier Hmeinim berichtet. Zunächst hatte ENKS unter Fingerzeig auf die PYD die Teilnahme verweigert, zu einer zweite Runde reisten sie an. Die Tev-Dem – Vertreter wiederum verweigerten das Gespräch mit Damaskus, so lange Damaskus an der Position fest halte, über Föderalisierung sei nicht zu reden und Moskau diese Position stütze.
Jetzt sind nach einem Bericht von SputnikNews alle drei Hindernisse zum Entfall gebracht worden, jedenfalls fürs erste. Damaskus redet auf Weisung von Moskau, nämlich auf der Grundlage vorbereitender Gespräche zwischen Unterhändlern Russlands und der Tev-Dem, über Föderalisierung, und die ENKS nimmt weiterhin teil. Wie kam es dazu? Wie haltbar ist diese Ausgangslage?

Im Pentagon ist eine Vorentscheidung gefallen

Die Senatshearings ergaben in der Rojava-Frage ein Patt. Der kommende Außenminister Tillerson legte sich auf die Fortsetzung der Allianz mit den SDF, mittelbar also mit der Tev-Dem, so weitgehend fest, wie man das zu so einem Anlaß erwarten kann 1.

Der kommende Pentagon-Chef vertrat im Hearing implizit eine Gegenposition, indem er auf eine deutliche „Beschleunigung“ der Operation gegen Raqqa, eine „neue Timeline“ drängte. Dazu muß man wissen – ich berichtet darüber, suche auch das nicht heraus – daß die „Timeline“ von Chairman (CJCS) General Dunford festgelegt worden ist, um der Türkei die Tür zur Raqqa-Operation einen Spalt offen zu lassen. Da die SDF als Ordnungsmacht in Raqqa nicht in Frage komme 2, bedürfe es einer „neuen Allianz“, um die Zukunft Raqqas zu regeln. Mattis Ruf nach Beschleunigung öffnete daher – ob beabsichtigt oder nicht, kann dahin gestellt bleiben – der Türkei den „Spalt“ einer künftigen Beteiligung ein Stück weiter.

Die Antwort und Entscheidung kam umgehend und autoritativ von Elissa Slotkin, „acting assistant secretary of defense for international security affairs“, also stellvertretend für Ash Carter und einer dem Pentagon-Sprecher Peter Cook, der sich, so gut das eben ging, in der Frage bislang „zwischen den Stühlen“ hielt,  übergeordneten Stelle:

[C]ommanders do have a plan that “is pushing to the limit what we can do in intensifying that campaign,” Elissa Slotkin told reporters at the Pentagon.
“All ideas are going to be on the table. But, I believe we have in place a plan right now that moves as fast as the local forces on the ground are able to move,” she said during a press conference on her last day in the role. The pace of the campaign, both in Syria and Iraq, is dictated by what forces on the ground are capable of, Slotkin said.
(…)
Slotkin stressed that President Barack Obama has authorized every request from the Pentagon for additional capabilities.
“When [SDF] accelerate, we accelerate. When they need a moment to reset, you see a quieter period in our air campaign,” she said “I think it’s always good to reflect on what we do, but I do not feel that we’ve been held back in any way from accelerating the campaign to the greatest extent possible.”

In der Tat haben SDF, Tev-Dem und OIR in den vergangenen Tagen eine sehr merkliche Beschleunigung des Vormarsches gegen ISIL-Stellungen in Raqqa vermeldet, zu der Verluste im Hinterland durch Anschläge in Kauf genommen wurden. Offenbar ist CENTCOM in Verbindung mit der SDF-Führung fest entschlossen und imstande, bis zur Amtsübernahme Trumps Tatsachen zu schaffen, die nur noch mit direkter Gewalt gegen die US-Truppen umzustoßen wären, die mit den lokalen Truppen marschieren – offiziell um die 500 Mann – und die bis zu Weisungen der neuen Administration jederzeit aufgestockt werden könnten – falls die Türkei und ihre „Freunde“ das erzwingen wollten.
Aber die türkische Armee will offenbar nicht!

Türkische Armeeführung signalisiert Absage der Rojava-Offensive

Das bis zur Stunde alleinige materielle Indiz dafür sind die am Freitag fortgesetzten Arbeiten zur Errichtung eines Beton-Walles an der türkisch-syrischen Grenze bei Tel Abyad, dem in den letzten Wochen ständig von türkischen Artillerieangriffen beunruhigten Einfallstor nach Raqqa für türkische Truppen. Diese Arbeiten waren vor Monaten begonnen worden und wurden dann unterbrochen. Die Beton-Elemente wirken als Panzersperren gegen die türkische Armee. Würden sie wieder beseitigt, um türkischen Truppen einen Einmarsch auf einer ausreichend breiten Front zu ermöglichen, gäbe das den Verteidigern hinreichend Zeit, Verteidigungsstellungen zu besetzen und Artilleriestellungen einzurichten, deren kurzfristige Beseitigung einen massiven Luftwaffeneinsatz erforderte.

Ein „fait divers“ aus den letzten Tagen gibt Auskunft, daß türkische Luftangriffe auf Rojava außerhalb der „Grauzone“ um den Bezirk Bab herum eine „Rote Linie“ des CENTCOM überschreiten würden. Es gab einen zunächst rätselhaften Luftangriff auf eine Ortschaft im Bezirk Qamishli in der Nähe eines US-Versorgungsflugfeldes. Zwei Tage später vermeldete die politische Zentrale der PYD unter Berufung auf Gewährsleute in der KRG, es habe sich um einen türkischen Angriff gehandelt, ausgeführt mit Hubschraubern, die von einem Militärflugfeld in der KRG gestartet waren. Das KRG-Dementi enthielt eine mittelbare Bestätigung. Es ignorierte den Hubschraubereinsatz und dementierte den Einsatz türkischer „Jets“ von nämlichem Flugfeld, „da sie dort nicht starten und landen könnten“. Ob „Verzweiflung“ oder Provokation, dieser Vorfall wird bewirkt haben, daß die US-Stellungen in Rojava pronto mit Flugabwehrwaffen ausgestattet werden, darauf gehe ich jede Wette ein.

Noch schwerer dürfte Widerstand in der türkischen Militärführung gegen einen Angriff auf Rojava wiegen.
Am 11. Jan. veröffentlichte AP eine Big Story unter dem Titel Turkey bogged down in Syria as it realigns with Russia. Unter dem Vorwand eines Beitrages zur Befestigung der antirussischen Front beschuldigte er die Türkei, in Bab gegen ISIL nicht voran zu kommen und stattdessen die Zivilbevölkerung zu schlachten:

„The battle for al-Bab has been mostly about killing civilians and destroying the city, whether by Daesh or the Turks,“ said Mustafa Sultan, a resident of al-Bab and a media activist who has been covering the fight. „The town is almost half destroyed. Daesh takes cover in hospitals, schools and these end up getting targeted,“ he said.

Die von Ankara mobilisierten Söldner erwiesen sich als völlig unzuverlässig, schrieb AP weiter, die türkischen Soldaten müßten es unter schmerzlichen Verlusten mehr oder minder „allein gehen“, und Erpressungsmanöver Ankaras gegenüber Weißem Haus und Pentagon hülfen ihr aus dieser Lage nicht heraus:

„I don’t think the United States is very worried about Erdogan flipping from NATO to Moscow, but they are worried about Turkey’s general drift into instability and rash decisions. Erdogan bungling his foreign policy to the point where he must turn to Putin for help is certainly part of that broader concern,“ said Aron Lund, a fellow at the New York-based Century Foundation.

Ich schätze, dieser Artikel wird sein Teil dazu beigetragen haben, daß der rennomierte türkische Journalist Ahmet Takan zwei Tage später in der kemalistischen Yeni Çağ unter Berufung auf Insider-Quellen in der türkischen Militärführung ein noch düsteres Bild der Al-Bab Operation zeichnete.

“Date: January 8, 2017. Time: Around 21:00. Place: Akterin village, 10 km south of Al Bab. Incident: A group of Turkmens who fight for the Turkmens in the region go into action on word that some traitors in FSA are transporting and selling ammunition and explosives to ISIS. They conduct an operation on 2 semi-trailer trucks. The trucks are caught. The military equipment and explosives in secret compartments are confiscated.”
“When we write the truth, some people get offended. But there is nothing else we can do. The Turkish nation is hurting. They are burying their sons every day. Hospitals in Gaziantep, Kilis and closeby centers are overflowing with wounded soldiers. They just keep coming.”
Takan underlined that the morale of the soldiers was down and gave the following information: “We had written about the low morale of our soldiers in the Euphrates Shield operation in this column before. We had shown photographic evidence to the lack of important logistical support like food and shelter. According to my sources in the General Staff, since the beginning of January, 50 letters of resignation were received from the army officers, sergeants and specialist personnel on duty in Al Bab. The mandatory service period was increased with the latest statutory decree and resignations were thus prevented.”

Die Botschaft ist klar: Eine Wendung gegen Manbij, die Erdogan noch am Dienstag erneut von der Militärführung forderte, und gegen die „der Führer“ keinen internationalen Widerstand gelten lassen will, würde zur innenpolitischen Katastrophe für die Türkei.

Damit dürfte die Entscheidung, so oder so, gefallen sein. Falls Erdogan eine Manbij-Operation gegen diesen Widerstand durchsetzt, wird es ihn früher oder später den Kopf kosten und ein türkischer Bürgerkrieg unvermeidlich.


  1. Die türkische Regierungspresse versuchte das zunächst beiseite zu wischen, indem sie auf Tillersons Ankündigung verwies, „to reengage with Turkey“, als enthielte diese Wortwahl ein Akzept der türkischen Bedingungen und Erpressungsmanöver. Das ist natürlich Quatsch. Vielmehr handelte es sich um eine Drohung, die Tillerson noch akzentuierte, indem er der „Hoffnung“ Ausdruck gab, man werde in Nordsyrien ohne zusätzliche militärische Eskalationen auskommen. 
  2. Tatsächlich wollten und wollen SDF und Tev-Dem diese Rolle nicht, sie gedenken, in Raqqa eine Lage zu schaffen, wie im Bezirk Manbij, also eine Selbstverwaltung, geschützt von lokalen Selbstverteidigungskräften zu initiieren, und das braucht in der Tat Zeit, weil tribal und religiös motivierte Widerstände dagegen in Raqqa eine größere Rolle spielen dürften, so daß noch mehr, als schon im Bezirk Manbij, die Entscheidung für Selbstverwaltung durch die Ermächtigung der weiblichen Bevölkerung zustande kommen muß. 
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2 Antworten zu Rojava vorerst gegen türkische Angriffe gesichert

  1. Ein Sheeple schreibt:

    Ich bin ehrlich gesagt sehr erstaunt wie groß der Widerstand des türkischen Staatsapparates gegen die Rojava offensive ist. Angesichts der Schlachtung auf eigenem Gebiet. Was wären den die Konsequenzen?

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    • Ein Sheeple schreibt:

      also außer dem von die angedeutetem Bürgerkrieg? Der Zusammenstoß mit den Amis? hmm also sind die Rojavakurden mom nur durch die US Präsenz geschützt? Gut für die Kurden. Mal sehen wie sie das Ding in Raqqa politisch schaukeln.

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