Breite Angriffsfront kurdischer Nationalisten auf Rojava

Die zwei letzten Artikel, die Civaka-Azad veröffentlicht hat, bewegen mich zu einer unplanmäßigen Stellungnahme, die ihren Titel nicht einlösen wird, weil dazu eine tagelange Arbeit erforderlich wäre, doch einen Anfang will ich machen.

Ich beginne mit Mustafa Peköz Artikel Der Afrîn-Gegenzug Russlands und die Operation auf Idlib.
Die zahlreichen Militaristen unter meinen Lesern werden vorzüglich die dort in Aussicht gestellte russische Kooptierung der Afriner Selbstverteidigungseinheiten für eine angeblich geplante Eroberung der Provinz Idleb goutieren.

  1. Die Militärführung in Damaskus gedenkt in keiner absehbaren Zukunft, eine Offensive auf Idleb zu starten. Es übersteigt meinen Horizont, wie es zugeht, daß irgend jemand, der sich mit den gröbsten Zügen des Syrienkrieges befaßt hat, sich derart täuschen (lassen) kann. Weshalb hätte die unter dem internationalen Auszehrungskrieg schwer leidende SAA die komplizierte Aleppo-Operation durchführen sollen, für die nur ein schmaler, beständig umstrittener und beunruhigter Landkorridor am Rande der Wüste zur Verfügung stand, wenn sie mittelfristig die Eroberung Idlebs auf der Rechnung hatte? Damit es der in Aleppo weiter aufgeriebenen und ermüdeten Armee noch unmöglicher wird, Idleb zu nehmen? Wäre umgekehrt das türkisch gestützte Idleb gefallen, wäre die Auskehrung der Söldner aus Aleppo vergleichsweise ein Spaziergang geworden, zumal die mittelbare Unterstützung der Afriner Milizen mit Druck auf den Korridor Azaz-Aleppo viel wirksamer hätte werden können, angesichts der geklärten Lage an der Afriner Südfront. In Damaskus sind keine kretinistischen Affen am Werk!
    Warum wurden andererseits die während der lokalen Waffenruheverhandlungen im ganzen Land isolierten Söldner unisono nach Idleb verfrachtet, statt nach Jordanien deportiert? Das waren Deals, hinter denen neben Teilen der US-Militärführung das türkische Führerhauptquartier und – natürlich – die um amerikanische Akzeptanz buhlende russische Führung stand, die andererseits keinen Finger krümmte, Idleb von Nordwesten, von Latakia aus zu beunruhigen, was im direkten Interesse der russischen Basis gewesen wäre.
  2. Folglich denkt man auch im Kreml nicht im Traum an eine Eroberung Idlebs. Das sagt man im Übrigen jedem, der es wissen will, im Klartext. Sicherung der Waffenruhen nebst Bemühung um militärpolitischen Raum für eine verhandelte „Konfliktlösung“ ist die „Linie“, und dazu ist eine faktisch unumstrittene Söldnerprovinz im ehemaligen Syrien zwingend erforderlich, weil andernfalls jede „Konfliktlösung“ für russisch diktiert, statt ausgehandelt gelten müßte.
  3. Es ist eine Zumutung, auf die Karte Syriens verweisen zu müssen, die jedem Hundehirn zeigt, eine Offensive auf Idleb könnte nur von Latakia aus erfolgen, mittels Konfrontation der türkischen Armee an den logistischen Korridoren nach Idleb.

Mustafa Peköz, ehemals oder vielleicht immer noch ein Bilderbuch-Stalinist, der für die „kurdische Sache“ unter dem Titel „Befreiung der Völker“ Partei ergriff, Anfang der ’90er in der Jugendorganisation der TKP-ML tätig war und ’93 (wenn ich mich nicht irre) gefangen genommen und möglicherweise zerfoltert wurde, schreibt gewöhnlich für eine türkischsprachige Plattform, die von „Linken“ oder „Kommunisten“ goutiert wird, die von nichts eine Ahnung haben, als ihren Dogmen und für die Russland gewissermaßen ideelles Vaterland blieb. Das weiß ich, weil ich 2012 über zwei andere Übersetzungen von Perköz Artikeln stolperte, die mir das schon anzeigten.

Ein paar Worte noch zu der angeblichen russischen „Partnerschaft“ mit den Afriner Kurden.
Auf zur amerikanischen Version im Westen des türkischen Korridors identische Weise operieren ein paar russische Hanseln als Besatzungsmacht, und zwar, wenngleich in Grenzen, als türkische Proxy-Macht, denn sie beziehen ihre „Legitimation“ von türkischen Kanonen und Fliegern. Damit das klar gestellt wird und bleibt, hat der türkische Beschuß Afriner Dörfer und Siedlungen keinen Tag aufgehört. Lediglich die Ziele haben gewechselt, es werden noch klarer Zivilisten terrorisiert, als zuvor, da die Türken gelegentlich Stellungen der YPG und anderer Milizen unter Feuer und das von Washington lizensierte, allerdings schwächliche, Gegenfeuer in Kauf nahmen. Derweil intrigiert der Kreml auf dem diplomatischen Parkett unzweideutig gegen die Vertreter der „Demokratischen Föderation Nordsyriens“, indem es den Türken die Verantwortung für deren Ausschluß von Astana/Genf anlastete, doch andererseits die ENKS akzeptierte, die seither ungehindert in angemaßter Vertretung aller kurdischen Parteien für eben die kurdische Eigenstaatlichkeit wirbt, die man im Kreml und in Ankara fälschlicherweise einer Allianz zwischen Pentagon und PYD als politisches Ziel unterstellt bzw. unterschiebt.
Wobei sich unglücklicherweise auch auf Seiten der militärischen Führung der SDF und einiger YPG’s Figuren finden, die sich für diese Intrige als nützliche Idioten zur Verfügung stellen, davon wird hier vermutlich kommende Woche die Rede sein.

Jetzt komme ich zu Kamal Chomani, Die ungewisse Zukunft: Machtinteressen verhindern eine positive Entwicklung in Südkurdistan. Das Geschreibsel ist in gewisser Weise noch lachhafter, als Perköz erbärmliche Schwanzwedelei vor russischer Macht, bzw. was er dafür halten will. Chomani hat die Stirn, seinen erklärten Gegnern „Nationalismus“ vorzuhalten, obwohl er schon in seiner Überschrift ausposaunt, daß und wie er einer ist. Mehr noch, er ist Nationalist im erklärten Dienste der Imperiumsmächte:

Die KRG ist ein Hauptakteur bei der Neugestaltung des Mittleren Ostens, speziell Syriens …

Wer, bitteschön, hat ein Interesse an „Neugestaltung des Mittleren Ostens“? Ja, eben, alle Metropolen des Imperiums, oder doch fast alle, denn Russland ist zwar eingeschlossen, aber China und andere, mittelbare asiatische bzw. indische Interessenten dürften in erster Linie Ruhe im „Mittleren Osten“ ersehnen, Ruhe v.a. für ihre Investitionsplanungen, während den Kernländern des Imperiums, Deutschland an vorderster Front, solch ein Ruhebedürfnis von den Chaos-Reitern nicht vergönnt wird, für sie wurde offensives Mitmachen beim millionenfachen Schlachten seit und mittels des Libyenkrieges „alternativlos“.
Ist also die KRG ein „Akteur“? Natürlich nicht, wie der Autor einräumt:

Mit den aktuellen internen Konflikten und Krisen kann sie diese Rolle jedoch nicht ausfüllen. Sie muss vor allem an zwei Bereichen arbeiten: (…)

Für den Moment soll das als Besprechung reichen, evtl. komme ich auf den Artikel nächste Woche zurück, weil sich einige populäre Idiotien daran exemplifizieren lassen. Nur ein Zitat will ich anfügen, das mich ernsthaft fragen läßt, ob bzw. inwieweit sich Civaka Azad in den Dienst des BND / CIA gestellt hat:

Alles in allem hätten wir bereits alle großen Probleme beseitigen können, wenn wir eine echte Führung in der KRG gehabt hätten, da die Probleme in den kurdischen Gebieten größtenteils darin bestehen, kaum strategische Denker aus den verschiedenen Teilen des Irak und Syriens eingebunden zu haben. Eine Politik des Sektierertums.

Kommunale Selbstverwaltung im Zeichen des Kampfes gegen Patriarchat, Großgrundbesitz und für Allmenden in allen Bereichen der Grundversorgung, „demokratischer Konföderalismus“ und das, was darunter in Rojava verstanden wird, ein sektiererischer Irrweg? Heil dem künftigen Führer Großkurdistans, v.a. im Iran?

Was für eine Scheiße.

 

 

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