Kriegstagebuch, Jahr 16, Monat 7, Tag 23

Ich werde später noch begründen, warum ich 9/11 solch pathetische Bedeutung zumesse, für den Moment nur ein Hinweis dazu.
The Donald hat in verschiedenen Bemerkungen die lange Zeit ideologisch geltend gemachte Verhältnisgleichung reziprokisiert, welche die Bedeutung der USA in der nationalen Welt indizieren sollte. Sie bestand aus einer Proportion, in welcher eine Bedeutung der amerikanischen Nation im Nenner stand, während das Vermögen zu militärischer „Machtprojektion“, i.e. Zerstörungs-/ Erpressungsgewalt,  nebst der Akzeptanz, die sie daheim und auswärts beanspruchte und beanspruchen dürfen, können, ja: zu sollen meinte, in den Zähler gestellt wurde. Das Ideal dieser Proportion ist natürlich die „1“.
Das berüchtigte PNAC-Paper, „Rebuilding America’s Defenses“ (2000), hat dieses Verhältnis bereits auf den Kopf gestellt. Die Praxis dazu, 9/11 und der War on Terra, fixierte die Umkehrung staatsterroristisch, doch in den meisten Verlautbarungen und Sonntagsreden, die ich seither gelesen habe, wurde noch die alte Gleichung paraphrasiert – im scharfen Gegensatz zu NIC- und anderen Intelligence / Think Tank Papieren. Jetzt verlangt The Donald vom „Rest der Welt“ offiziell einen Ertrag der Massenschlachterei für die amerikanische Nation ein, weil sie angeblich keinen erbracht habe. The Donald will nicht wissen, daß und wie sich die amerikanische Nation über dieser Operation verändert, also weiß er es nicht. Er vollzieht auf höchster diplomatischer Ebene den Übergang Washingtons zum Caput Mortuum eines nurmehr militärpolitisch formierten Imperiums, den das antike Rom vor der Übernahme durch „Soldatenkaiser“ vollzogen bzw. erlitten hatte. Dies Haupt leistet den Herrschaften der Provinzen und ihren auserwählten Dienern nicht länger einen systemischen Dienst. Sie können sich nurmehr opportunistische Vorteile in ihren Händeln untereinander vom Dienst an Washington versprechen, einen unsicheren Lohn für eine Bürde und Tribut – Tribut, den die Schlächter, Häscher und Sklavenhalter des Planeten dem Zerfall ihres ehemaligen politökonomischen Zusammenhanges zollen, von dem sie militärisch fortdauernd abhängen.

So viel Rundumschlag für heute, ich gedenke die Behauptung fortlaufend zu präzisieren.

Kriegstagebuch. Die Blogpause dauerte u.a. deshalb unvorhergesehen lange, weil ich merkte, wie viel Ekel und Haß hinter meinem Widerwillen gegen die unendliche Kriegsberichterstattung stand. Zwischenzeitlich gedachte ich, sie ganz entfallen zu lassen. Der obige Rundumschlag nennt einen theoretischen Grund, mich dagegen zu entscheiden. Ich entginge der Kriegsberichterstattung ‚eh nur schöngeistig, und selbst das verlangte eine für mich schon fast pathologische Ignoranz und Weltferne, denn wenn ich die Keim- und Brutphase des laufenden Krieges mitzähle, dauert er mindestens eineinhalb Generationen an. Ich denke, es gibt gute Argumente, die erste Phase in Reagans Krieg gegen „Das Reich des Bösen“ zu stellen.
Obendrein habe ich in Rechnung zu stellen, welche Kompetenzen ich mir in den vergangenen Jahren erworben habe, und welche nicht.
Für heute habe ich mir Nachlese vorgenommen – so weit ich damit komme. In den kommenden Tagen werde ich sie fortsetzen.

Zunächst nochmal zu Trump und dem Artikel, den ich vorgestern empfohlen habe. Ohne in Details zu gehen, will ich zu Protokoll geben, Jane Mayer berichtet da beträchtliche Ausschnitte aus einer breit und zeitlich tief angelegten Konspiration, Hillary „I came, I saw, he died“ Clinton against all odds ins Weiße Haus zu schleusen, die am Unvermögen der Beteiligten zu Schanden wurde, in erster Linie wohl der grenzenlosen Hybris der Kandidatin.  Der Plan wäre zu retten gewesen, schätze ich, hätte man sich frühzeitiger entschieden, Sanders und weitere Teile des republikanischen Establishments zu kooptieren. Vielleicht hätte es dennoch gereicht, hätte Killary sich nicht im Vertrauen auf eine Unantastbarkeit (u.a. wegen ihrer Rolle im Putsch an 9/11 und der Konspiration gegen Obama im Rahmen des „Arab Spring“) im eigenen Lager dermaßen verhaßt gemacht, daß kompetente Mitglieder des Establishments, das sich Ihrer zu bedienen gedachte, ihr am Ende Knüppel zwischen die Beine warfen.
All das sollte aber nicht darüber hinweg täuschen, daß die Konspiration ihr oberstes Ziel erreicht hat, nämlich ein Bündnis „rechter“ und „linker“ Gegner des „Tiefen Staates“ und der durch 9/11 etablierten Rackets zu unterbinden, das unter geeigneten Umständen Rand Paul hätte repräsentieren können. Das dokumentieren Jane Mayers Erzählungen m.E. recht gut.
Außerdem könnten sich Demokratiefreunde anhand des Artikels fragen, wofür Jane Mayer eigentlich schreibt, nachdem The Donald auf allen zählenden Politikfeldern gezähmt wurde. Für dies „alle“ führe ich nur die ikonographische Niederlage beim Abriss von „Obamacare“ an. Die Kurzform der Antwort:
Die innenpolitischen Feinde Trumps nutzen ihn zur Installation einer Klassenherrschaft. Ja, ihr habt richtig gelesen. Marx zitierte – und feierte auf idiosynkratische Weise – einst die amerikanische Demokratie als Abriss der Herrschaft der Eigentümer, die das Vollbild der Abschaffung einer ständischen Klassenherrschaft zugunsten der Installation einer Agentur des Kapitals (und daher des Weltmarktes) biete. Mayer stellt nun die offizielle und inoffizielle Beteiligung eines Flügels der amerikanischen Oligarchen an der Ermächtigung Trumps als eine Art Rückkehr zur Ständeherrschaft vor, eine Oligarchie, für welche die depravierten Stände der Nation die Verantwortung trügen, die Masse der Abgehängten, Bildungsfernen, Verblendeten und moralisch wie politisch Unverantwortlichen. Die Klage ist so alt, wie es politisierte Bürger, Funktionseliten und einen politischen Stand nebst den dazugehörigen administrativen Rackets gibt, doch der Grundkonsens demokratischer Herrschaft besteht just darin, mit Volkes Stimme sei zu dealen.  Angeblich drohende politische „Verwerfungen“ seien auf dem Wege der Regierungsopposition und des Widerstandes einer durch Verwaltungsgerichtsbarkeit ermächtigten Staatsbürokratie abzuwenden. Das ist im Falle des Donald geschehen und im Gange. Der Schaden und die Gefahren, auf die sich Mayer und andere Aktivisten eines von der Verfassung ungedeckten Impeachment, einer Vertreibung des Donald aus dem Amt, Sabotage der Föderationsregierung 1, berufen, werden nicht in Amtshandlungen identifiziert, sondern in der Ermächtigung eines Falschen Herren durch sein Wahlvolk. Dieselbe Delegitimierung einer nirgendwo, auch in den USA nicht existenten oder in Formierung befindlichen Wählermajorität durch „NSDAP’isierung“ ist auch in Europa in vollem Gange. Was da delegitimiert wird sind folglich Wählerinteressen, nicht Wähler und ihr Wahlrecht. Unterm Strich ist die Wirkung dieselbe: Das passive Wahlrecht wird zu einem ständischen Recht umgedeutet und umformiert. In den USA nehmen die Verschwörer zur Ermächtigung Killarys, im Verein mit nützlichen Idioten aller politischer Couleur, ihr Scheitern, ihr Versagen als die Chance, den Glücksfall, die Demokratie auf Föderationsebene zugunsten des „Tiefen Staates“ der Föderationselite abzusagen.

Jetzt habe ich mich zu dem Thema viel länger verbreitet, als geplant. Ursprünglich wollte ich noch etwas zu dem anscheinend für etliche SDF-Kommandeure verführerischen Plan schreiben, eine US-Luftwaffenbasis auf dem ehemaligen SAA-Stützpunkt südlich (!) des Tabqa-Dammes aufzubauen. Bisher sah ich die Gelegenheiten der Einflußnahme des US-Militärs auf Rojava sehr gelassen, doch dieses Vorhaben ändert alles, wenn es nicht schleunigst vom Tisch kommt. Mehr dazu morgen.

In mittelbarem Zusammenhang damit steht diese Notiz. An allen Schauplätzen, an denen Chaos-Reiter in den letzten Jahren Leute zu Tausenden und Hunderttausenden gemetzelt haben, tauchte zuvor und mittenmang Bernard-Henri Lévy zur Vorbereitung und Unterstützung auf: Libyen, Syrien, Ukraine. Er fungierte gleichsam als Sensenmann der zum Teil subnational angesiedelten amerikanisch-französisch-britischen Kriegsbündnissen mit seinen Auftritten ein zionistisches Gütesiegel verlieh. Ihr meint, ich spinne? Na, dann fragt euch mal, warum das Geseire von Lévy, mit der die breite Öffentlichkeit sonst stets verschont wird, in den genannten Fällen plötzlich eine Nach-richt wird.

In denselben Bereich fällt dieser Artikel von Aaron Stein, der, nachdem es keinen mehr interessiert, indirekt einräumt, die Inszenierung des Putschversuches in der Türkei habe maßgeblich der Beseitigung von Widerständen gegen die Syrienintervention gegolten. Die Beihilfe hoher NATO-Kreise an der Inszenierung ist mit der Veröffentlichung des Artikels beim AC sozusagen „semioffiziell“.

Und schließlich, im Vorgriff auf Besprechungen, die aufwendig sind und erst irgendwann in diesem Monat folgen werden, verlinke ich noch den Middle-East Special Report der ICG. Er ist hinterfotzig, erfordert eine Menge Dekonstruktionsarbeit.


  1. Es ist einigermaßen witzig, Texte, die viele Trump-Gegner, darunter Amtspersonen und politische Sprecher, sich zu verbreiten angewöhnt haben, gegen folgende deutsche Paragraphen zu halten, die nach dem Willen der Bundesregierung künftig Bewertungs- und Bemessungsgrundlage für „Hate Speech“ in sozialen Medien sein sollen:
    § 90b Verfassungsfeindliche Verunglimpfung von Verfassungsorganen
    § 100a Landesverräterische Fälschung
    §129b Kriminelle und terroristische Vereinigungen im Ausland; Erweiterter Verfall und Einziehung 
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Eine Antwort zu Kriegstagebuch, Jahr 16, Monat 7, Tag 23

  1. BC schreibt:

    Die Vertreibunsgkampagne gegen DT läuft zurzeit mindestens zweigleisig, zum einen der Verräter (Putin-Connection), zum anderen der antidemokratische Usurpator, Crony der Right-Wing-Oligarchen (Mercer-/Bannon-Kreatur) und umfasst ganz unterschiedliche Kreise.
    Zu Jane Meyer speziell: Nettes kompaktes Kompilat von durchaus unterhaltsamen Anekdoten zu Money & Politics.
    Mir fiel sofort Gustavus Myers ein (History of the great American Fortunes, https://archive.org/details/historyofgreatam03myeruoft).
    Da ging es um die good old days der Eisenbahnbarone, Rockefeller- und Pierpont Morgan-Dynastien.
    Und nun Citizen Mercer.
    Ein Instant Billionaire, genialer Number Cruncher, dem wir u.a. Google translate verdanken, „who wants it all fall down“. Das Vehikel dafür? Ein drohender Volkszorn gegen ihresgleichen, den man unter Zuhilfenahme von „psychometrischen“ Big-Data-Techniken mit der geeigneten Figur für ein James-Stewart-Szenario zu lenken gedenkt.
    Kann man als Konspiration bezeichnen, allerdings eine von eingeschworenen „Clinton Crazies“, lustigerweise auch mal verbündet mit anderen Billionaires, die „Killary“ bevorzugten.
    Übrigens, Jane würde dein Fazit (nützlicher Idiot) sicher nicht verstehen.

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