Ktb – Springende Karpfen und andere Fische

Es ist schwerlich ein Zufall, daß die Wiederaufnahme des Massaker-Marketin‘ zum Syrienkrieg mit dem Beginn der EU-Syrienkonferenz in Brüssel zusammen fällt. Geradezu fühlbar wird der Zusammenhang, stellt man Außenminister Gabriels Zeigefingerheben gen Washington zum Auftakt der Konferenz, vor der Leichenkegelei, dazu.

„Ich glaube, dass die ganze Auseinandersetzung des Bürgerkriegs von neuem losgehen wird, wenn sich das Regime wieder stabilisiert.“

Diese Logik bedarf ja doch … na, sagen wir einer Fütterung. Ein „Giftgasangriff auf Zivilisten“ illustriert prächtig, warum „Stabilisierung des Regime“ das deutsche Schreckgespenst von Flüchtlingen ante portas – Millionen von Flüchtlingen – berufen soll, wo sie Syrien doch zum „sicheren Herkunftsland“ machen könnte, wie die Türkei eines ist. Doch Kinder vergasen ist ein Zeitvertreib des Assad und seiner Spießgesellen, kennt man ja.

Kennt man ja – der Wiedererkennungswert ist der anvisierte und erzielte Effekt des blutigen Circenses, wie einst das schweinische Gequieke der Sklaven und komischen Heiligen, die von kaiserlichen Haustierchen zerrissen wurden. Das ist nicht auf Glauben, ist auf Ehrfurcht berechnet, eine Ehrfurcht, die unter Gekicher, Gejohle, Zynik und Langeweile in die Verdrahtungen der Chimären in Menschenfleisch eingesenkt wurde, unkenntlich für das wenige Hirn, das darin arbeitet.

Ihr glaubt, es sei zuviel der Ehre für den Karpfen, ihn in Zusammenhang mit operativem Geschehen zu stellen?
Da irrt ihr gründlich. Ich weiß aus erster Quelle, auf welche Weise ministerielles Geschwätz in die Mäuler kommt, wenn auch nicht speziell im Außenministerium oder Kanzleramt. Es werden diverse Think Tanks und andere Kanzleien gebrieft, welche die Referenten briefen, welche die Minister briefen. Es gibt nicht eine Quelle, wie tumbe Verschwörungstheoretiker glauben mögen, sondern derer viele, auch in den – wahrscheinlich seltenen – Fällen, da es einen singulären Ursprung der Brieferei gibt. Die Aufgabe des Referenten ist der des Kriegsberichterstatters zum Verwechseln ähnlich, er hat die verstreuten Infos zu Tendenzen und Dynamiken zu kondensieren. Danach hat er sie mit den politischen Agenden seines Brotherrn abzugleichen.
(Korrektur 5.4.: Der Zusammenhang ist sowohl konkreter, wie vermittelter, als ich annahm)

Gestern notierte ich den Auftritt von Bernard-Henri Lévy im Syrienkrieg – Abteilung Kurdenkrieg – heute waren Boris Johnson und Jean-Marc Ayrault die Ersten, die eine „internationale Untersuchung“ forderten. Die russische Militärführung schweigt nicht, angesichts dessen, daß sie nichts zu sagen hat, nein, sie wäscht sich die Hände.

*

Zu Beginn des Monats ist es, als habe der Kriegsfluß ein sanft mäanderndes Hochtal verlassen und schieße nun über Schnellen in die Ebene, sich sein Bett zu graben. Ich müßte nun, dem Bild entsprechend, die Episoden aufzählen, die es tragen soll, aber dann käme ich mit dem Eintrag heut nicht zu Ende, also befleißige ich mich des schlechten Stils, gleich die Barrieren zu nennen, die gefallen sind.

Von der ersten war kürzlich schon die Rede, US-Military Community einigt sich auf Krieg gegen Teheran. Am Sonntag hat General Votel gegenüber der Presse nachgelegt und die (angeblich) 100 Tausend Mann schiitischer Milizen (PMU) „sehr Besorgnis erregend“ genannt.
Das Thema war im letzten Jahr, in der ersten Phase der Mosul-Operation, geklärt worden – so gut sie eben im Irak zu klären ist. Ich werde diesen Abschnitt nicht dokumentieren, das kostete mich viel zu viel Zeit, also nacherzählt:
Es gab eine Menge Berichte über „schiitische“ Massaker im Verlauf und Gefolge der ISIS-Operation, von denen viele, aber gewiß nicht alle gefaked waren. Etliche Fakes wurden enhüllt. Eher ist es anders herum, die Öffentlichkeit erfährt von Repressalien gegen die Zivilbevölkerung und standrechtlichen Exekutionen ausschließlich, wenn es möglich erscheint, sie Schiiten in die Schuhe zu schieben.
Die Kommandeure der Milizen sind später von der Armee vergattert worden, einige wurden gefeuert, und die verschiedenen Vereine unter dem Namen „PMU“ der Armee angegliedert. Mehr Unterstellung der PMU’s unter das militärische Oberkommando geht nicht – jedenfalls nicht, ohne sie aufzulösen, wonach der Bürgerkrieg augenblicklich los ginge.
Jetzt deutete Votel an, das US-Außenministerium dränge die irakische Regierung, die PMU’s einer „Nationalgarde“ zu unterstellen, d.h. für irakische Verhältnisse: einer Armee mit Sonderbefugnissen gegen Regierungsgegner, deren Mitglieder ihre Loyalität voraussichtlich damit zu beweisen hätten, angebliche schiitische Terroristen zu schlächtern.
Jetzt werden vielleicht einige von euch einwenden, wenn diese Geschichte so alt sei, könne Votels Gerede unmöglich die Bedeutung haben, die ich ihm zumesse. Falsch, denn es ist ein fundamentaler Unterschied, ob Unterkommandeure gemäß´Neigung und Auftrag eine Feindschaft aufmachen, und der Oberkommandeur läßt sie in Grenzen machen, die mit Aufforderungen zur Mäßigung und zur Konstruktivität abgesteckt werden, oder ob der Oberkommandeur gegenüber Auftraggeber und Öffentlichkeit eine Feindschaftserklärung gegen 100 Tausend Mann teilweise schwer kampferfahrene Truppen abgibt. Die PMU’s müssen ab sofort mit mindestens „irrtümlicher“ Massakrierung aus der Luft rechnen, wenn sie sich irgendwo exponieren.

Ich habe die Sache mit den Milizen auch deshalb erzählt, weil sie ein Teil des Kriegszusammenhangs mit der zweiten gefallenen Barriere ist, der Einigung zwischen PUK und KDP auf ein Unabhängigkeitsreferendum im laufenden Jahr.
Zunächst mal: Diese Einigung beruht nicht nur auf einer Freigabe, sondern auf Druck aus dem westlichen Ausland. Das weiß ich, weil ich aus den vergangenen Jahren die Widerstände gegen ein Referendum unter den gegebenen Umständen – nicht einmal zwingend gegen eine Unabhängigkeit, aber gegen das Referendum – in den Reihen der PUK-Anhänger und zahlreicher Peschmerga-Abteilungen kenne, deren Gründe heute nicht entfallen sind, sondern größeres Gewicht haben, nämlich in erster Linie das Fehlen eines Regierungs- und Verwaltungsapparates, der anders legitimiert wäre, als durch Dollarüberweisungen, bewaffnete Erpressungen und anderen Mafia-Methoden krimineller Turf – Bewirtschaftung.
Diese arg allgemeine Aussage gibt dennoch Anhalt, einen Teil des Zusammenhangs mit den PMU’s zu erklären. Ein Teil der Peschmergas steht in gelegentlich blutig ausartender Gegnerschaft zu anderen, die sie „iranhörig“ nennen. Dieser „iranhörige“ Teil ist nicht zufällig weitgehend mit denjenigen Peschmergas identisch, die sich einem innerkurdischen Krieg gegen die PKK in den Weg stellen, oder gar ein brüderliches Verhältnis zu den PKK-Anhängern und -Verbänden in der KRG pflegen. Über die iranische Grenze von Qandil hinweg pflegen PKK und diese Peschmergas ein professionell respektvolles Verhältnis, das in Genleman-Agreements über den im Iran eigentlich unter inoffizielle Todesstrafe gestellten Schmuggels befestigt ist. In zwischen Irak und KRG umstrittenen Gebieten Mosuls, Kirkuks und Sinjars gab es zudem kopfstarke schiitische Kommunen und eine Menge schiitisches Eigentum, das jetzt reklamiert wird. Ein Teil der Peschmergas, besonders im von der Türkei beanspruchten Sinjar, steht in kollegialem Verhältnis zu den PMU’s, denen die Rückkehr der schiitischen Flüchtlinge, auch gegen Widerstände sunnitischer Seilschaften, ein Anliegen ist.

Kurzum: Es gibt eine Schnittmenge zwischen Krieg gegen den Iran, Krieg gegen PKK und Krieg gegen die DFN, die „Demokratische Konföderation Nordsyrien“, die mit dem Unabhängigkeitsreferendum in der KRG an Gewicht gewinnt und mobilisiert wird.

Ein paar Worte noch zum Referendum selbst. Grundsätzlich will ich Interessierte einfach an die Expertin Denise Natali (INSS) verweisen, die seit Jahren im Auftrag von Leuten forscht, die Kurdistan gern zum mittelöstlichen Kriegsschauplatz machen würden, aber hoch professionell die Risiken und Nebenwirkungen auslotet, die das gegenwärtig hat, und auf dieser Basis seit Monaten unentwegt vor einem Referendum und vor der Unabhängigkeit der KRG warnt. Google bringt die Artikel auf den ersten Klick hoch. Abstrakt allgemein will ich dazu nur einen Punkt ergänzen. Ein katastrophaler und ökonomisch vernichtender Staatsgründungskrieg ist beim Übergang von vorbürgerlicher Herrschaft zu einer bürgerlichen Nation nur dann vermeidbar, wenn der militärische Teil der Transformation eine nur schwache territoriale Komponente hat, d.h., der Krieg vornehmlich um die Übernahme von Hierarchien geführt wird, die cum grano salis ein Gewaltmonopol bereits durchgesetzt haben, wie das etwa bei der Revolutionierung absolutistischer Monarchien der Fall ist. Das Gegenbeispiel ist der amerikanische Bürgerkrieg. In der KRG gibt es kein Gewaltmonopol und auch keine den Anforderungen eines Gewaltmonopols genügende technische und militärische Infrastruktur, sondern nur einen Burgfrieden mit dem Zweck, einen vernichtenden Krieg zu meiden. Dieser Friede wird mit dem Referendum aufgekündigt, obwohl die Beteiligten das nicht wollen. Wahrscheinlich rechnen sich die Akteure aus, daß internationaler Druck und die in der Gegend jederman lebhaft präsente Gefahr vernichtender ausländischer Einmischung den Burgfrieden über das Referendum und seine Folgen hinweg rettet, aber das wird schwerlich funktionieren, schon deshalb nicht, weil die internationalen Akteure rivalisieren.

Womit ich bei der Türkei wäre und mindestens drei weiteren Themen – doch für den Moment reicht es mir schon wieder. Vielleicht schreibe ich heut abend noch was und stelle es morgen früh ein, aber wahrscheinlich melde ich mich erst morgen abend wieder.

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