Nachlesen zum amerikanischen Cruise Missile-Überfall – Update 1

(Zum Update geht es hier lang)

Die chinesische „Haltung“ dazu sei „noch nicht ganz klar“ schrieb Florian Rötzer in einem bemerkenswerten Propagandaartikel, auf den ich unten noch in anderem Zusammenhang zurück kommen werde. Die Auskunft ist veraltet. Gestern war in der chinesischen „Global Times“ ein für chinesische Verhältnisse geradezu beißendes Editorial erschienen, in dem das tödliche Feuerwerk „überhastet“ und „unüberlegt“ genannt wurde. Heute ist es verschwunden. Xinhua hatte das Treffen zwischen Xi und Trump gestern den „Beginn einer wunderbaren Freundschaft“ genannt. Von der Spur Ironie, die darin enthalten gewesen sein mag, ließen die Texte dreier Artikel nichts übrig. Heute titelt „Global Times“: Xi, Trump pledge to expand win-win cooperation, manage differences. Im Text heißt es:

People-to-people exchanges remain a solid foundation for the China-US relationship, Xi said, vowing to promote bilateral cooperation in tourism, arts, sports and health care to further enhance the public support and boost ties.

Kurzum: Die chinesische Diplomatie vermeidet den Fehler, Trump ernst zu nehmen und behandelt ihn als den mechanisierten Grüßonkel, zu dem er sich mit der syrischen „Nummer“ für wesentliche Bestandteile der künftigen amerikanischen Außen- und Innenpolitik herab gesetzt hat. Das gelöschte Editorial verriet trotz, ja, gerade mit der vergleichsweise drastischen Ausdrucksweise, der Autor trachte die Leser meinen zu machen, die Angelegenheit sei beispielhaft für bescheuerte Verrenkungen, die Nicht-Chinesen auf ihren zwei Dritteln des Globus veranstalteten, und um die China sich nur im Einzelfall allzu schädlicher Rückwirkungen auf seine Beschaffungspolitik zu kümmern brauche.

Auch Offizielle der Hezbollah, Nasrallah eingeschlossen, vermieden es, Trump ernst zu nehmen. Die Aktion sei „dämlich“, „idiotisch“, hieß es da. Bashar al Assad sagte in seiner nerdischen Oberlehrer-Diktion dasselbe, „militärisch und politisch blind“.
Ihm kam es als einzigem Offiziellen zu – soweit ich gesehen habe – daran zu erinnern, der Überfall sei nicht „die erste direkte militärische“ US-Aktion im Syrienkrieg, wie die westlichen Kommentatoren sich unisono zu betonen beeilten, indem er an den gezielten „Irrtum“ eines blutigen Angriffes auf syrische Verteidiger gegen die Söldnerhorden des IS in Deir Ezzor im vergangenen September erinnerte. Die USA stünden an der Seite der Terroristen, Punkt, wie gehabt.

Die amerikanische Unterstützung für Al Qaida und IS, so weit und so lange sie nicht im Dienst konkurrierender türkischer und GCC-Agenden arabische und persische Affen schlachten, die bis vorgestern fast ausschließlich in imperialen Randpublikationen beworben wurde, findet nun anscheinend zunehmend Eingang in die Massenpresse. Zwei schlagende Beispiele dazu:

Pentagon probes possible Russian cover-up of Syria strike

Die Wa-Times ist – noch? – keine Massenpublikation, aber mit wenigen Abstrichen das Hausblatt der Donaldisten. Auch Reuters erwähnt, relativ am Rande, diese Eskalation, vermeidet es jedoch, Al Qaida und IS auf diesem Weg zu Proxies gegen Russland zu vereinnahmen. Kaum noch verschämt empfahl gestern der ehemalige Killary-Diplomat und jetzige Washington Institute – Councelor Dennis Ross in einem offenkundig vorbereiteten Artikel für die NYT, die Terrorgruppen als Druckmittel und Proxy-Armee gegen Russland und den Iran.

Diese publizistische Entwicklung reflektiert einerseits bloß die Wirk-lich-keit des Syrienkrieges (des Libyenkrieges, vor ihm des Afghanistan- und Jugoslawienkrieges und diverser False-Flag Operationen in den USA und Europa mit zusammen 10 Tausenden Opfern) doch andererseits nicht die Realität der aktuellen Politik des Weißen Hauses. Deren allgemeinsten Stand auf eine vernünftige Formel zu bringen, kam einem Meinungsartikel der Wa-Times zu: Trump’s unilateralism is the new nationalism

… more plausible, that the America-first proclaiming president was jabbing a finger in the direction of China, North Korea, Russia and Iran and sayimg: Listen up. The age of the U.S. turning the other cheek to aggression is over.
That can and perhaps should be seen as a nationalistic message, not a neoconservative, globalist statement of intent to turn those four countries into democracies.
That would be Trump the president staying true to Trump the candidate.

Präziser kann man die spezifische Dummheit der Donaldisten, die ich ihnen in der jetzt vollzogenen Konsequenz nicht hab zutrauen wollen, kaum zusammenfassen. In dieser Sentenz ist das schiere Dasein konkurrierender Souveräne auf dem Globus eine Aggression gegen „America“. Weniger scharf ausgesprochen ist das ein Gemeinplatz aller Diplomatie, ihr Lebensraum, die Wasser, in der all die Fische wuseln und springen. Die Dummheit liegt nicht in der Schärfe, mit welcher der vernichtende Charakter des Verhältnisses bürgerlicher Souveräne ausgesprochen wird, sondern darin, daß der Autor sich rundweg weigert, die Identität dieses Handlungsgrundes von „Globalisten“ und „Natioalisten“ (an) zu erkennen, obwohl sie in dem Spruch und seinem Anlaß direkt greifbar ist.
Um noch was allgemeines dazu zu sagen: Direkt greifbar ist der Widerspruch des metropolitären Daseins der USA besonders im Verhältnis zu China. Die USA – die Föderation – lebt ausschließlich vom Kredit, den ihr die gesamte Peripherie, einschließlich der untergeordneten Metropolen, eingeräumt und gewährt haben. Dieser Kredit ist ihr Lebensmittel – paradox, aber im Wolpertinger der politischen Ökonomie die Wirklichkeit und Wahrheit. Sie hat allerdings eine Nicklichkeit, die im Verhältnis der USA zu China, im Verhältnis der US-Schulden zu den chinesischen Schuldforderungen, scharf hervor tritt: Die USA haben nicht nur kein Monopol auf die Verwendung dieses Kredites, er ist ihr Lebensmittel nur als Abfallprodukt der Verwendung, die der Rest der Welt von diesem Kredit macht. Und das ist „alternativlos“, es ist genau die Weise, in welcher dieser Kredit Lebensmittel für das imperiale Zentrum ist, das die USA bleiben wollen und müssen, so lange es sich um eine kapitalistische Nation handelt.

Ich setze den Eintrag im Laufe des Tages fort.

(Fortsetzung)
Den Titel des vom Chefkorrespondenten der NYT am Weißen Haus verfaßten Artikels könnte man für einen späten und schlechten Aprilscherz halten: Syria Strike Puts U.S. Relationship With Russia at Risk . Tatsächlich ist er sehr ernst gemeint, wie Peter Baker et al für meine Begriffe überdeutlich machen. Sie klagen über die aus ihrer Sicht verpasste Gelegenheit, „die Russen“ anhand der False Flag Operation in Khan Sheikoun mit einem überlegteren militärpolitischen Vorgehen zu noch mehr Kooperation und – aus seiner Sicht – Devotion zu nötigen, als das im Zuge der Operation OIR schon geschehen ist. Er kann sich für diese Propaganda der verbalen russischen Reaktionen bedienen, die meine Leser kennen werden und auf die ich daher nicht näher eingehe. Ich hoffe, für diese Leser wird es sich auch fast von selbst verstehen, daß die „amerikanisch – russischen Beziehungen“ durch Trumps Dummheit verbessert, nämlich berechenbarer wurden. Baker – so absurd geht es in diesen Wahnwelten halt zu – präsentiert seinen Lesern ein Argument dafür aus dem Mund eines „Experten“:

“There will be many screams on the Russian television with people condemning the strikes, but everybody understands that this is just a symbolic act meant for Trump to look different from Obama,” said Vladimir Frolov, a foreign affairs analyst. “There won’t be any tangible reaction; this was a one-off strike.”

Das heißt freilich nicht, in Moskau neige man dazu, die US-Syrienpolitik als „Papiertiger“ zu sehen und zu behandeln, wie Baker es den Lesern zu Lasten Trumps nahe legen will, man weiß dort nur besser, woran man aktuell und konkret mit Trump ist. Deshalb ließ der Kreml der gestrigen Geste, mit der man das MoU zum militärischen „Deconflicting“ mit den US-Streitkräften kündigte, heute die Abschaltung des offiziellen Kommunikationskanals folgen. Inoffizielle Kanäle wird es weiter geben, man ist im Kreml nicht an echten Unfällen interessiert, aber OIR wird nun mindestens bis zum Moskau-Besuch Tillersons über dem Territorium Rest-Syriens die Füße stillhalten, um keinen Anlaß für russisch-amerikanische Scharmützel mit Personenschaden zu geben, auf die mancher russische Unteroffizier scharf sein dürfte.
Deshalb ist es, anders herum, besser nicht als Konzession mißzuverstehen, daß Baker so weit geht, mit OCHRA-Zitaten die Bedeutung der „Chemiewaffenopfer“ zu säkularisieren.

More than 130 civilians were killed and 170 injured in the same month in Raqqa, the center of the Islamic State — the vast majority in coalition airstrikes, said Ravina Shamdasani, a spokeswoman for the United Nations’ human rights office.

Kanzelpolitik mit militärischen Mitteln, die heiligen Blitz und Donner über angebliche Chemiewaffenfrevler bringt, ist dem Mann eine zu schmale Basis, um im MENA gründlich ‚dreinzuschlagen.

Das sieht Tillerson genau so:

 [The strike] is a response that we believe is both proportional and appropriate.  And as we said last night, we will monitor Syria’s response to that strike in terms of whether they attack our own forces or coalition forces, or whether we detect that they are considering mobilizing to take additional chemical weapons attacks.  And I’d say at this point the future will be guided by how we see their reaction. (Quelle)

Es ist an der Stelle darauf aufzumerken, wie Tillerson sich einer Redeweise befleißigt, die nicht ihm, sondern dem POTUS zusteht. Nicht Tillersons, des POTUS freizügiges Urteil bestimmt das Schicksal der von Gott für geringere Aufgaben und Rollen Erwählten. Die alte außenpolitische Hierarchie zwischen Weißem Haus und DoS, mit Killary als un-heimlicher Regentin, deren Kohorten Obama wiederholt vergeblich anging – die Absage des Vernichtungsschlages gegen Damaskus 2013 und die Ermutigung der russischen Intervention waren die Erfolge, die, wie man jetzt sieht, nur temporär durchschlugen – scheint wieder her gestellt.

(Ich muß schon wieder abbrechen, Fortsetzung folgt)

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2 Antworten zu Nachlesen zum amerikanischen Cruise Missile-Überfall – Update 1

  1. tgarner9 schreibt:

    Zur Fortsetzung komme ich erst morgen, es kommt auch immer mehr hinzu. Nur zwei Phänomene will ich rasch einwerfen:
    Iraqi Shiite cleric Sadr urges Assad to step down
    http://www.france24.com/en/20170408-iraqi-shiite-cleric-sadr-urges-assad-step-down?ref=tw
    Sadr wurde offenbar überzeugt, daß eine drastische Syrienintervention binnen weniger Monate, vielleicht Wochen bevor steht (und das kann unter den gg. Umständen nur eine israelische sein), ein anderes Motiv für diesen Vorstoß kommt mir nicht in den Sinn. Natürlich kann es gut sein, daß er einer Desinformation aufsitzt, aber dann wäre das eine, die in sehr exklusivem Kreis zirkuliert wird.

    Bret Stephens, Foreign Affairs Columnist, Deputy Editorial Page Editor, The Wall Street Journal, ist eine der Ratten, die jetzt in hellem Tageslicht die Washingtoner Gassen bevölkern.

    lest getrost mal seine Zwitscher aus den letzten Tagen und werft einen Blick auf die Antworten.

    Morgen gehts weiter, so mein Blinddarm es zuläßt, der auf meine alten Tage offenbar zu desertieren beliebt.

    Gefällt 1 Person

  2. Pingback: Fazit zum Cruise Missile – Angriff auf Syrien | Themen & Essays

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