Rojava – Update April ’17

Den – allzu wenigen – Lesern meiner Rojava-Einträge schulde ich eine angekündigte Fortsetzung.

Vor drei Wochen hatte ich mich hier und hier vorsichtig optimistisch zu der Frage geäußert, inwieweit die kurdischen Sozialrevolutionäre ihr antipatriarchal-kommunitaristisches Konzept in einem absehbar dauerhaften Kriegszustand erhalten und vielleicht gar ausbauen können. Türkische (aber auch amerikanische und britische) Störmanöver schienen mir wenig erfolgversprechend. Doch dabei machte ich den schweren Fehler, einen militärstrategischen Gesichtspunkt außer Acht zu lassen, der einen Ortsnamen hat: Tabqa und seine Talsperre.

Nach übereinstimmender Quellenlage hat CENTCOM begonnen, den ehemaligen Luftwaffenstützpunkt Syriens auf der südlichen Seite der Talsperre zu restaurieren und in Besitz zu nehmen. Zum kürzlich erwähnten Debka-Hoax (Tabqa solle Incirlic ersetzen) und damit verbundenen Themen komme ich in späteren Einträgen. Hier geht es mir um die absehbaren ökonomischen und politischen Folgen einer ausgebauten, regulären US-Basis an diesem Ort. Konsultiert dazu bitte die Karte des Gebietes.
Die Basis kontrolliert die Autostraßen nach Aleppo und Al Hama und damit den Hauptzugang nach Deir Ezzor. Nördlich des Euphrat Dammes, auf 125km Luftlinie, gibt es nur den von der Türkei blockierten Damm bei Jarabulus und den Tishreen-Damm nach Manbij mit einer geringen verkehrstechnischen Kapazität, deren Nutzung für Rojava die Imperiumskrieger leicht unterbinden können, indem sie drohen, eine türkische Eroberung zuzulassen.
Wenngleich ich über so gut wie keine konkreten Informationen verfüge, kann ich getrost behaupten, der Euphrat – Damm hat seine Funktion für den regionalen Güterverkehr zur Zeit der ISIS – Besetzung in erheblichem Umfang erfüllt. Ein klarer Anhaltspunkt dazu sind die in den vergangenen Jahren gelegentlich hoch gekochten Gentleman-Agreements zwischen YPG’s, ISIL und anderen Imperiumssöldnern, und der SAA zu Öl- und Benzinlieferungen aus den umstrittenen Fördergebieten Nordostsyriens. Alle brauchten den Stoff und alle waren militärisch imstande, Förderung, lokale Weiterverarbeitung und Transport strichweise nachhaltig zu stören oder zu unterbinden. Die Hauptmasse ging in die Türkei – andernfalls wären Lieferungen aus den militärisch unumstrittenen Gebieten einfach komplett über die KRG abgewickelt worden – das Übrige an Rojava und Restsyrien.
Die US-Truppen haben im Unterschied zu ihren Söldnerhorden keine lokale und regionale ökonomische Anbindung, sie agieren als eine planetare Besatzungsmacht, wo immer sie eine Luftbrücke einrichten können, weil US-Basen für alle anderen Militärmächte tabu sind.
Irreguläre Truppen – an deren Aktionen kein staatlicher Souverän zu binden ist – können US-Basen angreifen, so sie über die Kraft verfügen (im Irak und Afghanistan geschieht das zuweilen), oder deren Wirkungsgrad auf Lufteinsätze beschränken, indem sie ihnen das Umland streitig oder teuer machen. Im Falle des in den letzten Wochen ausgebauten Flugfeldes bei Kobane wäre das mit hoher Wahrscheinlichkeit möglich, nicht aber für eine Tabqa-Basis südlich des Euphrat!

Diese fatale Entwicklung hatte ich nicht voraus gesehen. Eine US-Basis in Tabqa machte, im Zusammenwirken mit der Blockade durch die Türkei und die KRG, welche beide auch auf Sindschar auszudehnen versprechen,  auf militärischer und ökonomischer Ebene eine Eigenstaatlichkeit Nordsyriens zu einer Realität, auch gegen den Willen und das Handeln der auf diese Weise Isolierten.  Hinzu kommt, daß CENTCOM sich eine militärpolitische Oberhoheit über eine in Raqqa zu ermächtigende Lokaladministration schon angemaßt hat, mit Zustimmung der SDF, für die das eine unzumutbare Last und Zerreißprobe würde.

Einer solchen Befestigung der Aufteilung Syriens in imperiale Gouvernemente steht die Operation Raqqa – hoffentlich – noch im Wege, weil – hoffentlich – ein nichtöffentlicher Widerstand der kurdischen Sozialrevolutionäre die Umsetzung behindert. Eine Militärbasis Tabqa ist andererseits eine gewaltige Ermutigung für die von der Türkei für einen Rojava – Krieg umworbenen Araber der Region. Gemischte Signale in den Verlautbarungen örtlicher Kriegsherren – damit sind in erster Linie Offiziere der OIR gemeint! – lassen vermuten, daß es eine nicht unbedeutende Auseinandersetzung in den Reihen der „himmlischen“ Truppen um dieses Thema gibt, aber das ist, fürchte ich, nicht von Belang, denn am Ende wird nur zählen, welche Version den amerikanischen „Raumsoldaten“ den größten Machtzuwachs verspricht, und die Antwort fällt eindeutig zugunsten einer Militärbasis Tabqa aus.

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Antworten zu Rojava – Update April ’17

  1. tgarner9 schreibt:

    Apropos „Raumsoldaten“. Ein EU-NATO-Verbund, unter Führung von Leuten wie Carl Bildt und Jori Avonen, hat still und heimlich eine transnationale „GeStaPo“ in Europa etabliert, soweit ich bei kurzem Überfliegen der Texte feststellen kann, die ich hier einfach mal abkippe.
    http://statewatch.org/news/2016/jul/eu-com-countering-hybrid-threats-playbook-swd-227-16.pdf
    http://eur-lex.europa.eu/legal-content/en/TXT/?uri=CELEX%3A52016JC0018

    Gefällt mir

  2. Ein Sheeple schreibt:

    Selbst ohne Flugfeld Südlich des Euphrat hätte Raqqa bei Eroberung eine ähnliche Funktion erfüllen können. Leider hat sich deine Prophezeiung aus den Heise Foren wieder bewahrheitet. Eine Aufteilung scheint mittlerweile unvermeidlich. Ebenso wie der Streit mit Barzani.
    Und ich bleibe bei meiner Aussage. Russland muss das um jeden Preis verhindern ansonsten werden sie von dort aus den Iran unter Druck setzen und schlussendlich Russland extrem hohe Kosten aufbürden. Russland muss quasi eskalieren um die USA noch raus drängen zu können, aber so wies aussieht schafft die USA das von alleine. Mal sehen wie weit sie die Türken treiben können. Das quasi völlig stillhalten Israels macht mir aber immer noch Kopfzerbrechen. Wenn sie in Tel aviv Realisten sind würden sie einfach an den derzeitigen Grenzen festhalten und die Palis einfach vertreiben. Wohin wäre dann auch egal.

    Und die Deka Meldung ist gar nicht mal so sehr ein Hoax sondern eher ein „USA setzen die Flughäfen in Betrieb“ Das sie von dort nicht im selben Maße rumbomben wie in ircilik ist dabei unerheblich. Es zeigt nur an „Die Amis brauchen die Türken nicht, man könnte Erdogan zum Abschuß freigegeben.“ Ich denke das ist auch der eigentliche Inhalt der Hoax Meldung. Das es ein Hoax ist stimme ich dir allerdings zu, in den US Primärquellen finde ich nämlich nix dazu.
    Warum auch, soll es doch nur ein Kommentar an das entsprechende Netzwerke sein.

    Russland könnte sich hier mit einer Robusten Abfang Aktion der nächsten Tomahawksalve hervortun. Ich halte die S400 System dazu durch aus in der Lage. Einfach um klar zu machen das die USA doch jetzt bitte woanders spielen gehen sollen. Norkorea bietet sich da an, da darf dann auch China mitspielen. Alle drei haben sich ja schon um die Koreanische Halbinsel versammelt.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s