… und eine zusätzliche Bemerkung

Bevor ich zu Details der russisch-amerikanischen Konsultationen komme, eine Anschlußbemerkung an diesen Eintrag.

Mancher Leser wird gedacht haben, es sei „over the top“, die diplomatischen Verkehrsformen zwischen kapitalistischen Nationen sämtlich „militärisch erzwungen“ zu nennen, schließlich hätte ich selbst ein gemeinsames Interesse der Souveräne benannt – Interesse am gedeihlichen Fortgang der Geschäfte. Der Einwand taugt nicht, aber er ist nicht ausschließlich verkehrt. Zunächst zu dem, was verkehrt ist.

  1. Der Zweck des Interesses, das ich angegeben habe, ist negativ: Vermeidung von zerstörerischen, gar vernichtenden Folgen der Kollisionen, die kapitalistischen Nationen aus ihrem friedlichen Verkehr erwachsen. In dieser Bestimmung ist Drohung mit militärischen Konsequenzen und deren fallweise Umsetzung enthalten. Ergo:
    a) Leugnet jemand, daß Kriegführung überhaupt ein Mittel im Verkehr kapitalistischer Nationen ist, worüber reden wir dann?
    b) Stellt jemand sich auf den Standpunkt, die Kriegsgründe und -ziele erwüchsen nicht dem Dasein dieser Nationen, d.h. ihren Daseinsgründen und folglich den Zwecken, die sich die Staatsführungen setzen (ihrem Begriff), sondern kämen von außen in ihren Verkehr hinein („Das Böse“, „Das Menschliche“), unterschreibt er, was ich sage, wandelt nur mein sachliches Urteil über die Welt der Nationen in ein moralisches Urteil über die handelnden Figuren um.
  2. Macht ein Kritiker meiner Diagnose den unter 1b angegebenen Übergang nicht – bzw. tut es doch, legt sich aber keine Rechenschaft darüber – dann stellt er die abstrakte „Gemeinsamkeit“ eines negativen „Interesses“ gegen die konkreten Gehalte der Interessen, die Staaten mit- und gegeneinander verhandeln – er konstruiert eine ideelle Wahnwelt.

Nun zum Richtigen des Einwandes.
Am Punkt 2 erkennt man sogleich, die ideelle Wahnwelt hat eine Realität im diplomatischen Verkehr, es ist eine Lebenslüge der Diplomatie von Gewicht. Ich habe dieser Realität oben Rechnung getragen, indem ich zwischen „Nationen“ und „Staatsführungen“ geschieden habe. Die Staatsführungen verleihen der Verleugnung der unauflöslichen Gegensätze zwischen ihnen im diplomatischen Verkehr auf mehr oder minder rechtschaffene Weise eine Wirk-lich-keit, und sie sind schließlich die handelnden, in diesem Sinne einzig realen Subjekte.
Doch sobald die Haltbarkeit dieser Wahnwelt in Frage steht, pflegen die Staatsführungen ein Subjekt zu berufen, das aus der Sicht ihrer Wahnwelt ideell und wahnhaft ist, aber nicht sein soll und darf: Die Nation.
An dem Übergang, den sie damit machen, kann man erkennen, was die Wahrheit des Zusammenhanges ist: Die Nationen sind die realen, weil gewaltsam, militärisch zur Wirk-lich-keit gebrachten Subjekte im zwischenstaatlichen Verkehr. Die Nation ist das Ensemble der Herrschaft einer souveränen Gewalt über ein Territorium, dessen Insassen auf kapitalistische Produktionsweise festgelegt sind. Dies „Ensemble“ ist eine Fiktion, aber eine militärisch gültig und wirksam gemachte Fiktion. Die Klammer, die sie zusammenhält, ist der Form nach die Militär- und Polizeimacht des staatlichen Gewaltmonopols, der Sache nach jedoch der Zusammenhang der kapitalistischen Produktionsweise und der Gesetzlichkeit, die nötig ist, sie aufrecht zu halten, nötig, Territorium UND Staat zu reproduzieren. Nachdem die Redeweise von „Globalisierung“ durchgesetzt ist, brauche ich hoffentlich nicht daran zu erinnern, daß das „Ensemble“ nicht nur im Binnenverhältnis, auch im Außenverhältnis der Nation fiktiv ist.
Der Gattungsname für das Trumm namens Nation und andere, gleichartige „Trümmer“ ist „Realabstraktion“.

So, nach diesen Vorbemerkungen komme ich in einem dritten Eintrag – wahrscheinlch morgen – hoffentlich zur Besprechung der konkreten Vorgängen in Moskau und ‚drum herum.

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