Russisch-amerikanische Konsultationen, Teil 3

(Teil1, Teil2)

Nehmt aus den ersten Teilen bitte hier herüber, was ich über die Realabstraktionen im zwischenstaatlichen Verkehr geschrieben habe. Kurz zusammen gefaßt:

Bevor die Generäle die Waffen sprechen lassen, handeln zwei Arten von Subjekten. Reale Subjekte, die Staatswesen, die einander eine eine fiktive Welt nichtmilitärischer Verkehrsformen geltend machen, und fiktive Subjekte, die Nationen, denen die Beteiligten mit ihren Handlungen auf der Ebene der fiktiven Welt Geltung zu verschaffen suchen, bis hin zu einem Punkt, an dem sie eine der Fiktionen der anderen opfern müssen, weil sie sich nicht länger beide zugleich aufrecht halten lassen. Entweder wird die Nation der Diplomatie geopfert, oder die Diplomatie der Nation.

Der Begriff der Veranstaltung, ich hatte es schon gesagt, heißt schlicht Krieg, weshalb bis heute die Umschreibung gültig ist, die Marcus Tullius Cicero davon gegeben hat: Si vis pacem, para bellum. Die Umschreibung verläßt die Ebene der Realabstraktionen so wenig, wie Souveräne in einer nationalen Welt es tun: Beide Arten der Opferung sind und bleiben ebenfalls fiktiv. Zumindest bis 9/11 – es könnte darüber gestritten werden, ob auch hernach noch – hieß die Normalform des Opfers einer Nation ebenso lustiger- wie bezeichnenderweise „Realpolitik“.  Die Nation wird neu erfunden, nicht einem Waffengang in der Hoffnung geopfert, sie werde sich aus ihm neu erheben, wie Phönix aus der Asche 1.

Endlich zur Sache

In Lucca, Italien, wenige Stunden vor seiner Moskaureise, beantwortete Rex Tillerson eine Journalistenfrage wie folgt:

I think it’s also worth thinking about Russia has really aligned itself with the Assad regime, the Iranians, and Hizballah. Is that a – is that a long-term alliance that serves Russia’s interest, or would Russia prefer to realign with the United States, with other Western countries and Middle East countries who are seeking to resolve the Syrian crisis? (…) We want to create a future for Syria that is stable and secure. And so Russia can be a part of that future and play an important role, or Russia can maintain its alliance with this group, which we believe is not going to serve Russia’s interest longer-term. But only Russia can answer that question.

Ich halte es für nützlich, nachzuzeichnen, wie die westliche Presse mit diesen Sätzen umging.
Die Leitlinie gab AP aus (unter dem Link findet sich auch ein Video, für das ihr euch ausnahmsweise die Zeit nehmen solltet, weil es den nackten Aussagen Tillersons ein wenig vom „diplomatischen Geist“ hinzufügt, in dem sie getätigt wurden):

Tillerson said on Tuesday Russia must choose between aligning itself with the U.S. and like-minded countries, or embracing embattled Syrian leader Bashar Assad, Iran and militant group Hezbollah. (April 11)

Ich gehe schrittweise vor und stelle erst einmal fest, die Paraphrase „like-minded countries“ ist eine mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit unbewußte Fälschung. Tillerson hatte nicht die Amerikanische Nation berufen, sondern das amerikanische und andere Staatswesen nebst einem Ziel, das diese teilen sollen, eine „stabile Zukunft Syriens„.
Das zionistische Ynet weist seine Meldung als AP-Text aus – läßt aber etwas wesentliches weg.

Tillerson says Russia must choose between aligning itself with the US and likeminded countries or embracing Syrian President Bashar Assad, Iran and the militant group Hezbollah.

Es hat „embattled Syrian leader“ gestrichen aber der Hezbollah das Attribut „militant goup“ belassen, als sei das für Ynet-Leser nötig. Macht euch bitte klar, daß die Summe der Fälschungen Tillersons Aussage komplett ändert: Ihr expliziter Gegenstand, Befriedung Syriens, ist ersetzt durch War On Terra und die in Tillersons Rede zweifellos enthaltene Drohung lautet in dieser Fassung, Russland werde in zu den Schurkenstaaten gerechnet und damit direktes Kriegsziel, wenn es nicht gehorche.

Ein besonderer Fall ist, wie so oft, mein „Freund“ Wladimir van Wilgenburg. Bis etwa Ende 2012 war der ehemalige (?) Stipendiat der CIA-Stiftung „Jamestown Foundation“ einer der militantesten und häßlichsten Scharfmacher des Söldnerkrieges gegen Syrien, auch und besonders seiner Erweiterung in einen „Kurdenkrieg“ gegen die Sozialrevolutionäre Rojavas. Dieser Separatkrieg wurde Anfang ’13 abgesagt und etwa Mitte des Jahres war van Wilgenburg zum „unabhängigen Journalisten“ geworden, der nicht mehr für den türkischen Freundeskreis der CIA schrieb, der Rudaw.net betrieb – und mit realpolitischen Anpassungen wohl noch betreibt – sondern eine eigene, Rojava-freundlich publizierende Agentur aufmachte. Über die Jahre gelang es Wladimir auch mich von einem Sinneswandel zu überzeugen … und zu täuschen. Seit einigen Wochen – wenn auch etwas schwankend – wird deutlich, daß van Wilgenburg undercover unterwegs war, er hält es zunehmend offen mit den türkischen und kurdischen Feinden der Sozialrevolutionäre. Wladimir titelte: Russia should choose between Assad and the US: Tillerson. Einerseits paraphrasiert das die schon aufgezeigte AP-Fälschung, doch das „should“ schwächt sie „political correct“ ab, die Aussage Tillersons verliert in dieser Fassung etwas von dem ultimativen Charakter, den AP ihr verlieh und den die Daily Mail in einem inzwischen gelöschten, andernorts noch kolportierten Titel akzentuierte: Russia told to choose between Assad and the US.
Doch was finden wir in Wladimirs Text?

Tillerson says Russia must choose between aligning itself with the US and likeminded countries or embracing Syrian President Bashar Assad, Iran and the militant group Hezbollah.

Die zionistische Fälschung.

Die Daily Mail zählte zu den Organen, die Tillersons Worten umstandslos das Etikett „Ultimatum“ verliehen haben. Für diese Abteilung wähle ich aber einen ausführlicheren Text:

Tillerson arrived in Moscow with an ultimatum for Russia … it wasn’t clear what the punishment would be for a Russian government that … (blablawuffwuff) … Putin immediately showed that he wouldn’t back down … Tillerson carried a unified message from world powers to Moskow denouncing Russias support for Syria and taking up Americas traditional role as leader of the west … The G7-Group of Nations has failed to reach an agreement over threatening new sanctions against Russia and Syria over last week’s chemical attack.

Bevor ich zu dem russischen Umgang mit dem Ultimatum komme – Ultimatum? ist es denn eines und wenn ja, wie ist es beschaffen? – mache ich eine Pause und setze in einem vierten Teil fort.


  1. Diese höchst praktische Dialektik von Nationalisten beantwortet nahezu vollständig eine Frage, die in Deutschland immer wieder neu gestellt wurde: Warum haben es die deutschen Eliten vor dem Dritten Reich und in ihm so weit kommen lassen? Und nicht nur die Eliten: Wie kam es zu der angeblichen oder wirklichen „Nibelungentreue“ des „deutschen Volkes“ zu ihrem Führer?
    Die Antwort ist in einem Spruch populär geworden: „Genieße den Krieg, der Frieden wird fürchterlich“. Merkt ihr, wie nazistisch dieser Spruch ist? Es ist die Wiederholung eines Mottos, unter dem die Nationalsozialisten für den Krieg geworben, ihn vorbereitet und schließlich begonnen haben, unter den Bedingungen der unvermeidlichen Niederlage. Die Art der Niederlage „bewies“ den Nationalisten, die deutsche Nation sei derart daneben, daß sie nicht nur verdiene, restlos unter zu gehen, es müsse auch geschehen, um … ja, genau.
    Vor der Niederlage lautete dasselbe, dieselbe Fiktion, dieselbe Realabstraktion, die Welt (der Nationen) sei derart „verkehrt“, daß es einer Nation, die „richtig“ werden – und bleiben solle, soweit sie es noch sei – nicht nur anstehe, sondern zukomme, sie zu zerstören.
    Vergleicht das bitte mal mit Ralph Peters gar nicht so langem Text „Constant Conflict„, auf den ich neulich schon verwiesen habe. Vielleicht schwant euch dann, warum dies Produkt eines scheinbar wenig bedeutenden „Gefreiten“ so bezeichnend für den laufenden Weltkrieg ist.
    Und übrigens: Das mit der Nibelungentreue stimmt. Dasselbe Motiv behandelt die Legende im Verhältnis von Volker und Hagen. 
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