Russisch-amerikanische Konsultationen, Teil 4

Tillersons Formulierungen vor der Presse im Vorfeld der Gespräche, deren ultimative Diktion nicht von ihm selbst, sondern leitenden Presseorganen zugespitzt wurde, wie ich im letzten Teil demonstriert habe, wurden auch in Moskau als Ultimatum wahr genommen. Maria Zakharova wies es mit aller diplomatischen Schärfe zurück und fügte spitzzüngig hinzu:

It seems to me that everyone has already understood that it is useless to travel to us with ultimatums, it is simply counterproductive

Die Zurückweisung selbst kann ich euch in der russischen Auslandspresse nicht mehr zeigen. Sie war in dem TASS-Artikel enthalten, aus dem ich in Teil 1 zitiert hatte … und wurde irgendwann am 13.4. aus ihm gelöscht! Eurasiadiary erzählt von der Geschichte der Löschung, die ich von einem anderen TASS-Artikel kenne, der ebenfalls gelöscht oder verschoben worden ist. Irgend jemand hat Zakharova zu einem späteren Öffentlichkeitstermin gefragt, ob sie Tillersons Worte wirklich und ernsthaft ein Ultimatum heißen wolle und sie antwortete:

… that she does not think that such statement  is an ultimatum. „I see it as a political statement, as a show of muscle before the talks. It quite fits into Washington’s approaches, under many administrations, I think, to the beginning of a negotiating process“

„Political“ ist hier mit „parteipolitisch“ zu übersetzen 1.
Was uns bewegen sollt, klar und unzweideutig zu urteilen. Hat Tillerson ein Ultimatum gestellt oder nicht? Ausgeliefert hat er Ultimaten anderer Herkunft gewiß, wie wir gesehen haben. Britische Ultimaten, zionistische Ultimaten, Golfstaaten-Ultimaten, und wenn ich weiter gesucht hätte, dürfte ich auch polnische und schwedische Ultimaten gefunden haben, erst recht ukrainische Ultimaten, die besondere Schärfen haben … doch Tillerson selbst? Ich zitiere noch mal:

I think it’s also worth thinking about Russia has really aligned itself with the Assad regime, the Iranians, and Hizballah. Is that a – is that a long-term alliance that serves Russia’s interest, or would Russia prefer to realign with the United States, with other Western countries and Middle East countries who are seeking to resolve the Syrian crisis? (…) We want to create a future for Syria that is stable and secure. And so Russia can be a part of that future and play an important role, or Russia can maintain its alliance with this group, which we believe is not going to serve Russia’s interest longer-term.

Nein, das ist gewiß kein Ultimatum, sondern ein diplomatischer Ratschlag. Klar, diplomatische Ratschläge haben in einer Hinsicht immer und überall den Charakter von Ultimaten, ihr Stoff ist potentielle und reale militärische Gewaltausübung, es handelt sich immer um Verweise auf wirksame Erpressungsmanöver. Aber nach diesem theoretischen Urteil war an der Stelle nicht gefragt. Also kein Ultimatum. Doch halt – es folgte noch ein weiterer Satz:

… But only Russia can answer that question.

Ca y est! Das ist das Ultimatum. Die vollständige Aussage kann und muß ein intellektuell redlicher Mensch nun wie folgt paraphrasieren: „Wir haben eine Vision zu Syrien, die wir mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln zu verwirklichen entschlossen sind, und wir werden sie umsetzen, darüber gibt es nichts zu reden oder zu verhandeln. Wir werden gewinnen und es wird Verlierer geben, große Verlierer, große Verluste. IRAN! Will Russland zu den Verlierern zählen? DAS hat Russland zu entscheiden, NICHTS SONST“.

Wir haben jedoch fest zu halten, Tillersons Ultimatum ist nicht dasjenige, was die im letzten Teil zitierten Presseorgane und die politischen Kräfte hinter ihnen daraus gemacht haben. Es ist keine Paraphrase des Weltkriegs-Ultimatums, das George W. Bush über die nationale Welt verhängte, das gültig gehalten wurde und je nach Anlaß in Gestalt einer Unterströmung oder eines Oberwassers alle Vorgänge im Imperium mindestens färbt und texturiert, wenn nicht bestimmt: Either you are with us, or the terrorists.
Es ist auch nicht die Paraphrase eines Ultimatums, das Ronald Reagan dem Globus stellte und das George W. im Grunde nur neu aufgelegt und aktualisiert hat: Wir stehen in einem Endkampf gegen das Reich des Bösen und wir werden ihn gewinnen, or else …

Ist das so zu verstehen, daß zumindest aktuell nicht die USA, sondern die Zionisten, die Briten, die sunnitischen Golfherrscher die Einpeitscher des Krieges sind, die Wahn – Sinnigen, die Ansprüche stellen, über welche „die Welt in Trümmer fallen“ soll, wenn sie ihnen nicht erfüllt werden?
Dazu ist erstens zu sagen, daß Tillersons Ultimatum zwar den Worten nach schwächer ausfiel, aber mit einer Gebärde ausgeliefert wurde, über welche die anderen Player nicht verfügen – jedenfalls noch nicht: 59 Cruise Missiles auf syrisches Territorium nebst dem Hackfleisch, das die US-Navy mit ihnen aufgetischt hat.  Das ist allerdings eine Versuchung für die Minderbemittelten, zum Ausgleich das Maul weit aufzureißen.

Zynismus beiseite, diese 59 CM’s machen den ganzen und einzigen Unterschied zwischen Kerry und Tillerson, das gedenke ich im nächsten Teil nach zu zeichnen.
Denn Leute, das persönliche Wort gestatte ich mir, diese Blogeinträge sind für mich harte, zehrende Sklavenarbeit weil sie für nichts von Belang sind. Nach allem, was ich wissen kann, auch nicht für jemanden. Sie zu schreiben ist die Daseinsweise, die mir nach den Zerstörungswerken der jüngeren Geschichte geblieben ist. Da ist fast keine Lust an der Betätigung meiner Kräfte übrig.  Also, erneut, Pause.


  1. Ein analoges Schicksal hatten Putins Äußerungen auf einer Pressekonferenz in Italien. Die internationale Presse zitierte ihn mit den Worten, der angebliche syrische CW-Angriff sei eine Provokation, eine False-Flag-Attacke (wörtlich) gewesen. Anläßlich einer späteren Pressekonferenz im Rahmen eines CSTO-Treffens fragte jemand Putin, ob er denn wirklich und ernstlich … Putin antwortete sinngemäß und vermutlich ziemlich spitz, er könne sich nicht erinnern, das gesagt zu haben, wie hätte er das auch tun sollen, er sei nicht vor Ort gewesen und eine taugliche Untersuchung stehe aus. Er habe vielmehr aus den verfügbaren Informationen geschlossen, es habe sich wohl um eine Provokation gehandelt. So viel zum Thema, was Realabstraktionen dem Verstand derer antun, die mit ihnen umgehen (müssen). Zur Sonderstellung Putins auf dem diplomatischen Parkett, die ihn hin und wieder Sachverhalte ansprechen und Aussagen treffen lassen, die für andere seines Ranges – und einige Ränge tiefer auch – tabu sind, sage ich später noch etwas. 
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