Türkei – „Wir werden unsern Kampf gegen innere und äußere Feinde ausweiten“

So kommentierte, der NYT zufolge, Premier Yilderim den Ausgang des Referendums.

Das Blatt nennt das Ergebnis „für viele überraschend knapp„, die eine durchschlagende und die Putschregierung Erdogan befriedigende Wirkung der sogenannten „Einschüchterungskampagne“ erwartet hatten. In der Tat zeigt das offizielle Ergebnis, das „Yes“-Lager hat sich im Westen des Landes und insbesondere den großen Städten Istanbul, Ankara, Izmir nicht getraut, das Votum in einem Umfang zu beeinflussen und zu fälschen, der es dem Wunschresultat von 60%  näher gebracht hätte.  So viel zu meinem Geschwätz von der „Demoralisierung“ des Widerstandes gegen die Führerdiktatur.

Gegen diese Diktatur bezog die NYT im Vergleich der Nachrichten und Kommentare in der klassischen staatsnahen Presse, die ich gelesen habe (Reuters, BBC, FAZ, Figaro), die klarste Position, verzichtete jedoch auffällig auf Winke mit dem Zaunpfahl eines unterstützungswürdigen „türkischen Frühlings“, deren Reuters und Bloomberg sich nicht entschlugen. Der „Figaro“, der sich einer Anstiftung zum Unfrieden enthielt, stand gleichwohl allein mit dem sachlichen Hinweis, das „Ende der türkischen Republik“ (SPON) sei mit dem Referendum nicht besiegelt, diese Entscheidung stünde erst mit der für 2019 vorgesehenen Wahl an. Die Ankündigung Yilderims zeigt, im Führerhauptquartier ist man sich dessen wohl bewußt.

Wer Zeit zu erübrigen hat, mag zwecks Studium des Zeitgeistes einen elend langen Artikel im NYT-Magazine vom 13.4. immerhin durchblättern. Es ist ein literatisches Produkt, davon sollte man angesichts des Stils in der Tradition von Readers Digest, Brigitte, Cosmopolitan, Frau im Spiegel, keine Abstriche machen. Mancher wird just ob dieses Stils überrascht sein, wie deutlich „antifaschistisch“ das Stück gehalten ist.
Doch vielleicht wird er auf einen zweiten Blick erkennen, dieser „Antifaschismus“ ist nur eine elitäre Version des volksnah gehaltenen Bekenntnisses zur Diktatur der Elite über das Volk, das SPON aus Anlaß des Referendums abgeliefert hat.

Die parlamentarische Demokratie in der Türkei hat fast hundert Jahre überdauert. Sie hat Staatsstreiche überstanden und Kriege. Nun ist sie untergegangen. Die Menschen (!) in der Türkei selbst (!!) haben sie beerdigt. (…) Die Abstimmung hätte niemals stattfinden dürfen – jedenfalls nicht in einem Land, das für sich beansprucht, eine Demokratie zu sein …

Die Türkei bräuchte das Gegenteil von Erdogan

… Die Opposition spricht von Betrug und hat bereits angekündigt, das Ergebnis anzufechten. Der Vorstoß … wird das Klima im Land weiter vergiften.

Die Türkei bräuchte in dieser Phase ihrer Geschichte einen Schlichter, einen Mann oder, noch besser, eine Frau, die die verschiedenen Gesellschaftsgruppen zusammenführt, die sich um Ausgleich bemüht und Spannungen abbaut. Das Land bräuchte, in anderen Worten, das Gegenteil von Erdogan.

Der Nannen-Absolvent und Journalistenpreisträger Maximilian Popp bietet auch eine Lösung für dieses Konundrum an – Mutti. Eine EU-Mutti soll’s richten, indem sie ihre „Hebel“ einsetzt, die Türkei zur Abkehr von Erdogan zu bewegen. Und siehe da – dies ist die Linie, die, mehr oder minder prononciert, die Artikel in FAZ, SPON, BBC und Figaro verbindet. Der häßliche Türke müsse und könne – vielleicht – irgendwie beiseite geschafft werden.

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3 Antworten zu Türkei – „Wir werden unsern Kampf gegen innere und äußere Feinde ausweiten“

  1. tgarner9 schreibt:

    Natürlich braucht die Bundesregierung die poppigen Ratschläge SPON’s (und BILD’s) nicht:

    Zitat:
    Die Bundesregierung nimmt das vorläufige Abstimmungsergebnis zur Kenntnis. Sie respektiert das Recht der türkischen Bürgerinnen und Bürger, über ihre eigene Verfassungsordnung zu entscheiden.
    (…)
    Der abschließenden Einschätzung der OSZE-Wahlbeobachter am heutigen Montag soll nicht vorgegriffen werden. Die Bundesregierung misst dieser Bewertung besondere Bedeutung bei. Der Leiter des OSZE-Büros für demokratische Institutionen und Menschenrechte, Michael Link, hatte bereits vergangene Woche Zweifel an der Gewährleistung fairer Bedingungen für das Referendum geäußert.
    Die Bundesregierung ruft in Erinnerung, dass die Venedig-Kommission des Europarats gravierende Bedenken sowohl hinsichtlich des Verfahrens als auch der Inhalte dieser Verfassungsreform geäußert hat. Als Mitglied des Europarats, der OSZE und als EU-Beitrittskandidat, der den Kriterien der EU von Kopenhagen zu Demokratie und Grundrechtsschutz verpflichtet ist, muss die türkische Regierung diesen Bedenken Rechnung tragen. Darüber müssen schnellstmöglich politische Gespräche mit der Türkei stattfinden…“

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  2. tgarner9 schreibt:

    Ein Kommentar von Faisal Al Yafai, dem Chefkolumnisten in „The National“ (UAE) flatterte mir ins Haus, den ich weitergeben will, weil es sich vom Standpunkt eines Demokraten um ein untadeliges Stück handelt:
    http://www.thenational.ae/opinion/comment/recep-tayyip-erdogan-is-destroying-democracy-from-within–and-he-is-not-the-only-one
    Es braucht sich vor keinem Edelfederprodukt aus der Hochzeit des antisowjetischen Demokratie-Idealismus verstecken.
    Und dennoch – streicht ihr die Ornamente weg, bleibt euch darin die **Baseline* von Maximilian Popp übrig. Der Unterschied: Popp schreibt populistisch für das Institut des Personenkultes in der Demokratie. Al Yafai schreibt elitär für die politische Kultur des „leading from behind“. In der Mutter- Vater- oder Onkelfigur würden sich die Beiden auch wieder einig, auf der Ebene des Führungspersonals und der Bebilderungen handelt es sich um den Unterschied zwischen Katholen und Evangelen …

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  3. tgarner9 schreibt:

    Der Brookings-Institution liegt daran, daß Erdogan im Syrien-, Irak- und Irankrieg weiter ‚dreinschlägt, dem Washington Institute liegt nicht daran. Das ist eine vollständige Synopsis.

    Vgl. dazu meinen jüngsten Eintrag.

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