Bemerkungen zur Abwicklung des Mythos vernünftiger Herrschaft

Diesen alten Blogeintrag krame ich hervor um mich in kommenden Einträgen darauf zu beziehen. Editierungen, die nicht stilistisch sind, habe ich in eckige Klammern gesetzt.

Nicht editiert habe ich die Schwachköpfigkeiten des Textes, die rundweg im absoluten Urteil über den im Titel angesprochenen Vorgang liegen. Der immanente Fehler daran ist dem Text gut zu entnehmen: Nachdem ich bemerkt hatte, daß und auf welche allgemeine Weise Mythologisierungen der Herrschaft Arbeitsprozesse i.e.S sind, war es Schwachsinn, ihnen genuin bürgerliche Attribute eines gegen diesen Arbeitsprozess abstrakt fest gehaltenen Geschichtsprozesses anzudichten, die der denunzierten Mythologisieung angehören. Ich halte da eine „Geschichte“ genauso über mir und gegen mich fest, wie das jeder bürgerliche Dödel tut. Geschichte, das bin in jedem wachen Augenblick ich selbst und jeder Dödel mit mir.

Der Grund und damit Notwendigkeit dieses Fehlers ist da auch schon greifbar – besonders in der Kommentarsektion – und deshalb ist er produktiv: Die individuelle Dekonstruktion schafft halt die materiellen Resultate der Mythologisierung nicht aus der Welt, der die gesellschaftlichen Diskurse nicht weniger zugehören, als das Blutvergießen. Der Wunsch, und in gewissem Umfang auch ein Glaube, es könne anders werden, gehört der mythologischen Arbeit selbst an, die ich im Text beschrieben habe, besonders der Abteilung, daß aktiv wie passiv Beteiligte der mindestens zerstörerischen, wenn nicht blutigen Anpassung der Herrschaftsausübung und ihrer Institute an die von ihnen selbst veränderten Grundlagen diskursiv voraus zu eilen suchen,  um ihr Vernichtungswerk und ihre Lasten wenigstens zu Teilen meiden oder gar erübrigen zu können.
Deshalb auch der zweite Fehler, das nicht semantisch, aber in Stil, Klage, Zorn, Wut kodierte Festhalten an den obsoleten Mustern und Figuren der Herrschaftsideologien, als handele es sich um Verluste. Es sind zweifellos individuelle Verluste, und das nicht nur in dem Sinne, daß Individuen die Verhältnisse – auch die mentalen – in denen sie sich irgendwie zu akkommodieren haben, um überleben zu dürfen und zu können, in einem minimalen Umfang als individuelle Besitzstände zu behandeln haben, in denen sie sich einrichten können, eine substanzielle Veränderung daher als Verluste empfinden müssen. Die Arbeitsleistungen, welche die Veränderungen Kritikern und Feinden der bürgerlichen Herrschaft abverlangen, werden mit fortschreitendem Alter mühsamer und langwieriger, nicht allein aus biologischen Gründen, sondern weil der Umfang dieser Arbeit wächst.

Doch das war nur eine Quelle des heillosen Zornes, der lodernden Wut, mit der ich den Text verfaßte, und in der Kommentarabteilung, die ich belassen habe, freiließ. Zu der habe ich nur zu sagen, daß ich nicht selten bedauere, sie nicht mehr aufzubringen, was gewiß nicht am Kriegsverlauf seit Mai 2011 liegt. Mein Leib bringt banal nicht mehr solche Hormonspiegel und -spitzen zustande.

Mai 2011

Selbst das Wall Street Journal ist sich nicht zu fein, die „Meldung“ zu verbreiten, „Gaddafi“ habe die Benzinlagertanks in Misurata nächtlich durch umgebaute Ernteflugzeuge in Flammen bomben lassen. Auf der ersten Seite und lediglich mit dem Hinweis versehen, die Information stamme von „Einwohnern“ der Stadt.

Muß ich dazu einem Menschen, der Hirn im Funktionsumfang eines Rabenvogels im Schädel hat, was sagen?
Wahrscheinlich.
Aber ich weigere mich!

Es gibt, habe ich den Eindruck, nur noch eine einzige Kommunikationsebene, die außerhalb halbbewußter Ausdeutung von Märchen, Mythen und Orakeln nackter militärischer Herrschaftsausübung arbeitet. Die Ausnahme spielt auf der Ebene Geld, Finanzwelt, und ist nur deshalb eine zu nennen, weil ihr Material eh ganz und gar im Reich der Wahnwelten angesiedelt ist.

Der Zustand ist erzwungen, ultimat, für jeden von uns, ein Entkommen gibt es nicht – behaupte ich.

Wenn beispielsweise die „Ehefrau“ von „Osama“ im Verhör „bekennen“ darf, „ihr Mann“ habe vor seiner Exekution noch „nach seiner Kalashnikow greifen“ wollen, dann ist das sehr wohl eine klare und deutliche Botschaft. Sie lautet: Wer hier irgendetwas anderes behauptet, als WIR, die militärische Exekutive, wer es wagt, an der Realität auch nur zu kratzen, die wir schaffen, der hat – zunächst metaphorisch gesprochen – fertig. So jemand ist auf der Ebene der Sinnschöpfung bereits des Todes und hat allenfalls eine Bewährungsfrist, zu widerrufen und sich zu beugen.
Ihr haltet die Aussage für verrückt? Für maßlos übertrieben, depressiv oder so? Na, lest mal zuende!

Erstmal: „Die Wahrheit“ der Ereignisse ist für meine Diagnose belanglos! Ich kann gewiß nicht ausschließen, der Mann, der Osama war oder sein sollte, habe „nach seiner Kalashnikow greifen“ wollen. Doch falls diese Absurdität geschehen sein sollte, dann gehört sie in die Klasse der Vorgänge, die vor dreißig Jahren in vergleichbarem Rahmen nie das Licht der Öffentlichkeit erblickt hätten. Allenfalls wären sie Jahre später in feuilletonistischen, belletristischen Bearbeitungen zur Erbauung des Publikums verwandt worden. Warum?
Weil die berichtete Geste, ihr mentaler Gehalt, ins Reich der Mythen gehört. [Sie gehört einer Klasse von Handlungen und Erzählungen an, die vor dreißig Jahren aus dem politischen Diskurs gebannt sein sollte. (Natürlich war das nie so, es handelt sich, siehe unten, um ein Ideal, das selbst in einem Mythos gründet)]

Nun wissen meine Leser, daß TomGard die Konzepte von „Objektivität“, „Wirklichkeit“, „Realität“ für mythologisch hält und den Begriff der Wahrheit, soweit  er von jenen Konzepten abgeleitet wird, erst recht. Was regt er sich also auf? Und was will er damit beweisen?

Das Motiv und vermittelt auch der (bedingt) haltbare Grund dafür, warum Geschichten wie die oben Zitierten vor dreißig Jahren zumindest in Europa keinen Nachrichtenrang gehabt hätten, lag in einem die Herrschaft klammernden Mythos, der von allen Beteiligten teils bewußt, teils instinktiv gepflegt und verteidigt wurde:
Der Mythos einer herrschaftlichen Vernunft und folglich einer Vernunft der Herrschaft. 

Der Mythos herrschaftlicher Vernunft [ist älter, als spät- und frühbürgerliche Herrschaft. Sein Ursprung – im Sinne von Ursache, im Unterschied zum Grund – ist die Subalternität biologischer Reproduktion gegenüber der Reproduktion von Instituten der Herrschaftsausübung, die in Kriegerpatriarchaten einen Ansatzpunkt, doch in den Schranken tribaler Formationen keinen Entwicklungsraum hat, den erst Urbanität liefert. Auch dann bleibt diese Subalternität „des Weibes“ – das Weib wird da selbst zum Mythos und Träger einer Scheidung zwischen weiblicher und männlicher Ratio bzw. Irratio – im Gegensatz der Städte zum Land gefesselt. Erst monotheistische Tempelherrschaften entfesseln sie.]

Der Mythos herrschaftlicher Vernunft wird im Prozess seiner auf unvereinbaren Gegensätzen beruhenden und daher in jeder Phase widersprüchlichen gesellschaftlichen Genealogie und Bearbeitung von den an seiner Konstruktion Beteiligten aus der restlichen Mythenwelt heraus gehoben. Der Grund [dieser Traditionslinie] liegt im Abstraktionsgrad des Herrschaftsbegriffes, der ihm vermittels Attributen der Vernunft verliehen wird: Die Kombination erschafft eine Ebene der Kriterien und des Urteils außerhalb (oberhalb) der Ebene zweckmäßiger Herrschaftsausübung. Die neue Ebene ist die der Herrschaftsideale.

Die Reflexion der Herrschaftsideale zurück in die Herrschaftshandlungen hebt Herrschaftsideologien aus. Mit diesen Ideologien erschaffen die Beteiligten ein Jenseits der Herrschaft, das zugleich ihr bestimmungsgemäßes Material ist:
Unvernunft, Irrationalität, oder schlicht „Natur“.
Die so vollzogene Verdoppelung eines Naturfetischs in antagonistische Bestandteile – er steht zugleich für die Irrationalität „an sich“, wie für das Rationale und also Vernünftige „als Ganzes“ – ist der auf die Spitze gebrachte Widerspruch [der Subalternität „des Weibes“ und und der in ihr gründenden Verfahren] der Herrschaftsausübung und damit die tiefste, dauerhafteste Quelle für das religiöse Bewußt-Sein. [Namentlich ist es die Rechtsquelle der Mythologisierung der Gewaltausübung im religiösen Bewußtsein, des Musters, das vorschreibt und rechtfertigt: „Es kann nur einen geben„, einen Gott, eine Gewalt – nicht deren viele, die ein Gleichgewicht zu schaffen hätten. Gleichgewichtsideologien gehen in diesem patriarchalen Muster nicht unter, werden vielmehr zum Ideal einer übergeordneten, transzendenten Gewalt.]

Abseits religiöser Auflösungen des Antagonismus, die auf der Ebene der Herrschaft immer dann anstehen, wenn die Widersprüche den Herrschenden und ihrer Gefolgschaft nicht mehr tragbar sind oder erscheinen, besteht die theoretische wie praktische Arbeit des Mythos herrschaftlicher Vernunft präzise darin, daß die am Konstrukt Beteiligten beständig eine Sphäre der Unvernunft von ihm (oder auch „ihr“, der Vernunft, wie ihr wollt!) abtrennen und mit gesellschaftlich (oder auch bloß symbolisch) relevantem Material „füttern“, um dasselbe hernach wieder zu integrieren. So geht Herrschaft, das Verfahren charaktierisiert ihre vernichtende Arbeit. Alles was der Mythos, die Ideale und Ideologien auf ihrer Metaebene „hält“, ist jene Vernichtung tätiger gesellschaftlicher Wirk-lich-keit im Zuge ihrer Eingemeindung in die banale Sklaverei, die Herrschaft nun mal darstellt; egal, ob sie von irgend einem Familienpatriarchen, einer Matriarchin, einem mit Feuer und Schwert regierenden Despoten oder einem Parlament ausgeübt wird.

Der Mythos herrschaftlicher Vernunft ist also ein Arbeitsprozess. Er hat Zwecke, Gegenstände, Operationsweisen und materielle Resultate 1. Folglich bietet diese Arbeit theoretische Einbruchspunkte in die Herrschaft. Was konstruiert ist, kann dekonstruiert werden, und wenn die Konstruktion ein Prozess ist, der in der Einsortierung von allem und jedem in einem übergeordneten theologischen oder rationalistischen Wahn nicht aufgeht, oder praktisch gesprochen: Wenn es sich nicht um eine Tempelherrschaft handelt, die nur noch vermittels blutiger Oktroyierung von Insignien und Symbolen arbeitet, dann kann eine Dekonstruktion blutige Zerstörung nicht nur vorbereiten, sondern in beträchtlichem Umfang die rohe Gewalttätigkeit, welche eine umwandelnde Zerstörung von Herrschaftsintituten erforderlich macht, mildern und ersetzen.

Damit ist’s seit langem vorbei, wir beobachten nunmehr, wie der Vogel die gesprengten Eierschalen vom Nest tritt und sich bereit macht, die menschliche Welt in seine Schwingen zu hüllen, sie auf unabsehbare Zeit zu verdunkeln, wie das schon mehrfach in der Geschichte des Privateigentums geschah.

Dafür steht für mich so ein „unschuldiger“ Vorgang, wie der Bericht des WSJ von einem Auftritt Obamas zur moralischen Aufrüstung der Truppe.

„The terrorist leader who struck our nation on 9/11 will never threaten America again. Our strategy is working, and there is no greater evidence of that than justice finally being delivered to Osama bin Laden.“


Und damit es auch jeder versteht:

„These Americans (die ausführenden ‚Seals‘ und Geheimdienstler, TG) deserve credit for one of the greatest intelligence and military operations in our nation’s history.“

Das meint der Junge ernst! Echt! Hört zu:

„We are going to ultimately defeat al Qaeda,“ Mr. Obama said. „We have cut off their head and we will ultimately defeat them.“

Mit so einem unscheinbaren Satz ist zweierlei geleistet.

Erstens ist dem „Kopf“ ein Leib geschaffen, der dazu verdammt ist, daß ihm beständig neue Köpfe wachsen.

Und zweitens hat Obama den Mythos im selben Atemzug zu etwas gemacht, das größer als er selbst, Obama, sein aktuell verantwortlicher Schöpfer ist. An ihm ist sein Schöpfer fortan zu messen, und folglich hat umgekehrt ER, sein Schöpfer ALS der amerikanische Präsident, fortan die USA an ihm zu messen! Und das ist zugleich das Maß, an dem sich alle kompatriotischen Konkurrenten messen lassen sollen und messen werden.
Es ist also absolut wurscht, was die Herren selber glauben und persönlich ernst meinen, selbst wenn der eine oder andere unter ihnen um sein Leben flattern mag, dem weltenvernichtenden Vogel zuvor zu kommen oder in den Flug zu kreuzen.
Das ist der Grund für meine – tja – übertriebenen? Bemerkungen? zur Bedeutung des Vorgangs für jeden, aber auch wirklich jeden auf diesem Globus, der unter dem Royaume des ultimat bewaffneten Imperiums und seiner willigen Satrapen noch Einsprüche gegen die Mythen dieser Herrschaft erhebt, die rationale Fesseln zu sprengen im Begriff ist, sie in den geschilderten Vorgängen abstreift und hinter sich läßt.

Der WSJ-Artikel zu Obamas Truppenbesuch

Kommentare

TomGard 

    • 2011-05-08 @ 13:12:58

Noch eine illustrierende Bemerkung.

Keine Ahnung, was jenen hamburger Vogel getrieben hat, gegen Frau Merkel wegen ihrer öffentlichen Freudensbekundung zu Bin Ladens Exekution Strafanzeige zu erstatten. Vermutlich eher nicht, weil er gemerkt hätte, daß Frau Merkel in einer weltweit beispiellosen Tradition konservativ geprägten Herrschaftspersonals derart pathologisch verdummt ist (1), daß jeder Affe sie um Welten geistig überragt. Wenn das Amalgam eines übersteigerten, maßgeblich auf ideeller Ebene angesiedelten patriotischen Machtwahns mit einem pathologischen Ehrgeiz einen notorischen Minderwertigkeitskomplex auffüttert, dann kommt m.E. präzise solch eine Sorte schier unglaublicher Dämlichkeit ‚raus.

Auch archaische Kulte und Rituale der Gewaltausübung sind gesellschaftliche Institute.
Allerdings bleiben solche Institute an fallweise Konflikte und Antagonismen im inneren und äußeren Verkehr der betreffenden Gemeinwesen gebunden.

Dazu steht die Gewaltkultur des Privateigentums in vollem Gegensatz. Sie ist institutionell in der Selbstschöpfung der Gemeinwesen verankert und das nicht nur ökonomisch, auch genealogisch im Verhältnis der Geschlechter und also der Generationen.

Ja, der Generationen. Es ist, wie zahlreichen Kulturzeugnissen dreier Jahrtausende zu entnehmen, eine Binsenweisheit, daß Friedenssozialisation kriegssozialisierte Kinder eine zeitraubende Arbeit darstellt, die auch leicht mal für immer scheitert. Die römische Kultur war gewiß nicht die erste, aber die prominenteste derjenigen Kulturen, die ihre Kinder nicht nur physisch, sondern auch seelisch zu Krüppeln quälte, systematisch. Erst als solche Krüppel boten sie den Sklavenhaltern, als welche Eltern und Erzieher de facto gerade in der Erziehung der oberen Stände fungierten, das Bild tauglicher Römer.
Unter dem Strich wirksamer ist die tagtägliche Quälerei, die wohlmeinende bürgerliche „Erziehung“ der Sklavenbrut angedeihen läßt. Denn ihr Leitmotiv ist eingängig an kreatürliche Wehrhaftigkeit angelehnt.
Rache.
Eltern und Erzieher rächen jede Minute und Sekunde ihre erbärmliches Dasein an ihrer Brut, weil sie diese Erbärmlichkeit, die Abgründe von Mühsal, Furcht und Schmerz für etwas halten, was die „eigentliche“ Natur des Lebens dieser Brut ausmache, die ihr zur „Einsicht“ zu bringen sei. Das Rachemotiv ist das wirksamste kulturelle Motiv des Christentums überhaupt, weshalb der Lattensepp und der ganze restliche Schmodder auch entbehrlich und ersetzlich ist. Das Rachemotiv erscheint den Unterlegenen des Eroberungszuges der weißen Rasse als Ausweis wie Begleiterscheinung einer Gewalttätigkeit von dämonischem Zuschnitt, die außerhalb der Kultur des Privateigentums dem Reich der bösen Geister angehört. Die Weißen holten sie in ihre Mitte.

Heiterkeit, Lust und Freude sind in Sklavenhaltergesellschaften erlaubte Güter. Sie sind Lohn oder Preis – nicht aber: Gewinn – einer buchstäblich All umfassenden, weil in eine WeltSchöpfung projizierten Selbstkontrolle. Heiterkeit, Lust und Freude beziehen aus ihr, und daher aus den eignen Gegenpolen, Leid, Schmerz und Abstumpfung, die Bestands-Energie in periodischer Entlastung von der Qual.

Regelmäßig wird die Färbung, welche die Lüste mit der Energie aus ihrer antagonistischen Quelle mitbringen, zu ihrem eigentlichen Gehalt. Aus gutem Grund – insofern – heißen sie dann „Perversionen“. Solch Perversion liegt am Boden allen Lustempfindens, zu dem Sklaven und ihre Halter imstande sind. Sie ist Kennzeichen des Kannibalismus der Gewaltkultur, die ihre Früchte welkt und frisst, einschließlich der Kinder.

Aus der gewaltsamen Tradierung löst sich ein Mensch nur selbst, wenn auch nicht allein. In der Zeit und an den Orten, die ich erlebte, waren es gar nicht wenige Leut, denen es gelang, zumindest in – für die Betroffenen und Beteiligten – hoffnungsfrohen Ansätzen und Teilbereichen.
Möglich war es, weil die erforderte Arbeit eine ist. Sie ist nahezu ausnahmsweis – nämlich außerhalb elitärer Reservate gesellschaftlicher Arbeit – keine Maloche, keine Plackerei, Mühsal und bloße Last, sondern ist leidenschaftliche, lustvolle Tätigkeit. Doch zehrt auch sie an den Kräften, obwohl sie – von seltenen Ausnahmen abgesehen – zu einer erfolgreichen bürgerlichen Existenz nicht beiträgt, eher im Gegenteil.
Und dies ist nur ein Moment unter anderen, die dafür stehen, daß die individuelle Lösung aus der Gewalttradition, die in beträchtlichem Umfang ihrer Unterbrechung voraus gehen müßte, Räume braucht, innere wie äußere.
Stehen sie nicht (mehr) zur Verfügung, sind die in einer Tradition Befangenen an ihren Kernbestand verloren, sie sind verdammt.
Unter meinen engeren Bekannten in meiner eigenen Generation ist nur ein Einziger, ein einzelner Mensch noch übrig, von dem ich freiweg und überzeugt sagen kann, er habe sich im Status seelischer Freiheit behauptet. Hinzu kommen vielleicht vier oder fünf, die deutlich jünger sind, als ich.

Die anderen sind tot oder kaputt.

Heute verhänge ich in einem letzten Akt der Teilnahme an Eurer verfickten Dreckskultur und -existenz die Verdammnis über Euch.

Fahrt zur Hölle! Düngt diesen Planeten mit euren verseuchten Leichen, damit diese Kultur mit ihren mentalen und symbolischen Wurzeln verrotte.
Die Überlebenden könnten neu beginnen, sie würden neu beginnen, akkulturierten sie die kannibalischen Muster, überlebten sie nicht

      • j-ap (Besucher)
    • 2011-05-09 @ 18:51:39

Habe übrigens eben die genaue Formulierung von Dir gefunden, auf die ich mich drüben bei mir bezogen habe:

»… daß das libysche Straf- und Zivilrecht auf der Scharia beruht und damit jeder Bürger über einen übergeordneten Einspruchstitel gegen die säkulare Gewalt verfügt, der ihm von dieser selbst eingeräumt wird« (vgl. hier).

Ansonsten ist natürlich Dein Malleus Maleficarum, den Du hier fluchweis‘ als annihilationistischen Höllensturz auslobst, schon sehr apart, muß ich sagen.

      • TomGard 
      • 2011-05-09 @ 22:14:06

Der Bezug ist folgender Absatz bei j-ap:
„„Denn was bedeutet Talion? (Das jüdisch/alttestamentarische Rechtsprinzip,TG) Sie bedeutet durchaus Vergeltung, war aber — und das ist der Punkt — ein echter Fortschritt gegenüber der bis dahin üblichen Praxis, da sie nicht nur Blutfehde und unbegrenzte Rache einhegte, sondern sogar etwas schuf, was man heutzutage als Rechtssicherheit, Vertrauensschutz und Verhältnismäßigkeit der Mittel bezeichnet. Der Täter weiß nämlich schon zum Zeitpunkt der Tatbegehung, was ihn an möglicher Höchststrafe erwartet…“
Ich hatte die Leser aufgefordert, über diesen Schwachsinn, der in meiner Leseerfahrung unübertroffen sei, doch bloß mal für einen Moment nachzudenken!
Viel mehr werde ich auch hier nicht dazu sagen. Zum Vergleich mit meiner Bemerkung zur Scharia, Josef, gebe ich den Zusammenhang:
„Eine Diktatur gibt es nur da – und kann es nur dort geben – wo es zumindest einen phantastisch herbei sollizitierten, unwidersprechlichen, absoluten, also konkurrenzlosen nationalen Souverän gibt. (…)
So etwas gibt es in Libyen (…) nicht, und um das zu wissen, muß man – ganz genau genommen – eigentlich nur wissen, daß das libysche Straf- und Zivilrecht auf der Scharia beruht…“

Ich weise allerdings auf den Zusammenhang von:
„…echter Fortschritt gegenüber der bis dahin üblichen Praxis, da sie nicht nur Blutfehde und unbegrenzte Rache einhegte, sondern sogar etwas schuf…“
und dem was ich weiter oben schrieb:
„Die so vollzogene Verdoppelung des Naturfetischs in zwei antagonistische Bestandteile – er steht zugleich für die Irrationalität „an sich“, wie für das Rationale und also Vernünftige „als Ganzes“ – ist der auf die Spitze gebrachte Widerspruch dieses herrschaftlichen Verfahrens und zugleich die tiefste, dauerhafteste Quelle für das religiöse Bewußt-Sein.“
Nur ersetzt Dir, Josef, wie mehrfach gezeigt, Dein ständischer Rassismus und buchstäblich maßloser Dünkel die Religion. Und beruht auf einem Bankkonto und Legionen von Schlächtern, Bütteln und Folterern, hinter denen Du Dich sicher fühlst und als breitmäulige Drecksmade von Deinem Frühstückstisch Anweisungen mumbelst, die niemand außer den phantastischen Bücklingern und Schwanzlutschern Deiner Gesellschaft hören, geschweige ihnen folgen mag. Zu Deinem „Glück“ – wenn man so will. Ultimat bringst Du es dann zu Bemerkungen, wie ich sie außerhalb bayrischer Stammtische nur von meinem Fascho-Großvater kenne: Joa, mit Bin Laden habe es, darauf könne „man“ sich doch bitte wohl einigen, wohl „keinen Falschen getroffen“.

Wünsche Dir in Deinem nächsten Leben, den Henkersjob auch auszufüllen. Und biete Dir ein wenig frisches Kinderfleisch. Bevorzugst Du Junge oder Mädchen? Soll ich das Schwänzchen hübsch gegrillt dranlassen, oder möchtest Du’s als Dessert in Aspik?

Fahr zur Hölle, alberner Wicht!

Ich vermute mal schwer, Du bist gerade dabei, das aktuelle Glas Wein zu leeren, und ich bin bestimmt der letzte, der Dir deshalb Vorwürfe machen wollte.

Aber daß am Ende all Deiner ganzen Durchsteigerei nichts anderes stehen soll als die Verbalisierung der abgedroschensten Deppenphrasen und widerwärtigsten Zwangsneurosen, die ich seit langer Zeit zu Gesicht bekommen habe — darüber muß ich nun erst einmal eine Nacht schlafen, Thomas.

Und es würde mich durchaus freuen, wenn ich diese Sammlung infamster Beleidigungen — die mich übrigens tatsächlich verletzen; nicht, weil sie zuträfen, sondern weil sie von Dir kommen — morgigen Tags nicht mehr hier lesen müßte.

          • TomGard
          • 2011-05-10 @ 16:22:52

Was ich mir hier vorhalte, Josef, ist allenfalls eine Undeutlichkeit, die entstand, indem ich nicht zitierte, wie Du Dich anderwärts spitzmäulig über die aktuellen Ereignisse gestellt hast, die Du in eine „Dialektik von Zivilisation und Barbarei“ einsortiertest. Um zu verkünden, wer solche Feinheit nicht verstehen wolle oder könne, dem sei nicht mehr zu helfen.

Naja, und von „Anweisungen“ war nicht zu reden, sondern … egal.

Deine Beschwerde bestätigt mich.
„Durchsteigerei“ ist einer der Titel, unter denen Du offenkundig nichts, von dem, was ich sage und schreibe ernst nimmst. Du nimmst das Zeug stattdessen zu Indices der Nähe zur Macht – der intellektuellen und geistigen Nähe – zu der ich mich Deines Erachtens nach durchgearbeitet hätte.

Ja, was soll stehen am Ende der „Durchsteigerei“? Aufnahme in den Stand der zum Leben, statt Sterben Erkorenen, zwar nicht via Bankkonto, dafür durch Aufnahme in die aufgeputzten virtuellen Hallen der geistigen Elite, die die Fahnen der militärischen Herren, über die sie sich erhaben dünken und gebärden, erstmal mit Sinnsprüchen verzieren, bevor sie sie in den Wind halten, wie es jeder Bild- und focuslesender Dödel auch tut?

Ich halte mir allenfalls vor, mich an Deiner Kinderkacke aufzuhalten und mich hin und wieder von Dir eingebildetem Laffen, der sich zum „König“ weiht, sobald es irgendwo „kracht“, zum shakesspearschen Narren machen lasse. Deine ganze Weisheit, Josef, besteht in Deiner Klassenlage und dem opportunistischen Standpunkt, den Du aus ihr beziehst, und meine Wut richtet sich dagegen, daß das scheinbar so sein muß – obwohl ich’s eigentlich besser weiß. Es muß nicht sein.

Unterdessen handelst Du vermutlich genau so, wie es die Gaddafi – Familie seit einiger Zeit tat: Kaufst Dich fein in „echte“ Werte ein: mittelständische Werkzeugbauer, Großbäckereien, elektronische Bauteile etx und ja, ganz heimlich, für alle Fälle, auch ein bisken Gold. Oder sind’s andere Blutminerale, vielleicht auch aus dem Kongo? Vietnamesische Textilfabriken?

Oh, ich würd nicht anders handeln.
Nur setzte ich mich nicht anschließend hin, über „Dialektik von Zivilisation und Barbarei“ zu schwadronnieren. Und erst recht hielte ich mein Maul über „Goldstandard“, geschweige daß ich diejenigen, die ihn hoch halten, zum Pöbel zählte, der niedere Instinkte in Worte kleide.

Ich brauch ein Geld, Josef, für ein Jahr Ruhe vor Deinen Sklavenaufsehern, die mir Nerven und Zeit aussaugen, Zeit und vor allem Ruhe, um die losen Fäden und verstreuten Stücken zu dem integrierenden Gewebe zu verknüpfen, das sie meines Erachtens ergeben können, einschließlich derjenigen Bestandteile, die der produktiven Kritik des naturwissenschaflichen Weltbildes angehören.

Trag dazu bei, zusammen mit anderen Klassenbrüdern, oder laß es, aber verschone mich mit Mängelrügen, wenn ich mich gegen die geheiligten Muster des Weltbildes Deiner Klasse versündige.

j-ap (Besucher)

            • 2011-05-10 @ 19:13:37

Soso, Du würdest also nicht anders handeln? Das freut mich wirklich, Thomas, auch wenn ich gerade über das kleine Detail nachgrüble, daß ich gar nicht so handle. Allein, was macht’s schon … (Bückware usw., hatten wir ja schon).

Um es mal zu rekapitulieren:

Du wünschst mal eben der halben Welt die baldige Höllenfahrt an den Hals, phnatasierst Dir in wunderschönstem Heideggerismus einen danach in Aussicht stehenden plain start zurecht, betrachtest mit heiserem Zorn die imaginären und aufgefetteten Antichambres der Macht, in denen Hirnwichser wie ich zu Tisch sitzen und sich von Schwanzlutschern bedienen lassen — allein der Umstand, daß Dir das als Vorwurf über die Lippen kommt, deutet schon auf Untiefen —, und beklagst Dich am Ende über meinen »ständischen Rassismus«, den Du Dir aber selber sehr bereitwillig als Ressentiment gegen den bayerischen Stammtisch (na, wir sind halt kein feines Haus Hannover) durchgehen läßt. Befüllt wird diese maoistische Jauchegrube mit — genau: Klassenmetaphysik (also DEINE Religion!), womit wir ungefähr wieder da wären, wo wir schon vor ca. einem Jahr gewesen sind, als ich genau das als Verdacht äußerte, was Du nun als Evidenz wunderbar nachlieferst. In diese maoistische Bruchbude, in der solcher Schmarrn immerhin ein halbes Jahrhundert überwintern konnte, paßt freilich auch der innere Vorhalt mir gegenüber, nicht der Anweiser, Einpeitscher und Kommandeur (sprich: Politiker*) zu sein, als den Du mich perhorreszierst! Ich sitze da also an meiner Morgentafel und gebe munter Anweisungen, die wahre Tragödie ist aber, daß diesen Kommandos gar niemand nachkommt. — Das ist die wahre Hölle für Leute wie Dich und im Kopf nicht auszuhalten, stimmt’s, Thomas?

Jetzt sei mal ehrlich: Wann, wenn nicht bei soviel absurdem Theater, soll ich mir ein Lachen gestatten, Thomas?

Daß Du Geld brauchst, wissen Leser Deines Blogs schon länger. Ich würde Dir sogar die wenigen Stapel und Haufen, die ich davon noch übrig habe, geben. Aber zum einen würdest Du Dich wahrscheinlich eher selbst entleiben, als eine diesbezügliche Frage an den kinderfressenden Zirkulationsdiktator geläufigen Namens zu richten und auch nur einen Guinee von ihm zu nehmen, und zum zweiten macht mich allein dieser Hinweis vermutlich zu einem noch viel schlimmeren, unsäglicheren und abscheulicheren Teufel als den, der ich sowieso schon bin, stimmt’s?


*) Daß Du nur Politiker meinen kannst, wird klar, wenn man sich einmal Deine Aufforderung an mich vergegenwärtigt, die sinngemäß lautet, ich solle doch wenigstens einmal so mannhaft sein und klar aussprechen, was niemand sonst als Du mir angedichtet hast, nämlich: »mein« Klassenweltbild. Ich soll also nicht länger lügen und damit aufhören, so zu tun, als sei ich etwas anderes denn ein bloßes Klassenexemplar.

hey jap,
nur kurz:
ich mag dich -oder die phantasiegestalt in meinem hirn von dir- und ich verneine beständig eine bitte um geld, ich will das nicht (!!!) , thomas hat absolut kein problem damit bzw war einige male schon dabei, dich + andere anzuschreiben.

nun hätte ich gern eine einbettung
dieses umstands in deine zeichnung …

lg

Das Nette an Dir, Josef: daß an Deiner Rede theoretisch etwas zu bearbeiten, zu debattieren und klar zu stellen geht, weil sie die zugrundeliegenden Wertungen immer wieder systemisch aufgreift.

Dazu einleitend erstemal Selbstkritisches.

Der horror vacui, der in meinem Eintrag zum Ausdruck kommt – in dem freilich nicht alles aufgeht, was ich schrieb – besteht darin, daß ich einen politischen und kulturellen Phasenübergang vollendet sehe, der dem argumentativen Diskurs die letzten Räume außerhalb einiger weniger vereinzelter Elfenbeintürme, teils scientischen, teils sektiererischen, läßt. In vorläufige positive Fassung gebracht: Über der Militarisierung des Weltmarktes nimmt imperialistische Herrschaft Gestaltungen an, die sich nur noch in Tiefenstrukturen von mittelalterlichen Herrschaftsformen unterscheiden: Herrschaft vermittels systematischen Terrors, öffentliche Schinderei und Vertierung nutzlosen Menschenmaterials, zusammen genommen eine herbei terrorisierte Herrschaft des Aberglaubens.

Zweierlei Konsequenzen dieser Erfahrung – ich laß es bei diesem Designat, weil es mir jetzt um die Konsequenzen, nicht die Diagnose selbst geht – machen mich „verrückt“.
Die erste kam z.b. in dieser Formulierung zum Ausdruck:
„Muß ich dazu einem Menschen, der Hirn im Funktionsumfang eines Rabenvogels im Schädel hat, was sagen?
Wahrscheinlich.
Aber ich weigere mich!“
Da zeigt sich, daß ich mich an die eigene, von Gilbert Ryle inspirierte Kritik des Intelligenzbegriffs, die ich auf diesem Blog leider noch nicht eingestellt habe, in einem Kernpunkt nicht halten mag, obwohl ich sie in der Kritik der Gewaltkultur meines Eintrages andererseits zur Geltung bringe. In solchen Formulierungen adressiere ich mich an „Verstand“ vom praktischen Ende her, in Gestalt von Forderungen an ihn, weiterhin so, als handele es sich um eine Naturkraft „natürlicher Personen“. Als ob ich nicht wüßte, daß es sowas nicht gibt.
Die „natürliche Person“ ist das Konstrukt des Privateigentümers ALS Staatsubjekt, und diese Formierung ist, darauf lief mein Kulturargument doch hinaus, bei weitem nicht „bloß“ gewalttätig im engen Sinne, also gemäß juristischer, polizeilicher, pädagogischer Maßstäbe des Verhaltens, sondern durchdringt das semiologische Material und folglich die seelische Verfassung aller Kulturträger.

Sehr wohl ist Verstand – das allgemeine Vermögen, Zusammenhänge herzustellen – Naturkraft gesellschaftlicher Individuen, aber so ist es, wie ich von G. Litsche gelernt haben sollte, ein evolutionsbiologisches Resultat, das einen kulturellen Phasenübergang durchlaufen hat, in dem es materiell eingebettet vorliegt.
Man muß Hegels Qualitätsbegriff oder Spencer-Browns „Laws of Form“ nicht kennen, um zu wissen, daß aller Inhalt, mit dem ein Verstand verkehrt, Resultat kultureller Vergesellschaftung ist, und daß daher auch die individuelle Prozessierung dieser Prozessresultate zu 100% Kulturprozess ist, dessen „Organik“ zwar jedes einzelne Individuum liefert, aber halt nur im Maße, wie es an den anatomisch-physiologischen Zusammenhang des Kulturprozesses angeschlossen bleibt.

Nebenergebnis der Überlegung, dessentwegen ich sie ausführlicher vorstellte, als es der unmittelbare Zusmmenhang erfordert hätte:
„Barbarisch“, „Barbarei“ sind Titel, unter denen ein Herrschaftspersonal einen theologisch inspirierten Vernichtungswillen gegen die eignen Sklaven und Diener mobilisiert! Eine Revision des oben als Organik bebilderten Zusammenhangs.
Dafür bietet es „außere“ Feinde auf, deren möglichst viehische Behandlung der inneren Neuformierung schadensbegrenzende Umwege öffnet.

Ich schließe die Selbstkritik aber hier mit dem vorläufigen Resultat:
Der Phasenübergang zur terroristischen Herrschaft des Aberglaubens, der Teilprozesse abschließt, die im Zeitgeist der „New Age“-Bewegung der 90ger erste klare Formulierungen erhielten, stellt einer Lösung von Individuen aus der Tradition der Gewaltkultur geistig durchaus keine neuen Bedingungen. Es sind dieselben Bedingungen, deren Gestaltänderungen nichts daran ändern, daß sie die Unterworfenen vor eine ultimate Wahl zwischen „JA“ und „NEIN“ stellen.

Der Absage an affirmatives Denken kann die zu affirmierende Gewalt keine Bedingungen stellen. Werden solche Bedingungen vorstellig gemacht – wie in meinem Beispiel – und gar noch verhandelt (diesen Übergang hatte ich vermieden), zeigen sie Umwege und Verkleidungen von Affirmationen an. (Das ist übrigens die prinzipielle Kritik der Stellung, die „revisionistische“ Marxisten früher gegenüber ihren Adressaten einnahmen, und damit die Kritik des Kapitals in einen nur scheinbar alternativen, in Wahrheit genuin demokratischen Herschaftsauftrag umdeuteten.)

Meine Argumentation mit „inneren und äußeren Räumen“ im Vorkommentar ist eine irrelevante Hilfskonstruktion, von ähnlichem Zuschnitt, die zeigt, was mich „zweitens“ „verrückt“ machte.

Richtig, die Zeit für die Waffe der Kritik ist vorläufig abgelaufen. Aber doch nicht erst seit gestern!
Mit Eröffnung des 4. und – der Absicht nach – finalen Weltkrieges durch die Sprengung des WTC zählt allein bewaffnete Kritik, und sie kann umständehalber erst mit praktisch rückstandsloser (Selbst)Vernichtung der Herrschaft des Privateigentums enden.
Nachdem ich 2002 die Konsequenz gezogen hatte, mein privates Heil im kriminellen Untergrund zu suchen und damit 2005 unter Verlust aller Ressourcen auflief, legte ich mir einen blinden Fleck zu, der mir erlaubt hat, intellektuell wenigstens bedingt an die Zeit vor 9/11 anzuknüpfen.

Erste Konsequenz für dieses Blog: Schluß mit dem Versuch, anhand der Kriegsagitation irgendwem noch was zeigen zu wollen.

Lustigerweise nimmt der Beschluß jemanden wie Dich, Josef, augenblicklich aus der „Schusslinie“. Weil nämlich Deine Adressaten, einschließlich Deiner selbst, das ganze elitäre Gesocks, das seine Wolkenkuckucksheime pflegt, nebst einer beträchtlichen Zahl dazu gehöriger Ideologien, aus meinem Betracht fällt.

Zum Rest später eine Fortsetzung.

    • j-ap (Besucher)
    • 2011-05-11 @ 21:03:46

Thomas,

so langsam, da ich nun zwei-, dreimal durchgeschnauft habe und die Sache noch einmal im Zusammenhang gelesen habe, wird mir klar, was Du damals gemeint haben könntest, als Du mir mal geschrieben hast, ich — bzw. das, was ich schreibe — sei Dir in jeder Hinsicht so fremd wie nur irgendetwas.

Auf mich wirkt das, was Du hier schreibst, wie eine Stimme aus einer anderen Welt. Ich versteh’s nicht und es scheint mir so, als verschwinde hinter den Tapetentüren Deiner sehr speziellen Epistemik alles, was ich irgend hernehmen könnte, um es zu verstehen.

Gewiß liegt das auch daran, daß Du, altes Haus, an die zwanzig Jahre mehr Zeit hattest, über all das Elend nachzudenken. Du müßtest mal einen Primer schreiben, TomGard for Dummies gewißermaßen; also: sagen, was ist, damit man Dir folgen kann. Ich sage nicht: Denk mal drüber nach, denn das hast Du schon und alles, was man wissen müßte, steht irgendwo, auf tausenderlei Seiten klein verteilt; hier, beim Freitag, bei PA und sonstwo, deshalb auch Deine gelegentlichen Pausenzitate aus den Archiven. Aber in dichter, zusammenhängender Form gibts das nirgends.

Mir war immer und schon beim ersten Kommentar, den ich von Dir las, klar, daß es sich bei Dir nicht um jemanden handelt, der sich in der camera silens ein paar Nickeligkeiten zusammenspintisiert und zwischen ihnen herumkramt, sondern daß Du einer bist, der — im wahrsten Wortsinn — auf Leben und Tod schreibt. Ich kann Dich, was das angeht, nicht beruhigen, denn mir wurde letzte Woche klar, daß die Scheiße, in der wir alle sitzen müssen, viel schlimmer ist, als ich bisher annahm.

Gibt noch eine andere Frage, die ich habe, aber die stelle ich Dir gelegentlich mal abseits; die gehört nicht hierher.

Guten Abend, Thomas.

Danke Dir für den Abendgruß, heute trifft er mich beim Wein, einem standesgemäßen kicher Vin de Pays d’Herault (der einige Erinnerungen an das provinzielle Frankreich Ende der 70ger wach ruft).

Der erfahrungsgemäß unverständlich bleibende Kern vieler meiner Aussagen ist in dem Zwischenresultat meiner Skizze zur „Psychologie“ zusammen gefasst:

Bürgerliche Individualität besteht daher nur subjektiv (Anm.; soll hier heißen: im Selbstempfinden der Betroffenen) in den natürlichen Eigenheiten eines Menschen, seinem Temperament und dem, was er will und tut. Sie ist objektiv (erzwungenermaßen) besondere Existenzweise der in Privateigentum, Familie und Staat verfaßten Gattung.

Die Hürde des Verständnisses geht auf den Zwang zurück, dem die Individuen unterliegen, über das Maß auf ihre individuelle Austattung, Fertigkeiten und Vermögen zu halten.
Egal, wenn ich wieder nüchtern bin, gehts weiter-

Hab auch Du einen angenehmen Abend

Thomas


  1. „Materialität“ ist im gegebenen Zusammenhang gut mit „teilbar“, teilbar im gesellschaftlichen Sinne, zu übersetzen. Eva mußte den Apfel, den sie vom Baum der Erkenntnis pflückte, in zwei Hälften teilen; sie mußte das tun, um den Wahn zu realisieren, auf den die Bibel sie und Adam durch den Erzengel festlegen ließ: Den Wahn einer Schmerzensexistenz, in der alles Tun, Wollen und Wünschen am End des Tags sklavische Mühe und Plackerei im Dienst & Auftrag eines Herren sei, zu sein habe, und Zuwiderhandelnden vor ihrem Ableben die Hölle bereitet werde, wozu ein jeder mit Gottes Hilfe und Gnade Beihilfe zu leisten habe. 
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Eine Antwort zu Bemerkungen zur Abwicklung des Mythos vernünftiger Herrschaft

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