Syrien entstaatlicht – und niemand will es bemerkt haben (1)

Zu Beginn mein übliches Gejaule: Ich habe zum Thema seit sechs Jahren alles gesagt und geschrieben, was irgendwie von Belang ist – dazu, schwer vermeidlich, eine Menge Zeug, das ohne Belang blieb  – und wenn ich mich nicht im Buchformat wiederholen will, bleibt mir, abermals ein Weniges den Tricks und Schlichen entgegen zu setzen, mit denen der politische Verstand sich die Realitäten verleugnet und zurecht legt.

Syrische Kapitulation ist vorbestimmt

Die Artikelüberschrift – beispielsweise – hätte schon im November 2015 über einer Reihe meiner Telepolis-Kommentare zum Beginn der russischen Intervention stehen können. „Die Aufteilung Syriens hat begonnen„, titelte ich damals stattdessen, wenn ich mich recht erinnere. Die Kernargumente: 1) Die russischen Truppen agierten in Syrien im weiten Umfang als eine „Luftwaffe Obamas“ gegen die NATO / Killary’s / Ziocons. 2) Trotzdem, bzw. just deshalb, habe damit der Proxy-Krieg um Syrien eine Realität gewonnen, hinter die niemand mehr zurück könne und 3) Das militärisch machtlose Syrien sei folglich dem territorialen Zugriff der um Einflußzonen streitenden Kräfte ausgeliefert, in erster Instanz damals dem russischen Zugriff auf Latakia bzw. ein künftiges „Alavitistan“.

Thomas Pany hat den faktischen Fortschritt dieser Entstaatlichung in einem tadellosen Bericht zusammengestellt und sie natürlich nicht benannt.
Putin hat verkündet, Trump, Erdogan, mittelbar auch Netanyahu, persönlich versichert zu haben, Russland könne und wolle, namentlich auch mit seinen Hebeln gegenüber Teheran, Damaskus den Verzicht auf die Herrschaft über das nationale Territorium aufnötigen. Auf gut deutsch: Die syrische Regierung zur Kapitulation zwingen. Was anderes, als Kapitulation Syriens, soll der „Zonenplan“ unter Sicherung durch auswärtige Armeen und Luftwaffen ansagen?

Das „können“ in Putins Ansage kam freilich mit einem „Pferdefuß“ aus Sicht der Zionisten und anderer imperialer Irankrieger. Russland wolle die Kapitulation mit Einverständnis des Iran und Rücksicht auf iranische Abwicklungsbedingungen durchsetzen.
Das war das Thema des offenbar bevorrateten Artikels, den ein Trio von Irankriegern gestern in ForeignPolicy veröffentlicht hat. Ich kann ihn nur noch aus dem Gedächtnis zitieren.

Er plädiert bei allem Verständnis für maximalistische Forderungen, die gewöhnlich aus Tel Aviv zu vernehmen sind, gegen eine Zurückweisung des russischen Angebots und für ein „realistisches“ „Engagement“ des Iran auf dem syrischen Schauplatz seitens Washington.
Was auch sonst! kann man in erster Instanz dazu sagen. Die Alternative wäre eine militärische Entstaatlichung Syriens, zuzüglich abschließender Verwüstung des Libanon, die nur Israel zukäme, unter einschlägiger False-Flag-Vorbereitung. Denn der Widerstand der US-Army gegen ein „irakisches Szenario“ in Syrien – erst zu Klunp bomben und dann jahrelang für „Nachsorge“ in der „Pflicht“ stehen („owning it“) – auf den sich Obama 2013 nach der israelisch-saudischen False-Flag-Operation in Al Ghouta gestützt hat, ist ungebrochen 1.

In zweiter Instanz macht der FP-Artikel sehr klar, daß die Autoren auf eine Fortsetzung des Syrienkrieges – im gehabten Kleinkriegsformat – in Gestalt eines Irankrieges zielen, der gleich noch die russische Militär- und Regionalpolitik in das „Quagmire“ zerren soll, das Obama ihr gewünscht hat. Russland soll – gegen den Willen des Kreml – „owner“ Syriens werden. Dies Szenario wird seit Monaten in diversen Strategiepapieren besprochen und beworben, auf einige habe ich hingewiesen, suche das jetzt nicht heraus, es wäre bloß Beckmesserei. Wer selbst nachforschen will: Im Long War Journal wird er fündig.

Zwischenspiel 1: Ein Wort an die „Humanisten“

Als eine erste Maßnahme zur Umformatierung des Syrienkrieges schlagen die FP-Autoren vor, was eh nahezu beschlossene Sache zu sein scheint: Ein, gemessen an der jüngeren Geschichte, beispielloses angelsächsisch-saudisches Massaker im Jemen.
Vor wenigen Tagen sah sich der jordanische Chef des UNHCR bemüßigt, in stärksten Worten vor einem „anscheinend unmittelbar bevor stehenden Angriff“ auf die Hafenstadt Hodeida zu warnen 2.
Das „Argument“ der Autoren ist apart: Weil den Iranern offenkundig an Syrien „mehr gelegen“ sei, als an den Houthi im Jemen, die sie nur „mäßig“ unterstützten, sei zu erwarten, daß sie amerikanischem Druck in Syrien, der nicht auf ihre Entfernung / Vernichtung zielt, aufgeschlossener sein könnten, falls man im Jemen „entschieden“ gegen iranischen Einfluß einschreite.
Verläßliche Nachrichten aus dem Jemen sind für jemanden, der kein arabisch lesen kann und zusätzlich über fundierte Kenntnisse der politischen Nebenlandschaften verfügt, nicht zu haben. Dennoch gibt es überdeutliche Hinweise darauf, daß schon jetzt der jemenitische Genozid ein Ausmaß erreicht, das alles in den Schatten stellt, was seit Vietnam, Kambodscha (das Wüten der Khmer) und diversen südamerikanischen Ausrottungsfeldzügen gegen Indigene in den letzten 50 Jahren verbrochen wurde. Im Irak hat die US-Luftwaffe nach 1994 in voller Absicht eine halbe Million Kinder abgeschlachtet. Ihr Tod an den Folgen der Bombardierung der irakischen Bewässerungssysteme war dem Pentagon in einer Studie voraus gesagt worden, die von Armee-gesponserten Wissenschaftlern erstellt wurde 3. Dieser Massenmord war „es“ der Armee wert (was auch immer), wie die Hauptverantwortliche Mad-elaine Albright später der BBC diktierte. Im Jemen ist mindestens dieselbe Anzahl Kinder und Jugendlicher in Todesgefahr, aber die Bevölkerung ist insgesamt kleiner, ärmer und die Infrastruktur zur Abwendung des Allerschlimmsten schwächer. Der Jemen wird absehbar zu großen Teilen entvölkert werden, wie seinerzeit Osteuropa durch die SS, Vietnam durch die Chemiewaffeneinsätze der US-Luftwaffe.
Das ist kein taugliches Argument gegen „Humanismus“, ich weiß (will ich den Genossen sagen), aber ich wollte mich bei der Gelegenheit nicht des Hinweises auf eine der übelsten und zugleich verdrängtesten Bestialitäten der Menschheitsgeschichte entschlagen, zu der ich mich bislang nicht geäußert habe, weil … ja, warum wohl …!

Also: Während unklar ist, ob das russische Manöver überhaupt irgend eine Qual in Syrien mindern wird, ist garantiert, daß es an anderen Schauplätzen (neben Jemen mindestens im Irak) mörderische Folgen haben wird. Es taugt nichts, darauf hin zu weisen, daß dies nicht in der Absicht des Kreml liegt und er schwerlich mit anderen Politiken dagegen einschreiten könnte, wenn er denn wollte. Das mag ihn in den Augen der Humanisten entschulden,  aber mehr, als Auskunft über den Seelenzustand dieser Modelle und die Art ihres Heils ist damit nicht gegeben!

Zwischenspiel 2: Eskalation des Russlandkrieges

Dies Thema ist insofern einfacher, als wohl kaum jemand, der den Russlandkrieg der NATO 4 zur Kenntnis zu nehmen bereit ist, die Illusion hegen wird, die russische Nachgiebigkeit gegen die Cruise-Missile-Politik der Trump-Administration würde die Feindschaft entschärfen. Dennoch möchte ich auf einen Punkt hinweisen, der üblicherweise nicht zur Kenntnis genommen wird.

Was, denkt ihr, ist nach dem Besitz einer ultimaten Bewaffnung (und dem Willen, sie wenn nötig, gegen das Imperium einzusetzen) das größte „Verbrechen“ Russlands aus Sicht der führenden Metropolen?
Ich weiß, was ihr denkt, und ihr habt nicht recht. Nein, es ist nicht die nationalkonservative Politik des Kreml. Die nimmt man dem Kreml in Washington weniger übel, als der Berliner Politik das deutsche Äquivalent, das z.B. in der Wirtschafts- und Finanzpolitik Schäubles repräsentiert ist, einfach deshalb, weil auch Washingtoner Strategen imstande sind, einzusehen, daß ein Mindestmaß an nationalstaatlicher Selbstbehauptung notwendig ist, Russland als Imperiumsland, als territoriale Macht und Glied der „Weltwirtschaft“ zu erhalten, und beides ist mindestens bis zu einer militärpolitischen Zerlegung Russlands nötig, wenn der Imperialismus hernach noch was mit der „Gegend“, die immerhin eine Hälfte des Globus umfaßt, beginnen will.

Nein, das zweitschlimmste Verbrechen des Kreml besteht darin, daß er den imperialen Eliten einen großen Teil der Themen in ihren seit 2011 blutig exportierten Fraktionskämpfen vorgibt, nebst deren thematische Strategien. Wie jeder halbwegs gute Schachspieler versucht der Kreml die Optionen des Imperiums nicht nur einzugrenzen, sondern zu steuern, so auch in der neuesten VoltePutin weiß natürlich um die „Trasse“, die sein Angebot den Irankriegern öffnet und gedenkt deren Begehung zu nutzen. Die imperialen Eliten sind aufgrund ihrer Spaltung außerstande, von sich aus zu einer zusammenhängenden strategischen Linie der Beherrschung des Weltmarktes zu finden und sie mit einem Mindestmaß an Stetigkeit zu verfolgen, sie brauchen dazu einen Putin.
Nicht – oder doch nicht so sehr – den Feind PutinDas Feindbild ist für die Galerie und die Narrative, unter denen die Formierung / Bewirtschaftung fraktioneller Gefolgschaften abgewickelt werden, es hat, bei aller Militanz und örtlich blutigen Begleiterscheinungen, allegorischen Charakter [^5]. In Putin bekämpft das Imperium seine eigenen Niedergangserscheinungen.

Das nächste Thema ist natürlich Israel, womit ich erst ins eigentliche Zentrum der aktuellen Vorgänge vorstoßen werde. Heute nicht mehr, aber wohl morgen.


  1. Das war der „Witz“ an Robert Fords Zynismus in dem kürzlich zitierten Kommentar, (sinngemäß) nach den türkischen Angriffen und CENTCOM’s Entscheidung zur Verlegung symbolischer Truppen an die türkische Grenze, habe die USA Nordsyrien nun zum „Eigentum“. 
  2. Bis heut vormittag schien dieser Angriff vorerst abgesagt. Die ICG hat in den vergangenen Wochen unaufhörlich gegen die Eskalation des Jemenkrieges publiziert, offenbar gibt es da einen harten Kampf zwischen europäschen und amerikanischen „Internationalisten“ um eine noch unentschiedene NATO-Führung. Unterdessen hat irgend ein amerikanischer Drohnen-Lord (was weiß denn ich, wer die Dinger jetzt kommandiert …) dutzende mit den Saudis und ihrem Exil-Häuptling Hadi verbandelte Al Qaida – Operateure ins Jenseits befördert. 
  3. Das ist eines der gehütetsten „Geheimnisse“ des US-Faschismus, das vor einigen Jahren im Zuge eines „Freedom of Information“-Actes ans Tageslicht befördert wurde. Die Studie war danach eine Zeit lang über akademische „Giftschränke“ zugänglich – für Leute mit Referenzen aus zertifizierten Forschungsstäben. 
  4. EUCOM (NATO) Oberkommandierender General Scaparotti zu Wochenbeginn vor dem Senatsausschuß für militärische Beschaffungsmaßnahmen:
    Today we face the most dynamic European strategic environment in recent history”… “In the east, a resurgent Russia had turned from partner to antagonist as it seeks to undermine the Western-led international order and reassert itself as a global power.”… “Accordingly, we are adjusting our plans, our posture, our readiness to remain relevant to combat the threats we face,” he added. “In short, we are returning to our historic role as a war fighting command.(Quelle)
    Deutschland beherbergt also seit diese Woche höchst offiziell das strategische Hauptquartier eines Russlandfeldzuges der NATO. 
  5. Das mindert natürlich nicht die Feindschaft, denkt an ihren ersten Grund, die „überdimensional bewaffnete Tankstelle“ (hab grad vergessen, wer sich so ausgedrückt hat) und das [hier](https://tomgard.blog/2017/04/13/und-eine-zusaetzliche-bemerkung/) über Realabstraktionen Gesagte.
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Eine Antwort zu Syrien entstaatlicht – und niemand will es bemerkt haben (1)

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