Konterrevolution in Qamishli (1)

Ich hab mehrere Disclaimer voran zu schicken.

  1. In meinen Rojava – Einträgen habe ich bei allem Lobpreis des antipatriarchalischen Momentes der sozialrevolutionären Bewegungen in Rojava und ihrer Schwester in der Türkei fest gehalten und periodisch betont, es handele sich um bürgerliche Bewegungen und eine bürgerliche Revolution, sofern von einer Revolution zu reden sei. Sie haben weit mehr mit „Freiheit, Gleichheit, Geschwisterlichkeit“ zu tun, als mit Feindschaft gegen die Institute von Privateigentum und Staat.
    Das ändert nicht, daß alle Revolutionen, die den Namen verdienen, d.h. nicht Umsturz einer vorgängigen Herrschaftsordnung mit einer anschließenden Reform ihrer Institute sind, ein offenes Moment haben, eines, das, nimmt man die revolutionäre Gewalttätigkeit hinzu, keine Prädestination des Verlaufes und Resultates zulassen. In einer Revolution nehmen Individuen vermittels ihrer Verbände ihren gesellschaftlichen Zusammenhang in Besitz, indem sie die hergebrachten Institute dieses Zusammenhangs durch diese Verbände und deren Handeln ersetzen. Damit sind diese Institute freilich nicht abgerissen. Das einfachste Beispiel: Eine Revolution ersetzt unweigerlich die Häscher und Büttel der vormals Herrschenden durch revolutionäre Häscher, eine Klassenjustiz durch eine revolutionäre Justiz, solange sie die Gründe, Dynamik und daher Notwendigkeit von Polizei und Justiz in der alten Herrschafts- und Eigentumsordnung noch nicht durchgreifend beseitigt hat.
    Dasselbe politökonomisch gesagt: Eine revolutionäre Inbesitznahme des gesellschaftlichen Lebens überführt dessen Inventare noch nicht in das Eigentum der Revolutionäre, sie schafft bestenfalls die Voraussetzungen für solche Aneignung.
    Oder – wie im Falle einer abgeschlossenen bürgerlichen Revolution – die Revolutionäre machen den Übergang von der Inbesitznahme zur Abgabe ihrer Macht an Institute, die, gemessen an er voran gegangenen Eigentumsordnung, entfesselt und darauf neu gegliedert werden. Das nennt man eine Restauration, der eine Konterrevolution voran geht, zu der sich ein Teil der Revolutionäre mit dem Personal der alten Institute verbünden.
    Diesen Disclaimer fand ich angebracht, weil die Aufnahme, welche das Werk der Rojava-Revolutionäre bei Freunden in aller Welt findet, zum Beispiel den Kollegen von Lowerclassmag, im Wesentlichen darin besteht, eine mehr oder weniger im Westen erfundene revolutionäre Lebensart, einen revolutionäre Lebensstil zu feiern, an denen eine „Befreiung der Individuen“ hochgehalten wird, was immer darunter verstanden werden soll. Solchem Fourier- bzw. Stirner’schen Romantizismus will ich nicht zuarbeiten. Meine Rede von „Konterrevolution“ soll keine posthume Verklärung werden, ist im oben skizzierten Sinne staubtrocken sachlich gemeint.
  2. Ich bin nicht qualifiziert, über das Thema zu schreiben, weil ich die kurdische Sprache nicht kenne. Damit meine ich nicht die Sprachkenntnisse, die sich etwa ein ambitionierter Reisender in halbwegs jugendlichem Alter binnen eines halben, vielleicht auch vollen Jahres anzueignen vermag. Dazu bin ich generell mißtrauisch gegen alle Übersetzungen aus der Feder von Leuten, die entweder nicht selbst aus der Revolutionäre kommen, oder die Sprachkultur, in die sie übersetzen, nur aus üblichen und populären Quellen kennen. Ich sehe nur weit und breit keine deutsch- oder englischsprachige Debatten, die auf einer in meinem Sinne qualifizierten Grundlage ruhen.
  3. In letzterem Punkt mag ich mich irren, einerseits weil ich zu wenig Zeit aufwende, andererseits weil die Quellen durch die Zensur und das „Informationsmanagement“ des Internets schwer zugänglich sind. Ich erinnere auch daran, ich lebe mittellos auf dem Lande und bin von den urbanen Debatten abgeschnitten. Obendrein fällt es mir von Tag zu Tag schwerer, mich noch zu Wort zu melden und die entsprechende Arbeit aufzubringen. Doch noch mag ich den Mund nicht halten.

Nachträge zu den Fakten

Das Wesentlichste zum Hype um die offizielle Zustimmung des Weißen Hauses zur Bewaffnung der SDF hatte ich gestern in einen Kommentar gesetzt.
Die NYT hat in ihrem Bericht / Kommentar bestätigt, daß es sich um einen Hype handelt. Nachdem sie ein halb Dutzend Sprechpuppen aller Lager aufgefahren hatte, die „großen Gefahren“ – vor allem für die NATO – zu beschwören, die mit der Entscheidung herauf zögen, fuhr sie fort:

Syrian Kurds, however, hailed the move. Alan Hassan, reached via internet messaging in Qamishli, in northeastern Syria, part of the de facto semiautonomous zone Kurds have carved out during the Syrian war, said that Mr. Trump’s decision gave new legitimacy to an existing partnership with the Y.P.G.
“In the beginning, American support was secret,” he said. “Now it is public. The relationship has changed from undeclared to declared.”

Bei der Gelegenheit will ich ein Musterbeispiel der politischen Kultur zitieren, das die NYT im neuen Inqisitionszeitalter pflegt:

A high-level delegation of Turkish officials was informed of the decision by Lt. Gen. H. R. McMaster, Mr. Trump’s national security adviser, when they visited the White House on Monday, and the Pentagon announced the move on Tuesday … the officials who met with General McMaster on Monday included Gen. Hulusi Akar, the commander of the Turkish armed forces; Hakan Fidan, Turkey’s intelligence chief; and Ibrahim Kalin, the presidential spokesman. Their mission, the Turkish news media reported, was to talk the Trump administration out of arming the Kurds. Instead, they were informed that the decision had already been made.

Keine Ahnung, ob man in der Redaktion ernsthaft, und darüber hinaus auch noch mit gutem Grund, annimmt, das Leserpublikum werde diese Scharade ernst nehmen oder goutieren. Es ist wurscht! So oder so wird ein Publikum, dem glauben gemacht werden soll, Trump lasse die türkischen Vedetten zum selben Behufe anreisen, zu dem seinerzeit die Päpste die Kardinäle in den Vatikan beriefen, gedemütigt.

Später am gestrigen Tag meldete sich OIR-Sprecher Dorrian zu Wort:

Asked “How you started the process of arming the Syrian Kurds and providing additional weapons to the SDF” in today’s press briefing,  [John Dorrian] stated that: “Some of the equipment in the resources that are going to be provided are already in the terrain and some of these may begin being dispersed very quickly.”

Zu diesem Zeitpunkt war eine offenbar vorbereitete englischsprachige Erklärung des YPG-Sprechers Redur Xelil schon exklusiv durch Reuters verbreitet worden. Der volle Wortlaut der Erklärung:

„Even though the White House decision to officially give weapons to the YPG is a decision made a bit late, it has become the demonstration of confidence in our forces fighting against Daesh and all the terrorist gang groups. Many victories have been achieved in the fight against terror over the past 5 years and in the ongoing war, both with the struggle of our forces with their own means and with the support of the International Coalition forces. YPG proved to the whole world, especially to the International Coalition forces, that it is the main force fighting against terrorism. Before this decision of the United States, our forces have had deficiencies for a long time.
With this decision of the United States, all unreal claims against our forces have been completely disappointed.
We believe that this historical decision will further strengthen the struggle of our forces against terrorism. Because this decision will bring rapid and important results for the democratic forces fighting against terrorism.
Our forces welcome this historic decision and declare that we will build a Syria where all peoples will live together freely, defeating the dark forces with the support of International Coalition forces.”

Ich werde dazu in einem späteren Teil ausführlich Stellung nehmen und dazu ein zwei Jahre altes Interview mit Xelin heran ziehen, das m.E. ein wenig Aufklärung darüber gibt, warum er sich so äußert – und die Macht hat, es zu tun …

Am gestrigen Nachmittag verlasen die führenden Kommandeure des Hauptquartiers „Operation Wrath of Euphrates“ eine Erklärung, in der sie mitteilten, die Raqqa-Operation sei „gestern um 18:00 nach 15-tägiger Pause wiederaufgenommen“ worden.


Schneller geht’s nimmer!
Schwerwiegender, als diese billige Wiederaufnahme von Söldnerdiensten, erscheint – in meinen Augen – daß nach Einschätzung einer Reihe von Beobachtern die Operation Tabqa verzögert wurde, um die Siegesmeldungen zum passenden Termin in die Welt trompeten zu können. Das hat mit Sicherheit mehrere Kämpfer und ungezählte Zivilisten Leben oder Gesundheit gekostet. Die SDF sind damit eine Warlord-Armee geworden, ihre Führung nicht länger Bestandteil von Selbstverteidigungskräften der Bewohner Nordsyriens.

Womit ich zu Hediya Yousef komme, der Ko-Präsidentin der Föderation Nordsyrien. Auch hier beschränke ich mich für den Moment darauf, das Material vorzulegen. Ziemlich offensichtlich verfälscht ist eine Darstellung von Hediyas Aussagen gegenüber westlichen Medien (Voice of America, Observer (?)) im Guardian. Doch die Darstellung in Sputniknews – Sputnik ist abonniert auf Erdoganfreundliche und Rojavafeindliche Berichterstattung – läßt erkennen, daß die Guardian-Fälschungen höchst wahrscheinlich den Kontext betreffen, weniger die Wortwahl und Übersetzung. Es gab ein einsilbiges Dementi auf Twitter, dessen Autor seine Übersetzung eines der strittigen Sätze wie folgt angibt:

 Yusuf: We r a Syrian force composd of Kurds, Arabs, Syriacs, Turkmans. Wherever our people want us, we will go there includng Idlib, Derezor

Für Kurdischsprachige das (vermutliche) VOA – Original.

Bereits im März hatte Xelil sich gegenüber Reuters als Fanatiker der Verwandlung der SDF in eine nordsyrischen Territorialarmee gezeigt. Hediye hatte schon im November ’16 ins selbe Horn gestoßen, wie man einem Besänftigungsversuch gegenüber revolutionären und kleinbürgerlichen Kritikern entnehmen kann.
Ein ANHA-Artikel vom letzten Juli zeigt m.E. deutlich genug Hediyes Motive. Sie leidet unter einem massiven Realitätsverlust der Sorte, wie er für Politiker in gewissen Grenzen nützlich ist, wenn sie ihn um „Realismus“ ergänzen.

So viel zu den wesentlichen Fakten, zu denen ich mich in den kommenden Tagen zu äußern gedenke, evtl. mit fälligen Ergänzungen. Heute und morgen habe ich eine Menge anderes zu tun, der nächste Teil wird wohl frühestens Samstag abend folgen.

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2 Antworten zu Konterrevolution in Qamishli (1)

  1. tgarner9 schreibt:

    Nach zwei oder drei Tagen hat sich die PYD doch noch entschlossen, ein erneut demonstrativ bei der Kantonsverwaltung Qamishli nicht registriertes KNC-Büro zu schließen und 13 anwesende KNC-Leute fest zu setzen.
    http://aranews.net/2017/05/kurdish-party-office-shut-down-in-syrias-qamishli-members-arrested/
    Die Medaille hat zwei Seiten. Einerseits haben die KNC-Leute unzweideutig Kombattantenstatus, sie konspirieren militärisch zusammen mit der KDP, dem türkischen, saudischen und westlichen Geheimdiensten sowie der türkischen Regierung gegen die Sozialrevolutionäre. Der KNC ließ sich in Astana und Genf von der türkischen Regierung einen „kurdischen“ Alleinvertretungsanspruch zumessen, den der Kreml mindestens billigend in Kauf nahm. Ich will auch daran erinnern, daß KNC affilierte Gruppen zusammen mit FSA und diversen islamistischen Vereinen (Farouk, Al Tawid, Jaish al Islam) in den Jahren 2012/13 mindestens hunderte, wenn nicht tausende Kurden geschlächtert haben, v.a. im Raum Aleppo im Zuge der Eroberung des Stadtgebietes und des Vorlandes.
    Die zweite Seite ist, daß die PYD international zunehmend als „Kurdenpartei“ auftritt und deshalb die Beschwerde des KNC, sie würde ihrerseits einen Alleinvertretungsanspruch erheben, indem sie Submission unter die PYD-geführte Regionalverwaltung verlangt, an Gewicht gewinnt. Die PYD setzt sich zwischen die Stühle, indem sie die Führungsfiguren des KNC nicht als das behandelt, was sie sind, militärische Feinde, die man entweder deportiert, dauerhaft fest setzt oder exekutiert, während man das politische Fußvolk gewähren zu lassen hätte, so lange es keine Sabotageakte verübt.

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