Archiv, Patriarchat – Zetkin / Lenin, „Über die Sexual- und Ehefrage“

von TomGard  2012-05-06

Ich will heben, was mir an einer Forumsdiskussion erhaltenswert erscheint, die ich 2009 entzündete, indem ich Clare Zetkins Text „Erinnerungen an Lenin“ von 1925 in einem „Polyamore“-Forum verlinkte.

Die Absicht
Mir war es zunächst „unschuldig“ darum gegangen, Leuten, die sich in der aktuellen Debatte um Sexual(moral)- und Ehe(moral)fragen, (weiblicher) Emanzipation, Gender und Patriarchat „auf der Höhe der Zeit“ dünkten, ein Material an die Hand zu geben, dem sie hätten entnehmen können, daß die Konfrontation nahezu derselben Fragen, Antworten, Thesen, Dogmen, die sie wieder und wieder besprachen, eine Tradition von mindestens 5 Generationen hatte.
Der originale Verlauf enthält eine Reihe gruppendynamischer und privater Stränge, die Außenstehenden unerschließlich und unersprießlich würden. Ich mag hier nicht alle vernachlässigen, kommt doch auch Allgemeines darin zur Geltung, deshalb verdichte ich diese Bestandteile.

Von den Chancen – und Risiken der Freiheit

Dies Leib- und Magenthema der Herrschaftsmoral – wie hältst Du’s mit der Macht – kam dem Anlaß entsprechend in zweierlei Gestalt auf den Tisch:
‚Wie hältst Du’s mit Autorität‘, bzw. generell mit Über- und Unterordnung, und, der Auseinandersetzung zwischen Zetkin und Lenin folgend, mit ‚Kosten und Nutzen der Freiheit‘.

Teilnehmerin P. ging zu Beginn gleich in die volle Breite, „das Diktat der Fuehrer des Proletariats jagt mir Entsetzensschauer ueber den Ruecken“. Sie verfocht in weiteren Beiträgen das anarchistische, bzw. autonome oder spontaneistische Motto, Freiheit sei ein Wert und damit der Nutzen (z.B. einer Revolution) an sich selbst.

Wie zu erwarten fand sich ein Teilnehmer L., der solche Verwandlung von Autoritäts- Macht- oder Gewaltverhältnissen in eine Frage der Einstellung zu ihnen zum Stichwort nahm, die Debatte in eine über Staatsmoral zu verwandeln, die Staatsmoral Lenins und die des Threaderöffners. „(einheitlich) regeln? Horror!“ Diesen Strang übergehe ich.

Denn Teilnehmerin D. systematisierte die antiautoritär moralische Auffassung des Themas:
Meines Erachtens waren sowohl Lenin als auch Zetkin nicht in der Lage, auf „Machtüberandere“ bzw. „Ichweißbesseralsduselbstwasgutfürdichist“ zu verzichten. …
Ich selbst bin mir allerdings nicht sicher, ob wir modernen Menschen zur Autonomie fähig sind, oder ob wir vielleicht doch eine führende Elite nötig haben. Vielleicht werden wir es sein, wenn wir anfangen, an unsere Fähigkeit zur Autonomie zu glauben … wenn nicht, dann …. gute Nacht.
So brachte sie die Besprechung von Kosten / Nutzen, Chancen/Risiken der Freiheit auf ihren Kern, ein moralisches Menschenbild, entworfen an der unweigerlichen Dichotomie von „Autonomie“ und „Heteronomie“ der Entscheidungen eines unterworfenen Menschen, an der entlang Kant dies Kindchen aus dem Reich des eingeborenen Rassismus der Ständeherrschaft auf das egalitär bürgerliche Parkett geführt hatte. Zwei elementare Widersprüche dieses Verfahrens brachte D. auch gleich zur Anschauung:
Der Zweifel an der Autonomie der Subjekte kommt ohne die autoritäre Autonomie des „Ichweißbesseralsduselbstwasgutfürdichist“ gar nicht aus! Und damit steht implizit „Autonomie“ als ein Ideal der Heteronomie, das es offenkundig ist, weil es nicht nur von D. so verwendet wird, auch als Wert (an sich selbst) zur Disposition, denn schon die Frage nach ihrer „Wirklichkeit“ – im Gegensatz zu Fiktion oder Imagination – unterstellt abstrakt einen Maßstab, nämlich Nutzen oder Schaden, der im Gewinn oder Verlust von Autonomie nicht aufgeht, also jenseits der Dichotomie liegt.

D. hatte den Zirkel also eingeführt und implizit auch gleich wieder aufgelöst, daher war es konsequent, daß Teilnehmerin S. den Übergang zur Frage nach Bedingungen der Freiheit, resp. Autonomie und darauf gezogener Kosten/NutzenRechnungen machte:
Hm, folgt das nicht der Logik der patriarchalen Denkstruktur, die Grundlage für Sprache, Überzeugungen, Weltanschauungen etc. ist, sowohl bei Autonomen als auch Anarchisten? Wir denken doch alle so und nicht wenige bilden sich ein, dass so die gesamte Menschheit denkt, was ja wohl nicht stimmt. Außerdem gibt es hier ja genug Beispiele männlicher überheblicher Denke, die da sagt, das ist so und nicht anders, wobei die nicht zwingend nur von einem Mann stammt. Was wir brauchen, ist eine Denkweise des Menschen, und nicht die von Frauen und Männer …
Mit diesem Beitrag war ein Weg eröffnet, die Scheinhaftigkeit der bis dahin verfochtenen ideellen Gegensätze zum Thema zu machen und dabei Hinweise zu gewinnen, wovon sie eine Erscheinung sind.

Einen zusätzlichen und direkteren Weg öffnete Teilnehmer K. Er stimmte Lenin folgendem Satz zu:
Die erste Diktatur des Proletariats ist wahre Bahnbrecherin für die volle soziale Gleichberechtigung der Frau. Sie rottet mehr Vorurteile aus, als Bände frauenrechtlicher Literatur.“ dem sogar auch aus spontaneistischer / anarchistischer Sicht beizupflichten sei, indem in Revolution und Diktatur „ein neues Wissen“ wachse, „das sich kristallisiert durch Praxis„.
K. hatte somit den Materialismus der Zwecksetzungen in die Sponti-Debatte eingebracht, aber weil er das am sponaneistischen Ideal entlang tat, kam das derart allgemein daher, daß die Gegenstände, um die es zwischen Lenin und Zetkin ging, aus diesem Blickfeld fielen: Ficken etx.. Ich erinnerte daran:
Jawohl, aber dies Wissen und seine Praxis hatten gewisse … sagen wir Tücken.
So erschienen in der SU in den zwanzigern und anfang dr dreißiger ein Haufen Zeug – Artikel, Gedichte, Romane, Glossen u.v.m., die dokumentierten, viele Männer hatten den Eindruck, ihnen liefen die Weiber geradezu .. in hellen Scharen davon.
K. blieb darauf in der Kosten / Nutzen – Wägung stecken, die Lenin vorgestellt hatte und diese Abteilung war damit „durch“.

Patriarchat und „Denkstruktur“
Eine andere Teilnehmerin, unter dem Av. S., heizte die Debatte mit einer Generationenbeschwerde um ideologische Muster an, die ich zitiere, weil es eine plausible jugendliche Reaktion war:

die Brandmarkung der patriarchalen Denkstruktur Marx, Lenins, Zetkins und dem Rest der Bande (einschließlich euch Hirnwichser), denn Denkstrukturen bestimmen sowohl alte Gesellschaftsformen als auch neue und nicht ökonomische Veränderungen, die von der alten Denkstruktur geprägt sind, siehe Marx und sonstige Weltverbesserer.
Ihr seid nicht nur alt sondern leidet anscheinend an Dementia paralytica.
Für die harschen Worte entschuldige ich mich nicht, denn bei eurer wie selbstverständlich
hingeschriebene Selbstherrlichkeit kann einem echt der Kragen platzen,
zumal ihr im RL Luschen seid, die diese grandiose heutige Gesellschaft mitgestaltet haben.

Darauf ließ ich mich platzen:

„‚Brandmarkung patriarchaler Denkstrukturen‘? Ja dann tu das doch mal, Du Hirnwichser und selbsternannter Sozial(punk)fall, statt ewig nur die Parole auszugeben! Leg doch mal den Finger ‚drauf, worin besteht denn das in diesem konkreten Fall.
Und das ist nicht obsolet, denn der Skandal, wegen dem ich das Zeug überhaupt nur ‚reingestellt habe, besteht darin, daß der bunte Haufen der Aufmüpfigen heute – praktisch gesehen – nicht einen wesentlichen Schritt weiter ist, als Lenin, Zetkin und die Subkultur-Aktivisten, über die sie reden!
Hinzugekommen ist die gender-Debatte, aber die hat außer der Rehabilitierung der schwulen Kultur nix erbracht. Auch die Kommune-Kultur war in Deutschland 1925 in voller Blüte, wie ich vor einem Jahr mal hier dokumentiert habe. In Russland gab es ebenfalls Ansätze dazu, ausgehend von der Stadtflucht-Bewegung, in der Leo Tolstoi eine maßgebliche Rolle spielte. Die Matriarchats-Debatte hat Engels maßgeblich mit angestoßen.
Aber S. stellt sich als bockiger Teenager auf und sagt: Ihr Wichser habt alles vergeigt. Hält die Hand auf, will alles in den Mund geschoben kriegen, und träumt und begnügt sich mit den Sternen, die sie endlich sehen möcht, wenn sie „rangenommen“ und „durchgefickt“ wird bis sie „förmlich explodiert“.
Und dieselben Leut, die sie anklagt, die Welt nicht verbessert zu haben, beschimpft sie zur Krönung als „Weltverbesserer“.

Nach soviel „Praxis“ schob ich dann die Theorie nach:

Eines der patriarchalischen Grundgewebe, die in der Debatte zum Ausdruck kommen, ist eine Zweck-Mittel-Vertauschung.
Was Zetkin in ihrer Gegenposition wehrlos macht, ist die schlichte Tatsache, daß sie die „sexuelle Frage usw.“ gleich Lenin als einen Bestandteil des revolutionären Vorgehens vorstellt.
Allgemein:
Für Lenin und Konsorten ist die revolutionäre Umgestaltung des Landes, der Lebens- und Arbeitsmittel der Zweck, das Ziel; nicht aber Mittel, um erst zu dem zu kommen, worum es zu gehen hätte: ein genußvolles Leben, in dem die Beteiligten ein Maximum an Freiheit erwerben, darüber zu bestimmen, welche Lebensziele und Zwecke sie sich setzen wollen. Sie jubeln die Revolution hoch, sie heroisieren, idealisieren sie und die üble, weil doch zu überwindende Plackerei, die Kämpfe, das Leid , die Not, die sie mit sich bringt und die als Mittel der Umgestaltung in Kauf zu nehmen sind.
Sozialismus ALS Zweck, statt als Mittel, und folglich dann auch als Lebens“sinn“ und -Inhalt. Die „sexuelle Frage“, die Phänomene, die in der Auflösung des hergebrachten Patriarchats, und in der revolutionären Bewegung zum Tragen kommen, sind aber schon INMITTEN des revolutionären Prozesses Bestandteil des Zieles, nicht mehr nur Mittel, und auch nicht bloß Bestandteil des Lebensprozesses der Revolutionäre ALS Mittel betrachtet (der faschistoide Kraft-Durch-Freude-Ansatz.)
Lenin ist zu klug, als daß er diesen Widerspruch nicht merkte, man spürt, er setzt sich
gewaltsam darüber hinweg – und dann allerdings als Patriarch. Seine „Ratschläge“ sind als Urteile über Schädliches und Nützliches nur verkleidet, denn auf dem angesprochenen Feld handelt es sich um Entscheidungen, die nur individuell zu treffen sind; deshalb tritt Lenin als altväterlicher Sittenwächter auf, er urteilt über „gut“ und „böse“, obwohl er das nicht sein und tun WILL.
Zugleich verhält er sich dabei als Patriot der Revolution. Er behandelt die SU ähnlich, wie ein Patriarch vermittels seiner Söhne das Familieneigentum behandelt: Er wacht über DESSEN Lebensprozess, das des EIGENTUMS, weil das Leben aller Familienmitglieder abhängige Variable des Lebens dieses Eigentums ist. Mit der Zweck – Mittel- Vertauschung behandelt Lenin das Leben der Revolutionäre ALS abhängige Variable „DER“ Revolution, statt als ihren Inhalt!“

und fügte noch einen Text von Peter Decker ein, der teils denselben, teils einen benachbarten Gegenstand hat:

„Peter Decker zum Thema „was ist das Geschäft eines Revolutionärs“.

„Halte doch bitte folgenden Unterschied fest:

  1. Dass die Arbeiterklasse, wenn sie über ihre schädliche Abhängigkeit vom Fortgang der Kapitalakkumulation im Klaren ist, sich aus wohl verstandenem Materialismus eine wahrhaft große Sache vornehmen muss, ist richtig und (ich rede sie nicht klein). Sich einen Umsturz und den Aufbau einer neuen, den eigenen Bedürfnissen dienenden Gesellschaft vorzunehmen, verlangt eine Distanzierung von den eigenen, tatsächlichen, von der Eigentumsordnung aufgenötigten Gelderwerbsinteressen.
    (Diese Distanzierung fordern wir von unseren Adressaten stets in der theoretischen Auseinandersetzung – auch ein unvoreingenommenes Urteil über die eigene Lage ist nur unter dieser Bedingung zu haben –; und sogar daran scheitern wir schon. Die Leute sagen uns, sie müssten sich ums geld verdienen kümmern, dafür würden unsere kritischen Gedanken nichts bringen – und sie halten mit solchen Zurückweisungen für schlaue Materialisten und uns für Spinner)
    Um eines zu künftigen besseren Lebens willen müssen Leute, die die Ausweglosigkeit ihrer Lage im Kapitalismus kapieren, also zusätzlich zu dem Lebenskampf, in dem sie ohnehin stehen, Zeit und Kraft und Geld, wenn nicht noch mehr für ihre neue Sache opfern. Aber eben für ihre Sache. Opfer – des Arbeitsplatzes, der bürgerlichen Existenzgrundlagen, der Gesundheit und des Lebens – sind im politischen Umsturzgeschäft, so gut es irgend geht, zu vermeiden. Auf keinen Fall darf man sie verherrlichen. Das stellt nämlich das ganze Verhältnis des Revolutionärs zu seiner Sache auf den Kopf, macht den Träger des Willens zum Werkzeug – sozusagen zum Soldaten – einer historischen Mission, der er nur dient – und tilgt letzten Endes den einzig rationellen Grund, warum einer sich überhaupt zum Kampf gegen die Herrschaft des Kapitals auf machen sollte. Der enorme revolutionäre Idealismus der russischen Massen, den du ansprichst, ergab sich daraus, dass sie nun eine neue Welt bauen wollten, die endlich ihnen ein anständiges Leben ermöglichen sollte. Ob das der wahre und ganze Zweck des revolutionären Aufbauwerks war, an dem sie sich beteiligten, ist damit nicht gesagt; das ließe sich nur anhand seiner Programmatik und ihrer Umsetzung entscheiden. Sie hielten’s eben dafür; und wurden zum Teil blutig auf den Realismus eines Staatsaufbaus gestoßen, der die revolutionären Massen tatsächlich zu seiner Machtbasis und zu Instrumenten seines industriellen, materiellen und rüstungstechnischen Fortschritts machte. Ob Stalin dabei der große Verräter besserer Intentionen war oder der würdige Vollender des Programms einer wahrhaft sozialen Staatsmacht – die große Frage der Trotzkisten –, ist mir nicht besonders wichtig. Ganz sicher hat sich das Projekt des Realen Sozialismus erst über die Reihe der Entscheidungen der Partei und ihrer Führung präzisiert und herausgeschält; anfangs war Kommunismus und Arbeiterstaat sicher nur für Leute unterscheidbar, die es theoretisch sehr genau nahmen. Aber es genügt doch auch, wenn wir heute auf die Ansätze aufmerken, die schon bei Lenin in die falsche Richtung wiesen.

  2. Wenn also damals die Propagandisten der Revolution die Massen damit gewinnen wollten, dass sie ihnen erzählten, sie seien in historischer Mission zur Befreiung der ganzen Menschheit unterwegs, und sollten sich nur getrost der großen Sache der Zukunft zur Verfügung stellen, dann war das schon damals ein Fehler. Solche Propaganda trennt, wie gesagt, zwischen dem Revolutionär und seiner Sache, die damit für ihn einen verpflichtenden, gegen über seiner Rechnung unbedingten Charakter annimmt: Die zum bürgerlichen Staat gehörige Trennung vom bloß partikularen Interesse des einzelnen und einem davon unterschiedenen, höheren und höher wertigen Gemeinwohl wird sozialistisch fortgeschrieben. Der Einzelne wird dadurch so wohl kleiner wie auch größer gemacht, als er ist. Kleiner, weil es um ihn und sein materielles Interesse nicht gehen, weil er nur Diener einer großen heiligen Sache sein soll; größer, weil der so verstandene Revolutionär selbst im Namen eines verpflichtenden höheren Gemeininteresses unterwegs ist, sich also zu so mancher Rücksichtslosigkeit gegen andere, bloß partikulare Interessen berechtigt weiß.“

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