Konterrevolution in Qamishli (3)

Im ersten Teil hatte ich eine Reihe von Dokumenten und Äußerungen verlinkt, an denen sich m.E. gut zeigen läßt, wie die Selbstdemontage des „Projekt Rojava“ vonstatten geht und auf welchen Fehlern – im Unterschied zu begünstigenden äußeren Umständen – sie beruht. Keiner der Leser hat auch nur einen dieser Links begangen – und sei es bloß, um zu schauen, worum es da geht.

Diesem Desinteresse folge ich.

Für meine Akten ein paar Bemerkungen.
In den verlinkten Äußerungen und vielen der nachstehenden Artikel kommt zum Ausdruck, daß ein bestimmender Teil des Administrations- und Führungspersonals in Rojava die alten, im theoretischen Sinne stalinistischen Vorstellungen und Ideologeme nie aufgegeben, oder jedenfalls keiner Kritik unterzogen hat, und jetzt umständehalber unter der Fahne des Demokratischen Konföderalismus, der eine theoretische und praktische Kritik des PKK-Stalinismus der 70er bis 90er Jahre sein wollte, auf sie zurück kommt.

Einer der Vorwände dafür ist die falsche Charakterisierung der türkischen Regionalmachtpolitik als „neoosmanisch“ resp. neokolonialistisch. Der demokratische Konföderalismus wollte dem sogenannten „Kurdenproblem“ („kurdish issue“) von der Seite der kurdischen Bevölkerung ein Ende setzen. Stalinisten pflegen einen theoretischen Apparat – so krude und bescheuert er auch ist – der es ihnen erlaubt, eine „nationale Frage“ unter dem Titel „Befreiung der Völker“ der sog. „sozialen Frage“ und dem Klassenkampf erst zu subsummieren, um hernach, den „Sachzwängen“ des Kampfes um ein territoriales Gewaltmonopol folgend, das Verhältnis umzudrehen und die „sozialen Fragen“ im „Kampf“ um nationale – oder gar völkische – „Selbstbestimmung“ auf– und folglich unter gehen zu lassen. Die Stalinisten der PKK und PYD – es zählen beileibe nicht alle Führungsfiguren dazu! – ersparen sich diesen theoretischen Apparat unter den Kriegsbedingungen, die es ihnen leicht machen, ihre Entscheidungen und Verfügungen der Kritik zu entziehen.

Ich schrieb oben „wollte dem sogenannten „Kurdenproblem“… ein Ende setzen“, weil die Theoreme und Ideologeme des Demokratischen Konföderalismus das auf der theoretischen Ebene nicht leisten. Sie enthalten keine taugliche Kritik des Nationalismus (und Ethnizismus), verwerfen ihn vielmehr von einem praktischen, sozialgeschichtlichen Standpunkt aus. Das ist nicht zwingend ein großer Mangel. Es hilft natürlich, wenn sich revolutionäre Kader von Beginn an umfassend darüber im Klaren sind, gegen welche interessierten Fehler sie sich stellen sollten, weil und insofern sie sich gegen zugrunde liegende Interessen stellen. Doch voran gegangene theoretische Vergewisserung hilft erfahrungsgemäß wenig in täglichen Auseinandersetzungen mit Kollegen, Mitstreitern, Genossen, wenn Entwicklung der revolutionären Kräfte an konkreten Gegenständen gefragt ist. Die wird mit abstrakt-allgemeinem Vorwissen oftmals – nicht immer! – ebenso leicht behindert wie gefördert.
Das ist für Revolutionäre in Rojava dieselbe Situation, wie für die Bolschewiki in den ersten Jahren der Sowjetrepublik. „Demokratischer Konföderalismus“ ist nichts anderes, als die politische „Theorie“ einer Räteherrschaft unter den historisch ziemlich einmaligen Bedingungen, die ein Kriegsgebiet im „Greater Middle East“ im Zeitalter der Entfaltung des Imperiums seit dem Golfkrieg 1991 Revolutionären stellt. Alle kurdischen Siedlungsgebiete sind in diesem Sinne seit 25 Jahren Kriegsgebiet, das die Bewohner den Bedingungen einer Kriegsökonomie aussetzt. Deshalb konnte und kann eine solche Räteherrschaft oder -republik nur im kommunalen Einzelfall „soziale Fragen“ von der Art der „Bauernfrage“ und „Arbeiterfrage“ stellen, welche die unterste Schicht der „Klassenfrage“ ausmacht, weil sie den Krieg der Städte gegen die Landbevölkerung zum Thema hat, den konstitutiven Bestandteil aller Herrschaftsformationen. Die kommunitaristische Fokussierung des Rätesystems ist eine logische und notwendige Reaktion auf solch eine Lage. Seine Einrichtung und Verteidigung gegen innere und äußere Angriffe ist nicht revolutionär, schafft Revolutionären nur einen Wirkungsraum, der im Falle der Kurden überraschend weit ausgedehnt werden konnte, weil es ihnen gelang, große Teile der Bevölkerung für die Umsetzung einer antiklerikalen und antipatriarchalen Programmatik zu gewinnen.
Dieser Wirkungsraum wird jetzt von Stalinisten und anderen Volksfreunden – berechnenden wie verblendeten – usurpiert. Das wird ihnen nicht schwer, weil die Revolution bislang nur zwei entwickelte bzw. entfaltete gesellschaftliche Institute geschaffen hat – im Unterschied zu politischen Instituten – ein im Aufbau befindliches antiklerikales und antipatriarchales Bildungs- und Ausbildungssystem (insbesondere in Afrin) und die Selbstverteidigungseinheiten. Die Umwandlung der YPG’s in eine stehende Heeresabteilung innerhalb der SDF beendet die Revolution, sofern eine statt gefunden hat, mittels Entwaffnung der Revolutionäre.

Ich hätte viel mehr zu den ökonomischen Bedingungen schreiben müssen, auf denen die Arbeit und der bedingte Erfolg der Sozialrevolutionäre bislang beruht hat.
Um das wichtigste Moment wenigstens anzuführen: Unter den Kriegsbedingungen in Rojava – und das gilt in erheblichem Umfang auch für Anatolien – gibt es keine herrschaftlich zugerichtete Zirkulationssphäre für das vorliegende Mosaik an Eigentumsformen und Produktionsverhältnissen. Für Rojava gilt das in extremem Masse, weil die Mehrheit der Kurden bis 2011 Grundeigentum nur auf der Basis geduldeter Gewohnheitsrechte halten bzw. erwerben konnten.
Was soll’s, es reicht, wenn ich das im Hinterkopf habe, es interessiert eh kein Schwein.

Bleibt noch anzumerken, daß ich bislang noch von keinerlei Widerstand gegen das zunehmend deutlicher vorgetragene Bemühen der Führungen von YPG, PYD und PKK gelesen habe, sich in die Irankriegsfront einzureihen.

Links (unsortiert):

http://civaka-azad.org/noflyzone4rojava-was-steht-hinter-dieser-forderung/
http://civaka-azad.org/syrien-krieg-oder-krieg-der-internationalen-maechte/
http://civaka-azad.org/msd-zonen-der-deeskalation-eine-aufteilung-der-vorherrschaft-ueber-syrien/
http://civaka-azad.org/erdogans-neues-konzept/
https://tomgard.blog/2017/03/30/breite-angriffsfront-kurdischer-nationalisten-auf-rojava/
https://www.theguardian.com/commentisfree/2017/may/12/arming-kurdish-ypg-militia-backfire-on-us-heavy-weapons-syria-isis?CMP=share_btn_tw
http://civaka-azad.org/der-historische-moment-des-neo-osmanischen-traums-und-die-demokratische-foederation-nordsyrien/
http://civaka-azad.org/ich-bewundere-deine-strategische-intelligenz/#identifier_0_8999
http://www.middleeasteye.net/news/turkeys-war-syrian-aid-995412497
https://tcf.org/content/report/turkish-crackdown-humanitarians-threatens-aid-syrians/
https://anfenglish.com/news/erdogan-and-barzani-will-be-in-the-us-at-the-same-time-19964

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