Archiv – Unzureichende Bemerkungen zur lenin’schen Imperialismustheorie & ihren Modernisierungen – nebst einem aktuellen Nachwort

von TomGard  2011-11-02

Sepp Aigner veröffentlichte eine Besprechung, die unter dem jede Menge Popularität versprechenden Titel
„ETH Zürich: Weltwirtschaft wird von 147 Firmen beherrscht“
auf der Plattform kommunisten.ch erschien. (Der Link funktioniert noch)

Die besprochene Studie wäre eine belanglose Fleißarbeit, gäbe es nicht die reißerischen Bebilderungen. Es ist wahrlich kein Geheimnis, daß der globale Kapitalismus, betrachtet man ihn im buchstäblichen Sinne „oberflächlich“, im konkurrierenden Zusammenwirken hochgradig zentralisierter, vernetzter Kapitalgesellschaften und anderen Korporationen erscheint und politische Agitation für „Deregulierung“, Privatisierung und Abwicklung sozialstaatlicher Betreuung kommt kaum ohne entsprechende Verweise und Berufung auf vorgebliche „Sachzwänge“ dieses Zustandes aus, die periodisch von politischen Maulhelden mit populistischem Getobere über „Heuschrecken“- und „Casino“kapitalismus“ gekontert wird.

Doch die Quelle und Sepp Aigner nehmen die Studie her, für ein Revival einer sog. „Imperialismustheorie Lenins“ zu werben 1.

Ich hab da rasch einen Kommentar ‚drunter gesetzt, der Leuten, die ein wenig marxistische Theorie kennen, Ansatzpunkte der Kritik liefern mögen. Ich zitiere (mit grammatischen und stilistischen Korrekturen des allzu eilig abgefassten Originals):

„Das manichäische Weltbild von den satanischen „Wenigen“ als bösen Geistern einer Herrschaft über die „Vielen“ wird durch „Mathematisierung“ nicht klüger, im Gegenteil, wie ich gleich genauer begründen werde.

Doch zunächst zu einem Einwand, der auf (Aigners Blog)vermutlich sofort kommen wird. Es handele sich ja nur um eine „Seite“ der Kapitalismus- und Imperialismuskritik, wird man sagen, welche die andere Seite, die Kritik der Ausbeutung der Arbeitskraft, enthalte.

Nur leider enthält sie sie nicht, im Gegenteil. Der vorgestellten „modernisierten“ Form liegt die Kritik der Ausbeutung technisch völlig fern – deshalb kommt sie und kann von einer ETH Zürich kommen – und inhaltlich steht sie polemisch dagegen, anders, als in der lenin’schen Fassung.

Letztere hielt mit dem „Trick“ des „Übergangs“ zum Monopol und dem daraus gewonnenen Wolpertinger „monopolistisches Kapital“ Verbindung mit der sachlichen Kritik der Ausbeutung, welche integral eine Kritik der Konkurrenz ist, weil sie die moralistische, frühsozialistische Kritik am Verstoß gegen so niedliche Trümmer wie „Menschlichkeit“, „Gerechtigkeit“, „Brüderlichkeit“ in der ökonomischen Kritik des Privateigentums überwand.

Allerdings hielt Lenins Imperialismuskritik diese Verbindung nur noch formell. Schon die von Marx geschichtsphilosophischen Schwachheiten und Engels Ontologisierungen derselben übernommene Rede vom „Stadium des Kapitalismus“ bemißt die Kritik des Kapitals an einer Apologetik, welche „die Geschichte“ als mehr oder minder gedeihliche „Menschheits-“ oder Produktivkraftentwicklung vorstellen und abfeiern will – und vernichtet sie darin.
„Technisch“ geschieht die Vernichtung vermittels Attributen wie „bösartig“, „verrottet“ etx. und ganz allgemein in der Formel vom „letzten Stadium des Kapitalismus“, ganz so, als obläge seine praktische Kritik der herrschenden Klasse selbst! (zumindest hinsichtlich der Schaffungen von Voraussetzungen für sie)

Nach der im strengen Sinn ökonomischen Seite bestand der „Trick“ bei Lenin darin, das marx’sche Wissen über die Reproduktion des Kapitals und der Widersprüche und Gegensätze, welche sie birgt, mithilfe der substanzialistischen (theologischen!) Quatschformel vom „Umschlag von Quantität in Qualität“ im Monopolbegriff „tendentiell aufzuheben“.
In der ETH – Studie bleiben solche Widersprüche und Gegensätze, ja, JEDER Inhalt, in der mathematischen Formalisierung außen vor, die in einen abergläubischen Fetisch von „Vernetzung“ mündet. Der Aberglaube dieses Bildes steht dem mittelalterlichen satanistischen Hexenglauben, bzw. – ein wenig „aufgeklärter“ – dem Geraune über weltenbeherrschende satanistische Geheimgesellschaften (am besten gleich die Kirche selbst!) in nichts, gar nichts nach. Alle realen Vorgänge, die dem konkurrierenden Zusammenwirken der in der Studie genannten Gesellschaften und Körperschaften zugrunde liegen, einschließlich ihrer Gegensätze und Widersprüche, nämlich auf elementarer Ebene die Gegensätze zwischen Käufern und Verkäufern, von Schuldnern und Gläubigern, von Industrie- und Handelskapital, überhaupt der verschiedenen stofflich bestimmten Abteilungen im widersprüchlichen Prozess der Reproduktion der Kapitale ALS einer Reproduktion des Gesamtkapitals und der Eigentumsordnung, all dies fällt außer Betracht. Und zwar vermittels eines bloß nominellen Deutens auf Kredit und Kreditkapital, das keine Spur zu einem Begriff des Kredits legt, wie er aus der Kritik des Geldes und Geldfetischs zu gewinnen wäre. Das Deuten gilt nurmehr einer Verteufelung des Fetischs 2.

Anstelle einer erforderlichen näheren Begründung – ich kann ja der Kritik hier nur Anknüpfungspunkte liefern – will ich die rationelle Seite des Bildes benennen.

Selbstverständlich ist den Phänomenen, welche in der ETH-Studie erfasst sind, ein von der gegenwärtigen Weltordnung abweichender Bedarf nach Gewaltausübung und Gewaltverhältnissen zu entnehmen! Nämlich, schlecht zusammengefasst, der nach einer Weltregierung, welche die bisherige Territorialität der dem Kapitalismus zugehörigen politischen Souveränität aufhebt und dem Ideal folgt, diese Souveränität könnte eine der korporativ verknüpften Kapitale selbst werden, statt die einer ihnen übergeordneten Macht.

Das geht nicht. Aber das vom atomaren Vernichtungsmonopol der USA geführte IMPERIUM ist die „beste“ Realisierung dieses Ideals, die erhältlich ist.“

(Ich füge noch einen späteren Kommentar hinzu, ohne die Antwort Sepp’s, auf die er eingeht, mitzugeben, weil der Zusammenhang m.E. auch so verständlich ist)

Hallo Sepp,

als ich von Marx „geschichtsphilosophischen Schwachheiten“ schrieb, meinte ich eben geschichtsphilosophische, naja, Schwachheiten, nicht die „Kritik der politischen Ökonomie“, in der sie bis auf gelegentliche kommentierende Sätze fehlen und implizit kritisiert sind. Auch „Engels Ontologisierungen“ nannte ich „Geschichtsapologetik“, und das ist etwas ganz anderes, als epigonischer Manichäismus, den Lenin taktisch gepflegt und bedient hat. Der ist im Wesentlichen Produkt der Sozialdemokratie gewesen, auch wenn der bolschewistische „Marxismus/Leninismus“ ihn zur „Kampfdoktrin“ für die „Massen“, vor allem Massenbündnisse mit politischen Vertretern der bürgerlichen Stände ausgestaltete. Den Manichäismus habe ich in meinem Kommentar explizit und
ausschließlich der Studie zugewiesen bzw. der Verwendung, die von ihr gemacht (werden) wird.

Und darauf gehst Du nicht ein, vereinnahmst die Kritik stattdessen unter dem Titel „Beschränktheit“ der Studie. Sie ist nicht beschränkt, sondern begriffslos, wie ich ausreichend skizziert zu haben glaube. Und daß eine begriffslose Verarbeitung phänomenologischer Rohdaten irgend eine theoretische Bearbeitung zu „bestätigen“ vermöchte, gar noch „statistisch“, das hast Du nicht von der „Kritik der politischen Ökonomie“, sondern aus den Suppenküchen der Wirtschafts- und Politik“wissenschaften“ (als ob es sowas geben könnte) übernommen.
Hinzu kommt, die topologische Interpretation und Bearbeitung der Daten hat mit Statistik rein gar nichts zu tun, auch wenn in den Formeln hier und da statistische Extrapolationen verwandt worden sein dürften. Deshalb kann und muß ich sagen, Du verstehst die Studie nicht, nimmst sie vielmehr bestimmungsgemäß zum Bild für einen Zustand, der als Ur-Sache eines anderen Zustandes hingestellt wird – und präzise das ist der Übergang zum Aberglauben, das ist dessen Methode.

Die Streitpunkte liegen also woanders, als dort, wo Du sie vermutest oder hinzeichnest.

Ein Wort noch, warum mir das wichtig ist. Die sog. „Imperialismustheorie Lenins“ hat gerade Hochkonjunktur, weil mit Berufung auf sie die merkwürdigsten Leute die „Occupy“-Proteste zu verein- und beschlagnahmen versuchen. Denn ihr Slogen, „We are the 99%“ ähnelt halt sehr dem indizierenden Gebrauch, den Lenin in zahlreichen Schriften, darunter eben auch „Imperialismus als …“, von den Besitzverhältnissen zu machen pflegte.

(Anmerkung) Indizierender Gebrauch – knapp gesagt  – ist das die volksmythologische Strategie, ein An-Zeichen zum Maß für das An-Gezeigte zu nehmen und damit vorbehaltlich eines besseren Wissens zunächst ALS einen GRUND (i.e. ein Resultat einer Erkenntnis) zu beHANDeln. Wo Rauch ist, ist Feuer, wo mehr Rauch, da mehr Feuer. Hat im Falle 9/11 auch wieder ganz prachtvoll gefunzt.

Aber der Occupy-Slogan ist etwas ganz anderes! Er vollzieht und fordert den Übergang von der kleinbürgerlichen Bescheidung mit dem Anteil am nationalen Gemeinwesen des Geldes, den einer hat, zur patriotischen Beschwerde über ihn. Das ist genau das, was in den alten faschistischen Bewegungen den sogenannten „Querfront“-Anteil ausmachte. Und die Studie und der Gebrauch, den die Schweizer davon machen, spielt einer Verklärung 3 dieser „Querfront“ in die Hände.

Und weiter:
Wenn die DKP traditionsgemäß offensiv die nationale, und damit grenzwertig auch faschistische „Karte“ zu spielen ankündigt, ist das eine Sache. Das kommentiere ich nicht. Aber die Rechtfertigungsideologie dazu, die greif ich an.
Und sei es aus Pietät gegenüber dem Genossen Lenin ;)

Nachwort

Ich habe das vorgekramt, weil die aktuellen Vorgänge um The Donald allen Querfront – Ideologen recht zu geben scheinen, die den aktuellen Kapitalschaden des Imperialismus in der Aushöhlung bzw. Abschaffung der bürgerlichen Nation erblicken wollen. Ich habe in den vergangenen Tagen und Wochen vielfach dokumentiert, wie die Angreifer des POTUS ganz unverstellt eine Reihe imperialer Institute über das Institut der Amerikanischen Nation stellen. Die Freizügigkeit der führenden 100 Konzerne auf dem Globus wird über die amerikanische Nation gestellt, obwohl diese Nation ganz wesentliche Teile davon beherbergt und mit ihrer militärischen Macht erhält. Die militärischen Dienste und Polizeien, das Pentagon, das Establishment des DoS, der militärisch-industrielle Komplex und, über allem, ein rein ikonographisches Konzept der „Amerikanischen Demokratie“, das vom ehemaligen Konzept der Vatikanherrschaft über den Klerus nur in Nuancen zu unterscheiden ist, wird über die Amerikanische Nation gestellt. Der Idealismus der Weltregierung und Herrschaft „als“ Führungsrolle der US-Metropole über den Weltmarkt wird da radikal gegen seine politökonomische Grundlage. Im Resultat übernimmt das NATO-Hauptquartier in Brüssel ziemlich unheimlich den militärischen Part der Weltregierung, zumindest in der alten Welt und ihren östlichen und südlichen Grenzländern.
Der Grundwiderspruch: Die fortgeschrittenste Formengestalt des Kapitalverhältnisses, das fiktive Kapital, nebst dem Trumm, das zugleich dessen Fetisch und Ernährer ist, die kreditschöpfende Militärherrschaft, ist nach dem territorialen Abschluß des Weltmarktes nicht länger ein territoriales Institut, aber die Produktionsfaktoren, durch welche dies fiktive Kapital die stofflichen Momente der Ausbeutung der Arbeitskraft aufrecht hält, bleiben territorial.
Zu dem Thema werden weitere Einträge folgen


  1. Übrigens – als eine Imperialismustheorie hat Lenin seine im besten Sinne polemische Schrift unter dem sprechenden Titel „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“ – welch Ehrfurcht! – bei der Abfassung gewiß nicht verstehen wollen, wenn er sich auch die opportune partei- und bewegungspolitische Verkennung nicht allein gefallen ließ, sondern sie förderte. Das „als“ kündigte zu seiner Zeit einer noch nicht pluralistisch verkommenen Intelligenzia ganz brav eine essayistische Abhandlung an – keine Theorie. 
  2. Im lenin’schen Original war das mindestens zum Teil eine agitatorisch wohlmeinende Lüge bzw. Irreführung der Leser, wie ein Akademiker den in Exzerptheften niedergelegten Marx- und Hegellektüren Lenins und seiner Auseinandersetzung mit Kautsky entnehmen kann, falls er seine Zeit mit sowas vergeuden will. 
  3. Aktuelle Anmerkung: Etwa ab Mitte 2014 habe ich mich mit Entmystifizierungsversuchen in die zu dieser Zeit aufkommende (und mit der Marginalisierung der „Linken“ zum beabsichtigten Ende gebrachten) Querfront-Debatte eingemischt. Taktische Bündnisse von Kommunisten mit proletaristischen Patrioten und anderem mehr oder minder faschistischen, faschistoieden Gesocks sind ein Schaden für die Kommunisten, aber ein gelegentlich notwendiger Schade im doppelten Sinne. Erstens geht der Schaden voraus, nämlich indem solche Bündnisse anzeigen, daß Kommunisten an der Aufgabe, einen zählenden Teil der ausgebeuteten Klasse vom Nationalismus und dem Übergang zum Patriotismus abzubringen, gescheitert waren. Zweitens können solche taktischen Bündnisse für eine sehr begrenzte Zeit und für sehr genau bestimmte Zwecke überlebensnotwendig werden, wenn die Staatsmacht den Krieg gegen die eigene Bevölkerung nach außen wendet. Vor dem absehbaren Beginn des Ukrainekrieges und vor seiner (gewiß vorübergehenden) Einfrierung habe ich deshalb die Parole „Raus aus der NATO“ den präzisen Gegenstand einer Querfront genannt.
    Mit dem laufenden, völlig ungestörten Aufbau der Baltikum-Kriegsfront durch die NATO ist das gegenstandslos geworden, der Zug ist abgefahren. 
Dieser Beitrag wurde unter Imperium, NATO, USA abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s