Brennpunkt Suweida – wird es ein großes Massaker geben? (1)

Die militärpolitische Lage im Süden Syriens unübersichtlich zu nennen, wäre ein Euphemismus, sie ist ziemlich offenkundig „totally fucked up“ – für alle Interessierten mit vielleicht einer einzigen, notorischen Ausnahme. Ich versuche zum Auftakt, einen wenigstens unzureichenden Überblick zu geben, ohne mich mit Referenzen aufzuhalten.

Die kürzlich in Astana von Russland, Türkei und Iran unterschriebene Vorab-Vereinbarung zur Aufteilung Syriens, die selbstverständlich, doch natürlich nicht öffentlich, auch amerikanische und israelische „Tortenstücke“ umfaßt hat 1, weil sie andernfalls Kinderkacke wäre, präsentierte eine gähnende Lücke, auf die ich seinerzeit schon hingewiesen habe: Suweida. Die Provinz ist nicht als „De-eskalations“- und künftige „Sichere Zone“ ausgewiesen.
Israel beansprucht für eine Nachkriegszeit maßgeblichen Einfluß in der sogenannten Drusenhochburg unter dem Vorwand, es sei angesichts des Anteils der Drusen an der israelischen Bevölkerung in der Pflicht, die Bevölkerungsgruppe vor islamistischen Feinden zu schützen. Tatsächlich geht es den Zionisten darum, vom Imperium den gesamten syrischen Süden als Protektorat zugesprochen zu bekommen, das es zusammen mit jordanischen und saudischen Verbündeten zu bewirtschaften trachtet, um erstens die Annexion des Golan zu erweitern und zu befestigen und zweitens sich und Jordanien Raum für künftige Deportationen palästinensischer Metöken zu schaffen. Zugleich ist klar, daß es schwerlich irgend einen Fortbestand syrischer Zentralmacht in Damaskus geben kann, falls Syrien das Grenzland zu Jordanien verloren geht. In Suweida geht es um „Sein oder Nichtsein“ für Damaskus.

Was die Sache unmäßig kompliziert, sind die aktuellen Voraussetzungen für eine Einsortierung der zionistischen Sonderinteressen in Imperiumsinteressen, weil Letztere selbst militärpolitisch, ja, kriegerisch zwischen Imperiumsfraktionen umstritten sind.

Irankrieg

Der Grundtitel des Imperiumsinteresses ist nicht umstritten, er lautet: Teheraninem esse delendam, die iranische Republik muß vernichtet werden. Die Einmütigkeit hat geopolitische Motive, die ich nicht zum 123 Tausensten Mal nennen werde, und den abstrakten Grund, daß „nicht sein kann, was nicht sein darf„, nämlich daß sich die Herren eines irgendwie bedeutenden Territoriums auf dem Globus vorbehalten, abweichende Zwecke mit dieser Herrschaft zu verfolgen. Aber die Methode der Rückgewinnung des Iran für das Imperium ist hoch umstritten, und das ist schon mal der erste Irrsinn, den einer zu begreifen hat. Denn die beiden gegen einander gestellten Grundlinien, militärische Unterwerfung (die in diesem Falle ziemlich vernichtend für das Territorium ausfallen müßte) ODER ökonomische Verführung / Erpressung gehören organisch zusammen, sie sind gekoppelt. Die Verführung / Erpressung bzw. deren Gelingen UND Mißlingen ist Voraussetzung eines Übergangs zu einer „militärischen Lösung“, über der sich das Imperium andernfalls selbst zerlegte (schon wg. der Auswirkungen auf Russland und Zentralasien) und die Verführung / Erpressung basiert auf den militärischen bzw. militärpolitischen Drohungen (Blickpunkt ist hier auch nach wie vor Pakistan / Belutschistan und der „pakistanisch-indische Konflikt“).

Die Sonderrolle Israels

Auf diesem Irrsinn baut ein zweiter auf, der ein gewisses Potential hat, den Globus zu sprengen.
Israel, das Territorium, ist nicht einfach Imperiumsland, es gehört der herrschenden Metropole des Imperiums, den USA, de facto an. Ich erspare mir die Begründung.
Doch die Herrschaft über dies Territorium, die ständische Herrschaft der zionistischen Militäraristokratie, gehört dem Imperium nicht an, steht nicht weniger außerhalb dessen, was dies Imperium sein soll, politökonomisch sein muß und gemäß seinen Führungsfiguren sein will, als die iranische Republik.

Die zionistische Herrschaft ist nicht bürgerlich (kapitalistisch), sie gründet in einem imperial eingefrorenen rassistischen Siedlerkolonialismus („Villa in the Djungle“), der die zionistische Herrschaftsform auf dem Status eines spät- oder neofeudalen Absolutismus festlegt und -hält. Die zionistische Herrschaft ist infolgedessen paradoxerweise nicht territorial, oder, um das Paradox ein wenig zu mildern, sie ist so wenig territorial, wie der vorbürgerliche Absolutismus Frankreichs. Solche Herrschaft gilt nicht dem Territorium und den Verkehrsformen, die sie seinen Insassen auf demselben vorschreibt, sondern den Insassen selbst. Sie ist theokratisch und rassistisch („Judenstaat“) und insofern – siehe oben – Israel dem Imperium via USA militärpolitisch andererseits eben doch angehört, repräsentiert die zionistische Militärherrschaft die der imperialistischen Herrschaft bleibend einbeschriebenen Momente des Rassismus und der Theokratie. Der Zionismus repräsentiert dank seiner zentralen Stellung im Imperium die Herrschaft des Weißen Mannes und  des Patriarchates in seiner jüdisch – christlichen Formation für das Imperiumskonstrukt.
Jedenfalls bislang.
Politökonomisch haltbar ist das schon lange nicht mehr. Nur eines  erhält dies Konstrukt in seiner vorliegenden Gestalt – 300 potente Atomsprengköpfe und eine unbekannte Anzahl kleinere nukleare „Eier“. Und selbst das hätte nicht gereicht, hätte die zionistische Militäraristokratie nicht ab 1996 begonnen, diese „Eier“ in den Dienst der Imperiumsfraktion zu stellen, die an 9/11 durch einen Putsch in Washington die Macht übernahm und einen Weltkrieg begann, den „War on Terra“, bzw. Krieg der USA gegen den Rest der Welt um den dauerhaften Erhalt der USA als Zentrum einer Weltherrschaft, die aus einschlägigen politökonomischen Gründen halt nicht „amerikanisch“, nicht national sein (aus der Perspektive von 1991 muß es heißen: „nicht national bleiben“) kann.
Daraus folgt:

Israels Irankrieg steht polemisch zum imperialen Irankrieg

Im imperialen Konstrukt, so widersprüchlich es an sich selbst ist, könnte die israelische Sonderrolle in der Region entfallen, sobald Teheran erobert oder „befriedet“ ist, und vom Standpunkt mindestens einer Imperiumsfraktion, deren Legionen aktuelle hauptsächlich in der EU konzentriert sind, müßte das auch geschehen – genauso, wie aus der Sicht künftiger Herrscher / Gouverneure eines befriedeten / eroberten Iran, dessen Territorium einen zentralen Dreh- und Angelpunkt in allem künftigen zentralasiatischen „Kernland“-Verkehr erhalten könnte und „müßte“.
Letzteres ist die Handhabe der zionistischen Militäraristokratie, sich polemisch in die Irankriegs-Front einzureihen. Würde der Iran mit nuklearen Waffen vernichtet, oder würde die Zerstörung der iranischen Republik in ein kontinentales Chaos münden, aus dem in einer absehbaren Periode kein Weg hinaus führte, behielte Tel Aviv gleichsam „automatisch“ seinen Sonderstatus.
Der Knackpunkt, den man hier zu verstehen hat, um überhaupt einen Schimmer von den Vorgängen zu bekommen, liegt darin, daß die zionistische Militäraristokratie sich mit ihren eigentümlichen Drohungen im Rahmen des den gesamten östlichen MENA-Raum umfassenden Irankrieges (Levante, Golfstaaten, Jemen, dadurch teilweise auch Nordafrika, z.b. Sudan) in die eingangs vorgestellte Kopplung zwischen „friedlichen“ und „unfriedlichen“ Strategien und Methoden, zwischen ökonomischer Erpressung und Vernichtungsdrohungen, inseriert, und sie dadurch gleichzeitig beständig zu sprengen droht.
Deshalb gibt es ein „zionistisches“ und „antizionistisches“ Moment in den Strategien und Zielen fast aller dort unten aktiven „Player“:

  1. Saudi-Arabien
  2. Mit dem KSA konkurrierende Golfstaaten nebst Ägypten
  3. Die in „Kohabitation“ lebenden Kriegsparteien im Libanon
  4. Die irakische Zentralregierung und ihre mit jeweilig polemisch zueinander stehenden Ansprüchen agierenden Volksgruppenvertreter
  5. Die türkische Diktatur zum Zwecke des Regionalmachterhaltes und ihre Gegner
  6. CENTCOM, das aktuell polemisch gegen EUCOM zusammen mit dem WH agiert
  7. EUCOM, das aktuell NATO- und internationalistische EU-Interessen gegen das WH vertritt
  8. Briten und Franzosen mit jeweiligen nationalen Sonderinteressen in EU und NATO, die zum Teil auf kolonialen „Resten“ ihrer nationalen Herrschaft beruhen.
  9. Deutschland mit seinem Anspruch, sich gegen Briten, Franzosen (und Italiener, Spanier, Polen … …) als europäische Hauptmacht zu behaupten

Zwei Beteiligte habe ich hier ostentativ ausgelassen. Den Kurden – Nationalisten UND Sozialrevolutionären – und Russen (global gemittelt, auch da gibt es Fraktionen) geht die zionistische Front im Grundsatz „am Arsch vorbei“. Beiden spielen die innerimperialen Querelen, die sie zur Folge hat, eher „in die Karten“ – jedenfalls so lange, wie das sprengende Motiv der zionistischen Front allenfalls gemildert zur Wirkung kommt, also so lange, wie es dank des Gegeneinanders oder o.a. Beteiligten eben NICHT zu einem „großen Krieg“, nicht zur Vernichtung des Iran kommt.

So, mit dieser Darstellung einiger Grundlinien schließe ich den ersten Teil. Fortsetzung vielleicht heut abend, ansonsten morgen oder übermorgen …


  1. Auch öffentlich, siehe hier 
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6 Antworten zu Brennpunkt Suweida – wird es ein großes Massaker geben? (1)

  1. tgarner9 schreibt:

    Soeben aufgefunden:
    Why Israel Thinks Trump Is Focusing on the Wrong Enemy in Syria
    President may be lobbied to set his sights on Iran, Hezbollah
    Israelis see chance of new buffer zone beyond Golan Heights

    Donald Trump has argued that defeating Isis should be America’s overwhelming priority in Syria. When the U.S. president arrives Monday in Israel, he’ll likely be urged to take a different view of the conflict — and maybe to help protect Israel from its fallout.
    Islamic State “is being decimated,” said Avi Dichter, chairman of the Israeli parliament’s Foreign Affairs and Defense Committee, and a former head of the Shin Bet internal security agency. “They no longer have that many men on the ground. Iran, on the other hand, is a major regional threat.”
    If that threat is present in Syria and directed at Israel, he said, “that’s a casus belli.” Israel fought a month-long war in Lebanon with Hezbollah, a Shiite Muslim militia armed and supported by Iran, a decade ago.
    The Golan, captured from Syria after the 1967 Mideast war, is internationally considered to be occupied territory; Prime Minister Benjamin Netanyahu has asked Trump to acknowledge Israeli sovereignty.(…)
    “Russia is for now the main power in the region,” said Zvi Magen, a former Israeli ambassador in Moscow and now senior research fellow at the Institute for National Security Studies in Tel Aviv. “But everyone’s waiting for the sheriff to show up.”

    Trump’s administration hasn’t openly supported the Russian safe-zone initiative, but also hasn’t ruled it out. Russian Foreign Minister Sergei Lavrov hinted at U.S. involvement after meeting Trump this month, saying Americans could take the lead in securing the southern zone.

    Meanwhile, “Israel is shuttling between the Russians and Americans, making sure everyone knows it won’t hesitate to use force to defend its core interests,” Magen said.(…)
    A widespread view in Israel is that another war with Hezbollah, which has an arsenal of more than 100,000 rockets in Lebanon, is inevitable — and will be harder to win if the Shiite militia is entrenched in southern Syria, a stone’s throw from the Golan trail.

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  2. Pingback: Nachtrag zu US-Angriffen auf „schiitische Truppen“ im syrischen Osten | Themen & Essays

  3. tgarner9 schreibt:

    For the record:
    Was Brookings hier empfielt, liefe de facto darauf hinaus, daß die USA im Süden eine Luftwaffenbasis errichten und von dort aus mit regulärer Luftwaffe, v.a. aber mittels Drohnenkrieg gegen ausgewählte Feinde, eine Art „Jemenkrieg“ in Syrien als eine israelische Proxiemacht führt, bis in Syrien entweder niemand mehr lebt, oder keiner mehr aufrecht steht …

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  4. Pingback: Kein Massaker in Suweida – vorerst | Themen & Essays

  5. Pingback: GCC – Schon brechen die Rivalitäten auf | Themen & Essays

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