Kein Massaker in Suweida – vorerst

Die Befürchtungen, derentwegen ich aufwendig vorbereitende Einträge zur israelischen Stellung im Imperium verfaßt habe (siehe 1 und 2), wurden durch einen Satz zerstreut, den „Benjamin T.“ in einen heute erschienenen Artikel des deutschsprachigen AMN eingeflochten hat, der den markigen Titel trug: Verstärkung für die syrische Armee für syrisch-irakische Grenzoffensive eingetroffen.

Im Gegensatz zum östlichen Gebiet von Al-Sweida, wird die Freie Syrische Armee (FSA) und ihre US-Verbündeten, die Badiya-Region von Homs nicht ohne einen Kampf aufgeben.

In dem noch „heftigeren“ Artikel von Chris Tompson, Syrian Army blitz offensive secures 70 kilometers of Jordanian border in one week, der mich persönlich an die Wehrmachtsberichterstattung erinnert, die ich als Schüler kennen lernte, heißt es:

According to a military source close to Al-Masdar News, the SAA did not come in direct contact with US-backed Free Syrian Army (FSA) groups known to be operating in the desert of Rif Dimashq.

Ich erlaube mir jetzt ein wenig Eigenlob, weil meine Rekonstruktion der Ereignisse einiges davon zeigt, wie verwickelt die Fronten sind.
In meinem ersten Bericht zu einem OIR-Luftangriff auf „Pro – Governmet Forces“ hatte ich geschrieben:

Die plausibelste Erklärung: Moskau [hat] den östlichen Teil der Provinz Homs den amerikanischen Proxies zugesprochen und Damaskus verboten, die Belagerung der Provinz Suweida aufzuheben, die westlich an „Rebellengebiete“ der „Deeskalationszone“ Daraa grenzt, während im Norden die umkämpften Gebiete der Ghouta-Ebene liegen. So dürfte sich die kleine Kampftruppe (angeblich fünf T-62) verbotswidrig aufgemacht haben, im Osten der Provinz die Verbindung mit den SAA-Truppen zu suchen, welche die Ghouta-Ebene von Qaryataynen aus südlich zu umfassen suchen.

Zu den Grundlagen gehörten Bemerkungen des russischen Außenministers eine Woche zuvor ( von denen ich irrtümlich annahm, ich hätte sie schon dokumentiert). Jetzt zeigen die AMN-Berichte, ich hatte die taktische Lage im fraglichen Gebiet richtig antizipiert. Gestern:

[One] day after the US airstrikes that targeted a convoy of SAA and allies heading to the Tanf front, the Syrian Army would continue its advance in east Damascus capturing the Research Center located south of Zaza Junction … parallel … the SAA … captured the village of Zuluf alongside hundreds of square kilometers along the Syrian-Jordanian borders …

Heute (siehe o.a. Link):

On Monday evening, the Syrian Arab Army (SAA) captured most of the Al-Rahbeh area some 25 kilometers north of the Zuluf dam which was captured the day before … If the SAA’s Republican Guard – backed by Druze fighters and Russian special forces – are able to advance 30 kilometers further north, government troops will have cutoff a massive rebel area on the southeastern outskirts of Damascus which is bound to collapse in the near future.

Zaza und Zuluf bilden eine Frontlinie mit einer Neigung von vielleicht 40° Nordost in weit über hundert Km Abstand von Al Tanf, sie hat mit dem jordanischen Grenzgebiet nichts zu tun. Einen weiteren Abschnitt dieser Umfassungsfront „beackerte“ eine andere Armeeabteilung: Syrian Army opens new front against ISIS in a surprise offensive.

… the Syrian Army made a swift advance in the early morning of Tuesday when it captured the entire eastern series of Qaryatayn’s hills … Syriatel Hill, Shuhada’ Hills (Martyr’s Hill), and al-Mashtal … as the Syrian military aims to reach Bardah fully surrounding the rebel bastion in Eastern Qalamoun …

Beachtet, daß in beiden Berichten von Hezbollah und iranischen / irakischen Einheiten nicht mehr die Rede ist. Die SAA überläßt folglich gemäß russisch-amerikanischen Weisungen die irakische Grenze den OIR Proxies, hält auf der Höhe Palmyra, wie verlangt, einen Abstand wenistens 50 km von deren Basis bei Al Tanf. Anzunehmen, daß die „schiitischen Milizen“, die im Süden operiert haben, nun an den Frontabschnitt nordlich Palmyra verlegt werden, an dem es Vorstöße Richtung Deir Ezzor gibt. Das russische „Deconflicting our troops“ und ihrer Proxies, mit dem Gen. Dunford sich auf der kürzlichen Pentagon-Pressekonferenz gebrüstet hatte, und das irgendwann demnächst auch für Deir Ezzor wirksam werden soll, arbeitet wie gewünscht.

Weshalb dann das („kleine“) Massaker zu Beginn der Operationen?

Die erste Meldung AMN’s dazu hatte Rasi’i Well zum Schauplatz erklärt, und niemandem wollte / sollte auffallen, daß dieser Brunnen auf der Provinzgrenze Suweidas in knapp 150 km Entfernung von Al Tanf liegt 1, was die Begründungen / Rechtfertigungen seitens OIR und Pentagon zur Lüge stempelte. Doch weder AMN noch sonst jemand kam darauf zurück, auch nicht mit einem Dementi. Die Lagebeschreibungen seither beweisen, so gut das eben möglich ist, indirekt, daß die erste Ortsangabe stimmte. Es gibt also konvergente Gründe für diese Front des Verschweigens, welche alle Kriegsparteien einigt.

Auf westlicher Seite liegt ein Grund im militärischen Gegeneinander verschiedener Kommandostellen des Pentagon und daher auch im CJTFOIR. Besonders krass trat das beim vorgeblich „irrtümlichen“ Bombardement von SAA-Truppen bei Deir Ezzor im letzten Jahr zu Tage, das, wie Gereth Porter dokumentiert hat, auf der „Eigeninitiative“ einer Kommandostelle in Doha beruhte, welche auf Partnertruppen aus dem UK, Dänemark und Australien zurück griff. Dänemark hat seine Flieger anschließend entnervt aus dem OIR-Kontingent zurück gezogen. Eine weitere Episode war ein von Amman aus organisierter, ebenso aufwendiger, wie umständlicher und militärisch nutzloser Angriff belgischer F-16 auf Zivilisten im Bereich Sheba-Dam während der ersten Phase der türkischen Operation „Euphrates Shield“. Die Belgier haben diesen Einsatz abgestritten, so daß nicht ausgeschlossen werden kann, daß eine andere Luftwaffe den Angriff mit gefälschten ID-Schlüsseln geflogen hat. Das jüngste Ereignis legt zumindest nahe, daß dies blutrünstige Gegeneinander zwischen CENTCOM Führung und NATO-Kommandeuren weiter besteht.

Auf der Gegenseite geht es offenkundig darum, zumindest bei den niederen Rängen der SAA, der Hezbollah und diverser Milizen / Truppen aus dem Iran und Irak die Illusion aufrecht zu halten, das bedingte russische Einschwenken auf das amerikanische Vorhaben, Assad und „die Schiiten“ mit russischer Assistenz aus Syrien zu entfernen, sei eine „taktische List“. Andererseits zeigt die AMN-Propaganda, die keine Gelegenheit ausläßt, den syrisch-iranischen Hardlinern, insbesondere auch den Warlords der NDF und der Nationalsozialisten, eine Bühne für „Machtdemonstrationen“ zu geben, daß man sich darüber in den Befehlsstellen keinen Illusionen hingibt. Was wiederum andeutet, daß auch ein Teil der in Syrien arbeitenden und stationierten Truppen geneigt sind, sich den Direktiven aus Moskau zu widersetzen, wo immer sie eine Chance dazu wittern.

Und so komme ich auf die ersten beiden Einträge dieser Serie zurück. Es wäre gewiß falsch, die Spaltungen der Fronten allein auf die Sonderstellung der Zionisten im Imperiumsgefüge, einschließlich ihrer ziemlich unwiederleglichen „Argumente“ zurück zu führen. Doch umgekehrt sind diese Bruchlinien, soweit sie nicht von vorn herein durch Rücksichten auf die zionistische Militäraristokratie motiviert sind, die beste Gelegenheit für die Zionisten, zu eskalieren und Bemühungen um eine Minderung des Blutvergießens zu stören und zu sabotieren, so gut sie nur irgendwie können. Debkafile gestern:

Saturday, as DEBKAfile reported, the Syrian-pro-Iranian-Hizballah force in southern Syria renewed its advance on the Iraqi border, two days after sustaining heavy casualties from a US air strike on its convoys. Syrian military sources reported they captured the Suweida region and another 60 square kilometers. This brought them closer to the strategic Al-Tanf crossing at the Syrian border intersection with Iraq and Jordan, which is held by US and other special operations units.
The arrival Sunday of Russian ground troops to this hotly-contested region offers an acid test for Donald Trump’s assurance to the Saudi royals and Gulf Arab rulers of his administration’s resolve to rein in Iran’s military charge through the Middle East, along with Hizballah, and relegate to the past their depredations in Syria, Iraq and Yemen.
The success of the US-led military operation to take and hold the Syrian-Iraqi border will give Trump’s policy high kudos. But a battleground defeat at the hands of Russian-Iranian backed Syrian and Hizballah troops would seriously dim the gains of his Middle East trip.

Zu wenigstens 90% war das Lügenpropaganda. Doch deshalb nicht unwirksam. Der Artikel in der Jordan-Times, der den Brennpunkt Suweida mindestens weiter glimmen lassen soll – wozu sonst werden solche Überlegungen veröffentlicht? – zeigt es.


  1. By the way. Vor zwei Tagen hatte ich nachrecherchiert, was aus dieser Ortsangabe, auf die AMN nie zurück kam, geworden ist und fand nur Spiegelungen des Artikels auf Reddit und in einigen Blogs. Nicht aber meinen Eintrag. Die Google- und Bing-Zensur, die viele meiner Einträge vom Listing ausschließt und diejenigen, die nicht gesperrt werden, erst irgend wann zwischen zwischen 3 und 4 Tagen listet, ärgert mich ziemlich. Wer „TomGard“ in diese Suchmaschinen eingibt, erhält erstmal eine Seite lang Hasbara-Hetztiraden gegen mich, die meisten aus dem Jahr 2011. Wenn ihr auf Yandex wechselt, seht ihr den Unterschied. Seit 2012 bin ich von fast allen Traffic versprechenden Portalen gesperrt, mit der einzigen mir bekannten Ausnahme von Telepolis. Wer also das eine oder andere von mir für verbreitenswert hält, kann es höchstens in Blogs mit vergleichsweise geringem Traffic verlinken oder muß es spiegeln. 
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5 Antworten zu Kein Massaker in Suweida – vorerst

  1. tgarner9 schreibt:

    Ein Leser hat diesen Eintrag vom letzten November angeschaut, in dem ich schrieb:

    Den Angriff auf Damaskus erwarte ich aus Anbar, ausgeführt von zig Tausenden Söldnern, die mit wirksamen Abwehrwaffen gegen russische Hubschrauber und Bodenkampfflugzeuge ausgestattet werden.

    Tja, ich nahm halt – wie gewöhnlich – das Schlimmste an, nachdem die „Koalition“ die Daeshianer in großer Truppenstärke über Ar Rutbah und Al Tanf nach Palmyra vorrücken lassen hatte und die SAA die größte Mühe bekam, ihre Bastion T4, die einer Offensive auf Homs oder Damaskus im Wege war, und das südwestlich davon gelegene Qaryatayn zu halten. Wenig später half CENTCOM in koordinierten Einsätzen mit russischen Fliegern der SAA aus der Patsche. Es waren nicht viele Einsätze – sie entfalteten ihre Wucht nicht mit TNT, sondern militärpolitisch. Gut, daß der Leser mich an diese Phase erinnert hat, die in den vorliegenden Zusammenhang gehört, die ich aber schon vergessen hatte. Ich werde alt.

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  2. tgarner9 schreibt:

    Abermals richtig „gelesen“.
    http://french.almanar.com.lb/413884
    Gegen die Offensive „Wüstenvulkan“, welche die Imperiumsproxies für den Raum im Süden der irakisch-jordanischen Grenze Syriens am Montag ausdrücklich „gegen die schiitischen Milizen“ ausgerufen haben, stellt sich die syrische Armee in einer Bogenlinie von Palmyra, al Qaryatayn bis Suweida auf. Die „schiitischen“ Milizen werden von dieser Grenze einer amerikanischen „safe zone“ Richtung Nordosten ins Euphrat-Tal abgezogen. Al Manar gibt dafür freilich keine offizielle Quelle an, sondern eine „Einschätzung“, die in Al Akhbar erschien::

    Le quotidien libanais prévoit que les opérations militaires des miliciens vont surtout s’intensifier dans la vallée de l’Euphrate et surtout dans l’entourage de Boukamal.

    Al Bukamal liegt auf der syrischen Seite des Euphrat-Laufes dem irakischen Al Qaim gegenüber, etwa 80 km südlich (Luftlinie) Deir Ezzor. Man muß diese Nach-Richt daher als Andeutung lesen, daß die irakischen und iranischen Milizen aus Syrien ausgetrieben werden sollen. Ein Sprecher der irakischen PMU’s hatte zuvor in einem Interview bestätigt, seine von den Irankriegern zu „iranischen Proxies“ deklarierten Einheiten führten in patriotischem Auftrag der irakischen Regierung eine Offensive zur Sicherung der syrischen Grenze aus, „weil es sonst niemand tut“.
    http://french.almanar.com.lb/413217
    Es ist dieselbe Offensive, die in Raum Sinjar dem angekündigten türkischen Einmarsch entgegen gestellt wurde. Ein anderer Sprecher der PMU’s bestritt gegenüber Aranews, daß diese Offensive gegen die Barzani-Peschmergas geichtet sei. Man habe „kein Problem mit den Peschmergas“, wiederholte er eine Sprachregelung, die auf der Gegenseite Mansour Barzani während seines Besuches in Washington gewählt hatte. Man darf folglich schließen, daß die PMU-Offensiven zur Abriegelung der irakisch-syrischen Grenze von den USA abgesegnet sind und in Ergänzung der amerikanisch-britischen Sicherung der o.a. „Safe Zone“ um Al Tanf statt finden.

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  3. Pingback: Zwischenspiel – Zensur und Fake News | Themen & Essays

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