Zensurgeschichten

Automaticc hatte Jana’s Beschwerde über die kürzliche Suspendierung ihres Blogs binnen 36 Std mit folgendem Text beantwortet:

Thank you for getting in touch. Your site was flagged by our automated anti-spam controls. We have reviewed your site and have removed the suspension notice. We greatly apologize for this error and any inconvenience it may have caused.

Ich habe den Kernsatz des Textbausteins über Google genau genau fünf Mal wiedergefunden, das erste Mal im Jahr 2013. Zwei dieser Betroffenen kehrten WordPress darauf den Rücken.

Ich nehme der Fa. Automaticc, die WordPress betreibt, ganz allgemein gesprochen, das Bekenntnis zur Freiheit des Wortes und den Stolz auf den Aktivismus in dieser Richtung ab. Das ist eine Geschäftsgrundlage und schließt, wie immer, nicht aus, daß Automaticc begründetete und – berechtigte Einsprüche gegen Veröffentlichungen kennt. Aber warum mutet die Fa. ihren Mitarbeitern keine händige Kontrolle der anscheinend seltenen, angeblich automatischen Blog-Suspendierungen zu?

Sicher, die Recherche nur nach jenem Textbaustein ist völlig unzureichend – und ich habe keine Lust, mehr zu investieren – und in den USA wie Europa sind Gesetzesvorlagen unterwegs, die Automaticc unter hohen Geldstrafen zur automatischen Suspendierung von Blogs zwingen wollen, siehe z.B. hier. Doch ein Programm, das (noch) unzuverlässig arbeitet, sollte bei der vorliegenden Masse an Content mehr Fehler produzieren.

Ich schließe daher vorläufig: Entweder das Programm arbeitet zuverlässig (und ich kann im Fall des Wolfsmilchblog keine Fehlerquelle identifizieren) oder es gibt normalerweise eine Kontrolle vor Blog-Suspendierungen, im Unterschied zu Suspendierungen einzelner Einträge.

Vor der Suspendierung verzeichnete das Blog auffällig viele Zugriffe aus dem UK auf die Archive mit Einträgen zur Führung der LIFG durch den MI6 im Libyenkrieg 2011, die auch Hinweise und Spuren auf die geheimdienstliche Führung zumindest der prominenten LIFG-Angehörigen in der Al Qaida enhielten, die zu dieser Zeit mindestens seit 1995, also vor 9/11, andauerte.
Die Referenzen unverdächtiger Quellen, die ich damals benutzt habe, die halbwegs für Originale gelten können,  sind längst aus dem Netz gelöscht. Indirekte, z.B. Artikel von Global Research und anderen „üblichen Verdächtigen“ von einiger Prominenz, gibt es noch. Der Anlaß für die Zugriffe war natürlich #manchesterarena und die Blog-Suspendierung kann ein perfekter Zufall 1 sein. Oder eben nicht. Dann wurde mit der „automatischen Spam-Kontrolle“ vielleicht ein Suspendierungs-Befehl aus dem UK maskiert, den der diensttuende Mitarbeiter von Automaticc nicht ignorieren konnte, bis der Abteilungsleiter anders entschied.

Den ausführlichsten und besten meiner damaligen Einträge zu dem Thema gibt es nicht mehr. Er wurde irgend wann im Laufe des Jahres 2012 vom damaligen Blogbetreiber stillschweigend gelöscht, ein unübliches Verfahren. In anderen Fällen waren Einträge gesperrt worden, unter der schriftlichen Mahnung, spezifische Behauptungen entweder zu unterlassen oder eine Sperrung zu kassieren.

Wie gesagt, either way ist perfectly possible, aber der Vorfall gab mir Stoff, darüber nachzudenken, in welche Sachverhalte ich angesichts der flächendeckenden Geschichtsfälschungen – mit und ohne Zensuranstrengungen – die seit ein paar Jahren unterwegs sind, noch Arbeit investieren will.


  1. By the way. Ich hätte an der Stelle lieber das Wort kontingent benutzt,  „(einander) berührend, benachbart, zusammen gelagert“, zu Kontiguität. Doch es ist derart außer Gebrauch gefallen, daß Wörterbücher das englische Synonym „contiguous“ schon falsch mit „zusammenhängend“ („continuous“) übersetzen. Dies „außer Gebrauch fallen“ gehört ebenfalls in den (begrifflichen!) Bereich der Zensur, wenn auch einen Randbezirk. Punkte in einer Häufigkeitsverteilung sind „kontingent“, nämlich einfach deshalb, weil ein oder mehrere Gründe für das ermittelte (zeitliche, räumliche, kausale, sprachliche, referentielle, whatsoever) Zusammentreffen logisch gesprochen für jeden einzelnen Punkt ermittelt gehörte. Dies induktive Verfahren läßt sich in wohl bestimmbaren Fällen deduktiv ersetzen, bzw. deduktiv abkürzen. Die positivistische Wissenschaft bestimmt hingegen vermittels der theologisch motivierten Ermächtigung des Kausalitätsprinzipes eine Gleichwertigkeit der Annahmen, eine Häufung gehe auf einen „tieferen Zusammenhang“ zurück oder sei zufällig. In der Tat ist nur mit dieser theologischen Intervention die Vorstellung haltbar, eine Häufigkeitsverteilung könne dem Beweis einer Überlegung, eines Schlusses dienen. Tatsächlich illustriert eine Statistik nur eine Überlegung, einen Schluss, aber insoweit sie das in einem von der zugrundeliegenden Schlussweise unangetasteten Material tut, stellt sie Überlegungen ggf. neues Material zur Verfügung, dessen Kontingenz oder Notwendigkeit zu bestimmen, ergänzender Überlegungen bedarf, welche voran gegangene Schlüsse und Urteile entweder befestigen oder schwächen können.
    Die Angelegenheit macht indes theologische Fortschritte. Spezifisch Interessierten (mit entsprechenden Vorkenntnissen) empfehle ich dazu eine schreiende Zumutung. Ein gewisser Adi Ophir liefert da das rhetorische Instrumentarium, Begriffe vermittels ihrer über den Diskursbegriff Foucaults geordneten Ideengeschichte restlos in Ideologemen aufgehen zu lassen, eine Konsequenz des Diskursbegriffes, den seine Adepten meist nicht ziehen wollten. Im Resultat werden Geltung und Performanz von Begriffen identisch und bilden den eigentümlichen, vom Autor affirmirten Autoritätsbereich eines jeweils militärisch herrschenden geistlichen, moralischen, politischen Klerus
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Zensurgeschichten

  1. tgarner9 schreibt:

    (edit: Keine Lust die automatische Formatierung zu überlisten, der 2. erste Schritt ist latürnich der zweite.)
    Ich schwöre (!), es gibt (!?) keinen (!!) kausalen (!!!) Zusammenhang zwischen meiner Fußnote und den in etwa gleichzeitig erschienenen Ergüssen von Stephan Schleim:
    https://www.heise.de/tp/features/Koerper-ist-Geist-3729372.html

    Vulgo: Ich kannte die Ergüsse nicht, als ich den Meinen schrieb :)

    Ich bin mir nicht im Klaren, ob es möglich sein könnte, das schleimige Zeug (no sorry for the primitive pun) sachgerecht zu kommentieren, ohne negative Entropie zu riskieren, soll heißen: Den Unfug zu vervielfachen. Ein paar, rasche, freihändige Bemerkungen zu seiner Methode will ich aber loswerden:

    1. Schritt: Stelle einen Strohmann auf, den du nicht etwa zerfetzt, sondern einkleidest. Das gibt dir jedenfalls eine selbstbestimmte Lufthoheit in der Debatte.
      Das Verfahren: Schleim stellt die Abstraktionen, von denen Lehmann in seinem (übrigens indiskutablen) Artikel einen populären Gebrauch machte, mittels einer syntaktischen Analogie als „Verdinglichungen“ hin. Den interessierten Fehler, den er damit begeht, nämlich ontologische und epistemische Aussagen ununterscheidbar zu vermanschen, legt er seinem „Gegner“ zur Last.

    Der springende Punkt ist, dass „Schizophrenie“ also kein Ding ist, sondern schlicht ein Oberbegriff, den sich Experten ausgedacht haben, um tausende von möglichen Wahrnehmungen zusammenzufassen. Wir alle sind Experten des Verdinglichens, in Fachsprache „reifizieren“ (von lat. res = Ding). Verdinglichungen können äußerst praktisch sein.

    „Äußerst praktisch“ – wie „wahr“ das ist, führt Schleim in seinem nächsten Abschnitt vor:

    Mit anderen Worten: Manche Begriffe sind soziale Konstrukte. Wer jetzt denkt, damit sei „Schizophrenie“ ins Reich der Fabelwesen verbannt, der irrt sich. Mitunter haben die Betroffenen, wie gesagt, Probleme oder gar schwerste Probleme. Die Diagnose ist eine Reaktion des heutigen Gesundheitswesens darauf; sie bestimmt auch, wie die Gesellschaft mit diesen Menschen umgeht.

    Heureka! „Schizo“ ist kein Ding, was auch niemand, der wenigstens zwei seiner 6 Sinne unverrückt gebraucht, behaupten wird, doch der Schizo ist eines, und zwar ein seeehr „praktisches“ Ding (Ja, Menschen sind Dinge, wie Schleim richtig einräumt). So ist die epistemische Problematisiererei Lehmanns beispielhaft schleimig in ein ontisch definiertes Institut aufgehoben, die Psychiatrie, welche Schleim in Gestalt der Irren vergegenständlicht und verdinglicht zugleich. Oder will jemand soziale Tatsachen etwa bestreiten?? Nie nicht, davor ist der zuständige Klerus, in diesem Fall Schleim:

    Da (die Diagnose) für manche Personen beinahe vernichtend ist, schlägt etwa der Maastrichter Psychiatrieprofessor und Schizophrenieexperte Jim van Os vor, den Begriff abzuschaffen. In provokanter Manier formuliert er das manchmal so: „Es gibt keine Schizophrenie.“ Kollegen warfen ihm daraufhin vor, er würde die Antipsychiatrie der 1970er Jahre wiederbeleben.

    Der Experte für das Ding darf den „Begriff“ „abschaffen“ – das fällt in seine Zuständigkeit, vere?

    1. Schritt: Löse alle Begriffe in der angegriffenen Argumentation argumentlos auf, um sie anschließend autoritativ beliebig … selbst zu verwenden.

    In Lehmanns Liste hatten wir noch die anderen Begriffe: Leib, Seele, Körper, Geist, Bewusstsein, Ich, Subjektivität, Qualia. Ob diese Wörter eher für Dinge wie Tische und Stühle stehen oder für „Dinge“ wie Schizophrenie, das kann und will ich hier nicht abschließend erklären. Das Leib-Seele- oder Körper-Geist-Problem lösen zu wollen, ohne sich dessen bewusst zu sein, halte ich aber für aberwitzig.

    Die autoritative Restitution zeichne ich nicht nach, der „negativen Entropie“ willen. Exemplarisch kann man sie in der Überschrift besichtigen, „Körper ist Geist“. Tja, diese physische Identität ist der Ausgangspunkt und das Basisargument des philosophischen (im Unterschied zum i.e.S. theologischen) Geist-Materie-Dualismus („cogito ergo sum“) …

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s