Imperium vs. Imperialismus

Im Januar 2009 kommentierte ich einen Grundsatzartikel zur europäischen Politik, den Eberhard Sandschneider, damals wie heute Chef der DGAP, anläßlich der Inauguration Obamas veröffentlichte und der heute nicht mehr online ist. Im Juli 2011 legte ich das Teil neu auf und heute erinnerte mich Jana an den Text. Er weckt mir ganz viel Verständnis für den Ekel, den ich aktuell jedes Mal zu überwinden habe, wenn ich mir vornehme, wenigstens ein paar lapidare Sätz zum aktuellen Geschehen oder seinen abstrakten und allgemeinen Gründen und Zwecken abzulassen.
Ich habe den Eintrag stilistisch ein wenig redigiert und gerafft.


Der sog. Think Tank „Deutsche Gesellschaft für auswärtige Politik eV“ ist eine Quelle, die ich besonders Lesern empfehle, die sich anhand gewisser Eigenheiten politischer Frontfiguren nebst deren Selbstdarstellung gern davon überzeugen lassen, die politische Klasse Europas und besonders Deutschlands bestünde vorwiegend aus Vollidioten, die obendrein oft entweder naiv oder bösartig seien. An diesem Bild hat diese Klasse maßgeblichen Anteil.

Zunächst einmal handelt es sich um eine wechselseitige Projektion des politischen Personals und ihres politisierten Publikums, die von in der Öffentlichkeit stehenden Politikern und ihren Marketingberatern publizistisch gepflegt wird. Die Medien suchen jeder Fraktion des Publikums in wohl gewidmeten Nischen der veröffentlichten Meinung genau die Politik und die Politiker zu präsentieren, die es sich wünscht. Politische Absichten und kommerzielle Interessen arbeiten dabei Hand in Hand. Es bedarf kaum einer „Manipulation“, im gewohnten Sinne des Wortes.

Solcher Allianz nützlicher Dummheit publizistisch entgegen wirken zu wollen, ist u.a. deshalb ein undankbares Geschäft, weil die die Technik des Dummstellens und ostentativ naiven Pochens auf „Werte“ und „Prinzipien“ elementares Handwerkszeug nicht nur des politischen Geschäfts, sondern aller Rechts- und Gewaltgeschäfte ist, angefangen von Konflikten mit Eltern, über Konflikte an und um Arbeitsplätze, bis hin zu Ehehändeln. Viele Beteiligte wollen deshalb gern glauben, diese Techniken entsprächen einer Realität von Sachverhalten oder zumindest iwie „des Lebens“, statt einer von allen Beteiligten getragenen Inszenierung der Kämpfe um Partizipation an politisch-rechtlicher Macht und Geltung auf allen gesellschaftlichen Ebenen. Andererseits versichern die Teilnehmer Kritikern der systematischen Heuchelei und Verstellung Gehabes gerne,  „jaja“, es  stimme schon, das sei ziemlich blöd, aber „in Wahrheit“ machten sie sich darüber nichts nichts vor. Dumm und gutgläubig sind immer nur „die anderen“, die Wölfe nämlich, mit denen man zu heulen habe, und diese Vorstellung übersteht jede Erfahrung, daß der Urteilende regelmäßig selbst zu diesen „anderen“ gehört, weil und indem er fälschlich auf Dummheit, Naiviät und Gutgläubigkeit seiner Widersacher setzt und setzen muß. Er muß das tun, weil diejenigen, die in der Konkurrenz als Erste die Masken fallen lassen, sie damit nicht selten zu einer Entscheidung bringen – sie haben dann entweder schon gewonnen oder verloren.

Sachlich geht es in diesem Getümmel unter anderem immer um Information und Desinformation.
Information ist in jeder Konkurrenz, und also auch im Krieg der Staaten vor und nach militärischem Kräftemessen, stets zugleich Desinformation 1. Ein Grabenkampf, in dem jeder den oder die Gegner aus der Deckung zu locken versucht, um Hinweise auf seine Absichten, kommenden Schritte und Maßnahmen zu erhalten. In der zu Teilen der öffentlichen Anteilnahme anheim gestellten Konkurrenz innerhalb der politischen Klasse bekommt das u.a. die Verlaufsform, daß jeder den Gegner für dumm zu verkaufen sucht und sich dabei – positive thinking – überlegen vorkommt.

Ich adressiere die obige Vorrede besonders an viele der sog. „Infokrieger“ und „Verschwörungstheoretiker“ , unter denen die Ansicht, alle am politischen Geschäft Beteiligten, mit Ausnahme der inkriminierten Verschwörer und ihnen selbst, den Verschwörungstheoretikern, seien entweder dümmer als Bohnenstroh, kindlich naiv, oder heillos bösartig, systembildend ist und zum Gewinn des Treibens zählt. Die Veröffentlichung der DGAP, die ich in Ausschnitten besprechen werde und die zu einer Wende in der europäischen und besonders der deutschen Politik aufruft, scheint auf einen flüchtigen Blick der Intelligenz und dem Sachverstand der adressierten Politiker ein vernichtendes Urteil auszustellen. Auch ein Autor wie Eberhard Sandschneider, Experte für die Politik Chinas und Ostasiens am Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft, ist von dem oben skizzierten Zusammenhang nicht ausgenommen. Als einer der Direktoren des Think-Tanks hat er darüber zu befinden, welchen politischen Bedürfnissen die DGAP dienen soll und will und welchen nicht. Sein Grundsatzartikel, erschienen zu Obamas Amtsübernahme, zeichnet gewissermaßen die Eckwerte der Machtgeometrie, zwischen denen sich das Institut und seine Mitwirkenden in Zukunft bitte bewegen sollen, und deshalb bedient sich Sandschneider der Sprache der Macht, also der Diplomatie. Er verfehlte seinen Zweck, redete er in zünftig belehrender (akademischer) Sprache, womit er es seinen Adressaten erschwerte, die in seinen Formulierungen enthaltene Kritik an ihrem bisherigen Treiben anzunehmen und sich dennoch durch sie bestätigt zu fühlen. Und nun zur Sache:

„Zaungast Europa: Die Krise als Chance“

„Europa muß seine Handlungsfähigkeit zurück gewinnen“

Zur Finanzmarktkrise äußert sich Sandschneider deutlich:

Wenn (die Wirtschaftskrise) zu Ende geht, werden nicht nur Buchwerte, sondern auch reale Vermögen in gewaltigem Umfang vernichtet sein.

um Auskunft zu geben, welche Art von Folgen und Verwerfungen der Kapitalvernichtung Sandschneider der Politik ans Herz legen will:

„… häufig genug sind Tsunamis die Folge, die alles mit sich reißen, was bislang vermeintlich fest gefügt und stabil war. Wir leben mitten in einem solchen Tsunami.“

Die Ordnung im weitesten Sinne, sowohl innen- wie außenpolitisch, ihre Verteidigung und Beförderung ist sein Thema – nicht die ökonomischen Lasten! Die simple Art, in der Sandschneider ökonomische Vorgänge in ein untergeordnetes Kriterium der Gewaltverhältnisse übersetzt, aus deren Perspektive die Ökonomie banal als Mittel erscheint, stellt Verschwörungstheorien über Machenschaften von Profiteuren der Krise fast schon richtig. Insofern ökonomische Zugriffsmacht zum politischen Zweck wird, verliert sie darüber gleichwohl nicht ihren Charakter, Mittel für politische Zwecke zu sein. Schlicht gesagt: Warum sollten Leute, die über mehr Geld verfügen, als sie je ausgeben können, ohne es banal zu verschenken, sich noch um seine Mehrung sorgen? Ihr Vermögen, unter dem Kommando seiner bestallten Agenten, leistet das von selbst. Falls einer antwortet: „aus Machtgier“,  ist das Anliegen dieser Antwort ziemlich kenntlich: Die Institutionen der Gewalt – Nation, Staat, Recht und abgeleitet von ihnen die Ideale und Moralien – sollen vor ihren Geschäftsträgern und deren Handeln in Schutz genommen werden, denn das – ausschließlich das! – leistet der Verdacht, die Geschäftsträger der Politik handelten als Agenten anderer, ökonomischer Akteure. Die Rede von der „Machtgeilheit“ der vorgeblichen Verschörer lagert einen Zweck, der jedem Streben nach souveräner Handlungsfreiheit einbeschrieben ist, in ein qua Voraussetzung subalternes Personal aus 2.

Sandschneider, als ein Theoretiker, der von keinerlei verschwörungstheoretischen Anwandlungen gekränkelt ist, stellt den Übergang von der Ökonomie zur Machtpolitik so umstandslos vor, wie oben zitiert. Er behandelt ihn als eine Selbstverständlichkeit.
Ausgehend von dem erkennbaren und zu erwartenden Verlust an ökonomischem Machtpotential, das die USA zu gewärtigen haben, fragt er:

„Trifft die weltweite Wirtschaftskrise die Schwellenländer (Er spricht China, Russland und Indien an, TG) so hart, dass sie wegen unausgewogener Wirtschaftsstrukturen und wachsender sozialer Probleme im Inneren am Ende einen wieder erstarkten Westen unter Führung der USA erleben, die kraft ihrer sprichwörtlichen Widerstandsfähigkeit die Krise gestärkt und leistungsfähig wie eh und je überstehen?“

So umreißt Sandschneider eine Logik der Absichten, die amerikanische Politik im Umgang mit den Folgen und Resultaten der imperialistischen Konkurrenz um den Weltmarkt im vergangenen Jahr verfolgte und weiter verfolgen wird, und gibt sogleich die Antwort:

„Die USA werden versuchen, sich an die Spitze der Bewegung zu stellen, die das von ihr bislang dominierte internationale System ablösen soll, um von dort die Kontrolle über die Bewegung zu erhalten.“

Besser, behaupte ich, kann man die Botschaften kaum zusammen fassen, die das National Intelligence Council in seinem Strategiepapier, Global Trends 2025: A Transformed World, der interessierten Öffentlichkeit vorgestellt hat. Anschließend gibt Prof. Sandschneider den Damen und Herren Lesern kund und zu wissen, daß er die ökonomischen Voraussetzungen für den Erfolg dieser Strategie grundsätzlich für gegeben halten will:

„Die vermeintlich neuen Pole im multipolaren System sind von der globalen Wirtschaftskrise viel härter betroffen, als man ursprünglich angenommen hat. China und Russland sind im Wesentlichen mit sich selbst beschäftigt und weit davon entfernt, zu Rettungsankern in der Krise zu werden. Trotz ihrer hohen Finanz- und Devisenreserven zollen sie einseitigen Wirtschaftsstrukturen und internen Verwerfungen erheblichen Tribut. Vor allem in China stehen die Zeichen auf Sturm. Tausende von geschlossenen Betrieben und Millionen von entlassenen Wanderarbeitern lassen für die Wirtschaftsentwicklung Chinas und im schlimmsten Fall auch für die Stabilität des Landes nichts Gutes erwarten. (…) mittelfristig sind sie schlechter gerüstet als die USA und Teile Europas.“

„Schlechter gerüstet“, als diejenige Macht, die sich nach Sandschneiders eigener Diagnose aus gutem Grund einen unaufhaltsamen ökonomischen Niedergang attestiert! Ist diese Formulierung ein blutig zynischer „Witz“?
Nein, genau so einfach, wie er es hinschwatzt, macht sich der Herr Professor seine „Analyse“! Lassen wir die Wendung „Teile Europas“ vorerst beiseite, setzt Sandschneider naiv und umstandslos auf den Erfolg des hegemonialen Ordnungswillens der künftigen US-Regierungen und ihrer Maßnahmen, den ökonomischem Niedergang zu kompensieren. Oben, ich wiederhole, hatte er wie folgt charakterisiert, was er jetzt einfach als künftigen Fakt unterstellt:

„Die USA werden versuchen, sich an die Spitze der Bewegung zu stellen, die das von ihr bislang dominierte internationale System ablösen soll, um von dort die Kontrolle über die Bewegung zu erhalten.“

Im Klartext lautet also Sandschneiders Aussage, so die Chinesen (und mit ihnen ihr Verbund mit Russland, Indien und dem Iran in der SCO) nicht von selbst baden gehen, wie es den US-Strategen und Sandschneider am Liebsten wäre, werden die USA die ihnen gegebenen Mittel anwenden, sie baden gehen zu lassen!
Und diese militärpolitische Diagnose liefert ihm den Übergang zu seinen Urteilen über die Aufgaben europäischer Politiker.

„Teile Europas“ ist der erste der Hinweise, für welche europäischen Konsequenzen Sandschneider plädiert. Für ihn, darf man schließen, haben angebliche „Horrorszenarien“ eines „Auseinanderbrechens“ der Eurozone wenig Schrecken. Das akzentuiert er vermittels einer Projektion auf den Feind, wie sich so etwas politisch gehört:

„Es mag sein, dass die neue Administration weniger Interesse an einem überdehnten und entscheidungsschwachen Europa hat, aber dadurch allein wird Europa nicht stark. Erwartungen insbesondere an die USA zu pflegen, ist jetzt die falsche Strategie. Aber noch scheint das leichter zu sein, als die EU selbst zu einem Interessenträger aus eigener Kraft zu machen.“

Um die Frontstellung unmißverständlich zu machen, nennt Sandschneider eine der handfesten Botschaften des NIC-Papiers:

„Europa wird in der Rubrik „andere Schlüsselakteure“ in zweieinhalb Spalten mit dem Zusatz beschrieben „loosing clout in 2025“
Das ist die Realität transatlantischer Wahrnehmungen.“

Jawohl, und es ist die Wiederholung der amerikanischen Kriegserklärung, in Gestalt des „War on Terror“, der vielen Akteuren fälschlicherweise an Europa vorbei gezielt erschien. Wird Europa den Kampf neu und anders annehmen? lautet die Frage Sandschneiders.
Die Manövriermasse solcher Überlegungen, diejenigen, die mit ihrem Blut für sie einstehen, sei es hinter einer Waffe oder an den Werkbänken und Schreibtischen, und in überwiegender Zahl nach einem Blick auf ihre Lohn- und Gehaltszettel, sollten sie sich besser nicht stellen und nicht stellen lassen!

Zum Schluß sei wenigstens flüchtig erwähnt, was Sandschneider ausläßt.
Sollte nämlich die politische und militärische Klasse der USA die Lage nicht so günstig beurteilen, wie Sandschneider, oder solchen Optimismus verlieren, dann wird für sie die Option, die Weichen militärisch zu stellen, unausweichlich.
Ich glaube gern, daß diese Auslassung einem blinden Fleck in Sandschneiders Wahrnehmung entstammt. Denn ein erfolgreicher europäischer Widerstand gegen die Prognosen des NIC könnte einiges dazu beitragen, militärische Optionen näher zu rücken, die das NIC-Papier übrigens schlicht in Aussicht stellt. Sie hätten auch außerhalb der militärisch vernichtend betroffenen Regionen drastische Auswirkungen und nicht allein von der Art, wie wir sie derzeit als Krise des Weltwährungssystems erleben.
Na, Sandschneider hat seine Schäfchen im Trockenen, was kümmerts ihn?


  1. Hier ist im Original der Verweis auf einen meiner Texte mit dem Titel „Der gebrochene Wille“, den ich demnächst auch wiederauflegen werde. Er exemplifiziert die Spaltung der bürgerlichen Subjekte am eigentümlich komplementären Gegensatz zwischen Käufern und Verkäufern. 
  2. Das soll nicht heißen, die Verschwörer und Verschwörungen gebe es nicht oder sie seien irrelevant! Nur ist ihr Treiben und dessen Resultate falsch gefaßt, wenn es nicht im Lichte des Verkehrs der Kapitale und Staaten, und folglich dem aus dem Zusammenwirken beider Seiten entstehenden System der globalen Gewaltausübung, und folglich politisch (politökonomisch) beurteilt wird. Vgl. „Berufene ~archen„. 
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2 Antworten zu Imperium vs. Imperialismus

  1. BC schreibt:

    Auch „altes Zeugs“ ist sehr willkommen…

    Gefällt mir

  2. wolfsmilchblog schreibt:

    material, alte „version“…neuere heut nachmittag such…

    Exkurs: Der gebrochene Wille

    von TomGard Pro @ 2011-01-25 – 19:21:27

    Der Gewinn einer Geisteshaltung, wie Ada sie vorstellt, ist jetzt darin benannt, daß ein Mensch sich mit ihr ermächtigt, inhaltslos auf sich und seine Freiheit zu halten. Die grundlose Anmaßung, mit der er dabei auf „die Welt“ herab blickt, als sei sie sein eigen-tümliches Reich und Material seines Willens, ist ein möglicher Gewinn, dessen Kontur sich abzeichnet, wenn wir uns das Komplement dazu anschauen. Das besteht in einem ebenso grundlosen Leiden darunter, daß die Welt eben nicht die Domäne und Werkstatt des individuellen Willens ist, als die ein Bürger sie gern betrachten möchte.
    Der Gewinn liegt folglich in erster Instanz darin, daß ein Nihilist an jedem beliebigen Willensinhalt nurmehr festhalten will, daß er ihn hat.

    [editorische Anmerkung:
    Ich habe mich entschlossen, einen Exkurs einzufügen, der formal in die ursprüngliche Textkonzeption nicht gut paßt. Damit der Anschluß nicht ganz verloren geht, erinnere ich, daß es noch immer um die Frage geht, wieso Juli Zeh die scheinbar vollständige Angliederung Adas an Smutek im Roman nicht als den entscheidenden Wendepunkt gelten läßt und via Ada den Alev noch „im Spiel“ läßt, obwohl nach dessen Maßstäben das Spiel abgeschlossen wäre. Der Exkurs wird einer gründlicheren Einbettung der Antwort, die ich vorschlagen werde, in die Diskurse des Romans hoffentlich förderlich sein]

    Wem jetzt gleich wieder „Egoismus“, ergänzt um „Arroganz“ und „Anmaßung“ als Motiv für diese Veranstaltung einfällt, ist ganz und gar auf dem falschen Dampfer.
    Für das bürgerliche Subjekt ist das Verfahren, solch eine inhaltslose Stellung zu sich selbst einzunehmen, sich gleichsam als ein wandelndes „Vermögen, einen Willen zu haben“ nicht nur zu betrachten, sondern zu behandeln, eine tägliche, stündliche, oft minütliche Notwendigkeit. Denn praktisch alles, wovon und wodurch solch ein Subjekt lebt, einschließlich seines eigenen Leibes, sofern dieser als Arbeitsvermögen resp. Konkurrenzmittel zu betrachten und zu behandeln ist, hat die Form eines Vertragsinhaltes. Vulgo: Es ist Privat- oder Staatseigentum.

    Privateigentum heißt: Ausschließende Verfügung über etwas. Ein gesellschaftliches Datum kann private Verfügung nur sein, wenn eine Trennung des Verfügenden wie seines Eigentums aus einem gesellschaftlichen Zusammenhang vorliegt, in den es wieder überführt werden muß. Der Vorgang, der ein Privateigentum von einer Hand in die andere überführt, und es auf diesem Weg einer Metamorphose unterzieht, der es in veränderter Gestalt aus dieser Hand wieder entfermt, heißt Vertrag.

    Ein Vertrag ist ein Regelwerk, das kodifiziert, wie eine Handlung, welche die Beteiligung zweier oder mehrerer einander entgegengesetzter, daher ohne Vermittlung des Vertrages einander auschließender Willensinhalte voraussetzt, zustande kommen kann und ablaufen soll. So ist er ein Institut eines gemeinsamen Willens, der den beteiligten Willensinhalten dennoch bleibend entgegensteht, andernfalls wäre lediglich eine Vereinbarung, ggf. auch ein Pakt, doch kein Vertrag erforderlich, der die Schranken der Gemeinsamkeit allen Beteiligten verbindlich macht.
    Jeder kennt dies Phänomen aus Fällen, da ein Vertrag unzureichend formuliert ist oder Vertragsvoraussetzungen eintreten, die nicht vorgesehen oder berücksichtigt waren.

    Der Vertrag ist also ein über den und gegen die Beteiligten errichtetes Produkt ihres Willens. Wie kommt es zu diesem Widerspruch?

    Offenkundig handelt es sich um eine Verdopplung der beteiligten Willen, die im Vertrag eine notwendige Erscheinungsform erhält. Der Leser möge an einem ihm bekannten Vertrag, beispielsweise einem Mietvertrag, durchdeklinieren, wie diese Verdoppelung vor sich geht.
    Der ursprünglich eigene Wille wird zum fremden, feindlichen Willen, der feindliche Wille zum eigenen – und auch wieder anders herum, unaufhörlich um und ’num im Prozess der vertraglichen Handlungen, bis daß der Vertrag erfüllt ist.

    Die Heimat des Vertrages ist die Sphäre der Konkurrenz und sein Paradigma ist der Warentausch, nicht aber der Produktentausch.
    Im Produktentausch ist jeder nur am Produkt in der Hand eines anderen interessiert, der Handlungshorizont des Produktentausches wird eingegrenzt von der Gabe auf der einen, dem Raub auf der anderen Seite.

    Die Ware hingegen ist kraft ihrer Gestehungsgeschichte schon etwas Doppeltes, nämlich einerseits sie selbst, ihr dingliches Dasein, andererseits ein Eigentumstitel, den sie in ihrer dinglichen Gestalt nur repräsentiert.
    Weder Raub noch Gabe gehören zum Erklärungshorizont der Ware, wie an den Rechtsformen der Warenwirtschaft kenntlich wird, und anders, als mancher Anthropologe das in Absehung von diesen rechtsförmlichen Fakten gerne sehen möchte, um einer christlich – sittlichen Rechtfertigung der Warenproduktion entgegen zu kommen.
    Greifbar wird der Unterschied zum Tausch im Geld, auch dann, wenn es gar nicht „real“ – im stofflichen Sinne – sondern nur ideell, als stellvertretendes Zeichen zwischen die Phasen des Warentausches tritt. Denn diese Vertretung gilt den Eigentumstiteln an der Ware, nicht ihrem physischen Dasein.
    An dem Phänomen der Roßtäuscherei ist das ganz gut zu demonstrieren. Beim Produktentausch ist der Handel mit dem Handschlag perfekt, die Roßtäuschung mündet in eine Verkürzung des vorgestellten Nutzens, den der Getäuschte von dem Tausch erwartete.
    Roßtäuscherei im Warenhandel ist ein Vertragsverstoß, weil dort der Verkürzung des Nutzens eine Aufblähung des (Geld)Titels entspricht, der im Gegenzug die Hand gewechselt hat.
    Der Zweck des Vertrages in Gestalt eines Warentausches ist also die Realisierung eines Eigentumstitels – im Unterschied zu einem Nutzen oder Nießbrauch – in Gestalt fremden Produktes, das sich in identischer Weise, wie das eigene Produkt, in der gesellschaftlichen Formbestimmung ausschließenden (Privat)Eigentums befindet.

    Ich habe das so ausführlich vorgestellt, damit deutlich wird, wie beim Warentausch, wie bei Verträgen überhaupt, die gesellschaftliche Formbestimmung des Produktes den Willen der Produzenten und Konsumenten bestimmt, nicht etwa umgekehrt.

    Damit sollte klar gestellt sein, was man am oben angedeuteten Verlauf einer Vertragsabwicklung ja schon merken konnte:
    Der im Warentausch mobilisierte und in dessen Vertragsform institutionell verankerte Wille der Beteiligten ist ein gebrochener Wille.
    Er ist über vermittels der gesellschaftlichen Natur und des gesellschaftlichen Herkommens seiner Willensgegenstände und Willensinhalte gebrochen, weil und indem unter der Herrschaft des Privateigentums diese Qualitäten ausschließlich über deren polarischen Gegensatz zu realisieren sind, nämlich vermittels des Dienstes an und der Betätigung von einander ausschließenden Privatinteressen, und deren Realisierung. Über dieser Realisierung eines gesellschaftlichen Zusammenhanges gehen die Privatinteressen regelmäßig baden – wenn auch in sehr unterschiedlicher Weise.

    Im Vollzug eines Vertrages wird dies Institut, diese Abstraktion, zum intellektuellen, geistigen, und – soweit auch immaterielle Zwecke der Beteiligten vom Vertragsinhalt affiziert sind – seelischen Bestandteil der beteiligten individuellen Willen.
    Der gebrochene Wille ermannt sich in Verträgen zu einem doppelten Willen.

    Fast dasselbe Resultat ist auf auf wesentlich einfacherem Weg aus einer alltäglichen Erfahrung zu gewinnen.
    Jeder von uns ist auf Geld als ein Lebensmittel angewiesen, obwohl es kein Lebensmittel ist. Eignet sich jemand Geld an, hält er in materieller Gestalt seinen gebrochenen Willen in der Hand.
    Denn das Zeug taugt einzig dazu, es wieder herzugeben.
    Das existentielle Interesse drängt den Besitzer, es zu behalten, doch eine Not zwingt ihn, es wegzugeben.
    Was der Geldbesitzer aber kriegt, darüber hat er keinerlei Macht.
    Er hat in der Konkurrenz der einander entgegen gesetzten Willensinhalte und -zwecke, die auf die Geldsumme in seiner Hand zielen, lediglich eine Kalkulationsgrundlage seines Schadens.
    Um sein Interesse als Geldbesitzer zu realisieren, muß er die Kalkulation seines Schadens ALS Kalkulation seines Nutzens behandeln und abwickeln. Die ihn anschließend zu neuer Geldbeschaffung zwingt.

    Nur unwesentlich wird dieses Verhältnis durch den Umstand verdeckt, daß eine Währung – nicht aber „Geld“ – gleichsam einen eingebauten Vertrag in sich schließt, der eine iwie noch haltbare Verfallszeit hat. Er heißt „Kaufkraft“. Kaufkraft, das sei der Vollständigkeit halber hinzugefügt, ist eine Erscheinungsform der Urmutter aller Verträge, die selbst keiner ist, der aber die Erscheinungsform eines Paktes gewaltsam verliehen wird. Ich meine die blutige Erwingung des Privateigentums als Leitform des gesellschaftlichen Eigentums, die in eine militärisch betreute Klassenherrschaft mündet.

    Was für Geld gilt, gilt für jede Ware, die Geld oder auch andere Waren kauft.

    [Sexuelle Verhältnissse in der bürgerlichen Gesellschaft sind schon deshalb in erheblichem Umfang Warenverhältnisse, weil sexuelle Begierden mit Warenverhältnissen anderer Herkunft verknüpft sind. In den stummen und offenen Verträgen der Ehen und eheähnlicher Verhältnisse ist das offensichtlich.
    Weniger offensichtlich ist die Weise, wie schon Kindern in den ersten Phasen ihrer Sexualisierung solche Verknüpfungen geschehen. Bemerklich wird sie in der Allgegenwart des Vorurteils, der Mensch habe sich einen Gefallen an ihm, den er wecke, Liebe – was immer das sei – die er „erhalte“ oder erfahre, und die Gelegenheit zur Lust zu verdienen. Der rassistische Ursprung dieser Überzeugung tritt schreiend bei Mädchen und Jungen zu Tage, die, noch bevor sie ausgereift sind, aus Enttäuschung über ihre Erwerbungen auf den Märkten erotischer Attraktionen (im weiten Sinne genommen) die Konsequenz ziehen, sich zu entleiben.
    Die Darstellung bräuchte freilich solche Extreme nicht. Denn das Grundmuster moralischer Erziehung enthält bereits einen Verlauf, in welchem die Kinder mit angeblich eingeborenem moralischen, seelischen, geistigen und physischen So-Sein, ersatzweise aber jeder Menge Dienste, Koketterie, Anbiederei an die Anforderungen der Eltern und Erzieher eine andere Befassung mit ihnen erwerben und also rechtfertigen müssen, als die der Dressur, des Kommandos und Gehorsams – oder einer Gleichgültigkeit, mit der sie mehr oder minder widerwillig versorgt werden.

    Entgegenwirkende Momente, die ein Leser unter „Kinderliebe“ oder dgl. fassen könnte, stellen keinen Einwand dar, im Gegenteil, sie sind eine systemische Ergänzung, insofern sie ein Zuckerbrot darstellen, auf das manches Kind mit durchaus geringerem Schaden, als dem Preis, den es zu entrichten hat, verzichten könnte.

    Diese Form der Sozialisation, ist wesentlich schon durch die Treuhänderschaft des bürgerlichen Staates gegeben, der die Kinder – sein Eigentum in Gestalt der Staatsbürgerschaft – den Rechten und Pflichten des elterlichen Privateigentums am Kind überantwortet. Mit dem Institut der Schulbildung vervollständigt er die Zwischenprodukte. In der Schule bekommt das Kind zu wissen und in Gestalt der Schulkarriere etikettiert, daß seine gegenwärtige und zukünftige Tauglichkeit für die Anforderungen der Konkurrenz, die ihm als „Lebenschancen“ mafiös angeboten werden, in ihm als ein Bündel von „Fähigkeiten“ existiere, die es zu entwickeln und zu pflegen habe.

    Am End bedarf es nur noch des Lohnfetischs, sprich der Überzeugung, was der Mensch von „der Gesellschaft“ und ihren Stellvertretern zur Bedarfsdeckung erhalte, sei eine abhängige Variable persönlich erbrachter Leistungen – zumindest im Idealfall – um Subjekte fertig zu stellen, die den Dienst an fremdem Eigentum resp. an fremdem, entgegengesetztem Interesse, als die ihnen angemessene Lebenssphäre empfinden.

    Es liegt in der Biologie der Sexualität, daß, soweit sexuelle Verhältnisse Warenverhältnisse sind, dies den ganzen leiblichen und seelischen Menschen affiziert. Über die Willensverhältnisse, die am geschlechtlichen Verkehr schon in der Fixierung der Gender beteiligt sind, werden erzogene Kinder oft über ihr leibliches Dasein schon sinnlich gebrochen, bevor sie das erste Mal gef:ckt und gearbeitet haben.

    Zum Überfluß hat die Ware Sexualität keine Banken, sie ist eine äußerst unzuverlässige Währung. Dies bekommen besonders Frauen zu spüren, wenn sie frühzeitig aus ihren Enttäuschungen über die Gegenleistungen, die sie sich mit ihrer Gunst zu erwerben imstande finden, die Konsequenz gezogen haben, ihre eignen erotischen Begierden und Aspirationen zu bewirtschaften.

    Solche Desexualisierung erhält vielfach die Gestalt, daß Frauen (bei Männern eschieht dies möglicherweise nur weniger offensichtlich) das Nutzungsverhältnis der Prostitution umzukehren suchen. Sie behandeln ihren bedingt desexualisierten Leib und die Erteilung von Lizenzen zur Befriedigung an ihm als eine persönliche Währung, zu der sie sich Dienstleistungen wählen. Der Unterschied zur Hure liegt wesentlich im Abstraktionsgrad jener bedingten Desexualisierung.]

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