Grundsätzliches zu Geschäft und Gewalt (Archiv)

von TomGard 2011-04-29
Viele traditionelle Marxisten, die meisten sich aufgeklärt dünkenden Politbürger und alle Verschwörungstheoretiker werden meine Herangehensweise (= in Analysen diplomatische, bzw. diplomatischen und politologischen Maßstäben verhaftete Quellen zu verwenden) mehr oder minder blöd finden, sind sie doch überzeugt, hinter einer trügerischen Oberfläche des diplomatischen Verkehrs verberge sich der harte und wahre Kern eines Kräftespiels ökonomischer Interessen, denen die Politik diene.

Völlig verkehrt ist diese Betrachtungsweise gewiß nicht, dennoch stellt sie die wahren Verhältnisse auf den Kopf. Jedes Geschäft, das eine dauerhafte Bewährung der Interessenten in der Konkurrenz zum Zweck hat, also nicht nur einer begrenzten und allzu leicht flüchtigen Geldsumme gilt, die anzueignen ist (der Bereich der Extra-Profite, der Schnäppchenjagd und der halbseidenen bis kriminellen Umtriebe), basiert auf souveränen Gewalten, die seine Voraussetzungen garantieren und haltbar machen. Das gilt im nationalen Verkehr nicht weniger, als im internationalen und deshalb sind die Phänomene scheinbarer Minderung der Rolle der Nationen und politischer Instanzen auf einem Weltmarkt, über den politisch die „Globalisierung“ verhängt wurde, in erster Instanz zu vernachlässigen. Wie scheinhaft jene oft beschworene Minderung ist, darüber gibt vordergründig schon die Zunahme militärischer Eingriffe und Auseinandersetzungen Auskunft, aber das ist im Moment nicht mein Thema.

Eine Ausnahme müssen wir von der Vernachlässigung der sog. Globalisierung allerdings machen, und können dies zwanglos tun, weil die Sache offen zutage liegt:
Souveräne, die sich nicht die freie Konkurrenz selbst zum Zweck setzen, d.h. deren Garantie, ihre Entfaltung und Entwicklung gegen lokale und traditionelle Hindernisse, ihre Absicherung gegen innere Widersprüche – besonders gegen rebellierende Arbeitssklaven und aufbegehrende Staatsidealisten – und – siehe Libyen – ihre Ausdehnung auf Ressourcen, die dem internationalen Geschäft und der Konkurrenz bislang entzogen wurden oder einfach nicht zur Verfügung standen, diese Souveräne sind von der hegemonialen Gewalt des Weltmarktes, den USA und den mit ihnen verbündeten Metropolen zur militärischen Abwicklung vorgesehen.
Ich wähle das Attribut „militärisch“ wohl wissend, daß es Alternativen zur blutigen Abwicklung gibt, auch solche, die z.b. schlicht den Charakter ökonomischer Erpressungsmanöver haben. Die Ukraine war – im offenen und demonstrativen Gegensatz zu Jugoslawien – ein Beispiel einer politisch-ökonomischen Abwicklung, in der eine militärische Option nie am Horizont stand. Amerikaner und Europäer richteten die Waffe der den Ukrainern unliebsamen und beschwerlichen ökonomischen Abhängigkeit vom ehemaligen Mutterland mit ihren Mitteln, noch einmal und zuschüssig auf die Ukrainer. Aber auch dies Verfahren hatte einen mittelbaren militärischen Horizont, dessen Mythos schon erwähnt war: In Jugoslawien hatte der Westen zuvor klargestellt, daß er außerhalb der atomar bewaffneten nationalen Kernzone der ehemaligen SU keine militärische Hoheit gegen sich zu dulden gewillt war. Den Status Chinas – man erinnert sich an die „versehentliche“ Bombardierung der Belgrader Botschaft – laß ich hier noch beiseite, doch ein wenig sei im Vorgriff auf spätere Artikel etwas rätselvoll ausgesprochen:

Die Atommächte Russland und China sind auf dem zum Abschluß kommenden Weltmarkt nicht weniger zur militärischen Abwicklung vorgesehen, als Libyen, Syrien und der Iran, und selbstverständlich Pakistan und Nordkorea. Eine bedingte Ausnahme stellt (noch) Indien dar.
Eine nahezu unbedingte Ausnahme gibt es auch: Israel! Jedenfalls so lange, wie Israel die jüdisch-rassistische „Karte“ des Zionismus nicht mit territorialen Ambitionen überreizt. Der Grund hat übrigens nix mit „amerikanisch-jüdischer Weltverschwörung“ zu tun, obwohl es die sehr wohl gibt, nämlich gleichsam als Begleitfolklore der blutrünstigen hardcore-Politik Israels wie der USA. Nein, der Grund ist darin inbegriffen, daß Israel nur scheinbar ein kapitalistischer Staat und de facto eine Art feodale Dependence des militärisch-industriellen Komplexes der USA ist. Deshalb steht Israels Atommacht nicht gegen die Militarisierung des Weltmarktes, nicht gegen die Hegemonialmacht des Weltmarktes vermittels der unwidersprechlichen Militärmacht der USA.
Damit ich Euch nicht allzu arg im Regen stehen lasse, noch eine vorgreifende Zusatzbemerkung zu Gegenmitteln.
Die einzige „Chance“, die russischer und chinesischer Souveränität bleibt, eines gar nicht allzu fernen Tages der Wahl zu entgehen, die menschliche Gattung mit in den Untergang zu nehmen, beginnen sie in der unscheinbaren SCO wahrzunehmen, und sie ist tatsächlich wesentlich ökonomischer Natur. Gelingt es der SCO bzw. einem Nachfolger, über die zentralasiatischen Kreuzungspunkte das Viereck China-Indien-Iran-Russland ökonomisch derart eng zu vernetzen, daß kein Viertel aus dem Verbund mehr heraus zu brechen ist, ohne den Weltmarkt als Ganzes zur Disposition zu stellen, dann ist die Lage auch militärisch in den Status Quo eines Patts, eines geteilten Weltmarkts gebracht, weil es abseits regionaler Scharmützel keine zu gewinnende Schlacht mehr geben kann. Ähnlich wie im Falle des militärische Patts des „kalten“ Krieges.[update in einem Artikel in der Asia Times wird Pepe Escobar unter dem Titel „Playing Chess in Eurasia“ dasselbe sagen 1. Ein zentraler „fait accompli“ in dem Zusammenhang ist „North Stream“. Indem diese Gaspipeline europäische (v.a. deutsche und niederländische) Exporteure, deren ökonomische und politische Infrastruktur mit einer billigen und vergleichsweise sicheren Gasversorgung ausstattet (der Strom hängt politisch nur an einem Partner), interessiert es den Lieferanten, Russland, am ökonomischen Erfolg dieser Exportwirtschaft. Und dessen Vektoren liegen nicht jenseits des Atlantik, sondern (mit Ausnahme einiger südamerikanischer Projekte, die von strategischer Militarisierung seitens der USA permanent gefährdet sind) im asiatisch-pazifischen Raum – mit dem entsprechenden Entwicklungspotential in Zentralasien.

Nun zurück zu Grundsätzlicherem. Obwohl das Primat der Gewalt, wie oben skizziert, eine weltmarktpolitische Trajektorie mit einer ökonomischen Dimension hat, muß es bei der Diagnose bleiben, daß politische Souveränität und ihre kleine Schwester, die Jurisdiktion, im Kapitalismus auf allen Ebenen – von der Lokalpolitik bis zur internatinalen Militärpolitik, die absolute Hoheit über die Geschäfte haben muß, weil in jedem Einzelgeschäft die Geschäftsgrundlage zur Disposition steht. Ein Elementarbild dafür könnte man in den Werbespruch bannen: Katzen würden Whiskas klauen. Doch es geht eben nicht nur darum, daß jeder Kontrakt zwischen Käufer und Verkäufer das Motiv auf die Welt bringt, ihn zu brechen und damit die ganze Hehlerei in Frage zu stellen, sondern auch darum, daß jedes erfolgreiche Geschäft vorangegangenes und nebenan stattfindendes Geschäft zunichte macht bzw. ihm die Grundlage entzieht.
Und – das sei hier nur am Rande gestreift – es ändert gar nichts an diesem Verhältnis, daß und wenn die exekutive Gewalt zum nationalen Sondergeschäft eines imperialen Sachwalters des Weltmarktes wird. Das mag hier und da zu Exzessen führen, die eher geschäftsschädigend, als fördernd sind, aber das geht nur solange gut, wie solche Kollateralschäden imperialer Machtentfaltung der vereinigten Geschäftswelt hernach als freies Betätigungsfeld zur Verfügung stehen. Andernfalls bekäme auch die ultimate Vernichtungsmaschinerie des US-Militärs rasch zu spüren, das ihre Kräfte enge materielle Schranken haben, wird sie doch in ihrem ganzen Umfang von den partizipierenden Interessenten alimentiert. China an erster Stelle!
Denn – kurzer Rückgriff auf den vorherigen Abschnitt – für die chinesische Nation ist die Partizipation am von den USA imperial betreuten Weltmarkt das unverzichtbare Mittel, im Verein mit den angegebenen Partnern vielleicht ein ökonomisches Gegengewicht schaffen zu können.

In Summe stehen wir vor dem Rätsel, wie ein Primat der Gewalt über’s Geschäft zu haben sein kann, wenn es doch nur um die Geschäftemacherei geht, wenn doch die Konkurrenz und deren Grundlagen der ganze Zweck sind.
Die Auflösung ist einfach.

Der Wahn des Waren- und Geldfetischs findet auf der politischen Oberfläche eine neue Ebene und weitere Gestaltung. Die politische Welt tut einfach so, als ob „und denn“. Sie stellt sich mit den vorhandenen, oder erst noch zu schaffenden, Gewaltmitteln auf den Standpunkt, daß es um die Macht, und nicht um’s Geschäft geht [^2]. In diesem schizoiden Wahn benutzt sie die ganze Geschäftswelt, indem sie sich von einzelnen Geschäftspartnern benutzen läßt.

Das geht, weil abermals eine Realabstraktion vorliegt. Die Trennung der Gewalt vom Geschäft, das sie bedient, wandelt die bedienten ökonomischen Machtverhältnisse, die auf Abhängigkeiten beruhen, in das Material eines bzw. mehrerer nominell von allen Abhängigkeiten befreiten Souveräne.

Die Nominalität bekommt folglich den Charakter eines Ideals, dem mit den vorhandenen Mitteln Realität verliehen wird, und das heißt immer noch – und wird weiter heißen – Freiheit. Freiheit der Machtentfaltung staatlicher Souveräne, und zwar in Gestalt der Freiheit jedes einzelnen ihrer bestallten Vertreter gemäß seinem Platz in der Hierarchie des Gesamtgefüges der Herrschaft des Privateigentums über den Globus.

Und das ist das Feld der Diplomaten. Es ist also keineswegs müßig, sich mit ihren Wahnideen und ihrem professionellen, seismographischen Gefühl für Kräfteverhältnisse und -verschiebungen zu befassen. Es handelt sich um die in der bürgerlichen Welt einzig sachgerechte, weil unterm Summenstrich gewaltsam zur Durchsetzung gebrachte Befassung mit dem (Welt)Geld ALS dem internationalen Gemeinwesen.

[^2]: Die Ableitung aus dem Geldfetisch ist etwas verwickelt. Sie verläuft über die Doppelnatur der Ware, die Polarität der Wertformen und hat ihren Angelpunkt im gebundenen Willen der Warenbesitzer, die sich in den ökonomischen Tauschbeziehungen genötigt finden, dem polarischen Verhältnis der Wertformen ihren Willen zu leihen.
Mit diesem Übergang hat man die alltägliche, die abhängige Erscheinungsform der abstrakt freien Willen der Privateigentümer vor sich. Sie erhält im Staatswesen, der Agentur des Privateigentums, die in dessen entwickelter Gestalt Agentur des Kapitals wird, abstrakte Selbständigkeit, die als ihre Freiheit, bzw. als das Postulat derselben erscheint.
Es liegt da eine doppelte Realabstraktion (= praktische Trennung des Zusammengehörigen) vor:
Erst die Trennung des Willens der Eigentümer von ihren Gegenständen, sodaß dieser Wille in der Betätigung des den Gegenständen immanenten gesellschaftlichen Zusammenhanges seinen Inhalt, daher an ihrer formellen Gegenständlichkeit seine Schranke hat (Materialismus der Demut – zunächst spirituell – dann, religiös, des Gehorsams).
Darauf die Trennung des gegenständlichen Willens der Eigentümer von ihrer Person in Gestalt seiner Verselbständigung in der gemeinsamen Unterwerfung unter ein Staatswesen.
(Note an Josef: Die Gemeinsamkeit der Unterwerfung ist der Inhalt der Naturalisierung von Herrschaft in den Formen der Gemeinschaftlichkeit, die Dir als „Kollektive“ so verhaßt sind. Sie wird in die Individuen gespiegelt und erscheint in ihren Unterschieden als die allen gemeinsame Naturbasis. Für diese „Erscheinung“ bedarf es keines boshafteren Gedankens, als das Wissen um den jedem Privateigentümer als „Geschichte“ bekannt gemachten Herrschaftszusammenhang. Schon als Herkunftsgeschichte der Individuen trägt sie das Signum der Herrschaft über allen Individuen.)


  1. Dazu derselbe im Januar 2017 
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