Innerisraelischer Machtkampf könnte in Libanonabenteuer münden

In den vergangenen Wochen war in elitären Abteilungen der Mainstreampresse ungewöhnlich viel über israelische Vernichtungsdrohungen gegen Damaskus zu lesen, warum durfte das geschehen?

Antworten gab wiederholt Ehud Barak. Vor mehreren Monaten schon und kürzlich wieder klagte er Netanyahu und seine Regierung unverblümt an, mit ihrer eskalierenden Kriegs- und Apartheidspolitik Israels Sicherheit und Bestand zu gefährden. Aus dem Mund des ehemaligen israelischen Kriegsministers und Mitgliedes der Verschwörergruppe, die am 9. Sept. 2001 einen Staatsstreich in den USA ausführten, der in eine verdeckte Militärdiktatur überleitete, sind solche Anklagen ein politischer Faktor, auch wenn Barak sich nach seiner Abdankung offiziell aus der israelischen Politik zurück gezogen hat. Wichtiger noch sind sie ein militärischer Faktor. Barak und Netanyahu wurden zwischen 2010 und 2013 nach Angaben prominenter Zeugen, nämlich des verstorbenen Staatspräsidenten Simon Peres, Meir Dagan, ehemaliger Mossad-Chef , Yuval Diskin, Ex-Direktor der Shin Bet und des vormaligen Generalstabschef Gaby Ashkenazi, der bis 2011 die entscheidende Stimme lieferte, mindestens zwei, möglicherweise drei Mal an einem Angriff auf den Libanon gehindert 1. Der damalige Chef der Nordarmee und heutige Generalstabschef Eizenkot hatte seinerzeit eine „Dahiya-Strategie“ gegen die Hezbollah befürwortet, d.h. eine vollständige Zerstörung der libanesischen Infrastruktur und die Vernichtung des zivilen Lebensraumes im Südlibanon, und zu Netanyahu gestanden. Doch seit wenigstens einem Jahr distanziert Eizenkot sich mit wachsender Deutlichkeit von seinem Regierungschef und dessen alljährlich radikalisiertem Kabinett.

Es gibt weitere Anzeichen für die zionistische Spaltung, die ich schon deshalb nicht erwähne, weil sich das Schisma seit 2008 grundsätzlich von selbst versteht, nachdem zahlreiche an der Wallstreet einflußreiche Juden und Zionisten sich mit Obama gegen das in Washington regierende Putschistenracket Richard Cheneys gestellt hatten. Nachdem das Obama-Racket weg ist, dürfte ein weiterer Faktor, der spätestens mit der Regierungsübernahme Saad Hariris im Libanon offensichtlich wurde, das größere Gewicht haben. Das KSA, Israels wichtigster Verbündeter im MENA, das nach dem Scheitern des Zerlegungsangriffes auf Homs im Frühjahr 2012 mit hohem Einsatz einen Bürgerkrieg im Libanon zu stiften versuchte – Saad Hariri lieferte damals die wichtigsten internen Verbindungen dafür – den die Hezbollah verhindern konnte, indem sie auf syrischem Boden in die Offensive ging, stellte sich spätestens nach der Thronfolge 2016 unzweideutig gegen eine Zerstörung und anschließende Zerlegung des Libanon. An dieser Front stehen die regierenden Zionisten jetzt isoliert, d.h. mit dem einzigen Rückhalt ihrer atomaren Drohungen.

Es gibt mindestens drei wichtige Gründe, warum die zionistische Kriegsfraktion ihre Pläne dennoch nicht aufgibt.
Der allgemeinste Grund: Die Macht der zionistischen Militäroligarchie droht trotz ihrer ultimaten Bewaffnung gleichsam zu verhungern,  wenn Syrien und der Libanon im Verlauf einer Einstellung der Feindseligkeiten real befriedet werden. Weil die ägyptische Militärdiktatur dem Einfluß der Muslimbruderschaft ein blutiges Ende setzte, blieben Israel weder reale noch fiktive Feinde in seiner Nachbarschaft. Aktuell versucht die internationale Kriegsfraktion, voran die NATO, die Fiktion iranischer Angriffsdrohungen wiederzubeleben, aber ich halte das für vergeblich und eine opportunistische Übergangserscheinung. Dieser geopolitische Kriegsschauplatz wird, sowohl nach realen wie fiktiven Kriterien, gänzlich in den Irak verschoben werden, v.a. mit Hilfe der „Kurdenfrage“, nachdem eine offenbar bestimmende Mehrzahl syrischer Sozialrevolutionäre sich von ihren Idealen und Zielen zugunsten eines Söldnerdaseins verabschiedet haben. An dieser Front waren die internationalen Zionisten erfolgreicher,  als ihren Kollegen in Tel Aviv lieb sein konnte.
Der zweite Grund ist oben schon enthalten. Weil eine gesonderte militärische Front Israels gegen den Iran ein rasches Verfallsdatum haben dürfte, gewinnt Israels Einsortierung in die internationale Front gegen den Iran, und via Iran gegen China, bes. Chinas Seidenstraßenpolitiken, an politischem Gewicht für die israelische Militäraristokratie.
Drittens schließlich ist die Bestandsgefährdung Israels durch die regierenden Rassisten und ihre Apartheidspolitik, vor der nicht nur Barak warnt, längst eingetreten. Das angekündigte Großprogramm zum Neuaufbau der seit Jahrzehnten verrottenden zivilen Infrastruktur des Judenstaates wird weder dem Braindrain noch den wachsenden inneren Konflikten abhelfen. Israel ist gewiß als ein in einem „Hochsicherheitstrakt“ eingehegter Industriepark des transnationalen Militärisch Industriellen Komplexes haltbar, wohl kaum als eine Nation. Ahmadinedjads hellsichtige Voraussage erfüllt sich bereits.

Zu den aktuellen Vorgängen.

Debkafile hatte seinen Lesern in Beiträgen vom 5. und 6. Sept. nahe gelegt, die Kriegsfraktion könnte sich in der kommenden Woche mit einem Angriff auf den Libanon durchsetzen oder ihn mit Hilfe einer False-Flag-Operation erzwingen. Wenige Stunden später gab es einen israelischen Luftangriff vom nordlibanesischen Luftraum aus auf ein Ziel tief in Syrien, über den der ehemalige Shin Bet-Chef Yadlin vermeldete, es handele sich „nicht um die übliche Routine“ israelischer Militärschläge. Netanyahus ehemaliger „Sicherheitsberater“ Yaakov Amidor nannte den Angriff eine „Eskalation der israelischen Interventionen in den Syrienkrieg„. Die Rechtfertigungen des Angriffes sind an Albernheit nicht zu überbieten: Der Schlag sei gegen eine „Nordkoreanische Verbindung des Assad-Regime“ gerichtet, erzählt Debkafile, die JP schreibt

A top Israeli security expert says that there’s a strong chance Hezbollah leader Hassan Nassrallah was planning on taking over the chemical weapons facility Israel targeted.

Während ich an dem Eintrag schrieb, schob die JP einen Artikel nach, der behauptet, der israelische Staatspräsident habe in einem heutigen Treffen mit Bundeskanzlerin Merkel einen Waffengang Israels im Libanon angekündigt:

President Reuven Rivlin discussed the dangers of Hezbollah in his meeting with German Chancellor Angela Merkel in Berlin on Thursday, telling Merkel that „Hezbollah’s weapons infrastructure will force Israel to react.“

Das wirft natürlich die Frage auf, warum die IAF es angebracht finden sollte, einen Libanonkrieg mit einem Luftschlag in Syrien einzuleiten. Die Rechtfertigung einer „Prävention“ entfiele, falls die Hezbollah im Libanon angegriffen werden sollte. Also doch nur ein „handfester“ Bluff, der das von der JP gestreute Gerücht stützen und verstärken soll, Netanyahu habe Putin gedroht, die IAF werde den syrischen Präsidentenpalast angreifen, sollte Russland den Iran nicht zum Rückzug aus Syrien bewegen [2]?

Schwerlich. Zu ostentativ ist die Verbindung des Luftangriffes mit der gestrigen Veröffentlichung eines märchenhaften UN-Dossiers über syrische Sarin-Einsätze. Sie beweist, bei der UN zieht mindestens im Hinblick auf MENA weitgehend unbehindert der Sonderbeauftragte Dick Cheneys, Killary Clintons und Netanyahus, Jeffrey Feltman die Fäden, der im Libanon 2006, zur Zeit des letzten israelischen Waffenganges, die Position eines inoffiziellen amerikanischen Militärgouverneurs inne hatte [3].
Deshalb vermute ich, die israelische Kriegsfraktion hat ein strategisches Nadelör entdeckt, durch das sie einen Libanonkrieg einfädeln will, nämlich eine Auseinandersetzung innerhalb der internationalen Kriegsfraktion über die Irankriegstrategie. Die ist allerdings einfach auszumachen. Insbesondere die NATO will mit der Türkei gegen den Iran ziehen, das Pentagon, zumindest maßgebliche Leute dort, lieber gegen die Türkei an der Seite der kurdischen Verbündeten bleibenIm Falle eines Angriffes auf den Libanon kann sich Erdogan schwerlich gegen seine islamistische Klientel auf die israelische Seite schlagen.

Vielleicht hat Netanyahu einen Deal mit Pentagon – Chef Mattis, der bei seinem Besuch in Kiev ukrainische Ambitionen auf einen entscheidenden Waffengang im Donbass nachhaltig entmutigt zu haben scheint . Auch nach Scharmützeln um Kaliningrad herum, eine Idee, mit der weitläufig für die Zeit russischer Übungen in Weißrussland gespielt worden ist, sieht es derzeit nicht aus.


  1. Die Rede war immer von geplanten Angriffen auf den Iran, doch das war eine Propaganda, an die sich auch die Gegner Netanyahus hielten. Es ging immer nur um den Libanon und den Golan. Ich verzichte auf Belege – generell. Nehmt mich zum Zeitzeugen oder laßt es bleiben.
    2: RT-Deutsch ergänzte das Gerücht mit der Aussage eines angeblichen russischen Gewährsmannes, Putin habe Netanyahu trocken „viel Glück“ gewünscht.
    3: Die Bezeichnung „Feltman-Regierung“ für das Wirken des ehemaligen libanesischen Premier Siniora wurde zum geflügelten Wort nicht nur im Libanon. Eine Bestätigung für Feltmans Rolle lieferte 2011 der heimliche Audiomitschnitt eines Treffens zwischen Feltman, Siniora und weiteren Parteileuten in Beirut, auf dem Feltman unzweideutig als Bürochef auftrat und Bemühungen koordinierte, Saad Hariri oder einen Stellvertreter Hariris wieder in die Regierung zu hieven. 
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