„Best video about 9/11“

Ich mache eine Ausnahme von meinem Prinzip, mich nicht an der visuellen Kultur bzw. visuellen Kulturalisierung zu beteiligen, die mit der Verbreitung des Fernsehens das in Summe wahrscheinlich wirkungsvollste technische Herrschaftsinstrument der bürgerlichen Gesellschaft wurde. Wenn wir Piagets kulturelles Akquisitionsschema, den Zirkel von Assimilation und Akkomodation (= Aneignung, in dieser ansonsten akzeptablen Kurzdarstellung wird der Zusammenhang fälschend / fälschlich einem erzieherischen Oberbegriff von „Adaption“ unterstellt) an die Fernseh-/Videokultur anlegen, müssen wir konstatieren, das Medium gibt, anders, als die Sprachkultur, dem Konsumenten, von wenigen gebärdischen Momenten abgesehen, kein Material zur Hand, das er zur Akkomodation verwenden könnte, es sei denn, der Konsument betätige sich selbst als Produzent / Regisseur. Auch in letzterem Fall trifft eine Akkomodation auf ein im Vergleich zur Sprachkultur deutlich gewichtigeres konservatives Moment in der Rezeption.
Die Vorrede war schon deshalb angebracht, weil das Übergewicht an Videos in der Truther-Kultur an sich selbst erklärungsbedürftig ist. Es ist zum größten Teil eine Werbekultur und schon das indiziert einen Kult.

Das ist merkwürdig, gelle? Meines Wissens – ich habe nie in den USA gelebt – hat es zu dem mindestens gleichgewichtigen Präzedenzfall, Pearl Harbour, kein vergleichbares Phänomen gegeben. Seit 9/11 gibt es eine eigentümliche, schwerpunktmäßig visuelle, doch nicht ausschließlich visuelle, Enthüllungsliteratur, die in allen gesellschaftlichen Lagern Verbreitung fand, zuletzt in den „Anti-Fake News“ – Produkten der Imperiumsmedien.

Die Wahrheit über … “ ist in meinen Augen ein deutlich anderes Produkt, als das Vorgängermodell, „die wahre Geschichte von / der …„. Vielleicht wird euch der Unterschied an Oliver Stone’s „JFK“ fassbar. Solche Produkte zielen auf eine Erzählung, einen Mythos, der Wahrheit und Wirklichkeit des strittigen Vorgangs vereinigt.
Die Wirklichkeit von 9/11 ist das Wunder,  das Ali ben Laden und die 19 Räuber wirkten, indem sie die physikalischen Grundlagen der Technologie und allen irdischen Daseins gleichsam durchtunnelten. Es wurde ultimat wirksam mit der Versenkung eines Gegenstandes, der Ali ben Laden symbolisierte, im indischen Ozean. Die Wahrheit, der „heiße“ Abriss dreier WTC-Gebäude und eines Teilflügels im Pentagon durch US-Soldaten, unterstützt von politischen Mitverschwörern und Putschisten, bleibt in den Truther-Produkten von jener Wirklichkeit geschieden, sie soll von der Wirklichkeit geschieden bleiben.

Dem letzteren Punkt habe ich mich seit 2008 in einem halben Dutzend Texten analytisch gewidmet. Sie blieben allesamt ohne jede Resonanz, auch zu Zeiten, als noch ein nennenswerten Haufe bei mir las. Deshalb belasse ich es hier bei dem rohen Resultat: Die Mythologisierung von 9/11 steht und bleibt außerhalb der Narrative der bürgerlichen Gesellschaft. Sie besteht in der Umsetzung eines Prinzipes, dem Truther und jene Zeitgenossen, welche Truther als „Verschwörungstheoretiker“ ächten und vom Zugang zu den höheren Ständen bannen, gleichermaßen dienen:

Es kann nicht sein, was nicht sein darf

Deshalb und so lange bleiben Truther Truther.

Das heißt freilich nicht, die Wahrheit über 9/11, im Sinne der Truther buchstabiert, sei belanglos. Das dauerhafte Auseinanderfallen von Wahrheit und Wirklichkeit, von Narrativen und Mythos, die Inthronisierung eines Götzen, anstelle eines Gottes, ist ein Indiz und hat mehr und andere Folgeerscheinungen, als den politischen und militärischen Akteuren lieb sein kann. Das ist ein eigenes Thema, das ich mit der Erwähnung auch schon wieder schließe – ich hab das Reden in den Wind satt. Nur eines will ich angesichts der aktuellen Phasenwechsel mal gesagt haben:

Wie, wodurch und wann das Zusammenwirken politischer und ökonomischer Stände, dessen Begriff „Imperialismus“ heißt, durch einen einst untergeordneten, militärpolitischen Bestandteil, der seit Jahrtausenden Imperium heißt, abgelöst wurde, ist gemäß politökonomischer Kriterien schwierig zu ermitteln. Geschichtlich aber können wir das Datum getrost auf den 11. September 2001 setzen: Mit dieser „Nummer“ wurde die Ablösung allen wesentlichen Akteuren, wurde sie den Klassen wirksam. Ca y est.

Und damit endlich zu dem angekündigten Video.

PS.: Auch dies Video ist, genau genommen, schlecht. Gestandene Technologen, Lehrer, Physiker entschieden sich da, den Impulserhaltungssatz zu unterteilen, ihm den Spezialfall, der im Dritten Newton’schen Axiom (actio = reactio) benannt ist, als ein eigenes Argument zur Seite zu stellen. Der Grund für diesen Schwachsinn ist kenntlich, im Video selbst rhetorisch kenntlich: Den Typen ging es wesentlich um den Verstoß – nicht gegen Denken und Verstand, sondern gegen ehemals und weiterhin gültige Autoritäten. Siehe oben.

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2 Antworten zu „Best video about 9/11“

  1. tgarner9 schreibt:

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  2. tgarner9 schreibt:

    Leute, die meinen Eintrag mit dem einen oder anderen Argument doof finden, könnten einen oder auch mehrere Blicke auf diesen werfen, obwohl mich dünkt, es genüge vollkommen, den Titel zur Kenntnis zu nehmen: „„Kein Mensch mit Gehirn glaubt der offiziellen Darstellung zu 9/11“ (Craig Roberts). Ihr seid gewarnt, das lange Interview mit Craig Roberts ist eine ernste Zeitverschwendung, die dem einen oder anderen Leser andererseits illustrieren könnte, was ich im Eintrag schrieb.

    Die Konsequenz, mit der Craig Roberts seinen politischen Standpunkt gegen das Geschehen verteidigt, ist vielleicht dennoch bemerkenswert, ich zitiere:

    „Die so genannten „9/11 truthers“ vertrauen darauf, dass die Macht der Wahrheit am Ende obsiegt. Damit erklären sich auch ihre anhaltenden Bemühungen. Doch ich denke, dass sie letztlich keine Chance haben, den Sieg davonzutragen (…) Der Haupteffekt von 9/11 war, dass die Ära der Rechtsstaatlichkeit mit 9/11 geendet hat. Wir sind in einem post-rechtsstaatlichen Zeitalter angelangt, [mit einer] Regierung mit durchschlagenden und weitgehend unkontrollierten Mächten (…) Es wird unmöglich, die Regierung zu irgendetwas anderem herauszufordern, als zur Zerstörung des Herausforderers. Vielleicht könnte eine politische Revolution im Stile der bolschewistischen Revolution Abhilfe schaffen, bei der es dazu kommt, dass alle Regierungsakten geöffnet und belastendes Beweismaterial zutage gefördert werden.“
    Wow!

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