Syrien, Okt. ’17

Ein bemerkenswertes Interview gab der syrische Außenminister Mouallem vor etwa einer Woche dem libanesischen Sender Al-Mayadeen, wie Al Manar (frz.) berichtete.
Der erste Teil des Textes folgt der reißerischen Überschrift: Die Regierung in Damaskus verfüge über Berichte von Augenzeugen, die gesehen haben wollen, daß die US-Armee Führungspersonal der Daeschianer per Helicopter aus dem Bereich Raqqa – Deir Ezzor evakuiert hat. Dieser Abschnitt schließt mit der Behauptung, die USA hätten „kein Interesse daran, den Terrorismus auszumerzen“ und führten die evakuierten Daeschianer vermutlich „anderwärtiger Verwendung“ zu.
Doch schon im folgenden Abschnitt heißt es im Bericht Al Manar’s:

Herr Mouallem zeigte sich überzeugt, Syrien, dank der Siege der Armee, ihrer Partner und Alliierter, schreibe derzeit das letzte Kapitel in der Geschichte der Krise (sic!).
« In den Positionen der Staaten, die den Terrorismus unterstützt haben, sind Veränderungen festzustellen“, bemerkte er.

Wie soll das zusammengehen? Bezieht sich die letzte Bemerkung nur auf die regionalen Partner des US-Staatsterrorismus? Und wie hätten sich diese aus der Befangenheit im System des Terrorismus der NATO-Staaten lösen können sollen?

Eine Teilerklärung gab Mouallem hinsichtlich der Türkei. Die kommenden Phasen einer Umsetzung der in Astana getroffenen Vereinbarungen zur Schaffung einer Deeskalationszone im Gouvernement Idleb würden zur „Nagelprobe“, ob man in Ankara ernstlich zu einer Politikänderung bereit sei. Eine fortdauernde Unklarheit der türkischen Absichten ist keine Neuigkeit, bemerkenswert aber ist der rasche Kurswechsel, den man in Damaskus, Mouallem zufolge, im Verhältnis zu den syrischen Kurden vorgenommen hat:

Hinsichtlich der [Kurdenfrage] unterstrich Mouallem, es handele sich um eine interne Frage, welche die syrische Regierung auf dem Wege des Dialoges regeln werde.

Das hatte wenige Tage zuvor, in scharfen Wort- und auch Schußwechseln, noch ganz anders geklungen, wenngleich es Lippenbekenntnisse dieser Art seit Jahren gibt. Die Änderung liegt nicht in der Absichtserklärung, sondern ihrer Begründung:

Die Vereinigten Staaten lassen ihre Alliierten am Ende stets zugunsten eigener Interessen fallen, [sagte Mouallem], der die amerikanischen Basen in Syrien nicht für eine dauerhafte Einrichtung hält.

Das hatte in den letzten Monaten rechts und links des Euphrat anders geklungen. „Die Amis sind gekommen, um zu bleiben“, hieß es fast unisono und bildete eines der schlagkräftigsten „Argumente“ für die offenkundig bedingungslos werdende Gefolgschaft der Kurdenverbände und die entsprechend blutrünstigen Feindschaftserklärungen seitens Sprechern aus den Reihen der SAA und der Hezbollah.
Aber worauf gründet Mouallem seine neuerliche Überzeugung? Tatsächlich hierauf?

„Den Beweis haben wir in Al Tanf gesehen“

Die kürzliche Räumung des alliierten Stützpunktes, in dessen Umkreis auch französische und britische Einheiten operierten, ist mit diesen Worten wohl abschließend bestätigt, aber wohl kaum der Grund für Mouallems Überzeugung, die Amerikaner und ihre NATO-Alliierten würden sich, wie angekündigt, nach einem „Sieg über ISIL“ aus Syrien zurück ziehen.

Für die Hintergründe ziehe ich es vor, global auf meine vergangenen Berichte zu verweisen. Der Stützpunkt in Al Tanf war nur mittelbar gegen die Daeschianer eingerichtet. Sowohl die islamistischen Terrorsöldner wie,  andererseits, Entsatzverbände für Damaskus aus den Reihen irakischer und iranischer Truppen und Freiwilliger, sollten aus einem anvisierten (möglichen) „Endkampf“ um den syrischen Süden heraus gehalten werden, der, falls ein Marsch auf Damaskus sich als international nicht durchsetzbar erweisen werde, im Minimum die territorialen israelischen Ansprüche erfüllen und eine Pufferzone für Jordanien schaffen sollte. Diese Vorhaben sind erledigt, seit Weißes Haus und Pentagon sich zur Anerkennung russisch garantierter „Deeskalationszonen“ in den drei syrischen Südprovinzen bereit gefunden haben. Israelischen und russischen Artikeln der letzten Wochen war zu entnehmen, der Kreml habe den „Roten Linien“ Netanyahus nur minimal Rechnung getragen, indem er zusicherte, iranische, irakische und libanesische Verbände von einem 5 km breiten Streifen im syrisch-israelischen Grenzgebiet fern zu halten 1.
Netanyahu hatte darauf reagiert, indem er seine Forderungen noch ausweitete. Statt einer „Sicherheitszone“ im Süden Syriens verlangte er nun die dauerhafte Entfernung schiitisch dominiertet Truppen aus Syrien. Sie liefe unter den gegenwärtigen regionalen Bedingungen und Kräfteverhältnissen darauf hinaus, über den Köpfen der alavitischen Bevölkerung Syriens erneut ein Damoklesschwert aufzuhängen.

Unter diesen Bedingungen kann man den Rückzug der NATO von Al Tanf in der Tat ein hinlänglich klares Anzeichen nennen, daß die regierenden Zionisten ihr Blatt überreizt hatten, zumindest hinsichtlich territorialer Ansprüche und Forderungen an die Entstaatlichung Syriens. Indem die NATO sich vom Süden Syriens zurück zog und „Operation Inherent Resolve“ zugleich eine Teilung des Landes entlang des Euphrat-Laufes erzwingt, u.a. mittels offener Zusammenarbeit mit Daeschianern, die sie zum Teil nicht einmal nach türkischem Vorbild umflaggt, ist vorerst gesichert, daß die zionistische Kriegsfraktion eine Niederlage hinzunehmen hat. Darauf dürfte Mouallem seine Zuversicht gründen.

Es passt ins Bild, daß etliche transatlantische Presseorgane in den vergangenen Tagen mit merklich resignativem Gestus konstatierten, „Assad“ habe den Krieg „vorerst gewonnen“.
Selbstredend hockt der einzige „Gewinner“ des Syrienkrieges in Tel Aviv, trotz der aktuellen Niederlage.


  1. Diplomatisch wie militärpolitisch ist das eine russische Garantie für die israelische Sicherheit vor möglichen Übergriffen der „Resistance“, eingeschlossen der in Syrien lebenden Palästinenser, von syrischem Boden aus. Doch weder hat der Kreml ein Interesse, diese Garantie an die Glocke zu hängen, noch die regierenden Zionisten, sie zur Kenntnis zu nehmen. Letzteres schon deshalb, weil zumindest eine Fraktion der Amerikaner den Israelis diese Garantie in nichtöffentlichen Gesprächen und Verhandlungen genüßlich auf’s Brot streichen wird. 
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5 Antworten zu Syrien, Okt. ’17

  1. tgarner9 schreibt:

    Gestern veröffentlichten Jerusalem Post und Debkafile einen „Wink“, Israel könne offiziell in den Yemenkrieg eintreten:
    http://www.jpost.com/Israel-News/Rebel-spokesman-Houthi-missiles-can-hit-covert-Israeli-bases-in-Eriteria-506376.
    Debka gab allerdings mit der Albernheit seiner Überschrift (Yemen’s Houthi rebels threaten to attack Israel with missiles) gleich ein Antidot: Sonderlich ernst zu nehmen sei diese Drohung nicht, heißt das übersetzt, aber so ein paar Dutzend oder auch hunderte Leichen, zum Anheizen und als heimeliges Feuer … wer wolle, könne das schon wissen?.

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  2. Klaus-Peter schreibt:

    Diese Gestalten können es einfach nicht sein lassen, so sind sie doch vor Wochen schon in Washington abgeblitzt.

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  3. Klaus-Peter schreibt:

    Hallo Thomas, so wie ich es gestern verstand, ist al-Tanf und Umgebung laut russischem VM noch immer „us-kontrolliert“. Allerdings ging ein nicht unerheblicher Teil in der Provinz SüdOst-Damaskus bis zur jordanischen Grenze wieder in die Hände der SAA und Freunde.

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    • tgarner9 schreibt:

      Ja, Klaus-Peter, es gibt scheinbar konfligierende Aussagen. Ich deute sie so, daß zwar das Ausbildungslager geschlossen wurde, nicht aber der Außenposten und die luftwaffengestützte 50 km exclusion zone nicht aufgehoben wurde.

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