Zur politischen Ökonomie der Nuklearwaffe (2)

Wie so oft im laufenden Jahr kam ich mit meinem Konzept für das Thema nicht klar. Ich beabsichtigte, in einer rohen Ableitung zu zeigen, daß und warum seit der atomaren Bewaffnung Israels, zu der in erster Instanz Frankreich Beihilfe leistete 1, die abgeschlossenen und unabgeschlossenen Nuklearwaffenprogramme vom Imperium, namentlich dem Imperiumszentrum Washington besorgt worden sind, nicht etwa nur „angestoßen“ im Sinne einer Schaffung von Drohpotentialen, die nationalen Führungen eine Verfügung über Nuklearwaffen nützlich und angezeigt erschienen ließ.

Ein Moment in so einer Ableitung wie in det aktuellen Öffentlichkeitsarbeit im Imperium  – Nordkorea, Iran, Nobelpreis für Atomwaffengegner- ist das brutal einfache Motiv der Schutzgelderpressung bzw. des zündelnden Feuerwehrmannes. Es läßt sich direkt beobachten, doch diese Erkenntnis taugt nichts, weil sie, integriert in die moralische Weltsicht und den Auftrag, Bösewichter, allenfalls Fehlentwicklungen („Machtmißbrauch“, „strukturelle Probleme“, „rechtsfreie Räume“) zu identifizieren, die Böcke zu Gärtnern macht, nämlich diejenigen, welche die Phänomene politisch resp. politökonomisch auf die Welt bringen.

Auch die Aufklärung der historischen Vorgänge um die Nuklearbewaffnungen, wenn sie denn gelingen könnte – das wäre allenfalls in einer fiktiven Zukunft möglich, in der sie (hoffentlich) niemand mehr interessierte – könnte nichts Besseres leisten, als solche Integration in den Vorgang selbst. Gleichwohl will ich anmerken, daß nicht wenig über sie bekannt ist, wenn auch nicht in einer Form, die gewöhnlich als Beweis gelten darf. Vergleichsweise gut bekannt ist die Rolle Washingtons und – als Hiwis – Deutschlands und Israels in den Nuklearprogrammen Pakistans und Nordkoreas. In der Timeline für Notdkorea, die ich kürzlich verlinkt habe, wird unter Einbezug der imperialen Großwetterlage und der Wiedervereinigungsgespräche in Korea in den 90er Jahren faßbar, daß die IAEA, federführend Washington, Nordkorea den Bau von weniger als einem halben Dutzend primitiver Atombomben erlaubt und ermöglicht hat. Der „Koreakonflikt“ muß den Verantwortlichen damals als eine Art „Restwirbel“ des gewonnenen WK3 gegen die SU erschienen sein, stabilisiert nicht ausschließlich, doch maßgeblich vom südkoreanischen Revanchismus. Die nordkoreanischen „Bömbchen“ verschafften der schwächeren Seite eine taugliche Verhandlungsbasis. Einige Jahre lang ließen die westlichen Metropolen UND China Korea mit seinem „Problem“ allein – eine notwendige Voraussetzung, daß es vielleicht ohne unerhörte Massaker aus der Welt geschafft werden könnte.

Wesentlich strittiger und unbekannter ist die Rolle des Imperiums in den Atomprogrammen des Irak und Iran. Meines Erachtens geht sie direkt auf den israelischen Libanonkrieg zurück. Der US-Administration war natürlich klar, daß die Beirut barracks bombings eine zionistische False-Flag-Operation waren, die Zionisten waren die einzigen möglichen Nutznießer des Anschlages, der 240 US-Soldaten das Leben kostete, ein unerhörter Blutzoll für die USA nach dem Rückzug aus Vietnam. Folglich ließ man die Operation politisch scheitern:

US-Präsident Ronald Reagan nannte den Anschlag eine „verabscheuungswürdige Tat“ (despicable act) und versprach die militärische Präsenz im Libanon aufrechtzuerhalten. US-Verteidigungsminister Caspar Weinberger sagte, es werde keine Änderung der US-Strategie für den Libanon geben (d.h. keinen Kriegseintritt der USA auf Seiten Israels, TG). Zwei Tage später, am 26. Oktober, besuchte der US-Vizepräsident George H. W. Bush den [den Anschlagsort] und sagte, dass „sich die Vereinigten Staaten nicht von Terroristen einschüchtern lassen würden“ (would not be cowed by terrorists).

Seit 1983 gilt einem großen Teil der obersten Schicht der politischen Kaste der USA, darunter eine mächtige Fraktion der Neocons und im sog. „Tiefen Staat“, Israel als ein nuklearer Terrorstaat. Einer, der, in der Hand das Mittel, die ergiebigsten Ölquellen des Nahen Ostens auf unabsehbare Zeit verstopfen zu können, das gesamte Imperium – nicht aber die Sowjetunion und ihre Verbündeten und Satelliten – zur Geisel nahm. Was lag da umständehalber näher, als die Voraussetzungen einer nuklearen arabischen Gegenmacht zu schaffen?

Doch genug der Anekdoten 2, von ihnen zu berichten, lag ursprünglich nicht in meiner Absicht. Ich wollte die Vorgänge vom Begriff des Imperialismus (dem Begriff des bürgerlichen Staates eingeschlossen) und des Imperiums her beleuchten, d.h., wie gesagt, den Ansatz einer Ableitung vorstellen, aber das trifft auf den Umstand, das heute selbst Leute, die das mal gelernt haben, nicht mehr auf die Reihe kriegen, was eine Ableitung ist und vorliegene Ableitungen notorisch historiographisch mißverstehen. Das wiederum ist ein Reflex des Umstandes, daß die theoretische Tradition, der die Chose entstammt, wahrscheinlich bis auf aussterbende Restbestände abgebrochen ist. Wäre dem nicht so, bräuchte und würde ich mich, wie in den Jahren zuvor, nicht allzu sehr um das Unverständnis eines großen Teils der Adressaten scheren. Denn eine Ableitung – oder ihre Skizze – wirkt in entsprechender Umgebung an sich selbst traditionserhaltend, auch ohne ausdrücklich zu thematisieren, was sie ist und wozu sie (nicht) taugt.

Deshalb brach ich meine Anstrengungen ab. Eine Teilfrucht werde ich heut abend oder morgen veröffentlichen, unter dem Titel „Was ist eine Ableitung“. Inwieweit ich mit dem vorliegenden Thema, das zugleich eine Illustration für Identität, Differenz und den (möglichen) Gegensatz von „Imperialismus“ und „Imperium“ werden sollte, irgendwann fortfahre, weiß ich noch nicht.


  1. Dafür hatten die Franzosen das selbständige Motiv der Erfahrungen aus dem Suezkrieg, den die USA nutzten, einen „Schlußstein“ aus dem Restbestand des kolonialen britischen Imperiums zu brechen. 
  2. Telepolis hat kürzlich die Ermordung Olof Palmes und Uwe Barschels hochgekocht. Das ist ein typisches Beispiel für einen „limited hangout“. Hochrangige Regierungsmitglieder (oder Aspiranten) werden nicht direkt in zweitrangige Waffendeals verwickelt. Siehe beispielsweise Karlheinz Schreiber. Insofern einigermaßen fest zu stehen scheint, daß eine Logistik des Waffenhandels in Verbindung mit dem „Stay Behind“ – Projekt im Hintergrund der beiden Morde steht, ging es tatsächlich um nuclear proliferation Richtung Iran / Irak. Ein Mossad – Deserteur, der im Zusammenhang mit der Mordechai Vanunu – Affäre intime Kenntnisse bewiesen hat (der Name ist mir grad entfallen), schrieb seinem Verein den Mord an Barschel zu.
    Der Grund für dieses „limited hangout“ hat sehr wahrscheinlich auch nichts mit meinem Thema zu tun. Es gab z.B. für Rötzer schwerlich einen guten Grund, das Thema „Stammheim“ anläßlich des 40. Jahrestages auf eine nichtssagende Weise zum Thema zu machen. Beides zielt auf die Schäuble-Seilschaften, zu denen auch die Verbindungen des Strauß-Clans zählen. Die CDU/CSU soll in der kommenden Legislaturperiode zur europäischen Partei werden, Verbindlichkeiten und Erpressungspotentiale der alten revanchistisch / faschistoiden Clique sollen entwertet werden. Das geht nur mit Gegendrohungen und entsprechender Vorbereitung einer öffentlichen Bühne. 
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