(updated) – Kriegsberichterstattung no more

Editha: Ich bedauere diesen Eintrag geschrieben zu haben. In der Asia Times vom 16. 10, spricht Bhadrakumar eine deutlich andere Sprache, als in den unten besprochenen Artikeln, deren links obendrein aktuell nicht mehr arbeiten. Keine Ahnung, ob die rediff- Einträge Fälschungen sind oder der geschätzte Kollege in der Schuldenfalle sitzt. Da nicht nur ich, auch andere Bhadrakumar-Leser verarscht wurden (von wem auch immer), lasse ich den Eintrag stehen, der ja dennoch einiges Bemerkenswerte über den Irakkrieg und seine Öffentlichkeit mitteilt.
Editha ende

Bemerkungen zur Berichterstattung

Bhadrakumar stellt Fakten und Stellungnahmen heraus, die ich auch berichtet hätte, und zieht folgendes Fazit:

One, the US does not intend to end its military presence in Iraq (and Syria), although the pretext of the war against the ISIS is no longer there. Two, US is planning to turn Iraq into a major theatre of confrontation with Iran. (…) Three, (…) it becomes all too obvious that the US-Saudi alliance in regional politics is very much alive and kicking.

Den dritten Punkt ergänzt er um eine Mitteilung, die ich hervor heben will 1:

Interestingly, the Saudi establishment daily Asharq Al-Awsat reported last week that the Pentagon is planning to boost deployments to the Middle East specifically to counter Iran. The report cited General Joseph Votel, commander of the US Central Command, as saying, “The United States wants to help the Arab countries deal with Iranian threats. The Pentagon is working to achieve that desire and ensure its effective implementation. That includes the establishment of US military battalions sent as missions to the region and be designed specifically to provide advice and assistance.”

Jetzt mögt ihr euch fragen, wie der diplomatische Kommentator seine Überschrift einlösen will, die lautet: US attempt to fuel Iraq-Iran rift backfires. Wo geht da etwas schief? Es läuft doch bestensAuch für Militärpolitik und Kriegführung der Ziocons ist „die Welt kein Ponyhof„. Rhetorisch löst Bhadrakumar die Überschrift in einem Absatz ein, der illustrieren soll, wie Tillerson mit seiner Forderung, die schiitischen Milizen sollten „nach Hause“ gehen (also „nach drüben“, in den Iran), eine „rote Linie überschritten“ habe:

The point is, these Shi’ite groups … are probably going to be designated as part of the Iraqi armed forces.

Das sind sie schon seit dem Frühjahr. In diejenigen Banden, die dem Oberbefehl der Armee nicht direkt unterstellt sind, wollte die Regierung Abadi mit dieser Maßnahme hinein regieren und unter Kriegsbedingungen hat das unbedingt Erfolg, die kämpfenden Verbände sind halt aufeinander angewiesen, wenngleich nicht klar ist, wie eng die Spielräume der Freischärler tatsächlich wurden und werden.

Abadi’s office in Baghdad came out in no time with a stinging rebuke – “No party has the right to interfere in Iraqi matters” – and called the Shi’ite paramilitary groups as “patriots.” The next day, when Tillerson showed up in Baghdad for a meeting with Abadi, the latter was fairly explicit. Abadi said the Popular Mobilisation Forces form “part of the Iraqi institutions” and they will be the “hope of country and the region.”

Der Leser „hört“ hier, wie weit entfernt von den Schlachtfeldern Bhadrakumar redet. „Stinging rebuke“ ist eine virtuell explodierende Granate für den Diplomaten, für Tillerson, der im Irak Gesandter des Siegerstaates ist, der Bedingungen stellt, ist es theatralisches Gezappel.
Das selbstredend eingepreist war. Bhadrakumar selbst sagt in einem der Vorgängerartikel (24.09, 22.10), die Regierung Abadi sei auf die schiitischen Milizen und deren Unterstützung aus dem Iran (und folglich auch auf eine politische Deckung seitens der irakischen Schiitenführer Al Sadr und Ari Sistani) angewiesen. 2 Wenn Bhadrakumar das weiß, werden es die Souffleure Tillersons auch wissen, gelle? Bhadrakumars parteiliche Rhetorik nimmt seine eigene Diagnose nicht ernst, die da lautet, die USA gedächten einen Irankrieg auf irakischem Territorium zu führen, unterfüttert mit dem Votel-Zitat, das, praktisch genommen, einen oder auch mehrere amerikanische Proxykriege im MENA ankündigt

Wer die Vorgängerartikel zur Kenntnis nimmt, kann Bhadrakumars scheinbaren Kurzschluß leicht auflösen. Der Mann behandelt, von seinen diplomatischen Himmelhöhen urteilend, den Irankrieg einfach als Chance der Selbstbehauptung für die Widersacher der Ziocons! An die Vorgängen auf dem Schlachtfeld knüpft diese Betrachtungsweise genau darin an, daß der Iran (noch) nicht auf eigenem Territorium angegriffen wird. Das gibt der Diplomat mit folgender absurden Bebilderung zu Protokoll:

The announcement in Tehran on Saturday regarding the successful test of a ballistic missile with a range of 2000 kilometers and capable of carrying multiple warheads to hit different targets phenomenally shifts the military balance in the Middle East.
Israel and the roughly 45000 US troops deployed to the Middle East – Jordan (1500 troops), Iraq (5200), Kuwait (15000), Bahrain (7000), Qatar (10000), UAE (5000), Oman (200) – fall within the range of the latest Iranian missile. Iran has demonstrated a deterrent capability that deprives the US and Israel of a military option.

Sie wurde binnen weniger Tage von der US-Administration und der Regierung in Teheran lächerlich gestellt:

From this point, Trump has to very careful about tearing up the Iran nuclear deal.

Nö.

Any such rash act by Trump or the lawmakers in the Congress (imposing new sanctions) can be seized by Tehran to resume its previous nuclear program, which would have far-reaching implications, given its missile capabilities.

Nö. Im Gegenteil versicherte Rouhani den anderen Stakeholdern des Iran-Deals (insbesondere Russland), man halte trotz amerikanischer Kündigung an ihm fest.
Bhadrakumar zitiert auch eine öffentliche Ansprache Rouhanis im Vorfeld der Kündigung des Deals:

„The Iranian nation has always been after peace and security in the region and the world and we will defend the oppressed Yemeni, Syrian and Palestinian people whether you like it or not.“

Hat der Iran die palästinensischen, syrischen, yemenitischen (irakischen und libanesischen) Völkerschaften verteidigt? Nö, nech? Diese Sorte praktischen Zynismus gehört zu den unumgänglichen Qualifikationen und Instrumenten eines aktiven Staatsmannes, aber nicht denen eines Berichterstatters und Kommentators.

What emerges is Iran’s determination to consolidate its influence in Syria. The US will have to carefully weigh the repercussions before making any intervention (which Israel is pressing for.)

Eine (direkte) US-Intervention in Syrien ist seit Monaten aktiv. Sie hatte, wie meine Leser wissen, zusammen mit jeder Menge diplomatischer, finanzieller und militärischer Unterstützung des Barzani-Clans im Irak, den Erfolg, den Irankrieg im Irak zuzuspitzen, indem die Verbände der syrischen Kurden – teils wurden sie gezogen und geschubst, teils fielen sie um – sich rhetorisch, gegen Damaskus auch tätlich, in die antiiranische Front einreihen ließen.

Der Rest ist dümmliches Retortengeschwätz, zum Beispiel:

Tehran is in no doubt that the Kurdistan project is a US-Israeli enterprise to create a permanent base in the highly strategic region with the objective of destabilizing Iran …

Ganz gewiß denken die US-Strategen aller Lager nicht an einen Klientenstaat „Kurdistan“, der in alle vier Himmelsrichtungen gegen Feinde und Gegner zu stabilisieren und zu verteidigen wäre. Der Fortgang der Ereignisse bewies es. Nichtmal für eine Militärbasis taugt irakisch Kurdistan den USA, weil sie kaum verfehlen könnte, die Gegensätze der Mafien und politischen Lager mittels Rivalität um amerikanische Gunst an den Rand des Bürgerkrieges zu treiben.
Unfug erzählt zu haben, ficht Bhadrakumar jedoch nie an, auch damit reproduziert er den Politiker.  Vom 22. Oktober:

The rout of the Kurds in the northern Iraqi city of Kirkuk this week constitutes a major setback for the overall American strategies toward Iraq and Syria.

Zwei Tage später wird er das, wie o.zit., so „modifizieren„, daß von der Aussage nichts übrig bleibt.

The prospect of an unceremonious US retreat from Syria haunts the Trump administration in immediate terms …

Dito. Mehr noch, Bhadrakumar hatte sich in die Tasche gelogen:

The capture of Kirkuk by the Baghdad government was a de facto military operation by the Shi’ite militia known as the Hashd al-Shaabi

In der Region macht das Gerücht die Runde, Verbindungsleute Barzanis (i.e. Mafiosi, die mit der Waffe „argumentieren“) hätten die führenden Journalisten vergattert, von der Irakischen Armee ausschließlich als „Hashd, begleitet von Armeeeinheiten“ zu schreiben. Bhadrakumar, und dazu gibt es eine Flut von Beispielen, schreibt seinen politischen Gegnern in die Konzepte. Zwei Tage später, haben wir gesehen, paßt ihm das nicht länger und er schreibt das Gegenteil hin.
Auch das ölige Kindermärchen fehlt nicht:

Kirkuk is estimated to hold at least 8000 million barrels of subterranean oil. The oil revenue is critical for the survival of any independent Kurdish state.

Schon recht, aber die Ölrevenue bindet alle irakischen Parteien aneinander und an die Nachbarn.
Es folgt noch jede Menge Selbstbetrug des Kommentators:

The US has been routing the military supplies for Syrian Kurds in Raqqa via Erbil

Stimmt nicht.

The US-led Syrian Kurdish militia claims to have liberated Raqqa, but a real consolidation needs the decimation of the residual ISIS fighters present in the region

Stimmt nicht, die Leute werden recycled, unter anderem in Deir Ezzor.

… it may now be a mater of time before Syrian Kurds seek some modus vivendi with the Syrian regime.

Nö. Sie dealen mit dem Kreml zwecks Befestigung des Status Quo der Teilung Syriens zwischen den Interventionsmächten und Interessenten, siehe auch hier.  Bhadrakumar weiß das:

Interestingly, the commander of the Syrian Kurdish militia Sipan Hamo visited Moscow last weekend.

Es bestärkt ihn nur, sich und seinem erlesenen Publikum in die Tasche zu lügen:

The main impact of last week’s dramatic events is that the US now has no conceivable reason to continue with a military intervention in eastern Syria. The likelihood is that Syrian Kurds will sooner or later hand over Raqqa also to the government forces.

Spätestens an dieser Stelle könnte einem unvoreingenommenen Leser aufgehen, worauf die Schreibe Bhadrakumars gründet. Die russischen Atomwaffen. Den nuklearen Schirm über dem Iran, die nukleartaktische Erstschlagsdoktrin des Kreml, die Moskau anläßlich der militärischen Konfrontation durch die Türkei (der Abschuß des russischen Bombers über Syrien, ihr erinnert euch) mittels Einsatz eines Atom-U-Boots vor Syrien und den Einsatz von Cruise Missiles vom kaspischen Meer aus lebhaft ins Spiel gebracht hat. Bhadrakumar betrachtet das Schlachtfeld des imperialen Krieges im MENA, an dem sich Russland im eigenen Interesse beteiligt, als Schauplatz nationaler russischer Selbstbehauptung (und mittelbar auch chinesischer). Die steht dort gar nicht in Frage, eben wegen der atomaren Bewaffnung, die unausgesprochen den Hintergrund der „Kunst“ Bhadrakumars bildet. Die nationale Selbstbehauptung Russlands wird in Syrien nicht einmal angegriffen. An vielen anderen Orten, aber in Syrien gerade nicht.  Das war einer der Gründe für den Ukrainekrieg und erschöpft dessen Zusammenhang mit dem Syrienkrieg. Die russischen Kriegskosten in Syrien sind vergleichsweise gering, ihnen stehen Gewinne der Bergbau- und Rüstungsindustrie, sowie zahlreiche Investitionsgelegenheiten – auch in Saudi Arabien – gegenüber, und der Krieg stärkt den Rückhalt des Kreml in der russischen Bevölkerung [^3], bedingt auch in der Föderation und in Drittstaaten wie Bhadrakumars Geburtsland, Indien. Dafür, daß das so bleibt, ist des Diplomaten Schreibe nützlich.


  1. Wie z.B. Peter Dale Scott ausführlich dokumentiert hat, liegt der Vorgeschichte des Putsches von 9/11 und des „War on Terra“ eine Allianz zwischen dem KSA und texanischen Ölmagnaten, u.a. der Bush-Familie zugrunde, die etwa Ende der 60er Jahre begann und ein „Tiefenland“ (mit kriminellen Ästen) in den zionistisch gepolten US-Eliten aushob. Dies Racket lieferte der US-Föderation den Ausweg aus der Unhaltbarkeit des Gold-Dollars (die Imperiumsgründung in Bretton Woods), den Petro-Dollar, der ihm zugleich Billionen an Extra-Profiten bescherte. Zu den Erfolgen dieses Racketsnicht der regierenden Zionisten! – zählte die saudisch-israelische Allianz, welche die Reihen der Neocons mit Ziocons auffüllte. 
  2. Dazu lest bitte DEBUNKING MYTHS ABOUT THE KURDS, IRAQ, AND IRAN ohne euch von der anti-iranischen Rhetorik den nüchternen Blick verstellen zu lassen. Mit umfänglichen taktischen Rücksichtsnahmen auf die Kriegspartei stellt Denise Natali deren wichtigste (Selbst-)Lügen richtig. Vorsichtshalber schematisch beigefügt: Die territoriale Integrität des Irak ist das politische und militärische Verdienst der schiitischen Milizen und ihrer iranischen Verbündeten. Sie verteidigen den Irak seit 2006 gegen terroristische Zerlegungsangriffe der Ziocons und des KSA, aber auch deren Gegenpol in der Obama-Administration (Obama hat wörtlich eingeräumt, ISIS gewähren lassen zu haben, um die Regierung in Bagdad zu weitergehenden Zugeständnissen an die Imperiumsstrategie zu nötigen). Hätten sie das nicht getan, müßte das Imperium zu dem Zweck, den es aktuell verfolgt, einen „Jemenkrieg“ in einer abtrünnigen Provinz Basra führen.
    Übrigens, ein überaus bezeichnender Punkt in diesem Stück ist Natalis Wortwahl „ … check nefarious Iranian influences„.  Aus den Reihen der Kriegsfraktion hört und liest man sie regelmäßig, doch Denise Natali wäre sie bis vor einem Jahr nicht über die Taste gekommen. Es ist eine religiös konnotierte Wortwahl, mit der amerikanische Wortführer seit eh und je anzeigen, daß die US-Militärherrschaft nicht nur in der Nachfolge von (antiken und mittelalterlichen) Priesterherrschaften steht, sondern deren Instrumentarium modernisiert hat, u.a. vermittels populärer Medienkultur. Daß Natali bereit war, sich solcher Rhetorik taktisch zu bedienen, zeigt die Übermacht der Kriegsfraktion an. 
  3. Jedenfalls in Summe. Der nationale Konsens wird durch den Krieg selbstredend belastet, doch ohne solche Belastung ist halt keine Stärkung zu haben.
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Eine Antwort zu (updated) – Kriegsberichterstattung no more

  1. tgarner9 schreibt:

    Ein aufmerksamer Leser hat sich diesen Eintrag vom 4. April vorgeholt:
    https://tomgard.blog/2017/04/04/ktb-springende-karpfen-und-andere-fische/
    Darin hatte ich die Voraussetzungen, Vorbereitungen und Implikationen des aktuellen irakischen Kriegsszenarios vorerzählt und den Eintrag, an dem ich nichts zu korrigieren oder zurück zu nehmen habe, vergessen..

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