“ … jetzt gewinnt den Frieden“

Besprechung zu „Die unheilige Sophia“, Eberhard Panitz, Berlin ’74, vom August 2007

Die 1974 in der DDR erschienene große Novelle wurde neu aufgelegt. Es handelt sich um eine Annäherung an eine 25 Jahre nach Kriegsende noch lebendige Legende. Die „Rote Sophia“, eine fiktive Gestalt mit realen Vorbildern, ist eine 21jährige deutschstämmige ukrainische Partisanin,  die 1945 von der Roten Armee als Bürgermeisterin eines kleinen märkischen Dorfes eingesetzt wird, nachdem sich eingesessene Antifaschisten weigerten, den „Job“ zu übernehmen. Nach drei Jahren, in denen die junge Frau teils eigenwillig, teils genötigt von der Passivität der Einwohner, weitgehend selbstherrlich Entscheidungen über Enteignungen, Landverteilungen und Wiederaufbaumaßnahmen trifft und nach zahlreichen privaten wie öffentlichen Verwicklungen, verschwindet sie spurlos.

Schauplatz ist „Sandberg“, ein (fiktives) Dorf von knapp 1000 Seelen in der Mark Brandenburg, an einer Anhöhe gebettet in Urstromsand und zwischen Kiefernwäldern, ehemals eine letzte Zuflucht für wohlhabende Berliner, SS-Schergen und Nazi-Mitläufer auf der Flucht vor der Roten Armee.

Der personale Erzähler nimmt die Fährte der Erzählungen und Legenden um die „Rote Sophia“ zeitnah, also etwa 1972 auf. Im Kern bleibt die Erzählung auf dieser Zeitebene.

Eberhard Panitz ist Jg. ’32, proletarischer Herkunft und mehrfach ausgezeichneter „Kulturschaffender“ der DDR, der sich keinen dissidentischen Passierschein in die gesamtdeutsche Nationalkultur erworben hat. Nachträgliche Wiederrufe oder Ergebenheitsadressen des SED-Mitgliedes sind mir nicht bekannt.

Also ein Roman für Nostalgiker und „Unverbesserliche“? Ich will gut begründet andeuten, warum ich nicht dieser Meinung bin und dazu mute ich euch einen elend langen Artikel mit einigen Exkursen zu.

Zum geschichtlichen Hintergrund

1) Die Schuld der Deutschen
Die „rote Sophia“ herrscht nach Kriegsende bevollmächtigt vom örtlichen Militärkommandanten und kontrolliert nur von einem schwächlich besetzten, nahezu handlungsunfähigen Landratsamt unumschränkt in dem kleinen Dorf. Sie nutzt dies zunächst zu einem Rundumschlag gegen das Eigentum und die gesellschaftliche Stellung aller, die ihr als Parteigänger, Mitläufer oder Profiteure des faschistischen Krieges bekannt oder stark verdächtig sind. Auf einer Gemeindeversammlung im zweiten Jahr ihrer „Regentschaft“ droht ihr der Unmut über ihr vergangenes Handeln und ihre hochfahrenden Pläne für die Zukunft das Heft des Handelns aus der Hand zu winden. Textstelle:

„Dann eben anders, wenn ihr mich so nicht versteht!“
Sie ließ die Türen schließen, keiner durfte den Saal verlassen. Der alte Levke fragte: „Was soll das? Willst du wieder Kriegsrecht einführen?“
„Friedensrecht!“ antwortete sie und beauftragte ihn, zusammen mit dem Schlosser Triebel dafür zu sorgen, daß niemand aus dem Fenster stieg….sie setzte sich, mitten im Saal, auf einen Tisch, ohne auf Proteste und Zurufe zu reagieren. Als man sich etwas beruhigt hatte, erklärte sie schwungvoll:
„Es gibt in Nürnberg einen Nürnberger Prozeß, jetzt machen wir einen Sandberger Prozess. Los geht’s.“
Sie verschränkte die Arme, blickte in die Runde, von einem zum anderen, ihre wirren oder trägen Lebensläufe kannte sie allesamt.
„Ihr beklagt euch, also zählt auf. Punkt für Punkt, möglichst bezeugt und bewiesen, was ihr uns vorzuwerfen habt. (…) Ich werde euch dann aufzählen, was ich euch vorzuwerfen habe. Ehe hier einer den Saal verläßt, wird klar gestellt sein, auf wen die Schandtaten kommen.“
Noch einmal erhob sich Tumult. Stimmen schrien durcheinander, einige Männer eilten zur Tür und verlangten, hinaus gelassen zu werden; sie hätten sich nie etwas zuschulden kommen lassen, nie etwas mit Politik zu tun gehabt. „Ruhe“, rief der alte Levke und brachte einen alten Bauern zur Raison, der mit seinen Fäusten umher fuchtelte, tobte, schimpfte, aufschluchzte und schließlich wie ein reuiger Sünder vor die rote Sophia trat und um Verzeihung bat.
„Weshalb?“ fragte sie.
Der Alte neigte seinen schlohweißen Kopf und flüsterte:
„Mein Sohn war bei der SS. Er liegt in Rußland begraben.“
Da war es atemlos still.
Die rote Sophia rutschte vom Tisch herunter, ihre verschlungenen Arme lösten sich, ein Geldschein flatterte aus ihrer Hand.
„Fünf Mark Schmerzensgeld, falls ich hier mal jemandem weh getan habe.“
Sie ging zur Tür, ließ sie öffnen, verschwand ohne sich umzusehen. Verdutzt blieben alle sitzen, bis der alte Triebel hundert Mark zu dem Fünfmarkschein legte und erklärte: „Ich habe auch Fehler gemacht. Größere.“
Nun ging ein aufatmen durch den Saal, Geraune; ……
Insgesamt, mit den Schuldscheinen, war es eine Summe von siebeneinhalbtausend Mark, die Levke zusammen rechnete, nachdem fast alle gezahlt und eilig den Saal verlassen hatten.
„Geiziges Pack“, sagte die rote Sophia, die plötzlich wieder hinter ihm stand und nach dem Geld griff.
„Ich hab gedacht, für ihr schlechtes Gewissen zahlen sie mindestens so viel, daß wir ein neues Dorf bauen können.“

Kollektivschuld! Ein grausiger Unfug – und nichts desto weniger eine heute unvorstellbare Last in den Seelen. Nichts Gutes ist daran! Sie taugte, wie alle Schuld, vor allem zur Ent-schuldung – selten einmal zu tätiger Reue, aber auch tätige Reue verlängert gewöhnlich die Schulden und Lasten in die Zukunft, das ist ein Gesetz der Sozialisation moralischer Individuen.
Ein paar Worte zu den Quellen dieser Kollektivschuld.
„Was haben die Deutschen gewußt?“ lautet eine bis in jüngste Vergangenheit kolportierte, idiotische bis schweinische Frage.
Sie haben gewußt, was sie wissen wollten! Wie bis auf den Tag jedermann, der unter einer Herrschaft sein Leben einrichtet und fristet! Der Sohn, den ein Vater den Herren und Mächten opfert, indem er ihn in den Krieg ziehen läßt und zuläßt oder gar dazu ermutigt, daß er nach Kräften mit den Wölfen heult, ist nur ein Beispiel, aber die Übertragung, die der Alte sich buchstäblich zu Schulden kommen läßt (Sophia erscheint ihm plötzlich als Stellvertreterin der Generation seines Sohnes), kennzeichnet sowohl die Methode, wie das echte Leid solch moralischen Empfindens.
Was die „Schuld“ begründet, war und ist nicht, was die Menschen wußten oder nicht wußten, sondern was ein jeder fühlen und wollen mußte, der Geisel dieses Krieges war. Geisel in der Hand der Faschisten, wie der späteren Sieger, welche die Städte zu Gräberschluchten bombten und deren Vergeltung Jahr für Jahr, Monat für Monat, Tag für Tag näher rückte. Die einzige Flucht aus dieser Geiselhaft war und ist tätiger Widerstand, und zwar nach Kräften! Nicht symbolische Akte, vorauseilende Entschuldung.
„Genießen wir den Krieg, der Frieden wird fürchterlich“, hieß damals eine stehende Redensart. Seit dem ersten Kriegswinter des Russlandfeldzuges hat unweigerlich eine Mehrheit der Soldaten und eine Vielzahl ihrer Angehörigen gewußt, daß der Krieg verloren war. Mit Eintritt der USA in den Krieg wußten es alle. Viele Millionen Menschen haben seither mehr oder weniger ehrlich fassungslos vor den Zeugnissen schier unvorstellbarer Brutalität deutscher Soldaten wie Zivilisten gestanden. Kaum einer hat sich Rechenschaft gelegt, daß die initiale und bleibende Energiequelle dieser Brutalität die nationale „Identität“ war – und auf allen Kriegsschauplätzen weiterhin ist. Wer sich nicht tätig befreit von der Nötigung, sich das Dasein als Insasse eines Herrschaftsgebietes und Systems in Zwecke und Gesetze seines Handelns und Wollens zu übersetzen, für den wird seelisch die Bauernregel wahr, mitgehangen zu sein, bevor sie evtl. praktisch wirksam wird.
Hundertfach ist dies in zynischen „Experimenten“ nachgestellt worden, die autoritäts- und moralgläubige Menschen in ein beliebiges, nach außen abgeschlossenes und geordnetes soziales Bezugssystem versetzten. Freilich stets mit dem „Beweis“-Zweck, aus einer angeblichen Schlechtigkeit, Verführbarkeit, iwie äffisch rudelig vorgestellten, bestialischen Menschennatur umso nachdrücklicher die Notwendigkeit einer wohlverstandenen Herrschaft abzuleiten.
Schon die bisherigen Bemerkungen reichen für eine Empfehlung dieses Buches aus. Denn Panitz stilisiert die „Rote Sophia“ keineswegs zu einem „Engel der Geschichte„. Er gibt ihr eine eigene. Sie ist eine von den Frauen, die, im Grunde noch Kinder, ihre Schöße dem Widerstand weihten. Die in sicher nicht wenigen Fällen ihre „Opfer“ gar halbwegs lieb gewannen, falls diese lediglich zu schwach oder zu dumm waren, die Seiten zu wechseln, nicht schwächer oder dümmer, als die Kollaborateure in den eigenen Reihen. Eine, die selbst gefangen blieb in den Kreisläufen von Schuld und Sühne, von Haß und Sentimentalität, Lebensgier und Selbstaufgabe. Nicht zuletzt – aber nicht allein – deshalb, weil sie allein gelassen wurde; auch von denen, die sie mochten oder liebten und so das ihre taten, aus ihr die widersprüchliche, zwielichtige Legende werden zu lassen, die der Erzähler 25 Jahre später vorfindet.

2) Zur Illusion und Wirklichkeit einer historischen „Chance“ auf „Volksherrschaft“
Ich schätze mal, aus den heutigen Schulbüchern ist die Lüge, die deutsche Teilung sei das Werk der Sowjetunion gewesen, getilgt (seht mir nach, daß ich keine Lust habe, das zu recherchieren). Dennoch wird sie in vielen Köpfen stecken und wer ihr glaubt, kann die Zeit, von der Eberhard Panitz Buch handelt, nicht begreifen.
Wer mag, soll die Sache selbst überprüfen, ich will lediglich ein paar Hinweise geben, die für die Wahrnehmung der Lage aller, die sich damals ein klein wenig Mühe gaben zu verstehen, von genereller Bedeutung war. Wer diesen Exkurs übergehen will, mag dies getrost tun.

Exkurs
Man kann Stalin und auch seinem Marshall Shukov einiges nachsagen, kriegspielende Kinder waren sie nicht. Der militärische Status Quo in Europa war 1945 offenkundig auf viele Jahre von keiner Seite ernstlich zu brechen und eben deshalb war er in Jalta festgeschrieben worden.
Folglich war der Viermächtestatus Deutschlands inklusive die Einhaltung der Vereinbarungen über die Entnazifizierung und dauerhafte Demilitatisierung Deutschlands, besonders auch die Einhaltung der darin eingeschlossenen industriellen Beschränkungen und Kontingentierungen, die einzige Möglichkeit der Sowjetmacht, auf den zukünftigen Status Gesamtdeutschlands Einfluß zu nehmen und zu behalten. Die Verantwortliche wären dümmer als Schulkinder gewesen, hätten sie sich dieser Option beraubt.
Bleibt folglich zu erklären, warum sie und andere nicht voraussahen, daß die Amerikaner und Briten den Viermächtestatus brechen würden.
Erste Antwort: Die Amerikaner hatten das im ersten Nachkriegsjahr selbst nicht auf der Agenda. Churchill stand mit seiner noch vor Kriegsende formulierten Absicht, einen „Iron Curtain“ gegen den kommunistischen Einfluß zu errichten, anfangs allein. Den Amerikanern erschien das angesichts der Schwäche der englischen Truppen zunächst viel zu teuer – politisch, wie finanziell – und angesichts der Schwäche der verwüsteten Sowjetunion völlig unnötig. Das änderte sich erst, als den Stäben Truman’s im Verlauf der politischen Durchsetzung von Mrd.- Krediten für die alliierten Freunde aufging, welche Hebelkraft dem Nationalkredit der USA als der weltweit einzig ungeschorenen kapitalistischen Ökonomie zugewachsen war. Plötzlich merkten sie, daß ihr Kredit taugte, auf Kosten der arbeitenden Bevölkerung der gesamten Welt sowohl den Wiederaufbau der Ökonomien zu finanzieren, als auch die Sahnehäubchen dieser Ökonomien selbst abzuschöpfen und obendrein noch die politischen Schranken amerikanischer Kredit- und Handelsmacht in den alten imperialen Einflußsphären Englands und Frankreichs zu unterlaufen bzw. zu brechen.
Daß Stalins Strategen dies nicht voraussahen, ist ein übler Treppenwitz der Geschichte. Es lag schlicht daran, daß alle, die es kraft ihrer Kenntnisse hätten voraussehen und an geeigneter Stelle vorbringen können, entweder tot oder in sibirischen Lagern kaltgestellt waren. Es waren ja erst wenige Jahre vergangen, seit die Säuberungen gegen jeden Kommunisten, der den 2. und 3. Band des „Kapital“ gelesen, halbwegs verstanden hatte, und dies iwie in der SU politisch zur Geltung zu bringen suchte, ihre Wirkungen getan hatten.
Umgekehrt umgekehrt. So wenig man im sowjetischen Politbüro über Weltgeld und Nationalkredit wußte, so lebendig waren die Erfahrungen mit den Folgen und Einbußen gewaltsamer Kollektivierung und Nationalisierung. Die simple Konsequenz der beiden genannten Voraussetzungen: In der sowjetischen Führung dachte man nicht im Traum daran, sich etwa eine zukünftige ökonomische Kraft Gesamt- oder auch nur Ostdeutschlands (auf der Basis der vorhandenen Infrastruktur) zunutze zu machen, stattdessen transportierte man unter gewaltigen Zerstörungen ab, was nicht niet- und nagelfest war.
Die Kehrtwende dieser Politik, zögerlich eingeleitet nach der Gründung der britisch-amerikanischen „Bizone“ und des Hinauswurfes der SU aus den Viermächtekomissionen (aus ihnen wurden 6-Mächte Kommissionen unter Einbeziehung der Benelux-Staaten), nach der Währungsreform der Westzonen in der SED mit Macht vorbereitet, verfolgte in erster Linie einen politischen, keinen ökonomischen Zweck.
Denn so leidvoll die Erfahrungen in der SU mit Stalins Radikalkurs in den 30ger Jahren gewesen waren, so erfolgreich waren sie im Hinblick auf die Festigung der politischen Macht der der KPDSU gewesen, und das beruhte bei weitem nicht auf der Macht der Waffen. Die durchgreifend rücksichtslose Nationalisierung der gesamten Ökonomie etablierte nahezu blitzartig eine neue Qualität der Herrschaft der Städte über das Land! Der Hunger, paradigmatisch für die neuinstallierten Abhängigkeiten, wurde zum ebenso zweifelhaften wie mächtigen Verbündeten der Roten Armee.
Diese Radikalkur verordnete die Sowjetmacht nun auch Ostdeutschland, um die politische Vormacht der KPD unwidersprechlich gegen die zuvor noch geduldeten, ja in linken Kreise geförderten völkischen Tendenzen zu machen. Erst Ende 1948 hatte die SED die „Linie“ eines „eigenen deutschen Weges zum Sozialismus“ zu widerrufen. Umgekehrt zur Kenntnis genommen: Da wurde sie widerrufen! Es wurde nicht etwa taktiert!

Was hat das nun mit Panitz Erzählung zu tun?
Soweit die Vergangenheit ihr Thema ist – wir werden sehen, sie ist es nicht im dokumentarischen Sinne – befasst sie sich ausschließlich mit den 3 Jahren, in denen von Seiten der SU wie der KPD und später der SED summa summarum gerade so viel an politischen und ökonomischen Grundsatzentscheidungen gefällt wurde, wie für die Wiederherstellung der überlebensnotwendigen Funktionszusammenhänge und der Beseitigung der allergröbsten Kriegsschäden notwendig war. Die einzige Ausnahme von dieser Regel ging mit dem Viermächtestatus konform, denn dabei handelte es sich um die gesellschaftliche Entmachtung der Nationalsozialisten nebst ihrer politischen und ökonomischen Seilschaften. Dazu gehörte übrigens auch die Nationalisierung von Schlüsselindustrien, denn die in Jalta und Potsdam beschlossenen Kontingentierungen der zukünftigen deutschen Industrien ließen eine „freie Wirtschaft“ nicht zu – auch nicht in den Westzonen, in denen die westlichen Alliierten eine bürokratische Aufsicht über die Wiederaufbaumaßnahmen einrichteten.
Dieser Zustand schuf in der SBZ ein eigenartiges Gemenge an „Terror“ und politik- bzw. rechtsfreien Räumen. „Terror“ versteht bitte im rationellen Sinne. Der Kern jeder Herrschaft, ob gewählt oder nicht, besteht aus dem Terror bewaffneter Einheiten und den Maßstäben ihres Handelns. „Politikfrei“ bitte ich wie folgt zu verstehen. Die rote Armee gebot der Bevölkerung eine antifaschistische Gesinnung – soweit man dies halt gebieten kann – und das schloß für sie aus guten Grund die Abkehr vom Antikommunismus ein. Darüber hinaus förderte sie die KPD, aber gerade mit der Maßgabe – die manchem Kommunisten überhaupt nicht schmeckte – nicht das Sowjet- also Räte(!)system zu propagieren, sondern Teilhabe der Kommunisten an der Macht einer repräsentativen Demokratie. Daß diese Demokratie unter massivem Einfluß von Sozialisten und Kommunsisten stehen würde, und zwar im Zweifel in einem Vereinigten Deutschland, war jedem politisch denkenden Menschen klar. So klar, daß die christlichen Parteien im Osten und im Westen die Sozialverpflichtung des Eigentums und weitere sozialdemokratische Häppchen in ihre Parteiprogramme schrieben.

(Zusatz: Die Kehrtwende dieser sowjetischen Politik nach 1949 wurde so ausgelegt, daß sie zuvor nur taktisch motiviert gewesen sei. Natürlich war taktisch motiviert! Nur völlig anders, als die Antikommunisten annehmen wollten. Die Taktik ist der Tatsache zu entnehmen, daß die KPDSU den zunächst überhaupt nicht willigen italienischen und französischen Genossen dieselbe politische Linie vorschrieb. Die Folge war nichts Geringeres, als ein entscheidender Beitrag der SU zur Stabilisierung der italienischen und französischen Demokratien! Insbesondere de Gaulle verdankte seine Macht Stalin, denn dieser im Exil durchgewärmte „Befreier“ und seine Exilregierung von englischen Gnaden hätte ohne Stillhalten der Kommunisten und mit ihnen sympathisierender Kräfte der Resistance nie regieren können.
Kurzum, wer zu dieser Zeit politisch und nicht antikommunistisch dachte, der wußte, die SU hatte ein militärisches Regime über die in Jalta ausgehandelte osteuropäische Einflußsphäre, Deutschland exklusive im Sinn, mit einem politisch minimalen Sicherungsprogramm, das die Verfolgung der Faschisten, den Schutz der Kommunisten, den maßgeblichen Einfluß auf die nationalen Milizen und die Nationalisierung der Schlüsselindustrien vorsah. Nicht weniger, aber auch nicht mehr. In Gesamtdeutschland strebte Stalin im Bündnis mit den Franzosen eine Blockademacht gegen den Wiederaufbau einer imperialen deutschen Industrie- und Handelsmacht an.)

Deshalb gab es in der SBZ zahlreiche Leute, viele von ihnen blutjung, die eine historisch einmalige Gelegenheit witterten, mit Aussicht auf Erfolg zur Errichtung einer „echten“ Volksdemokratie beitragen zu können. Mit einiger Sicherheit ist bis zum Zusammenfließen verschiedenartiger Jugendrevolten in den späten 60ger Jahren nirgendwo anders in Deutschland derart breit gefächert diskutiert und gestritten worden, wie in den ersten ca. 6 Nachkriegsjahren in der SBZ. Wie wenig davon übrig blieb, davon handelt Eberhard Panitz Novelle auch, allerdings auf eine seinerzeit geboten indirekte Art.

Zweites geschichtliches Moment:
Wie nutzten Frauen in der Nachkriegszeit die Risse und Lücken im Patriarchat des geschlagenen Faschismus?
Erste Antwort: Erbärmlich wenig, wozu die unangetastete patriarchale Struktur der russisch/sowjetischen Gesellschaft sicher einiges beitrug.
Zweite Antwort: Soweit die erste nicht stimmt, wissen wir kaum etwas darüber. Das ist Stoff für individuelle Erzählungen und Legenden. Er bildet den zweiten Hauptstrang in Panitz‘ Erzählung, die allerdings ausschließlich dörfliche Szenerien aufnimmt.
Der Legende nach, die das erzählerische Ich zu Beginn vorfindet, soll die „Rote Sophia“ eine eher klein gewachsene, dralle Person gewesen sein, der eine lange Reihe unvereinbarer Merkmale zugeschrieben werden. Es ist von Klugkeit wie von Einfalt die Rede, von Willensstärke, wie von Unrast und Sprunghaftigkeit, von Zorn und Haß wie von Groß- und Warmherzigkeit, von Genußsucht wie von Arbeitswut und immer wieder von „Liederlichkeit“, Schamlosigkeit, Hurerei. Sie soll sich berauscht von Festen, auf denen sie soff, sang und tanzte, jedem zart besaiteten Jüngling hingegeben haben, der sie wollte, und anderntags jeden Mann gefickt haben, von dessen Gunst sie sich einen Vorteil versprach. Mit Ausnahme des einzigen Parteigängers, der sie ernstlich liebte – der bekam sie nicht. Die Quintessenz des Bildes: die Rote Sophia soll eine Frau gewesen sein, die ihr soziales Geschlecht nahezu rückstandslos aufgegeben hatte 1, und dabei – wenn man von gewissen Nachwirkungen ihrer Vergangenheit absieht – nichts von ihrer Weiblichkeit aufgegeben oder eingebüßt habe. Folgerichtig wird ihr radikal subjektives Handeln zugeschrieben. Sie rebelliert nicht gegen die Schranken, welche Umstände und Machtverhältnisse ihren Bedürfnissen und Zwecken setzen, sie reizt sie aus, mißachtet sie bedenkenlos, sofern sie glaubt, damit durchzukommen und versucht sie zu versetzen, wann immer sie Aussicht auf Erfolg hat, und sei’s, indem sie den Landrat fickt.

An der Stelle will ich meinen Bericht überziehen, denn einem heutigen Leser geht es zwangsweise um seine Gegenwart, nicht um die Vergangenheit des erzählenden Ich in den frühen 70ger Jahren.
Wie wirkt eine Frau, die nur annähernd das ist, was die Legende der „roten Sophia“ erzählt, auf Männer?
Furchterregend!
Der Grund ist banal. Eine Frau, die ungefesselt, abseits monogamer Ansprüche und Sehnsüchte, sinnlich und zugleich intellektuell und sozial fordernd ist, führt einem jeden Mann unwidersprechlich vor, daß er ihr nie, niemals wird genügen können. Und selbst dann, wenn ein Mann sich so gut das sozial nur geht, von eigenen Ansprüchen, einer Frau genügen zu wollen, löst, wird es in seiner Seele zumeist einen Restbestand monogamen Verlangens nach Genüge geben, dem seiner Mutter nämlich..
Panitz thematisiert diesen Konflikt nicht sehr direkt, aber dennoch ist er ein Angelpunkt der Novelle. Denn was sie schließlich in die Katastrophe kippt, ist der Umstand, daß ein junger Rebell, den die rote Sophia sich als Kindsvater und Gefährten auserkoren hat, sich nicht entscheiden kann, an ihrer Seite und in ihrem Schatten zu leben. Panitz illustriert dies mit der Gestalt einer Künstlerin, nicht eigentlich Rivalin, aber Gegenpol der roten Sophia, die – wie sie – ein Dreiecksverhältnis zunächst hinnimmt. Die „Fee“, wie Panitz sie unverstellt benennt, ist eine beruflich wie sexuell „emanzipierte“ Frau – halt das, was gewöhnlich darunter verstanden wird – die dennoch in keiner Weise ihr patriarchalisch verbildetes und gefesseltes Gefühlsleben zu überwinden vermag.

Die Erzählung. Legende und Geschichte.

Das wirklich Großartige dieser stilistisch eher unscheinbaren Novelle anzudeuten, steht immer noch aus!
Der Erzähler, obgleich Geschichtslehrer, nimmt die Bruchstücke der Legende anfangs widerwillig auf, er ist mit anderem beschäftigt. Sie werden an ihn heran getragen, weil sein Haus ein Zentrum der damaligen Geschehnisse gewesen ist und eine Besucherin aus dem Westen einiges davon aufrührt. Auch nachdem der Erzähler dem Leser bedeutet hat, die Geschichte habe ihn zu packen begonnen, retardiert er die erwartete Aufklärung. Er fährt fort, die Legende zunächst in der Schilderung weiterer Beteiligter und ihrer Geschichte einzukreisen. Ein Geflecht von Verwicklungen zeichnet sich ab, aus dem der Erzähler gleichsam Proben entnimmt, immer neuen Fäden nachgeht, Berichten, verbürgtem Handeln und Geschehen, Reaktionen, auf die sein zunehmendes Interesse bei den Zeitzeugen stößt. Fast unmerklich beginnt er die Bruchstücke aus eigener Phantasie, aus eigenem Urteil zu ergänzen, ein eigenes Gewebe vorzulegen, um es dann doch wieder zu verlassen und in die Gegenwart zurück zu kehren. Bis ihm der Bürgermeister von Sandberg die noch verfügbaren Dokumente und Zeugnisse des Wirkens der roten Sophia geradezu aufdrängt.
Von diesem Moment an verdichtet der Erzähler Dokumente und Erzählungen. Doch nicht etwa zu einer „Rekonstruktion“ geschweige „Dekonstruktion“ der Vergangenheit, nein, zu einem eigenen, dem Erzähler gemäßen, Mythos von der Unheiligen Sophia!
Und dazu gibt ihm Panitz listig einen ver- wie enthüllenden persönlichen Grund mit, denn es erweist sich, daß der Zugereiste kein Unbeteiligter ist …

Diese hinterhältige wie offensive Abkehr von einem aufklärerischen, historisierenden, einer übergeordneten oder gar „objektiven“ geschichtlichen Wahrheit verpflichteten Geschichtsbild gestaltete Panitz derart geschickt, daß ich darauf wette, nur wenige aus der Riege der Kulturbürokraten werden bemerkt haben, was in der Novelle steckte. Denn die Eckpunkte einer „realen“ Geschichte, welche paradigmatisch für eine Vielzahl von Ereignissen der Nachkriegszeit zu nehmen sind, gibt sie durchaus. Doch alles, was über diese Eckpunkte hinaus ging, was der Legende wie der Geschichte des Erzählers Leben einhauchte, ihre mythischen Qualitäten also, entstammten der Gegenwart der frühen 70ger Jahre.
Doch kommt das alles recht brav unscheinbar daher. Und wer die Botschaft bemerkt hat, hielt vermutlich wohlweislich den Mund. Eine „Waffe“ des kritischen Literaten lag darin,  daß ein allzu gründliches Verständnis des kritischen Potentials eines Werkes denjenigen ins Zwielicht stellte, der es offenbarte …

Die Botschaft:
Geschichte, das ist das, was wir heute, jetzt, präzise in diesem Augenblick denken, empfinden und tun. Alles, was zuvor gedacht, empfunden und geschaffen wurde, ist tot. Das gilt auch und gerade, wenn wir Vergangenes aufnehmen und fortführen. Denn in dem Maße, wie wir das nicht aus eignem Begreifen, mit ureigner Leidenschaft und selbst gefassten Zwecken tun, verurteilen wir uns zu einem entliehenen, gespenstigen Leben. Wir fallen zurück hinter die Ahnenkulte ferner Vorfahren, die mit Hilfe ihrer Mythen und Riten das in ihrer Macht stehende taten, das Wissen und die Erfahrungen ihrer Vorfahren zu bewahren, sie selbst aber entschieden in die Gräber und Haine verwiesen, wo sie hin gehören. Der „Moderne“ hingegen folgt sklavisch dem in Stein und Metall, vor allem in digitalen Euro- und Dollarbeträgen geronnenen Willen und Leben unzähliger Vorfahren!
Das ist die Botschaft, die Eberhard Panitz seinen Lesern gleichsam doppelt eingenäht überbringt, einmal in der Gestalt der „Roten Sophia“, einmal in der Konstruktion und Ausgestaltung seiner Erzählung. Revolutionär auch gegen die Geschichtsontologie des „historischen Materialismus“, der mit den Erkenntnissen von Marx nichts, und dem Wirken von Engels und selbst Lenin wenig zu tun hatte.
Wie aktuell das noch ist?
Was für eine Frage! Darüber ist kein Befinden. Darüber entscheidet ihr – jetzt.


  1. Die Aussage ist eine grobe Ungenauigkeit. Wie wahrscheinlich alle ehemaligen MG-Genossen hatte ich mich fast 30 Jahre geweigert, den von Judith Butler nebst französischen Dekonstruktivisten aufgeworfenen Gender-Debatten gebührende kritische Aufmerksamkeit zu zollen. Entsprechend dumm blieb ich auf diesem Felde. Mein „Gender“-Begriff blieb auf dem Stand des sozialpsychologischen und literaturkritischen „Rollen“verständnisses, ergänzt um ein unzureichendes Verständnis selbst der Marx / Engelschen Patriachatskritik. 
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