Nicht olympisch

Zu „Zwölf Ringe“ / Jurij Andruchowytsch

(Sept. 2007)
Andruchowytsch, Jg 1960, ist Ukrainer. Genauer Westukrainer, das ist wichtig, dazu später. „Zwölf Ringe“ wurde ausgezeichnet mit dem Leipziger Buchpreis zur Förderung der europäischen Verständigung 2006. 

Der Roman ist in meinen Augen schlecht, sehr schlecht. Anderereits wäre ich nicht überrascht, wenn der Autor mir darin verschmitzt bis hohnlächelnd zustimmen würde, nachdem wir zwei Flaschen Wein geleert hätten. Und als ich zu lesen begann, war ich zunächst begeistert!
Die ersten (ungefähr) fünfzig Seiten (von 290) fand ich wunderschön zu lesen. Da zieht Andruchowytsch im hochliterarischen bis launig-lässigen Plauderton alle Register einer beträchtlichen Sprach- und Gestaltungskunst, stets ironisch und ein wenig von oben herab, doch so bildhaft und eindringlich – fast ein wenig engagiert – daß er viele Leser für sich und seine Haupgfigur völlig einnehmen wird. Hauptfigur? Das ist ein Thema für sich.

Karl-Joseph Zumbrunnen ist ein Österreicher galizischer Herkunft, wozu der Leser wissen soll, daß dieser Landstrich einst zum Einflußgebiet der Donaumonarchie gehörte. Als ein nicht mehr ganz junger Fotoreporter und Journalist ist er einer der vielen berufsmäßigen Befreiungstouristen, die nach der Wende in die osteuropäischen Staaten einfielen, auf der Jagd nach den Highlights einer Entfesselung der neu ins Herz geschlossenen europäischen Verwandten aus den Banden russischer Überfremdung, sozialistischer Enge, Rückständigkeit und Stagnation. So will es Zumbrunnen zunächst sich und andern glauben machen. Uneingestanden hingegen befindet er sich auf der Flucht, auf der Suche nach in der Fremde noch erhaltener oder wiederbelebbarer Wurzeln einer Existenz, die daheim zunehmend entwurzelt wird. So ist er rasch enttäuscht, doch auch nach dem Verlust aller Illusionen über eine anstehende Blüte von Kreativität, Wohlstand, Kunst, Kultur und Architektur kehrt er immer wieder zurück. Er ersetzt sein heimisches Frauchen durch eine Daueraffäre mit seiner Dolmetscherin, Roma Pepa, verehelicht mit Artur, der später auftritt. Zitat:

„Ja, in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre stellte Karl-Joseph Zumbrunnen fest, daß er sich an vieles gewöhnt hatte und tatsächlich anfing, es zu mögen. Urplötzlich – er war gerade in dem klapprigen Zug Frankiwsk-Kiev unterwegs vom achtzehnten Wagen in den neuten zum Buffet -, urplötzlich überkam ihn mit strahlender Klarheit die Erkenntnis, daß es ihm gefiel, so weit und selbstbewußt auszuschreiten, als sei er Herr der Lage, es gefiel ihm, sich in den viel zu engen Korridoren an den Entgegenkommenden vorbei zu quetschen, er mochte die trunkenen Blicke und die Goldzähne der Zugbegleiterinnen und den Namen der nächsten Station – Sdolbuniw -, wo vom Bahnsteig aus billigeres Bier angeboten wird, es gefiel ihm, daß er so gut zurecht kam und daß die Abteiltüren meist weit offenstanden und daß er, endlich im neunten Wagen angekommen, auch das ungesunde Essen, das zähe Brot, das halbe Wasserglas Schnaps mögen würde (er teilte es gekonnt halbe-halbe), die aufgeweichten Gesichter und fahrigen Gesichter der Buffetgäste, die von hautengen Leggins überzogenen Hüften der gackernden Frauen und ihre gackernden Witze, von denen er kein Wort verstand, über die er aber mit allen diesen Zufallsbekanntschaften in brüllendes Gelächter ausbrechen würde, und vielleicht sogar – wer weiß? – ihre leiernde Musik, von der er nur einzelne russische Wortkombinationen würde unterscheiden können wie …“ (es folgen Beispiele)

Für mich ist diese russische Erzählkunst atmende, gebremst leidenschaftliche Diktion und Rhythmik ein Genuß. Von ähnlichem, nur nicht so überzeugend ironischem Zuschnitt ist ein (späteres) Kapitel zur Biographie eines 1937 jung verblichenen und anschließend verfemten Lyrikers, Bohdan-Ihor Antonytsch, den J.A., wie es scheint, in die Ahnenreihe seiner eignen tragikomischen Kulturkritik stellt.

Doch für den Rest des Textes läßt Andruchowytsch, von einigen Einsprengseln abgesehen – überwiegend Traumschilderungen übrigens – Literatur Literatur sein, klappt die Bühne auf und zieht alle Register des mal elaborierten, mal extemporierten, mal blödelnden bis vulgären Kleinkunstsprechs von der Burleske zur Possenreißerei. Ziemlich frei nach Laune, wie mir scheint, obwohl, da mir ukrainische Literatur und Geschichte weitgehend unbekannt sind, mir manche Anspielungen, welche die Übergänge motiviert haben mögen, entgangen sein werden.
Eine „storyline“ gibt es nicht und die verschränkten Erzählstränge sind absichtsvoll ungefüg – „Zwölf Ringe“ will kein Roman sein, nein, nein. Der fast liebevoll eingeführte Karl-Joseph spielt nach ca. 40 Seiten nurmehr eine Statistenrolle, die nach vorschriftsgemäßen drei Vierteln des Textes darin gipfelt, daß er sich auf ungeschickteste und zufälligste Weise von dahergelaufenen Randgestalten den Schädel einschlagen läßt. Zum Ende wird er als paraphysisches Nachtgespenst zurück nach Wien geschickt, auf eine Art nekrophile Mondfahrt den Donaulauf entlang, um dann vom katholischen Herrgott trotz sündhafter Ehebrecherei gnädig ins Vorzimmer zum jüngsten Gericht eingelassen zu werden.

Hat Karl-Joseph den Stab der Hauptfigur vielleicht weiter gereicht? Nein. Artur und Roma Pepa verlassen wir am Ende in der gleichen Lage, in der sie uns gemeinsam vorgestellt worden waren, im Ehebett, jeder auf seinem Territorium schlafend und das Glück respektive Unglück erwartend, ob oder ob nicht Arthur (des Restalkohols halber) seine Morgenlatte verschlafen werde.
Ach ja, da ist ja auch noch ein Titel. „Zwölf Ringe“ ist ein Motiv in der Lyrik Antonytsch’s, welches ein für die Zensur achtzehnjähriges, für den Leser allenfalls vierzehnjähriges Mädchen – Romas Tochter – entmetaphorisieren darf, indem sie die ersten 11 Stufen eines „Frühlingserwachens“ durchläuft, nämlich vom „Ablegen des Keuschheitsgürtels junger Mädchen“ bis zur Entjungferung. Das nimmt zusammen ziemlich genau 25 Zeilen ein. Dazwischen wird – von und mit anderen Beteiligten – ein halbpornographischer Werbetrailer gedreht und eine greisenhafte Reinkarnation Antonytsch’s deklamiert und kommentiert zu passenden wie unpassenden Gelegenheiten.

Worum geht es dann in drei Teufels Namen in „Zwölf Ringe“?! Ich sagte es schon – um die UKRAINE, genauer um die WESTUKRAINE. Und um den Autor, versteht sich.
Wer jetzt – gleich mir eigentlich – genug hat, der mag scrollen und klicken.
Für die enttäuschten Leser will ich versuchen, noch etwas Konstruktives aus meiner Lektüre zu ziehen.

Für den durchschnittlich uninformierten Westeuropäer ist die Ukraine KIEV (Zentrum des alten Reiches der Rus), das geostrategische Skandalon ODESSA und das Donezbecken, der Zugang zu den Kohlegruben um Donezk. Der eine oder andere denkt noch an die heute teils unbedeutenden, teils zukünftiger Erschließung harrenden Öl- und Erzvorkommen. Vielleicht auch an unendliche wogende Weizenfelder, Schafherden und Pferde,  die Pferde der Kosaken, die einst den östlichen Teil beherrschten. Bis auf die Schafe findet er bei J.A. nichts davon wieder, denn „seine“ Ukraine ist Galizien und die südlich davon gelegenen Ostkarpaten, das Huzulenland.
Dort, auf dem höchsten Gipfel, wählt er seinen Schauplatz. Zu Land und Leuten findet J.A. ungefähr die Worte, die ein preußischer Verächter von Weißwurscht, Bier, Schuhplattler und Edmund Stoiber für Bayern wählen würde. Mit dem Unterschied, daß es in Galizien und Ruthenien, wie es scheint, noch viel, viel mehr provinzielle Beschränktheit, Rückständigkeit, Grobheit und Volkstümelei zu karrikieren, zu belächeln und am Ende großherzig in’s trunkene Herz zu schließen gibt.
Den Schlüssel für diese Verengung händigt der Autor dem Leser in Gestalt einer symbolisch persiflierten Geschichte des gewählten Schauplatzes aus, einer Art Berghotel. Auf einem berüchtigten Schlachtplatz des ersten Weltkrieges wird zwischen den Kriegen mit großem Aufwand und internationaler Beteiligung ein metereologisches Observatorium erbaut, das schon bald nach Fertigstellung im Vorfeld des WKII zum vorzüglich als Bordell und Freizeitanlage genutzten britischen Spionagehort umfunktioniert wird. Die Tommies ergreifen bei Kriegsbeginn das Hasenpanier. Nach dem Krieg wird das Gebäude in Gestalt eines Internates zu einer Feste der Russifizierung, die sein russischer Direktor so versteht, daß er sich jedes Weibsbild von der Schülerin bis zu Köchin vor die Flinte nimmt. Nachdem ihn eine hochrangige Tochter auffliegen läßt – die Todesstrafe vollstreckt er selbst – wird das Internat aufgelassen und nach Jahren des Verfalls beginnt man – ebenfalls auf Weisung Moskaus – ein olympisches Leistungszentrum zu bauen, das nie ganz fertig gestellt und bald aufgegeben wird. Nach der Wende erwirbt ein Oligarch das Anwesen, den niemand zu Gesicht kriegt, seine Existenz wird lediglich durch eine Bande schwarzgekleideter, stiernackiger, kurzgeschorener Muskelberge beglaubigt, die stumm telefonischen Weisungen folgen.
Die Aussage, kurzgefasst: Als ein ewiger Zankapfel der jeweils herrschenden Großmächte (realgeschichtlich seit Ende des 18.Jhd) sei die Ukraine kulturell stets „unter Einfluß“ gewesen, und daher zum hinterwäldlerischen Randgebiet sei es der Habsburger Donaumonarchie, der polnischen Aristokratie oder des russischen Zarismus geschrumpft. Daher sei an kultureller „Eigenheit“ kaum mehr verblieben, als die erwähnte schafsnatürliche Stammes- und Volkskultur, inspiriert von einer Natur, die – so will es J.A. glauben machen – derzeit in erster Linie als Müllhalde genutzt werde. Heute herrschten „kriminelle“ Oligarchen im Lande, die den Ausverkauf teils in westlicher, teils in östlicher Richtung durch die eigenen Taschen lenkten und dem Volk zu diesem Behufe allerlei Belustigungen finanzierten, einschließlich Wahlen, schlechten einheimischen Schnapses, einheimischen Sanges und der Duldung jedweder Form von Hurerei, die außerhalb des Landes keine Kundschaft fände. Die Westukraine sei für dieses Treiben ein Transitgebiet, mit einigen Tankstellen, Imbißstuben, Bordellen und jeder Menge Schnapsläden, durch das ununterbrochene Ströme grauer, verplompter LKW’s von Ost nach Sudwest und umgekehrt flössen, nichts hinterlassend, als Bündel von Dollarnoten in ausgewählten Taschen.

Nun, die Diagnose dürfte pi x Daumen stimmen. Aber weiter, als sie zu stellen, befaßt sich Andruchowytsch nicht damit, auch nicht mit der Rolle des gepushten ukrainischen Nationalismus in dieser Entwicklung.

Also zurück zu den Gestalten. Arthur Pepa – Romas Ehemann – ist ein ehemals mild dissidentisch aufgeschmückter literarischer Bohèmien, erlebte nach der Wende eine Exotenblüte, nun hat er schon lange nichts mehr auf die Reihe gekriegt. Schon gar nicht den epochemachenden Roman, den er in luziden Momenten vor Eintritt regelmäßiger Volltrunkenheit fortspinnt; im Geiste fortspinnt, denn die Lackmusprobe weißen Papiers erblicken diese Produkte stummen Heldentums nie. Er wird auf Einladung des Oligarchen mit seiner Frau und Tochter, Zumbrunnen, dem wiedererstandenen Antonytsch, einem Werbefilmer und zwei Huren im Berghotel zusammen geführt, zu welchem Zweck, erfährt niemand, außer, daß der Filmer mit den zwei Huren und einem beliebigen Kerl einen versexten Werbefilm für einen saumäßigen einheimischen Schnaps drehen soll. Außer Slapstick passiert nichts weiter, bis, auf die schon angedeutete Weise, Artur seitens dahergelaufener Wegelagerer von dem Rivalen seiner ungeliebten wie unverzichtbaren Häuslichkeit befreit und Zumbrunnen dorthin geschickt wird, wohin er gehört. Mit Roma zusammen hat er ein paar unbequeme Stunden zu durchleben, danach wird alles sein, wie zuvor. Derweil wird die Tocher vom plötzlich verjüngten Antonytsch „geküsst“ und schreibt darauf einen 122 seitigen Tagebucheintrag, den der Autor uns erspart.
Die Huren, die wie Zicklein auf dem Laufsteg durch die Szenerie getrippelt waren, beständig stößig gegeneinander um jedes Blitzlicht und Scheinchen rangelnd, werden flachgelegt, aber wie gewohnt anschließend im nächsten Bordell abgesetzt, statt das ersehnte Visum in den Westen zu kriegen. Andruchowytsch verläßt sie bei der einzigen Liebe, die sie je finden werden, nämlich eng aneinander gekuschelt im Erschöpfungsschlaf.

All das kommt über lange Strecken in einem Stil daher, der mich weitläufig an zahlreiche Passagen von Houellebecq erinnert, was sicherlich daran liegt, daß ich nach „Elementarteilchen“ derartige Literatur nicht mehr zur Kenntnis nahm. Das hält sich stets am Geländer der Vulgarität, freilich vornehm neben den ausgetretenen Stufen. Und Andruchowytsch halte ich dabei zu gute, daß er die schlammigen Pfützen seichten Tiefsinns meidet, in denen sich Houllebecq so gern zum Gaudi suhlt.

Ich übertreibe, sagt ihr? Nee, nicht wirklich. Nochmal zu Roma Pepa, die ja immerhin die „Achse“ der Geschichte bildet. Beide Männer fragen sich, wie es denn anginge, daß sie zur vollsten Zufriedenheit mit einer Frau vögeln (Zumbrunnen) ficken (Artur), die eine volljährige Tochter hat – und nehmen die Tatsache achselzuckend hin. Roma stolpert in jedem einzelnen Auftritt über irgend etwas, wirft was um oder reißt scheppernd irgend was von Borden und Regalen – der Leser wird an sie gewöhnt, wie an Sam Hawkins mit Hilfe seines Flickenrocks, der Liddy und das „wenn ich mich nicht irre“. So, wie Roma zu Zumbrunnen ins Bett steigt, muß der Leser die Dolmetscherin für herzlich, nüchtern und auf pragmatisch angepasste Weise emanzipiert halten. Im übernächsten Auftritt kriegt sie vermittels einer halluzinierten Notzucht einen Vaterkomplex an der Grenze zur Psychose angehängt, von dem für den Rest der Erzählung keine Spur bleibt. Da ist sie nurmehr ein kraftloses, vom alltäglichen, milden Frauenelend ermüdetes Eheweib, dem es gleich ihrem Mann vor der kommenden Düsternis graut. Ich bin dem Autor ja dankbar, daß er diese Klischèes nicht noch auswalzt und verbindet. Ich verstehe vollkommen, daß er keine Lust hat, zum x-ten mal eine alltägliche Elendsgeschichte zu variieren. Aber dann soll er mir bitte keinen Roman mit diesem Stoff zumuten. Die Erzählung macht mir den Eindruck, halb wegwerfend, halb mit Hoffnung auf einen westlichen Mäzen als Drehbuchvorlage für eine sentimentale Osteuropa-Groteske konzipiert zu sein.

Aber jetzt drehen wir die Sach doch mal um.
Da ist also ein ehemals und sicherlich immer noch junger Mann, der seine Sprache liebt, die Teil seiner Erotik ist, wie er sagt. Wie zahlreiche Vorbilder ist er nicht Arzt oder Ingenieur geworden, geschweige Theologe. Er hat stattdessen daheim Journalistik studiert, jede Menge Gedichte veröffentlicht, anschließend in Moskau Literatur für Fortgeschrittene belegt, ein, zwei Romane veröffentlicht, ist anschließend über Aufenthalte in Wien und Paris in die USA gelangt, hat in der Fremde übersetzt, Essays zu zahlreichen Themen veröffentlicht, sich möglicherweise auch literarisch in fremder Zunge versucht, und ist letztlich doch in seinen Heimatort Ivano-Frankiwsk am Fuße der Karpaten zurück gekehrt. Was sollte er nun machen? Nach Öl bohren? Schafe hüten? Welchen Herren soll er dienen? Denn ein Künstler muß Herren dienen, will er leben, sonst findet dies Leben allenfalls posthum statt. Juri Andruchowytsch beschloß, ein besserer Kabarettist zu werden. Mit zwei Gesinnungsgenossen gründete er eine literarische performance-group und tingelte. Neben der Schreiberei, in die er seine Bühnenarbeit einfließen ließ. Wie sollte er sich nicht national einzugliedern suchen in die Garde postpostmoderner Bohèmiens und Zyniker, welche die Dekonstruktion aller Ideale im vollendeten Weltmarkt nostalgisch vorantreiben?
Und wie also sollte einer wie ich ihm ein Buch ankreiden, das denjenigen Muttersprachlern, die sich nicht empörten, sowie etlichen russischsprachigen Leidens- und Gesinnungsgenossen sicherlich vergnügliche Stunden bereitet hat?

Aber daß dies Produkt einer auch hierzuland reiflich ausgenutzten Armut mitsamt seiner wiewohl zarten, dennoch häßlichen nationalistischen Anflüge eine öffentlich geförderte Übesetzung erfährt, im Rahmen der europäisch-amerikanischen Konkurrenz um Einfluss gegen die unverzichtbare, aber allenfalls als Gouvernement erträgliche russische Mittelmacht, gefolgt von einer Lobpreisung als eines Paradestückes aufstrebender literarischer Nationalkultur, das kreide ich an. FETT, SEHR fett. Sorry Juri, dafür zahl ich den Wein auch von meinem Alg II.

Ich sagte nationalistische Anflüge, jawohl, und das ist nachsichtig ausgedrückt. „Zwölf Ringe“ ist unzweideutig ein Heimatroman. Er ist es trotz klarer Parallelen zum Stil eines Achternbusch am Ende nicht mehr satirisch, sondern bekennend. Andruchowytschs antinationalistische Bekenntnisse ändern nicht, daß seine Schlußwendungen mit eindeutiger antirussischer wie antiwestlicher Note auf die Gesundungskraft des Volkes setzen.
Das ist begreiflich, ich sagte es. Land und Region sind für den zurück gekehrten Andruchowytsch, dessen Sprache die der dort lebenden Menschen ist, mit denen er die Straßen und Plätze teilt, der dort ißt, seine Haustür aufschließt, das Bett einer Frau teilt und morgens die Sonne oder den Regen begrüßt, neben „Heimat“ auch Exil, wie für so viele gebildete postsozialistische Existenzen. Als seine „eigentliche“ Heimat will er sicherlich die – internationale – Gemeinschaft und Tradition freier, künstlerischer Interpreten und Existenzen verstehen – daher die leitmotivische Rolle des Werkes Bohdan-Ihor Antonytsch’s. Doch diese Kultur hat und braucht halt überall ihren völkischen Boden, selbst wenn dieser urban ist, wie in Berlin, Paris, London und New York. Lwiw wird nicht in diese Reihe gehören.

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