Zehn Jahre „TomGard“ – Mita, die Titanin

Vor fünf Jahren nannte mich eine der noch wesentlich zahlreicheren Leser/innen einen „verbitterten alten Mann“. „They call me a working man – I guess that’s what I am“. Nein. Stimmt noch immer nicht. Aber – zum Beispiel – habe ich heute ehrfürchtig zur Kenntnis genommen, Eberhard Panitz – von ihm, bzw. seiner „Unheiligen Sophia“ wird in einem späteren Archiveintrag die Rede sein – Jahrgang ’32, schreibt und publiziert unverdrossen.

Whatsoever, „Mita, die Titanin“ schrieb ich vor Erfindung des „TomGard“, in einer Zeit, die ich nicht selbstverständlich überlebt habe. Es läge mir nicht völlig fern, diese Phase und die ultrakurze Geschichte zu zensieren, doch davor steht unter anderem ein Satz aus einer meiner damaligen Rezensionen:

Ich bekam die Vision eines Menschen, dessen heimische Wände mit kleinen, feinen und gefälligen Ölbildchen am Rande des Kitsches bepflastert sind, und dessen Erotik zwischen einer befriedigend regelmäßigen Verdauung, dem Gießen von Topfpflanzen und dem Verfassen sorgfältig zensierter Tagebucheinträge siedelt.

Nee, ich zensiere nicht und das Teil ist nicht weniger ein Dokument, als jeder elaborierte Erguss aus beliebiger Quelle. Nur eines bitte ich zu beachten: Das Ding ist für den Vortrag verfaßt.

Mita, die Titanin

Einst lebte eine Titanin namens Mita. Wie alle ihres Geschlechtes war sie die Frucht eines Gottes und eines Erdenmenschen. Die Titanen hatten keinen Zugang zum Olymp, doch auf der Erde waren sie mächtig, manchmal kaum weniger mächtig, als die Götter. Denn während diese eifersüchtig um Belange rangelten, Ehezwiste führten, Ränke schmiedeten und Hader pflegten, deren Ursprünge in grauer Vorzeit lagen, teilten die Titanen die Schönheiten und Härten der Erde, die sie geboren hatte. Sie teilten das Leben der Scholle selbst, die sich unter den Kräften der Finsternis und des Lichtes formte, das Leben der Pflanzen, der Tiere und das der Menschen, die begonnen hatten, selbst zu formen, was sie einst hervorgebracht hatte. Vielleicht deshalb verfolgten die Götter die Titanen häufig mit Argwohn und Streit.
Es ist nicht überliefert, wodurch sich Mita den Zorn der Götter zuzog. Vielleicht hat sie sie herausgefordert, vielleicht wurde sie das Opfer einer Intrige, eines Mißverständisses, vielleicht auch der Eifersucht. Denn Mita war die blendend schönste junge Titanin auf der Erde, als der Beschluß erging, sie an einen mächtigen Fels zu ketten und ihrem Schicksal zu überlassen.
Mita ergab sich diesem Schicksal nicht. Sie kratzte, sie grub, sie zerrte jede Sekunde in den Stunden, die ihr zwischen Ohnmachten verblieben und wirklich gelang es ihr, den Fels zu bewegen, bevor ihre Kräfte sie verließen. Gebeugt, bald kriechend zerrte sie das Gestein hinter sich her und erreichte abgezehrt, schwarz von Schorf, blutverschmiert und zu Tode erschöpft die nächste menschliche Ansiedlung.
Man pflegte und fütterte Mita. Sie kam zu Kräften. Man hieß sie bleiben.
Doch Mita ergab sich auch diesem Schicksal nicht. Unerbittliche Unrast nahm von ihr Besitz, obwohl sie kein Ziel hatte. Ihr Stolz stählte sich in den Tränen des Kummers und der Verzweiflung. Heißer Zorn besiegte alle Bitternis. Und täglich erprobte sie ihre Kräfte und rang mit dem Gestein, bis sie imstande war, den Felsen zu heben und zu tragen, länger und immer länger.
So fühlte Mita sich eines Tages kräftig genug, die Wanderschaft zu beginnen, zu der ihre Unrast sie trieb.
Wohin ihre Füße sie trugen wurde sie achtungsvoll, freigiebig – aber auch mit Furchtsamkeit empfangen. Allzu dräuend trug sie das Fanal göttlicher Strafe mit sich herum. Man bewirtete sie, nahm kleine Dienste von ihr an, doch war man froh, wenn sie mitsamt der Aura des Unheils den Rücken kehrte. Dies wurde Mitas neues Schicksal – wandelndes Mahnmal der Götterfurcht zu werden, gegen die doch gerade sie sich stemmte. Sie sträubte sich. Sie kämpfte jeden Kampf, den sie kämpfen konnte. Sie sang, sie musizierte, sie dichtete, sie suchte alle Kraft und alle Freude, die sie empfinden konnte in jeden Ton, in jedes Wort zu legen. Und sie verbarg ihre Tränen.
Es gelang ihr, vielen Menschen Mut zu ihren Zielen zu machen, Freude zu wecken am mählichen Gelingen, und Hoffnung zu geben in der Stunde des Scheiterns. Doch was war mit Mita selbst? Was war ihr Ziel, wo wollte sie hin? Sie wußte es nicht, noch immer erfüllte sie dieselbe Unrast, in der sie einst ihren Felsen zum ersten Mal gen Himmel gehoben hatte. Fragte sie jemand, „quo vadis, Mita“, so war sie stets am nächsten Morgen mitsamt ihrer Last verschwunden.
Es ist schwer zu verstehen. Mita’s Kräfte waren gewachsen. Längst wäre sie imstande gewesen, den Stahl, der sie band, mit bloßer Hand zu brechen. Die Götter brauchte sie kaum zu fürchten – ihr Verstand war nicht weniger gekräftigt. Sie hatte Geist gesammelt auf ihren Pfaden. Sie konnte hoffen, sich aufzuschwingen, dem Olymp zu trotzen. Doch das schien Mita fern zu liegen. Was – schien sie zu zweifeln – sollte sie ohne ihren Fels beginnen? Sie wäre sich wohl wie eine Feder vorgekommen ohne ihn, ausgeliefert allen Winden. Ihren Mut, ihre Kraft und auf geheimnisvolle Weise auch ihren Geist hatte sie gebunden an dies armselige Stück Gestein und nun waren sie daran gekettet, wie ihr Leib – nur ihr Stolz, der schweifte frei und trieb sie voran, von Ort zu Ort, weiter und weiter.
Einmal begegnete sie Herkules. Dieser weichherzige Tor hatte aus seiner Begegnung mit Kolossos nichts gelernt. Nur mit einer Tücke war er dem Los entronnen, die Welt auf ewig zu schultern, nachdem Kolossos, dem er sie gutmütig abgenommen hatte, damit der einmal austreten könne, sich durchaus unwillig zeigte, sie wieder auf zu nehmen.
Nun – Mita war schöner denn je. Herkules bot an, ihren Felsen eine Weile zu tragen.
Unter der blitzenden Empörung und der tiefen Verachtung, mit der Mita ihn abwies, hätte der berüchtigste aller Titanen sich beinahe selbst entleibt, bevor er die Flucht ergriff.
Nein, nichts schien darauf zu deuten, daß Mita die Last je vor Ende ihrer Tage abzuwerfen bereit wäre.
Also …
Aber so kann eine Geschichte niemals enden. So kann keine Geschichte enden. Allein – ich kenne ihr Ende nicht.
Kennt ihr es? Kennst du es – Jeanne – vermagst du es zu … schreiben?

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