Archiv: Zum ewigen Thema „Umwelt vs. Anlage“

(Juni 2010)

In meiner Leseerfahrung driften der ideologische Gebrauch, der von ausgewählten Resultaten der Genforschung innerhalb und außerhalb diverser Wissenschaftsdisziplinen gemacht wird, und Richtung und Erkenntnisgewinne spezieller genetischer Forschung, weit und steil auseinander, und zwar geschieht das in zwei konträren, aber auch komplementären, gegabelten Ästen.

In einem Zweig des ersten Astes behauptet und behandelt man als „erwiesen“, die genetische Ausstattung eines Individuums sei überwiegend bestimmend für seine phänotypischen Züge, für die Richtung, die seine Entwicklung nehme, für seine „Fähigkeiten“ und „Schwächen“ und somit auch, wenn auch überwiegend mittelbar, für sein Lebens-„Schicksal“.
TomGard – Leser wissen, das ist eine nahezu 100%ig rassistische Interpretation gewisser Daten, von denen weiter unten noch die Rede sein wird.
Demgegenüber steht eine breite, fachspezifische Forschung am Modus der Genexpressionen, Epigenetik, genetischen Evolutionsfaktoren („Evolutionsgene“), Populationsgenetik ganz allgemein, deren Resultate einzeln wie zusammengefaßt darauf hinaus laufen würden, das rassistische Denk- und Interpretationsmuster genetischer Prädestination, das überwiegend als „klassischer Darwinismus“ ausgegeben wird (1), komplett zu verwerfen und möglichst mit der Wurzel aus dem Bewußtsein wenigstens des Fachpublikums zu tilgen.
Über einen Artikel, der dies illustrieren kann 1, bin ich heute gestolpert.

Doch, Achtung: Die Dekonstruktion des Rassismus bedarf keiner biologischen Wissenschaft! Vor allem genügen biologische Erkenntnisse nicht für die Dekonstruktion! Sie hat auf der Ebene des Selbstbewußtseins der Kulturteilnehmer stattzufinden. Aber da in diesem rassistisch geprägten Selbstbewußtsein und seiner propagandistischen Pflege biologische Erkenntnisse, bzw. was dafür ausgegebe wird, eine prominente Rolle spielen, taugt es nicht, sie zu ignorieren.

Der zweite Ast steht gegenständig zum ersten:
Da realisieren Genetiker en detail das allgemeine Wissen, daß jeder einzelne Bestandteil eines tierische Lebensprozesses aus genetisch codierten und zu decodierenden Stoffwechselprozessen zusammen gesetzt ist, und demgegenüber steht ein Zweig des öffentlichen (ideologischen) Bewußtseins, an dem alle nur denkbaren esotherischen Früchte hängen. Die Früchte – von unterschiedlichem bis gegensätzlichem „Fruchtfleisch“ – vereinigt der Geruch und Geschmack, dem Konzept der Determination und Prädestination ein „Aber“ entgegen zu setzen, und sei es um den Preis, es in cosmische oder metaphysische Bereiche zu verlagern, die im Mehrheitsbewußtsein der bürgerlichen Gesellschaften keine Rolle spielen und daher auch nicht in der gesellschaftlichen Praxis.

Man sieht, das verbindende Moment der komplementären Äste, ist der Umstand, daß die Leut vom Konzept des Determinismus gesellschaftlich nicht „los“ kommen (2). Wie immer es beim „Durchgang“ durch fachwissenschaftliche Forschung einerseits, und polit- bzw. sozialökonomische Verwertung andererseits verändert wird, seine Rolle im Alltagsbewußtsein und den Ideologien bleibt wesentlich dieselbe. Die Bilder wechseln, das Bebilderte bleibt identisch (3).

Für den Moment will ich an dem verlinkten Paper und unter globalem Verweis auf die in den vergangenen 10 Jahren gewonnenen Erkenntnisse zu epigenetischen Vorgängen nur ein kleines Moment herausgreifen.
In der Popularisierung genetischer Forschung sind gewisse – übrigens in vielen Fällen durchaus zweifelhafte – Resultate der Zwillingsforschung immer mehr zum Totschlagsargument in Diskussionen über den „Einfluß“ der „Gene“ resp. der „Umwelt“ auf den individuellen Phänotyp und seine Entwicklung geworden.

Natürlich ist die ganze sozialdarwinistische Debatte ganz einfach an ihrer Scheinhaftigkeit zu kippen. Beide Seiten gehen nämlich von einer identischen rassistischen Potentialvorstellung über „Fähigkeiten“, „Eigenschaften“, „Züge“ eines Individuums aus, die sie nur unterschiedlich bebildern. Das eine Bild – „Gene“ – beruft eine Art semimechanische Festverdrahtung, eine „Hardware“, die konstruktiv begrenzt sei. Das andere Bild – „Umwelt“ – beruft eine – ebenfalls semimechanische – dynamische Hydropneumatik. Das „Potential“ wird als eine Art füllbares Fluidreservoir vorgestellt, das sich entweder spontan, oder mithilfe sozialer Kanalisation zu einem System von Adern- und Läufen ausbaut, also keine innere Grenze hat. Schaut man genauer hin, kommt das eine Bild nicht ohne das andere aus. Die hydropneumatische Dynamik geht immer von einer Statik aus, und die semimechanische Statik ist nur dynamisch zu ermessen.
Folglich kleiden sich nur bestimmte Interessen an gesellschaftlicher Kanalisierung in solche Bilder, mehr ist an ihnen nie ‚dran.

Aber – siehe weiter oben – das „Kippen“ hilft der Sache nicht ab, weil die Debatte nur von einem zum anderen der eingangs beschriebenen komplementären Äste huppt. Es zählt halt nicht, was „ist“, sondern was getan wird (4), und getan wird die rassistische Sortierung von Menschenmaterial in Karrieren, die Zuteilung und Begrenzung von „Lebenschancen“, einschließlich der (aktiven) Zurichtung der Individuen auf sie. Das braucht ein „Weiß-Warum“, einen „Sinn“ bzw. eine höhere „Bedeutung“, und die kriegt sie dann halt.

Und mit dieser Vorbemerkung nun zur eigentlichen Sache:
Die Forschungen an epigenetischen Vorgängen und an Evolutionsgenetik lassen die „Bedeutung“, die der Zwillingsforschung zugemessen wird, längst nicht mehr zu, weil sie klar stellten, daß individuell unterschiedliche Genexpression genetisch ähnlicher Individuen mit unterschiedlicher Individualgeschichte vielfach erst epigenetisch in den Folgegenerationen wirksam werden. Das ist eine ziemlich geniale „Strategie“ in der Evolution von Generalisten in der Tierwelt. In der Geschichte der Populationsentwicklungen werden gekoppelte Genomkomplexe positiv selektiert, die sich im Zusammenwirken mit epigenetischen Faktoren in variabel selektierten Umwelten besonders bewähren, sofern es diese Variabilität gibt.
Das klärt übrigens immerhin zu einem Teil einen alten Scheinwiderspruch, mit dem heute besonders Kreationisten hausieren gehen, nämlich die merklich größere evolutive Dynamik sog. „höher entwickelter“ Tiere. Es gibt auch einen Einblick in die überraschende Dynamik der Artentwicklung bei einer Reihe von Tierarten, zum Beispiel Vögeln und Fischen, die sich geradezu „blitzartig“ in bestimmte Umweltnischen „hinein“ entwickeln können, und dort als Spezialisten auftreten.

In den Schulen scheint stattdessen noch gelehrt zu werden, die sog. Gendrift – und Genshift – (Wer kann, nehme lieber die englische Wiki) sei ein Zufallsprozess (stochiastisch). Schlicht falsch.
Mehr noch: Es ist längst klar, wenn auch noch nicht im Einzelnen aufgeklärt und verstanden, daß ein Tier die epigenetische Ausstattung, die es selektiv aktiviert und an die Folgegeneration weiter gibt, wählt, indem es sich in bestimmten gleichgewichtigen Ent-Scheidungssituationen so – oder so verhält. Bei sozial lebenden Tieren akkumulieren diese Entscheidungsprozesse, da sie das Verhalten der Herden- oder Hordenmitglieder, oder auch der Sexualpartner, formen.
Das oben verlinkte Papier läßt erahnen, daß diese Vorgänge weitreichende Folgen für die genetische Ausstattung einer Population und die Dynamik seiner Veränderung hat. Und es steht wahrlich nicht allein in der Landschaft, nur ist meine Zeit begrenzt, und ich belasse es für den Moment bei diesem Beispiel.

Also auch ohne eine umfassende Subjekttheorie, wie z.b. Georg Litsche sie lehrt, ist zu erkennen, daß die Tiere – und nicht erst das menschliche Tier – mindestens in erheblichem Maße auch biologisch ihre eigene Schöpfung sind, und dazu keiner Gentechnik bedürfen.

(1) … es hingegen nur sehr bedingt ist, wie einer feststellen kann, der auf Darwins Originaltexte und Überlegungen zurück greift …
(2) Eine Ebene darunter heißt das, sie kommen vom Konstrukt der Kausalität nicht weg, was noch eine Ebene tiefer heißt: Vom Dualismus Geist- Materie, aka Substanzialismus, und das wiederum umgreifend gefasst: Vom religiösen Bewußt-Sein kommen sie nicht weg. Wie auch. Es ist die allgemeinste Form des Bewußt-Seins, ein unterworfenes Subjekt zu sein und als ein solches zu handeln.
(3) Das Grundmuster der Realabstraktion namens „Geschichte“.
(4) Das ist eine bewußt unzureichende Formulierung, denn nur was getan wird, ist. Nur kann diese Tat-Sache in einem Zusammenhang von Herrschaft und Unterwerfung nicht gelten, weil mindestens die Unterworfenen sich ein falsches – nennen wir es hier pragmatisch: einseitiges – Bewußtsein dessen, was sie tun, zulegen müssen, weil sie, um zu (über)leben, ihren Willen zugleich brechen und zur Wirkung kommen lassen.

Literaturtips:

Die Arbeit von Mae Wan Ho habe ich in den vergangenen Jahren häufig verfolgt, so gut ich konnte. Das Thema dieses Eintrages behandelt sie in einer populärwissenschaftlichen Veröffentlichung, die an der Gentechnologie ansetzt. Lesen. Und wer kann und mag, darf mir das Buch gern schenken, damit ich es auch lesen kann.

Mythos Intelligenz, Welchem Interesse dient das Tradieren der Anlage-Umwelt-Kontroverse? von Erich Ribolits
Erschienen in: Anzengruber/Reiterer (Hg.): Begabungsglaube. Analyse, Kritik, Schul-
realität. Schulheft 109/2003, S. 13-25

Auszüge:

… Die Differenzen zwischen den zu diametral einander gegenüberstehenden Positionierungen hochstilisierten Ansichten liegen somit bloß auf der Ebene der Gewichtung der beiden Einflussfaktoren. Es geht bei der permanent aufgewärmten Anlage-Umwelt-Diskussion einzig um die Frage, ob der eine oder der andere Faktor mehr Einfluss hat – ob jeweils die Gene oder die Umwelt mit 20 Prozent, 50 Prozent, oder vielleicht gar mit 80 Prozent zu Buche schlagen. Die sogenannten Genetiker unterscheiden sich von den Umwelttheoretikern nur darin, dass sie den Erbanlagen – in Relation zur Umwelteinwirkung – ein höheres Gewicht beimessen. Und umgekehrt
argumentieren auch Umwelttheoretiker bloß mit einem dominanteren Einfluss der Aufwuchsbedingungen gegenüber den Genen. …

Beide vorgeblichen Kontrahenten argumentieren damit, dass Anlage und
Umwelt einander quantitativ ergänzen. Was sich jedoch vordergründig wie ein weitgehender Konsens anhört, birgt bei genauerer Betrachtung in sich eine äußerst gravierende, in der Regel allerdings geflissentlich übersehene Gemeinsamkeit der beiden Ansichten. Tatsächlich wird über die Diskussion, in welchem Ausmaß Umwelt und Gene zur Genese geistigerLeistungen beitragen, bloß ein Streit zwischen vorgeblich gesellschaftspolitisch konträren – „links“ beziehungsweise „rechts“ angesiedelten – Positionen suggeriert. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich jedoch, dass die beiden Theorien gar nicht in einander diametral gegenüberstehenden Lagern verankert sind. Denn nicht nur, dass sie einander bedingen und ohne Rückgriff auf die jeweils andere nicht auskommen, sie sind in letzter Konsequenz sogar desselben Geistes Kind!

Die Fokussierung des Streits auf die Frage, ob die Gene oder die Umwelt prozentuell mehroder weniger zur Intelligenzausprägung beitragen, offenbart nämlich vor allem, dass beide Theorien fest in der Tradition des das bürgerlich-kapitalistische System begründenden dualistischen Weltbilds verankert sind. Körper und Geist, bzw. Natur und Kultur werden strikt geschieden. Dabei macht es keinen Unterschied, ob der Mensch als „Produkt“ genetischer Ausstattung oder als ein solches der Umwelteinflüsse wahrgenommen wird – von einer Auf- spaltung in „passives Rohmaterial“ und „programmierende Instanz“ wird in beiden Fällen ausgegangen. Für die einen ist es die genetische Programmierung, die ein mehr oder weniger rationelles Reagieren auf die dem Menschen äußerlich gedachte Umwelt möglich macht; für die anderen ist dazu die Programmierung durch eine arrangierte Umwelt notwendig. Die Gentheoretiker postulieren ein Programm, das sich aus der evolutionären Entwicklung ableitet, im Menschen somit schon als angelegtes Potenzial schlummert und durch die Umwelt
bloß aktualisiert werden muss – selbstverständlich aber nur im programmgemäßen Umfang geweckt werden kann. Die Umweltapologeten sehen im Menschen dagegen eine für nahezu jede Software geeignete Hardware, ihr Hauptaugenmerk richtet sich somit auf die Rahmenbedingungen der Programmierung. …
Beiden Theorien wohnt die Ansicht inne, dass der Mensch eine nach Ursache-Wirkungs-Relationen funktionierende biochemisch-mechanische Einheit darstellt, die kraft einer ihr gegebenen Intelligenz mit einer außerhalb und unabhängig von ihr existierenden Wirklichkeit in Relation tritt. …

(Das Thema „Eigensinn“, das Ribolits in den folgenden Auszügen anspricht, hatte ich in meinem Eintrag verpasst)

Erkennt man allerdings an, dass sich Intelligenz vom (verkörperten) Verhalten nicht trennen lässt, muss man auch akzeptieren, dass es Intelligenz als abstrakte Größe überhaupt nicht gibt (Diesen Schluß handelt Gilbert Ryle in „The Concept of Mind“ (1949) ausführlich ab. Lesen! TG). Intelligenz in der Vorstellung einer mehr oder weniger gegebenen Annäherung an ein ideales (Reaktions-)Programm ist eine Chimäre. Was intelligentes Verhalten ist, bestimmt sich einzig über die agierende Person und ihren subjektiven Kontext zur Situation, in der es zu handeln gilt – jede objektive Bewertung ist unmöglich. Selbstverständlich kann davon ausgegangen werden, dass es individuell-genetische Faktoren gibt, die in irgendeiner Form mit den unterschiedlichen Reaktionsweisen von Menschen auf Probleme korrelieren. Im Sinne einer Wenn-dann-Relation daraus allerdings abzuleiten, dass sich darin eine höhere oder niedrigere Intelligenz widerspiegelt, wäre grotesk. Intelligenz ist eben kein objektiv-abstraktes
Programm, das – im Sinne von Richtig-Falsch-Maßstäben, die ein „höherer Programmierer“ irgendwann festgelegt hat – Menschen mehr oder weniger adäquat auf die Umwelt reagieren lässt. Sofern der Begriff überhaupt Sinn gibt, kann Intelligenz nur als das Vermögen des Menschen umschrieben werden, in der Auseinandersetzung mit der Umwelt zu eigensinnigen Reaktionen fähig zu sein, zu solchen also, die nicht automatisch einem durch irgendjemand anderen vorhersagbaren Muster folgen. …
Wenn mit Intelligenz begrifflich jenes Besondere des Menschen ausgedrückt werden soll,
das ihn aus der restlichen Natur heraushebt, darf sie nicht einseitig an rationellem Verhalten orientiert sein. Mit anderen Worten: Intelligenz darf nicht mit Logik gleichgesetzt werden! Der Mensch hat Bewusstsein, er ist somit nicht bloß fähig, sich, wie ein Tier, im Sinne auferlegter Reaktionsweisen – also logisch – zu verhalten. Er kann, auf Basis seiner Fähigkeit zur rationalen Verarbeitung seines Wissens sowie zur Orientierung an jeweils souverän gesetzten Zielen, autonom handeln. Eine Interpretation von Intelligenz, die dieser prinzipiellen Freiheit des Menschen gerecht wird, müsste somit an der Fähigkeit ausgerichtet sein, Wissen selbstbestimmt einsetzen und eigensinnige Antworten auf Fragen finden zu können. Wird Intelligenz jedoch – so wie es in der Anlage-Umwelt-Kontroverse von beiden Parteien gemacht wird – darüber definiert, wieweit den (fremdbestimmten) Vorgaben irgendwelcher Tests entsprochen wird, dient der Begriff per se dazu, Menschen zu instrumentalisieren …

(Im Folgenden Abschnitt bleibt der Autor die Begründung für die ersten zwei Sätze schuldig, die ich vielerorts auf meine Weise gegeben habe:)

In der Marktgesellschaft mündet jede Frage nach Qualität oder Güte stets in Überlegungen nach der ökonomischen Verwertbarkeit. Es ist völlig egal, ob Produkte irgendwelcher Fertigungsprozesse, zwischen menschliche Handlungen, die Natur oder Menschen bewertet werden, letztendlich geht es immer um die Frage, wieweit sich das „Bewertete“ für die „Verwertung“ eignet; wieweit es also dem Profit-Machen dienstbar gemacht werden kann. Der Tatsache entsprechend, dass in der Marktgesellschaft der Gebrauchswert in allen Bereichen zunehmend vom Tauschwert überlagert wird, tritt als Wert schlussendlich überhaupt nur mehr ins Bewusstsein, was sich in Form von Geld ausdrücken lässt. Wie schon weiter vorne angesprochen, wird die Haltung zur „Anlage-Umwelt-Kontroverse“ oft als ein Streit zwischen gesellschaftspolitisch „links“ und „rechts“ angesiedelten Positionen interpretiert. In diesem Sinn sind jene, die die Vorstellung eines dynamischen Begabungsbegriffs vertreten, meist auch davon überzeugt, dem gesellschaftlichen Status quo besonders kritisch gegenüberzustehen und das „emanzipatorisch-linke Fähnchen“ hoch zu halten.
Tatsächlich wirkt jedoch schon das Aufgreifen des Intelligenzbegriffs immanent anti-
emanzipatorisch.

(Der Gewinn der o.a. Auslassung: Der Idealismus der „Emanzipation“ bekommt den Raum, den die fehlende Darstellung der Bindung der Individuen an die Kapitalverwertung offen läßt.)

Auch in der Auseinandersetzung um die Ursachenzuschreibung von Intelligenz zeigt sich – so wie ja bei vielen anderen Fragen –, dass die humanitäre Linke den Bo-
den der grundsätzlichen Akzeptanz des herrschenden Konkurrenzkapitalismus nie verlassen hat. Sie bewegt sich im selben Argumentationskorsett wie die von ihr häufig als „rechts“ gescholtenen Anlagetheoretiker. Gehuldigt wird von beiden Seiten dem Fetisch Markt.

(Done. Den Rassismus der Konkurrenz, von den Individuen in den Hierarchien horizontal wie vertikal gegeneinander mobilisiert, greift der Autor nicht an, jedenfalls nicht direkt. Er wird einem übergeordneten theoretischen Verdikt subsummiert, in dem er allenfalls schlecht enthalten ist, nämlich als eine üble Angewohnheit der Subjekte. Von da ist es nicht weit zur üblichen linkspfäffischen Kulturkritik)

… Über viele Jahre waren die Leitwissenschaften im Prozess der Herstellung verwertbaren Humankapitals eine weitgehend zur Didaktik verkürzte Pädagogik und eine zur Reparaturwissenschaft reduzierte Psychologie. Die willigen Vollstrecker der jeweils neu verkündeten Erkenntnisse hinsichtlich der Zurichtung von Humanressourcen für deren betriebswirtschaftliche Verwertung stellte das „Fußvolk der Humankapitalmechaniker/innen“ (Kindergärtner/innen, Lehrer/innen, Erziehungs- und Bildungsberater/innen, EB-Trainer/innen etc.). Im Sinne der Tatsache, dass bisher alle an der Frage nach den Ursachen unterschiedlicher Verwertbarkeit der Humanressourcen Interessierten die Notwendigkeit effektiver Lernarran-gements außer Zweifel gestellt haben, gipfeln die Gen-Umwelt Diskussionen stets in didaktisch-manipulativen Vorstellungen: Bringt es etwas, Heranwachsende ihrer „Individuallage“
entsprechend getrennt zu beschulen oder lässt sich auch durch gemeinsamen Unterricht ein lohnender Ertrag erreichen; gibt es Psychotechniken und Unterrichtsformen, die besonders zu einer Steigerung der „Selbstausbeutungsbereitschaft“ beitragen; welche Lehr-/Lern-arrangements versprechen bei spezifischen Zielgruppen die höchste Effektivität; u.ä.? Was bei derartigen Fragen jeweils als „besser“ oder „schlechter“ zu gelten hat, entscheidet sichstets anhand ökonomischer Rationalitätskriterien. …


  1. Falls der link ungültig wird: Evolution of adaptive phenotypic variation patterns by direct selection for evolvability, Mihaela PavlicevJames M. CheverudGünter P. Wagner,  
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s