Gebärden 2

In einem Forum habe ich einst einem Teilnehmer zum Abschluß einer Kritik seines Beitrages vorgehalten:

… zumal Du dabei die unangenehme Neigung etlicher Männer gezeigt hast, nahezu zwanghaft überall „hinzupissen“, wo sie meinen oder beanspruchen, das tun zu dürfen…

Die indignierte Beschwerde ließ nicht auf sich warten, so erklärte ich mich in einem eigenen Eintrag, dessen der Eile geschuldete Unzulänglichkeiten ich jetzt bereinigt habe, so gut es ging, ohne ihn neu zu schreiben.
Vorsichtshalber will ich voran schicken, der Witz des Beitrages ist nicht darin zu suchen, wie windig oder haltbar seine gegenständlichen Aussagen sind …

Pissen

Vor langer Zeit ging ich häufig mit einem Rüden im Wald spazieren. Ob auch ich jene „unangenehme Neigung“ hatte, oder nicht, es dürfte vergleichsweise selten vorgekommen sein, daß ich ausließ, einen Baum – nicht immer denselben – zu markieren. Der Hund pflegte das Ergebnis zu inspizieren, um es dann fachmännisch zu korrigieren, bzw. zu ergänzen.

Warum sollte solche Neigung eigentlich „unangenehm“ sein?
Ich sehe die Unannehmlichkeit in einer Zwanghaftigkeit. Sie macht einen ursprünglich kommunikativen Akt gewollt oder ungewollt zu einer Feindseligkeit.

Der Hund pißt, wo er sich wohl und sicher fühlt, er ist angreifbar beim Pissen. In seinem Revier bzw. dem seines Rudels fühlt er sich wohl.
Diese Bestimmung wird beim Revierverhalten auch in umgekehrte Richtung mobilisiert. Dann pißt der Hund nicht, weil er mal muß, und sich wohl fühlt, sondern um sich wohl zu fühlen, während er ein Revier markiert.

Das Wort „Revier“ wird wohl bei fast jedem Leser einen Beigeschmack von „Aggression“, Angst, Kampf etc. mobilisieren. Das ist ein Quatsch.
Es gibt Tierarten, soviel stimmt daran immerhin, die in ihrer Biochemie des
Revierverhaltens einen „eingebauten Streß“ erleiden, der sie bei Revierüberschreitungen oft,  bei Unterschreitungen einer „Fluchtdistanz“ gewiß angreifen läßt. Doch umgekehrt ist es Menschen bei fast jeder Tierart, m.W. selbst bei Haien, gelungen, den eingebauten Streß zu passenden oder zweckmäßig geschaffenen Gelegenheiten abzuschalten. Selten, aber zahlreichen Berichten zufolge immer wieder, geschieht das auch umgekehrt, die Initiative zur Annäherung geht vom Tier aus. Scheinbar „freundschaftliche“ bis hin zu „zärtlichen“ Annäherungen sind mir von Wölfen und Großkatzen – unter Ausnahme der großen Baumkatzen – bekannt geworden, und bei Braunbären hat es das vermutlich auch gegeben, andernfalls hätte es schwerlich Zähmungsversuche gegeben.
Von zahlreichen, für weniger aggressiv geltenden Tierarten ist ohnehin
bekannt, daß sie sich in Abwesenheit äußerer Streßfaktoren an Reviergrenzen zusammen finden, wie es scheint, zum Abbau inneren Stresses, manchmal friedlich „grasend“ (bezeichnenderweise „grasen“ dann auch Tiere, bei denen Gras nicht auf dem Speisezettel steht), manchmal spielend, manchmal nur in gebührend weitem Abstand
„beieinander“ liegend und in die Sonne blinzelnd.

Systemisch kann das kaum verwundern. Bei Tierarten, die aufgrund ihrer Stellung in der Ökologie zu wenigen Exemplaren auf einem großen Territorium leben, ist es evolutionär erzwungen, daß sie im Falle dauerhaften Nahrungsstresses in Arrealen, wo’s noch zu futtern gibt, zusammen rücken und einander dulden, weil andernfalls just das berüchtigte – und falsche – „Überleben der Stärksten“ zu Lasten der „Schwächeren“ zum Aussterben der Population führen würde – mangels Nachwuches bzw. wg. Unterschreitung der nötigen genetischen Diversität.
Letzteres ist der Übergang zum zweiten, und sicherlich stärksten Motiv: Sexualität!

Die Stellung von sogenannten „Revierfeinden“ zueinander ist sexuell, und zwar nicht nur hetero-, sondern auch homosexuell. Aus bekannten Gründen sind alle sexuellen Tiere, wenn auch in unterschiedlichen Maßen, exogam – Sex wäre andernfalls eine groteske
Energieverschwendung. Folglich hängt die genetische Überlieferung nicht weniger an seinen gleichgeschlechtlichen, als an seinen gegengeschlechtlichen Nachkommen und über diese „Bande“ dürften alle sexuellen Tiere ab einem gewissen Entwicklungsstand in einem weit verstandenen Sinne bisexuell sein.

Ihr meint, jetzt sei ich aber ganz weit weg von der Beschwerde des Foristen? Mitnichten!
„Die Unannehmlichkeit liegt in der Zwanghaftigkeit des Vorgangs. Sie
macht den ursprünglich kommunikativen Akt gewollt oder ungewollt zu
einer Feindseligkeit“, schrieb ich oben.
Selbst das angriffslustigste Revierverhalten dürfte wg. des genanten Zusammenhanges jenes sexuelle Moment in sich schließen, welches anschließend in ritualisierten Kämpfen zur Erscheinung kommt: Im Unterwerfungsverhalten! In dem Verhalten, das dazu führt, daß Revierkonkurrenten im Rahmen des ökologisch Möglichen gedeihlich zur Aneignung eines Habitates der Population zusammen wirken.
Schon bei der Reviermarkierung dürfte dieser Zusammenhang und diese doppelte Bestimmung wirksam werden, nämlich in der Auswahl und Betreuung von „Stammplätzen“ der Markierung, die der Reviernachbar aufsuchen kann, ihre Frische  und biologische (gesundheitliche) Qualität begutachten kann.  Oder auch: Die Plätze meiden kann. Je nachdem, welche Impulse in seinem biochemischen Gesamtzustand überwiegen.

Ein Hund – um dem Thema endlich nah auf den Pelz zu rücken – der
bei Spaziergängen mit seinem Rudelführer neben den Stammbäumen, die er
„bedient“, notorisch an allen Ecken und Enden herum pißt, ist gestört, und zwar vermutlich angstgestört. Er tut dies, wie gesagt, um einen „Wohlfühlmechanismus“ zu aktivieren, aber der wirkt in diesem Fall kaum oder gar nicht. Der bleibende Antrieb, zu pissen, mag erstens jener biochemische „Kick“ sein, aber zweitens die zugrundeliegende Lage, daß die Anwesenheit des Rudelführers dem Hund die Pisserei im fremd und feindlich wirkenden Gebiet erlaubt.

Darin hätten wir dann eine Elementarform jenes „Dürfens“, das Bestandteil einer Zwanghaftigkeit ist, die in Angst wurzelt. Solche Pisser sind potentielle Angstbeißer.

Im Falle einer Mitnahme solcher biologischer Voraussetzungen – die, nebenbei
gesagt, selbstverständlich geschlechtsübergreifend sind – in die Kultur, werden sie umgewandelt. Man könnte z.B. spekulieren, daß mancher Pisser an virtuellen Orten den Streß auf realen Territorien mildert und kompensiert, um dem Angstbeißerimpuls etwas entgegen zu setzen. Vielleicht will er auch Impulse umgehen, die in der heutigen Kultur
notorisch sind, nämlich die Energie der Angstbeißerei gegen sogenannte „Feinde der Gesellschaft, der Nation, der Menschlichkeit“ usw. usf. zu mobilisieren, welche seine Herrchen – und Frauchen – ihm nicht allein erlauben, ihm vielmehr regelmäßig zu mobilisieren gebieten.

Auch im letzteren Fall dürfte notorisch ein durchgreifender Impuls hinter der Pisserei stecken:
Die Selbstbehauptung eines Bürgers im ihm grundlegend feindlichen
Revier eines herrschaftlichen Habitates, entlang der Maßstäbe des ihm von dieser
Herrschaft gewährten, erlaubten, und gebotenen Rahmens solcher Selbstbehauptung, dessen Reichweite der Pisser mit seiner Pisserei interpretiert und ausreizt. Je weiter dabei spielerische Momente hinter die Zwanghaftigkeit zurück treten, je unangenehmer wird die Pisse – für alle Beteiligten.

Nachbemerkung

Ich lasse den Text einstweilen als ein sprechendes Beispiel für sich stehen, nämlich für die eigentlich jedermann gewärtigen selbstreferentiellen Momente des Gebarens,  das in Gebärden auflösbar ist. Es ist das selbstschöpferische Moment der Theory of Mind, die hinter und in jedem kommunikativen Akt i.e.S. steckt. Ihr Subjekt ist ein wahrer Dialektinger, nämlich das – jetzt vereinfacht – sprechende Subjekt vermittels des Lebenszusammenhanges, der die Kommunikation motiviert und bestimmt, und jener Lebenszusammenhang, also das praktische, darunter sexuelle Zusammenwirken der Individuen in einer Population, vermittels der sprechenden Subjekte.
Demnach arbeiten Gebärden, doch ihr Arbeitszweck und Arbeitsresultat bleibt, solange wir von entgegenwirkenden Momenten abstrahieren, spezifisch offen, denn ihr Arbeitsgegenstand sind die theoretischen (i.e. sprechend denkenden, denkend sprechenden) Subjekte der praktischen Arbeits- und Wirkungszusammenhänge, die kommunikativ vermittelt werden.

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Eine Antwort zu Gebärden 2

  1. tgarner9 schreibt:

    Es ist schön, daß ich Leser habe, die meine Texte besser kennen, als ich selbst. Sie haben „Kunst, Moral, Ethik“ in diesem Thread nachgelesen:
    https://tomgard.blog/presseschau/testseite/
    Stimmt, dort habe ich das Thema von einer anderen Seite her angefaßt.

    Gefällt mir

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