Gebärden

Vor langer Zeit habe ich die Arbeiten zu einer Theorie des Patriarchates unter dem Hinweis abgebrochen, ich hätte Fehler in meiner Zeichentheorie bemerkt. Das war eine falsche Spur. Zeichentheorie war in diesem Zusammenhang irrelevant, der Fehler liegt in Sprachtheorien, die das Zeichen zum Elementarbaustein erheben. Ich werd‘ den Fehler jetzt krankheitshalber nicht beheben, doch ein paar Hinweise will ich geben.

Karl Held hatte 1973 in seiner Diss „Kommunikationsforschung – Wissenschaft oder Ideologie?“ eine m.W. hinreichende Kritik der Linguistik abgeliefert. Zureichend ist sie nicht, weil sie den kritisierten Fehler nicht richtig stellt. Sie beharrt auf der Doppelnatur des Zeichens, gegen die ideologisch instrumentelle Auftrennung seiner Momente in den verschiedenen Abteilungen der Linguistik und Kommunikationstheorie. Beides, die Doppelnatur wie die ideologische Auftrennung der Seiten verweist allerdings darauf, daß Sprache, bzw vielmehr das Sprechen, in der plausiblen Elementarform „Zeichen“ verkannt ist. Folgerichtig wurde Linguistik meines Wissens – ich habe mich seit Abbruch meines Studiums vor fast 40 Jahren um den akademischen Diskurs nicht mehr gekümmert – zur Kümmerdisziplin neben (kybernetischer) Informationstheorie und Semiotik / Hermeneutik. Die eine hat die philosophische Macke, einem beliebigen (materiellen) Zusammenhang seine (Er-)Kenntnis umstandslos zum Bestandteil zuzuschlagen. Die anderen erfinden komplementär dazu in Extremis neue Elementarbausteine, „Meme“, die den Charme beliebigen Gehaltes haben.

Der Fehler der Informationstheorie kann immerhin auf die richtige Spur lenken. Wenn jedem dinglichen Zusammenhang und beobachtbaren Geschehen unter dem Aspekt ihrer Erkennbarkeit ein „Informationsgehalt“ zugeschrieben wird, sodaß „Information“ spekulativ zum universellen Elementarbaustein avanciert, was soll dann sprachliche Information von Information anderer Gestalt unterscheiden? Die pragmatische Antwort, Sprecher, ist offenkundig unzureichend. Steine sind dem Geologen sprechende Gegenstände, oder etwa nicht?
Richtig, sind sie nicht. Geologen wie alle anderen Naturwissenschaftler lassen sich von ihren Gegenständen etwas erzählen, weil und indem sie ein Grundelement der Codierung und Decodierung sprachlicher Phänomene ausschließen: Eine Theory of Mind, die Sender und Empfänger von Botschaften vorab verknüpft.

Wie kommt es zur Theory of Mind zwischen Sprechern? Das hätte Karl Held sich von Jean Piaget erzählen lassen können, hätte er ihn nicht als Psychologen verkannt und denunziert, was, ich gestehe es, auch mich ein Vierteljahrhundert davon abgehalten hat, Piaget zur Kenntnis zu nehmen. Babies entwickeln so eine Theory in den Übergangsformen von vorsprachlichen und sprachlichen Gebärden, zusammen mit den ersten Bausteinen der Logik, im Zusammenhang mit einer die sensomotorische Phase überwindenden Formation des Ich, der Konstruktion des Du. Die Elementarform der sprachlichen Gebärde ist das Lallen, die Vermehrung und tonale Variation einfachster Phoneme – dada, dudu, Mama, Papa usw.. Ihre Logik folgt, allgemein gesagt, dem Muster, das ich hier vorgestellt habe. Folglich entwickeln auch Vögel und eine Reihe anderer Tiergattungen eine artgerechte Theory of Mind, wie sie Grundlage sprachlicher Kommunikation wird, auf analoge Weise.

Das Unzureichende der Held’schen Kritik der Linguistik liegt darin, daß er sie nicht das typische Produkt der Trennung von Hand- und Kopfarbeit nennt, das sie ist: eine Theorie des Schriftgelehrtentums.

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