Gebärden 3 – Geschichten und Musik zur Jahreswende

Im Frühsommer 1968 gab ein soeben erschienenes Rock-Pop-Album Anlaß zu einem Miniaturaufstand einiger zuvor unverdächtiger Schüler der Untertertia b am Kaiser-Karl-Gymnasium in Itzehoe / Holstein.

Zu Beginn des Umbruchs elitärer Schulbildung in Deutschland, ihrer Verbreiterung in die Schichten der unteren Mittelklasse, Bauernschaft und des Proletariats hinein, ragte die KKS ein wenig unter ihren Brüder- und Schwesterninstituten heraus – zumindest im provinziellen Vergleich.
Ja, Schwesterninstitute – die KKS war erst zwei oder drei Jahre zuvor für Mädchen geöffnet worden, während die Auguste-Victoria-Schule Jungen verschlossen blieb.
Die KKS sah 1967 einen der ersten Schülerstreiks in der Nation, mit anschließendem Demonstrationszug durch die damals keine 40 Tausend Einwohner zählende Kreisstadt. Worum genau es dabei ging, habe ich vergessen. Der Vietnamkrieg war ein Thema, autoritäre Erziehung ein anderes, Ex-Nazis in der Lehrerschaft und deren teils verschleierte, teils nie angegriffene pädagogische und ideologische Traditionen mit langen preußisch-wilhelminischen Wurzeln, ein weiteres. Über den letzeren Strang war der stellvertretende Direktor der Schule von Anführern der Oberstufenschüler und deren Mitläufer, unter weitgehend stummer Akklamation einiger Lehrerkollegen, schwer gemobbt worden. Er henkte sich kurz nach Streik und Demonstration an einem Dachbalken seiner Wirkungsstätte. Der auf diesen Suizid gegründete moralische Titel stoppte die antiautoritäre Bewegung an der KKS lang genug, um sie mit dem Schulabgang führender Figuren versiegen zu lassen. Die Nachrücker – darunter ich – ersetzten sie. Die Schülervertretung wurde bis zu meinem Abgang 1972 von Entristen der SDAJ und DKP dominiert.

Ich will eine Anekdote einfügen, die einen entfernteren Zusammenhang mit meinem Thema hat.
Auf dem Höhepunkt der antiautoritären Bewegung an der KKS war ich 12 Jahre alt und dennoch länger als ein halbes Jahr fasziniert und agitiert von der Studentenbewegung und ihren Inhalten. Ich verschlang jedes im „Spiegel“ zitierte Wort von Rudi Dutschke. Mit dem Beschluß, mir Grundlagen revolutionärer Theorie aneignen zu können, hatte ich mir Kants Kritik der reinen Vernunft vorgeknöpft und sie entnervt, überwiegend von meiner Ungeduld, wieder weggelegt. Ein Höhepunkt meiner Bewegtheit wurde Ernst Blochs im Radio übertragene Dankesrede anläßlich des Empfangs des Friedenspreises des deutschen Buchhandels ’67. Sie ist auch heute noch – oder wieder? – die Lektüre wert.
Ungefähr zu dieser Zeit hatte ich einen Zusammenprall mit einem der dreieinhalb Lehrkräfte, die eine bedingte Nähe zur Studentenbewegung und ihren Themen erkennen ließen. Der Englisch- und Deutschlehrer, von dem ich nichts weiter weiß, als daß er noch knapp zur Generation der Flakhelfer gezählt haben könnte, war in seinem Fachunterricht offenherzig unambitioniert. Seine Leidenschaften waren Film / Filmtheorie und Psychologie. Es muß gesagt werden, daß es sich um einen ausgesprochen schönen, und nicht wenig eitlen Mann handelte. Mir war er irgendwie verdächtig, doch ich hatte Achtung vor seinem Verstand und weil er mir auch irgendwie richtig erschien und ich trotz seiner Lässigkeit die eine oder andere Anregung aus seinem Unterricht bezog, verschonte ich ihn mit meinen antiautoritären Attitüden.
Bis zu einer Unterrichtsstunde, da der Mann, sein Name ist mir grad entfallen, schlecht ‚drauf,  einen Kern dessen entblößte, warum er mir verdächtig war, indem er zwei unbedarfte Mitschüler in der schlechtesten Tradition ehemals „progressiv“ engagierter Pädagogen herunter putzte und demütigte. Darüber griff ich ihn frontal an und versäumte nicht, kraftvoll psychologistische Seitenhiebe auf seine Eitelkeit und psychologischen Touren beizufügen.
Gerhard – ich nenne ihn jetzt einfach so – fixierte mich darauf eine ganze Weile. Dann entwickelte er der Klasse ein knappes Psychogramm der Hoffahrt begabter Schüler, die von einer Zukunft als Rädelsführer träumten,  auf einer Tribüne Volksreden haltend, denen eine zu tausenden zählende Menge Hurra schreiend applaudiere.

Obgleich es stilistisch schlecht ist, will ich gesagt haben, daß und wie die Replik unmittelbar saß. Ich hatte Gerhards Gebaren in meinem Angriff gespiegelt. Ich präsentierte mich in paradoxer Form als ein Musterschüler und schon mindestens nahezu gleichwertiger Angehöriger einer selbstbestimmten Elite.
Soweit ist das ein gewöhnlicher Vorgang, der sich bis heute zig tausend fach in jeder höheren Bildungsanstalt wiederholen dürfte. Was die Anekdote für mich heraus hebt, ist die Weise, wie die Replik des Studienrates nicht, bzw. spezifisch bedingt stimmte und saß.

Es gab eine gesonderte, für mich abgetrennt erscheinende Antriebskraft für meine Attitüden in der Gestalt eines 17 jährigen Mädels. Schulsprecherin,  auffallend beredtes Mitglied der antiautoritären, revolutionären Bewegung an der KKS, das, jedes verdammte Mal, das ich seiner ansichtig wurde, schier unauslöschliche Revolutionen in meinem Leib stiftete. Ich hatte damals und habe bis heute handfesten Anlaß anzunehmen, daß dies dem Herrn Gerhard bekannt und insoweit auch klar war, daß meine Hoffahrt, Selbsterfindung und spezifische Eitelkeit zu erheblichen Anteilen in einer verzweifelten Defensive gründeten. Es hat Nächte gegeben, in denen ich unter unterdrücktem Winseln zig Mal bis zur völligen Erschöpfung masturbierte, nicht hinnehmen könnend, daß ich Heide Peters nie, nie, niemals werde schmecken, fühlen, genießen können.

Nun hab ich mehr als genug persönlich gefärbten Hintergrundes für den Tag angetragen, da ein Mitschüler ein Tonbandgerät in die Schule brachte und es zur Großen Pause laufen ließ. Rund ein Dutzend Schüler mag darauf im Klassenzimmer geblieben sein, was nicht verboten, doch mißbilligt war. An den Folgetagen, etwa eine Woche lang, verblieben 5 bis 7 der 13 bis 14 jährige Burschen, die trommelten summten, sangen und tanzten. Am zweiten oder dritten Tag kam eine Lehrkraft, dies Happening zu unterbinden. Vielleicht war es die Dunstwolke junger Männer, die sich vor dem Herrn aufbaute, was ihn zum Rückzug bewog, vielleicht auch nicht. Jedenfalls handelte es sich bei den Teilnehmern überwiegend um Burschen, die bis dahin kaum oder gar nicht mit der Neigung zu Unbotmäßigkeit aufgefallen waren.

Errät jemand, wovon ich rede? In A Gadda Da Vida

Ich kann mir schwer vorstellen, daß dieser und der Folgeeintrag mit irgend einem Gewinn zu lesen ist, wenn ihr euch die 17 Minuten nicht antut – auch wenn es dem einen oder anderen weh‘ tun mag.

Vergegenwärtigt euch bitte, über die außergewöhnliche Wirkung dieses Stückes – die Scheibe wurde binnen kurzem 4 Millionen Mal verkauft, bis heute um die 30 Millionen – läßt sich mit Theoremen über Massenkultur und die Wirkung von Massenmedien kaum etwas ermitteln, jedenfalls nicht direkt. Das Stück wurde kaum je einmal im Radio gespielt, seinerzeit tat das Radio Bremen, zwei Mal, wenn ich recht erinnere, mit einwöchiger Vorankündigung, damit Hörer ihre Bandgeräte rechtzeitig aufbauen konnten.

Woher kam der Impact? In einem Folgeeintrag werde ich eine ziemlich aktuelle Coverversion verlinken und ein paar Ansätze einer musikalischen Erklärung auf der Basis vorstellen, die ich in den letzten beiden Einträgen vorgestellt habe: Daß Gebärden und deren rein subjektbasierte, andererseits eben deshalb subjektübergreifende Tradition der Schlüssel des Sprechens sind, auch des musikalischen Sprechens.

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