Zum türkischen Konvoi in Idleb – update

Noch ein Update: Almasdarnews bestätigt jetzt, der Konvoi sei auf der Route nach Al Eis nahe Al Atarib zum Halt gekommen, wo er nichts zu suchen hatte, weil er „effektiv die Operationen zur Aufsprengung der Belagerung“ zweier schiitisch bewohnter Orte blockiert hätte, wäre er weiter gefahren. Jetzt werden „mysteriöse Explosionen“ für den Halt verantwortlich gemacht, die zwei Tieflader schwer beschädigten. Bilder dazu von HTS (Qaida). Meine Analyse stimmte also, ohne das wir deshalb wüßten, was genau geschehen ist. Update 2 Ende.

Update. Am frühen Nachmittag veröffentlichte Almasdarnews dasDementi eines Verbindungsmannes zur SAA, das sämtliche bis dato zirkulierten Einzelheiten umfaßt, einschließlich des Vordringens des türkischen Konvoi bis Qammari. Der warte vielmehr artig an der Provinzgrenze Idlebs bei Al Atarib auf Passierscheine.
Dies Komplettdementi stützt die Lesart, der Konvoi habe Feuerschutz aus der Luft bekommen, wer immer Angreifer und / oder Verteidiger (russische oder türkische Luftwaffe) gewesen ist. Update Ende.

Weiter zum ursprünglichen Eintrag 

Russische Freundeskreise berichten, die RuAF habe einen türkischen Konvoy in Südaleppo nahe Al Eis bombardiert oder ihm jedenfalls den Weg verlegt. Nicht auszuschließen, daß dies stimmt, doch es spricht wenig dafür.

Das für mich entscheidende Indiz gab Charles Lister. Der Al Quaida – Propagandist wußte bereits 4 Stunden vor den kritischen Ereignissen, der Konvoi sei auf dem Weg nach Al Eis und behauptete, er sei russisch lizensiert und gedacht, die „syrisch/iranischen Verletzungen der Deeskalationszone“ zu stoppen. Auch Panzer seien beteiligt.

Al Eis liegt östlich der M5 und ist seit Jahren umkämpft, weil von seinem militärisch schwierig zu kontrollierenden Umfeld aus die Versorgungsroute Aleppos über Khanaser beständig beunruhigt werden kann und wird. Es ist, wie meine Leser wissen, nicht Teil der in Astana vereinbarten Sicherheitszone Idleb. Taftananz dagegen ist es. Die ehemalige syrische Militärbasis liegt westlich der M5, wenige km südlich der Straße nach Al Eis, und war für einen türkischen Besatzungs-/ Sicherheitsposten vorgesehen, um kurz- bis Mittelfristig die Verbindung Hama – Aleppo über die M5 wiederherstellen zu können. Die konfligierenden Meldungen zum Vorfall stimmen darin überein, daß der Konvoi, der, Videozeugnissen zufolge, mindestens Schwerlaster mit großkalibriger Artillerie enthielt, zwischen Qanater und Qammari, in Sichtweite der M5, unter syrisches Artilleriefeuer geriet und  gestoppt wurde. Übereinstimmung gibt es auch in dem Punkt, daß der Konvoi erst nach dem Beschuß verdunkelt wurde, er fuhr also offen Richtung Al Eis.

Die banalste Erklärung ist folglich, der Konvoi habe sich verfahren oder sei auf einer Route nach Taftananz von der Al Nusra / al Quaida – Begleitmannschaft bewußt Richtung Al Ais irregeleitet worden. Für Letzteres spricht Charles Listers Vorwissen. Wenn die türkische Armee eine Provokation beabsichtigte, warum sollte sie diese frühzeitig genug ankündigen, syrisch-russische Gegenmaßnahmen zu berufen, zu erleichtern oder gar erst zu ermöglichen? Die Hypothese wäre nur auf Umwegen haltbar, wenn man unterstellt, die Kommandeure des Konvoi seien über ihr wahres Ziel im Unklaren gelassen worden. Das ist nicht mit Sicherheit auszuschließen, doch unwahrscheinlich. Warum sollte der türkische Geheimdienst und die erdogantreue Armeeführung „unsichere Kantonisten“ für solch eine Mission auswählen, die sich womöglich russischen Offizieren ergeben, wenn sie merken, wozu sie benutzt werden sollten? Ihre Position ist nicht so fragil, daß sie sich zu Hilfstruppen der Al Qaida herab setzen müssen.

Es spricht also viel dafür, daß es sich um eine Provokation der Chaos-Fraktion und Trump-Gegner im Pentagon handelte (1). Alles andere – insbesondere die behaupteten türkischen und russischen Luftwaffenaktivitäten – liegt im Dunkel und wird voraussichtlich dort bleiben. Listers Deutung der angeblichen Augenzeugenberichte, die russische Luftwaffe habe den angreifenden syrischen Loyalisten heim geleuchtet, ist jedenfalls plausibler, als die Umkehrung. Die entscheidenden Informationen, aus welcher Richtung, von welchen Punkten aus der Konvoi beschossen wurde, und welche Kriegspartei dort und im angeblich bombardierten Qammari lag, werden schwerlich verifizierbar sein.

(1) … die übrigens jede Menge Unterstützung von russischen Freundeskreisen genießen, bzw. Leuten, die sich dafür halten, aber die russischen Position nicht verstehen oder akzeptieren können. Wie z.B. Bernard von Moonofalabama, der dasselbe erzählt, wie das Atlantic Council. Vergleicht dazu auch Almasdarnews, resp. James M. Dorsey. Seine „Analyse“ erscheint euch plausibel? Nun, ihr Kardinalfehler ist das Mißverständnis der Trump’schen KSA- und Israel-Politik. Sie zielt nicht auf Krieg gegen den Iran, sondern auf Stabilisierung des KSA in der Rolle der Regionalmacht NEBEN dem Iran. Trump ist ein trockener Realist, er weiß und akzeptiert, daß dem Iran dieser Status nicht militärisch zu nehmen ist und seine Regime-Change-Aufrufe untermauern dies. Aber falls ihr das nicht begreifen könnt, so mag der zweite offensichtliche Fehler dafür eintreten. Seit mehr als zwei Jahren ist die KDPI wieder terroristisch im Iran aktiv, aber darüber herrscht in Südkurdistan (Irak) eine blutige Fehde zwischen Kurdenparteien. Das antiiranische Komplott, wie es Dorsey imaginiert – es gibt so ein Komplott, aber die Stärkung der Kurden ist nicht Teil davon – könnte nicht verfehlen, das „Projekt Kurdistan“, das Bestandteil sein soll, in innerkurdischen Händeln zu ertränken, von der Berufung eines irakischen Bürgerkrieges gar nicht erst zu reden. Es ist umgekehrt. eine „kurdische Pufferzone“ zwischen Iran und KSA kann und soll diese geopolitische Grenze befestigen, nicht angreifen.

 

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4 Antworten zu Zum türkischen Konvoi in Idleb – update

  1. tgarner9 schreibt:

    Update 12:00 Uhr: Der Artikel wurde verändert. Jetzt heißt es, die Konvoibesatzung habe defensive Positionen bezogen, die den syrischen Entsatz für zwei von „Rebellen“ eingeschlossene Orte blockieren. [Almasdarnews zufolge verlief alles nach Plan:
    https://www.almasdarnews.com/article/turkish-military-takes-positions-near-syrian-army-front-southern-aleppo/%5D

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  2. tgarner9 schreibt:

    https://uk.reuters.com/article/uk-syria-crisis-chemicalweapons/exclusive-tests-link-syrian-government-stockpile-to-largest-sarin-attack-sources-idUKKBN1FJ0NS

    Schwerlich ein Zufall. Das OPCW kommentiert die „vertraulichen“ Mitteilungen ungenannter Informanten nicht und soll die angeblichen Ermittlungsergebnisse aus formaljuristischen Gründen nicht in seinen seinerzeitigen Bericht aufgenommen haben – sie lägen folglich seit langem vor.

    Beachtet, daß Reuters seine Überschrift und den Einleitungssatz im Text selbst als eine Lüge entlarvt.

    The Syrian government’s chemical weapons stockpile has been linked for the first time by laboratory tests to the largest sarin nerve agent attack of the civil war, diplomats and scientists told Reuters

    Im Text heißt es hingegen:

    “We compared Khan Sheikhoun, Khan al-Assal, Ghouta,” said one source who asked not to be named because of the sensitivity of the findings. “There were signatures in all three of them that matched.”

    Konkret benannt wird der Stabilisator Hexamine, just den Inhaltsstoff, den Fachkritiker des OPCW-Berichts zu Al Ghouta einen Marker für nichtmilitärisches sog. „Küchensarin“ benannt haben. Im Minimum ist diese Übereinstimmung zwischen den genannten Proben folglich seit sechs Monaten bekannt.
    Das Zusammentreffen dieser Greuelpropaganda mit den Ereignissen in Afrin und Idleb indiziert nichts über die russische Rolle in ihnen, aber sehr wohl, daß sie völlig belanglos ist. So oder so stellt sich der Kreml opportunistisch zu einem Krieg innerhalb des Imperiums.

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  3. tgarner9 schreibt:

    Jetzt legen sowohl der bluttriefende zionistische PR-Krieger van Wilgenburg als auch „Informanten“ der Almasdarnews nahe, der Konvoi sei von Kurden angegriffen worden (mit einer Autobombe!)
    Woraus folgt: Russen und Assad haben der SAA strikt untersagt, türkische Truppen anzugreifen, was immer die treiben, und die Augen- und Ohrenzeugen des Vorfalls, falls sie nicht rein erfunden sind, haben tatsächlich russische, oder russisch lizensierte türkische Luftangriffe zur Deckung des Konvoi gegen die SAA gesehen.

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  4. tgarner9 schreibt:

    Fehim Tastekin hat am 3.2. für Al Monitor meine Darstellung im Wesentlichen bestätigt:
    https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2018/02/turkey-syria-new-perils-in-idlib-1.html
    Nach seinen Informationen unterminiert die Regierung in Ankara seit Monaten die Vereinbarung von Astana, die darauf zielen, die M5 zwischen Hama und Aleppo wieder zu öffnen, mit russischen Truppen als Garanten der Waffenruhe östlich der Route, während türkische Truppen die Islamisten und Al Qaida westlich in Schach hält.
    Die aktuelle russische Luftoffensive gegen HTS um Saraqeb zeigt umgekehrt die Zurückhaltung der Luftwaffe gegen HTS in den vergangenen Tagen und Wochen.
    So viel zur Frage, wer hinsichtlich des Afrin-Massakers wem Konzessionen macht, zur Vorhand der NATO in Ankara und was von russischen Verlautbarungen zu halten ist, die der Propaganda über einen angeblichen „Verkauf“ Afrins an Ankara nicht frontal entgegen treten wollen.

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