Afrin: Erdogan weicht den Widerständen

Anzeichen für Umwidmung der türkischen Invasion für ein weltpolizeiliches Umsiedlungsprogramm.

Emmanuel Macrons hoheitsvolle Zurechtweisung der türkischen Regierung, im Stile eines Imperators von öffentlicher Bühne erteilt, erfuhr vor vier Tagen zornige Antworten von der Ministerialebene in Ankara. Türkei empört über Macrons Äußerung zu Offensive in Afrin, titelte die Regierungszeitung Daily Sabah. „Absurd“ oder „verquer“, je nach Übersetzung, hatte der türkische Ministerpräsident die „Unterstellungen“ Macrons genannt. Ankara lasse sich keine Lehren erteilen, assisitierte der Außenminister, schon gar nicht vom einstigen Besatzer Algeriens, der sich auch in Syrien mit Blut besudelt habe. „Bild“ beeilte sich, die türkischen Reaktionen zur Majestätsbeleidigung zu stilisieren: Erdogans Kettenhund geht auf Macron los. Doch am Samstag nahm Erdogan das Telephonat Macrons an (1, 2), versicherte ihm persönlich, eine Invasion und Besetzung stehe nicht in seinem Sinn und sprach von einer „Säuberungsoperation“ statt der „Auslöschung“ des „Terrorgürtels“ entlang der türkischen Grenze, wie seine Minister wenige Stunden zuvor. Auf der diplomatischen Ebene ist das eine unzweideutige Unterwerfungsgeste. In der Hürriyet Daily, die von der türkischen Zensur ja nicht ausgenommen ist, erschien darauf heute ein zitierenswerter Kolumnenbeitrag von Nuray Mert, der zum Auftakt die Empörung über die französische Anmaßung wiederholt, um fortzufahren:

 … Western hypocrisy certainly fosters religious nationalism and militaristic politics in our countries. Until the progressive voices for peace acknowledge these realities, we will lose the moral superiority necessary to convince our societies to embrace the politics of peace. Under current circumstances, those who regard French objections to Turkish military operations as legitimate or welcome U.S. warnings to the Turkish government will never be able to convince an ordinary person in Turkey about the sincerity of their politics of peace. We cannot console ourselves by saying problems are only the fault of warmongers who ignite the flames of the politics of war; it is also the responsibility of people who object to those politics to acknowledge that we must be convincing not only in the eyes of like-minded friends but also in the eyes of many others.

Diese Sätze kann man als ein das nationale Gesicht wahrendes, vorweggenommenes Requiem auf die Schurkenregierung in Ankara lesen.

Wenig konkret könnte man die weiteren Punkte nennen, die ich zur Begründung für meine Überschrift auffahren will.
Der Hauptpunkt ist die im o.zit. BBC-Artikel, und vielleicht bezeichnenderweise auch von Al Manar herausgestellte Nebenbemerkung Erdogans, die Operation „Olive Branch“ stehe kurz vor dem Ziel.

… Turkish-led forces were taking high ground and would now head towards the city of Afrin itself, „There is not much [further] to go.“

Wird der Erdolf, gleich seinem historischen Vorbild, von seiner Militärführung hintergangen? Im Falle des Herrn Hitler wäre das der Anfang eines schnellen und unrühmlichen Endes gewesen, hätten die Alliierten, voran die USA, nicht auf einer abschließenden Vernichtung des Deutschen Reiches zu Lasten der Sowjetunion bestanden.
Dagegen spricht, daß die Lagebeschreibung, die heute in Hürriyet zu lesen ist, ins selbe Horn bläst:

Nearly 950 militants ‘neutralized’ in Turkey’s Afrin operation … So far, 33 areas, among them 21 villages, settlements and 10 strategic mountains and hills located around Afrin, have been freed from the group.

Nicht nur kurdische Quellen, alle Beobachter widersprechen dieser Beschreibung.

Weiterhin fällt auf, daß die türkische Luftwaffe seit Tagen, wenn überhaupt, nur noch verstreut in Afrin bombt. ANF vermerkt für Samstag und Sonntag keinen einzigen Luftangriff. Die Feldberichte beider Seiten erwecken den Eindruck, die Schlacht gehe nicht um Zugänge zu Afrin – wenn es denn überhaupt je darum gegangen wäre, siehe meine Vorberichte –  sondern nur um eine Reihe strategischer Höhen,  deren Besetzung die türkische Seite wenigstens vorübergehend zu befestigen versucht, und die sie, wenn wir die Versicherung Erdogans versuchsweise ernst nehmen, als ein politisches Faustpfand zu verwenden trachtet.

Die weiteren Hinweise sind noch ephemerer.

  • Um Azaz, im östlichen Teil des Kantons Afrin, werden aktuell kaum noch Kämpfe gemeldet, in der Region Sheba und Manbij gar keine.
  • Das Syriac Military Council aus dem Kanton Hasaka hat sich jetzt entschieden, Kämpfer nach Afrin zu entsenden. Das ist eine sehr nennenswerte Niederlage für die Bemühungen der NATO, die Erdogan mit der Afrin-Invasion stützt, die YPG’s in der SDF und Nordsyrien insgesamt in Kollision mit nichtkurdischen Organisationen und Kämpfern zu bringen.
  • Die gestrige Kundgebung in Afrin wurde zwar nicht von Thomson Reuters, aber von AP und AFP als eine durchaus eindrucksvolle Demonstration völkischer Einheit und Widerstanswillens heraus gestellt.
  • HTS (Al Qaida) hat in Idleb offiziell eine neue Offensive gegen die SAA begonnen, die auch in der türkischen Presse heraus gestellt wird.
  • Fehim Tastekin, der für gewöhnlich gut informierte Berichterstatter der ehemaligen türkischen Linken, zitiert in seinem Bericht über das Schicksal des türkischen Idleb-Konvois ungewohnterweise eine Mitteilung aus zweiter Hand, die den Angriff auf den Konvoi HTS anlastet. Im Zusammenhang mit dem voran gegangenen Punkt läßt das die Spekulation zu, Al Qaida könnte ein besseres Angebot erhalten haben. Dorthinein sortieren sich zwanglos französische und amerikanische Ansagen, die SAA jederzeit wg. angeblicher Chemiewaffeneinsätze bombardieren zu wollen.
  • Und schließlich wurde vor wenigen Stunden ein Konvoi gesichtet, der schweres Militärgerät aus Erbil nach Qamishli brachte.

In Summe halte ich es durchaus nicht für ausgeschlossen, daß „Operation Olive Branch“ nach Plan verläuft 1. Aber man muß bezweifeln, daß es Erdogans Plan ist. In der AKP müssen jetzt mehr oder minder heimliche Überlegungen Platz greifen, ob die nationalistische Welle, die mit dem Kurdenkrieg in Syrien durchaus an Volumen gewann, nicht genutzt werden könnte und sollte, dem Experiment einer klerikalfaschistischen Führerherrschaft ein Ende zu setzen, ohne daß darüber allzu viel Köpfe rollen und die AKP in der Versenkung verschwinden müsse.


  1. Einfügung: Ich denke an eine „Vertreibung ‚light'“, die den kurdischen Sozialrevolutionären den Nimbus ihrer Unbeugsamkeit und Unbesiegbarkeit nehmen soll. Die Enklave Afrin war schon vor dem türkischen Einmarsch sozialökonomisch unhaltbar. Wird der Stadt Afrin ein weiterer Teil des fruchtbaren und wasserreichen Umlandes genommen bzw. dauerhaft verunsichert, ist die Emigration von 10 oder 100 Tausenden nach Osten kaum vermeidlich. Die Türkei darf das dem „PYD/YPG/PKK- Terrorregime“ und ihren „militärischen Erfolgen“ zuschreiben, ein Teil der „internationalen Gemeinschaft“ darf Krokodilstränen vergießen und den Genozid mit viel Solidarität abfedern. Alle Stakeholder könnte mit mehr kurdischer „Handlichkeit“ rechnen, weil andererseits die kurdische Führungsspitze in der Position der politischen Führung einer Territorialarmee bestätigt und gefestigt würde, die sich in die zu schaffenden regionalen Kräfteparallelogramme zu fügen habe. Sozialrevolutionäre unterliegen einem solchen Diktat prinzipiell nicht. Sie verlieren – oder geben ihre Ziele auf – oder gewinnen; nichts dazwischen. 
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11 Antworten zu Afrin: Erdogan weicht den Widerständen

  1. Sheeple schreibt:

    Zusammengefasst: Olive Branchen diente nur zum Kurden weich klopfen und sozial Revolutions Vernichtung?

    Naja, schaun mer mal was in manbijb passiert. Wäre natürlich strategisch günstiger für erdolf, und Russland hat weiterhin das US Problem

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    • tgarner9 schreibt:

      Nicht „nur“, Sheeple. Ich ließ jetzt mit Absicht die Wirkung auf russische Regionalmachtansprüche beiseite. Die beruht zwar zu wesentlichen Teilen auf imperialer Ideologie, indem „der Westen“ russische Ambitionen erst groß redet, um sie an der türkischen Kriegspolitik je nach Geschmack zu dämonisieren oder klein zu reden, aber das tut der Wirkung nur bedingten Abbruch. Ich schätze, besonders die irakisch-russischen Beziehungen dürften leiden.

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      • Sheeple schreibt:

        Das denke ich hingegen eher weniger. Der Iran weiß um die Russische Situation und wird erst die längerfristige Entwicklung abwarten bevor er anfängt schräge Blicke nach Moskau zu werfen.
        Der Iran ist in der ganzen Sache erstaunlich ruhig geblieben bisher. Bis auf ein-, zwei kleine Äußerungen war es imho sehr still aus Teheran

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      • Sheeple schreibt:

        Dazu muss ich noch sagen das ich die zuerst vermutete Türkische intention (das Bündniss USA – Kurden aufzubrechen) Mittlerweile stark in Zweifel ziehe. Die Türkei müsste dafür mit WEIT massiveren Kräften anrücken um die USA in Manbjid nicht noch mehr zeit zu geben sich einzugraben. Ich denke das ein türkisches Doppelspiel gegen Russland ebenso möglich ist. Wie Russland DAS kontern will ist mir noch nicht ganz klar. Wie schon auf TP gesagt: Das oberste russische Ziel muss ein vollständig erhaltener Syrischer Staat sein. Ansonsten war alles für die Katz.

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  2. tgarner9 schreibt:

    Michael Martens stellt die von mir skizzierte EU-Nato-Kompromisslinie in der FAZ vor:
    http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/tuerkei-will-im-syrischen-afrin-die-macht-uebernehmen-15432505-p4.html?printPagedArticle=true#pageIndex_3
    PYD böse aber nützlich und politisch händelbar: Assad müsse dringender, denn je weg, um einer kurdischen Autonomie OHNE PYD und YPG Platz zu machen.

    Und wer soll „Putin“ aus Syrien befördern (können)?
    Jupp, das ist die $10 – Frage …

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  3. tgarner9 schreibt:

    Habe ich gestern verpasst: Reuters teilte unter Berufung auf einen „Kommandeur aus der Assad stützenden Allianz“ mit, es seien „neue Luftabwehranlagen“ an die Front um Aleppo und Idleb gebracht worden, „die den nördlichen Luftraum abdecken“. Das sei „eine Botschaft an alle“. Im Zusammenhang mit dem Auftritt des iranischen Staatspräsidenten, der die Türkei nicht mehr zu „Zurückhaltung“ mahnte, sondern zum „Abbruch“ der Operation in Afrin aufforderte, identifiziert die „message to everyone“ einen russischen Absender, denke ich. So ist gewährleistet, daß die NATO die Türkei nicht mit britischen, dänischen oder belgischen Fliegern unterstützt, die schon zu anderen Gelegenheiten an Stelle von US-Fliegern Drecksarbeit geleistet haben (Die Australier haben ihre Maschinen abgezogen).

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    • tgarner9 schreibt:

      Es war noch ein wenig früh heut morgen. Was die angebliche Quelle behauptet, kann aus technischen Gründen Afrin nicht einschließen, zu gering ist dort der Abstand türkischer Ziele von der Grenze. Mit modernisierten S-200 ginge es unter günstigen Umständen vielleicht (in einem Radarverbund bei niedriger Einfluggeschwindigkeit der Ziele), aber die wird die SAA hübsch bei Damaskus, Homs und Latakia belassen. Die Reuters-Meldung liefert allenfalls eine Drohung aus, keinen fait accompli. Wahrscheinlich gilt auch sie nicht für Afrin, sondern das offenkundig umstrittene Gebiet bei Al Eis.

      Wer jetzt von einer russischen „Flugverbotszone“ redet, denkt nicht nach. Der Kreml müßte sie im Sinne des Deconflicting mit der NATO offiziell ansagen, wie er das für den Luftraum um seine Basen in Latakia getan hat.

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  4. Pingback: Xinhua (New China) übernimmt kurdische Darstellung des Kampfverlaufes in Afrin | Themen & Essays

  5. tgarner9 schreibt:

    AMN meldete vergleichsweise sehr nennenswerte Durchbrüche der türkischen Invasion im Afriner Grenzgebiet. Der Twitter Account der YPG schweigt seit 3 Tagen und ANF schwelgt nur in Öcalan, also nehme ich das unter Vorbehalt für bestätigt. Einen Vorbehalt macht AMN selbst, indem es die Möglichkeit andeutet, daß den Angreifern das offenere Gelände überlassen wurde, um sie in den umgebenen Höhen umso besser angreifen zu können.
    Das nimmt nicht weg, daß die Türken ermutigt scheinen.
    Ergänzend gibt AMN folgende Psy-Op zum Besten:

    BEIRUT, LEBANON (10:10 P.M.) – The Syrian Arab Army (SAA) has refused an offer from the Kurdish-led People’s Protection Units (YPG) to enter the Afrin region of Aleppo.
    According to reports from Aleppo, the Syrian Army rejected the YPG offer because the latter refused to hand over their weapons to Damascus.
    The Syrian Army has repeatedly requested that the YPG turn in all of their weapons before their forces would enter the Afrin region and fend off the Turkish-led incursion.
    However, the Syrian Army maintains that they will continue to allow the Kurdish forces to resupply the area from within their own territory in Aleppo.

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