Notiz zur jüngsten Eskalation des Levante-Krieges

Ein paar Bemerkungen vor einem längeren Eintrag, zu dem ich heute keine Zeit habe.

  1. Die russische bzw. pro-russische Propaganda verstellt den Blick auf die Zusammenhänge. Ihre Anhänger entblöden sich nicht, die Propaganda der Gegenseite für bare Münze zu nehmen. SANA spricht nicht von einem „Angriff auf die SAA“, sondern auf PMU-Einheiten, die östlich des Euphrat in Scharmützel mit “ IS und QASAD-Einheiten“ verwickelt waren. „Qasad“ sind in der Sprachregelung der syrischen Armee SDF-Einheiten die, wie meine Leser wissen, im Raum Deir Ezzor in der Masse von arabischen Stämmen gestellt werden, deren Muftis vor der kurdisch-amerikanischen und russisch-syrischen Eroberung der Provinz mehr oder weniger gezwungenermaßen im Dienste der ISIS-Imperiumssöldner gestanden haben.
  2. Es gibt einen allem Anschein nach sehr direkten Zusammenhang mit der zionistischen Offensive, über die ich in den vergangenen Tagen berichtet habe (1,2,3). Den Schlüssel dazu gibt meines Erachtens ein vorgestern abend veröffentlichter Aufruf der ICG, der sich in den vergangenen Wochen und Monaten hinsichtlich der syrischen Südfront auffällig zurückgehalten hat. Dort heißt es:

    What should be done? Russia should broker understandings that bolster the de-escalation agreement distancing Iran-backed forces from Syria’s armistice line with Israel; halt Iran’s construction of precision missile facilities and its military infrastructure in Syria; and convince Israel to acquiesce in foreign forces remaining in the rest of Syria pending a deal on the country’s future.

    Auf gut deutsch: Wenn der Kreml nicht endlich seinem Auftrag, Hezbollah und Iran aus Syrien zu werfen, was mit der Entmachtung der SAA in Damaskus identisch wäre, mit erkennbaren Erfolgen nach komme, werde Tel Aviv zuschlagen.
    Ich will bei der Gelegenheit daran erinnern, daß Assad zu dem Thema schon vor einigen Jahren Klartext geredet hat. Er berichtete, er persönlich habe via saudischer Vermittlung das „Angebot“ erhalten, der Syrienkrieg werde beendet, wenn er sich offiziell vom Iran lossage.

  3. Es gibt einen direkten Zusammenhang mit der neuesten Entwicklung um Afrin (direkte Drohungen von CENTCOM-Kommandeuren in Manbij gegen die türkische Armee, Erdogans Schwenk von Drohungen gegen Manbij auf Ankündigungen einer Idleb-Offensive) und neuen Fronten im Irak. Über letztere hat Florian Rötzer pünktlich einen Artikel veröffentlicht, der merklich nicht aus seiner Feder stammt. Die Umsetzung eines Planes zur Schaffung einer neuen „sunnitischen Entität“ in Anbar nimmt Gestalt an, über den ich ansatzweise schon Ende 2016 berichtet habe, weil es damals eine ausführliche Debatte im „Long War Journal“ dazu gab.

All das ist Teil der Umsetzung von etwas, was dem Yinon-Plan sehr ähnelt und seit etwa 1997 von der zionistischen Fraktion der ehemals im PNAC formierten Neocons betrieben wird.
Das hat übrigens nur historisch etwas mit einer (nicht real, nur ideologisch existenten) „zionistischen Internationale“ zu tun. Der politökonomische Kern ist die Militarisierung des Weltmarktes nach 1991, die Formierung imperialistischer Herrschaft zum Imperium, um dessen Spitze und militärpolitische Prärogativen gekämpft wird, und die Sonderstellung der zionistischen Militäraristokratie darin, die keine bürgerliche, sondern eine koloniale Herrschaft anführt. Es ist die Herrschaft einer von der politischen Ökonomie des Imperiums zugleich unterhaltenen wie frei gestellten Kriegeraristokratie, die aufgrund dieser Stellung gleichsam „natürlich“ die Rolle einer Avantgarde der Militarisierung des Weltmarktes annimmt, welche diesen Markt und seine kapitalistische Grundlage systematisch in direkte Formenkreise staatlicher und korporativer Sklaverei überführen wird.

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Eine Antwort zu Notiz zur jüngsten Eskalation des Levante-Krieges

  1. tgarner9 schreibt:

    Weil das Blog gerade einige Aufmerksamkeit erfährt, ergänze ich die letzte Bemerkung um einen Ausschnitt aus einem Blogartikel von 2012, den ihr hier komplett lesen könnt.

    Zitat:
    Warum die USA den Mittleren Osten an Israel abzutreten haben …
    Ein Flächenbrand im Mittleren Osten käme US-Interessen optimal zu Gute, behauptet Goldman, und beginnt seine Begründung mit einem Statement:

    „…. consider the possibility that all-out regional war [in the Middle East] is the optimal outcome for American interests. An Israeli strike on Iran that achieved even limited success – a two-year delay in Iran’s nuclear weapons development – would arrest America’s precipitous decline as a superpower.

    Wenn ein normal Sterblicher – derart umstandslos „US-Interessen“ einem Erhalt des Supermachtstatus gleichsetzt, wird er gewöhnlich kein weiteres Wort außerhalb der geächteten Plattformen der Verschwörungstheoretiker und potentiellen „Terroristen“ veröffentlichen, falls er nicht zum „Feind“ in der kyrillischen Schriftzone wechselt. „Spengler“ darf das, und dies ist schon das Geheimnis seiner publizistischen Stellung. Der Ausnahmejude darf in seiner personalisierten Stilistik aussprechen, was Publizisten, die noch einen Dollar machen wollen, entweder durch die Blume, über Eck, oder mit einschränkenden Modalitäten formulieren müssen.
    Übrigens ist die Gleichung nicht mal eine halbe Wahrheit und entsprechend irreführend, doch ist ihre Dekonstruktion hier nicht mein Thema.

    Nun schaue ich mir die Aufzählung an, in die Goldman seine Gleichung umsetzt:

    (Absent an Israeli strike, America faces):
    – A nuclear-armed Iran;

    Das ist reine Polemik. Indem Goldman behauptet, die USA seien (weil zu „weich“ und korrumpiert) ohne israelische Ermunterung außerstande, einer nuklearen Bewaffnung des Iran zu wehren, bebildert er statt seiner Gleichung den Anspruch, den Israel auf die Stellung einer Hegemonialmacht im vorderen Orient erhebt. Das Bild ist die kürzest mögliche Formulierung eines militärpolitische Programms. Israel – d. h. die herrschende zionistische Militäroligarchie – habe die Hegemonialpolitik der USA an allen Schauplätzen zu sabotieren, die sie eigener Hegemonialmacht vorbehält.
    Zionistische Herrschaft über Israel geht gar nicht anders, als so, behaupte ich, und werde weiter unten zu zeigen suchen, wie das in den Vorstellungen Goldmans zum Ausdruck kommt, aber zuvor will ich rasch den allgemeinen Begriff davon skizzieren.

    Solange eine zionistische Militärkaste Israels Selbstbehauptung rassisch-völkisch buchstabiert und das kleine Territorium zur einer kolonialen Festung zurüstet, zu einem mit Massenvernichtungswaffen abgesicherten und bestückten Trägersystem in Feindesland, dessen Insassen mittels Ausfällen in die Umgebung und Metökisierung der autochthonen Bevölkerung genötigt werden, die Besatzung der Palisaden zu stellen, der Kavallerie die Waffen zu putzen, ihr die Stiefel zu wichsen und die Lendenstücke zu servieren, so lange muß diese Kaste ihre raison d’être, die dem Imperium beim Abtransport der nahöstlichen Ölvorräte bislang summarisch zugute kam, gegen einen gewandelten Gebrauch der Region verteidigen.
    Diese Kaste gliederte Israel der Region ein, indem sie in zahlreichen offenen und verdeckten Kriegen die Führung über regionale „Chaosmächte“ übernahm und in der Hand zu halten suchte. Indem sie so viel Unruhe entweder selbst stiftete oder auf sich zog, wie sie im Zaum halten konnte; indem sie der Depravation arabischer „Halbmenschen“, für die arabische Eliten nicht weniger verantwortlich sind, als das israelische Regime, einen völkischen Namen gab, und dergestalt sowohl den eigenen Klassenkampf, wie den arabischer Eliten (besonders in Syrien, Jordanien und dem Libanon), zu Teilen in die Front eines jüdisch-arabischen Kriegsregimes entäußerte, also aufhob. In alledem gaben die Zionisten sich – und sogar etlichen Parteigängern außerhalb des Landes – eine regionale Existenzgrundlage in Gestalt einer Kriegerkaste neofeudalen Zuschnittes, die sie über sich stellten.

    Dabei ermächtigen in letzter Instanz nur Massenvernichtungswaffen, in Verbindung mit der Nachbarschaft des Landes zu den Brunnen und Adern des kostbarsten Hilfstoffes kapitalistischer Ausbeutung, die Kriegerkaste Israels, den Sachwaltern des Weltmarktes die Alimentierung ihres Standes und die Duldung ihrer Extravaganzen abzupressen. Neofeudal ist er, weil seine ökonomische Grundlage, von einer Ausnahme abgesehen, im Grundeigentum besteht, das allerdings die Gestalt territorialer Hoheit über ein völkisch eingefärbtes Lehen der Imperiumsmächte hat. Die Ausnahme vom feudalen Zuschnitt des jüdischen Staatswesens liegt in der Verflechtung seiner Rüstungsunternehmen mit transnationalen Konzernen, die in Israel eine willige, preiswerte, hoch qualifizierte Arbeiteraristokratie teils vorfanden, teils schufen und eine Vierklassengesellschaft aushoben, die einschließlich der rassistischen Formierung des Apartheitsregimes das Zeug hat, den imperialistischen Metropolen ein Vorbild für transnationale Klassengesellschaften abzugeben. Die Ausnahme taugt allerdings wenig. Die israelische Rüstungsindustrie – einschließlich der Biowaffenforschung – ließe sich binnen eines oder eineinhalb Jahren nach Kanada verpflanzen – wenn man das wollte. Oder auch – klimatisch vielleicht angenehmer – nach MekPom.
    Anhand dieser, zugegeben brachialen Kurzfassung der israelischen Staatsraison ist wenigstens grob zu ermessen, wie schwerwiegend und schwerlich umkehrbar die Existenzgrundlage der Zionisten durch die Resultate des Irak- und Syrienkrieges, die Wiedererweckung des ägyptischen Nationalismus, und ganz allgemein durch das, was der Außenminister des Iran „islamisches Erwachen“ nennt, gefährdet wird. Das alles geht für Zionisten unerträglich an Israel und seiner Staatsraison vorbei, deren tägliche Schlachtopfer, die sie dem kolonialen Rassismus im Gaza und Westjordanland bringt, kaum mehr beachtet werden, jedenfalls nicht in der Region. Ein maximal alberner Religio-Porno aus Hollywood erweckt das 100.000fache der Empörung, die der wiederholte gezielte Abschuss palästinensischer Frauen und Kinder im Gaza noch zu erregen vermag. Nationale Wallungen in den arabischen Ländern, soweit es sich nicht überhaupt um interne Fraktionskämpfe handelt, wählen sich ihre Attraktionen aus der originalen Herrschaftskultur der Metropolen, halten sich an den alttestamentarisch kostümierten Kirmeskopien aus Tel Aviv und Haifa kaum mehr auf.
    Diese Lage ist der Hintergrund, nicht das Thema dieses Eintrages, deshalb belasse ich es bei den Andeutungen.

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