US-Kriegsminister beugt sich dem Druck aus NATO und Israel, gibt türkischer Forderung nach syrischer Provinz statt

Diese weitgreifende Behauptung gründe ich auf folgende Passage aus der gestrigen Pressekonferenz im NATO-HQ:

Q: It’s about the — the Iran militia in Syria, which becomes a serious regional security problem, mainly between, as we saw with the —
SEC. MATTIS: I see.
Q: — (inaudible) confrontation between Iran and Israel inside Syria. Thank you.
SEC. MATTIS: Yeah, you know, ladies and gentlemen, I — I cannot explain why every time there’s a problem in the Middle East, whether it be in Lebanon, South Lebanon, and Lebanese Hezbollah, it’s in Syria, where Iran has propped up Assad; it’s in Yemen where they’re using it for a launching platform, the civil war, for missiles into Saudi Arabia; whether it’s in Bahrain, where the Bahrain police have captured explosive material provided, I cannot explain why Iran insists on many of the things it does.
I think it’s best that we leave Syria. The Syrians and Staffan de Mistura’s efforts by the U.N. to solve this in Geneva is the right way to go.
And in Iraq, it’s the same — it’s the same sort of thing. Let — let’s have Iraqis vote for who they want, and — and project their own image of themselves. They don’t need outside interference.
Yes?
STAFF: Next, Agence France-Press (inaudible).
Q: Mr. Secretary, you met with your Turkish counterpart yesterday. Did you get any assurance that Turkish troops are not going to engage the SDF in Manbij?
And Turkey used pretty harsh rhetoric to ask U.S. to leave Manbij. What was your — your answer?
SEC. MATTIS: I think we are all keenly aware that NATO has only one of its nations, one of our allies that has got an insurgency inside its own borders. And NATO and America stand with Turkey on its legitimate security concerns.
And they’re right next door, as you know, to Syria, with all of the chaos there that presents — presents an ongoing threat. And you see this isn’t just about Turkey. In that case, you also see the disruption in Jordan and Lebanon and Iraq.
So, Turkey has got the same kinds of concerns. In fact, they’ve provided refugee support for — for millions of refugees out of this — it can only be called a tragic situation in Syria.
So we maintain absolutely open and honest dialogue. We met two days ago in Rome, where my counterpart, my colleague from the Ministry of Defense, was there at the Defeat ISIS meeting there in Rome. We talked here yesterday for an extended period.
We are coming together on what we can to together. It’s probably the most complex security situation, fighting situation I’ve seen in over four decades of dealing with — with fights. And it is one where I believe we are finding common ground and there are areas of uncommon ground where sometimes war just gives you bad alternatives to choose from.
But throughout this, the one thing that has marked our communication is absolute honesty and transparency with one another and a full briefing by the minister of defense of Turkey to the assembled 29 nations on the military operation they have going on.
And we continue to collaborate on ways to ensure their legitimate concerns are addressed. But our goal is to get this into the Geneva process and solve it. It will not be solved by Assad or by the Russians or by anyone else. It’s got to be solved under the U.N. auspices and it’s got to be done that way. And that’s what we’re all trying to get to.

Wenn ich das vielleicht knapp hinreichend begründen will, muß ich mit Komplexitätsreduktion sparsam sein, will aber nicht erst in zwei Monaten zu Potte kommen. Also mute ich Lesern Vorkenntnisse zu, setze Vorüberlegungen voraus, deren wichtigste, bei weitem nicht alle, in folgenden Einträgen zur Sprache gekommen sind und die darin enthaltenen Links teilweise einbegreifen
Iran handelte 2013 mit Türkei syrischen Friedensschluß aus
Türkei und Israel im Syrienkrieg – Rückblick und Korrektur
Notiz zur jüngsten Eskalation des Levante-Krieges
Afrin: Erdogan weicht den Widerständen
Breiter Angriff der NATO-Ziocons auf Status Quo der Aufteilung Syriens
Vielleicht etwas weniger nötig:
ICG liefert israelisches Kriegsultimatum an Russland aus
US-DoS gibt IDF Carte Blanche für Angriffe im gesamten nahöstlichen Raum

Die Provinz Manbij ist Verhandlungsmasse

Möglicherweise ebenfalls in Reaktion auf Mattis Ansagen hat ANF heute Erkenntnisse der YPG’s / PYD zu den konkreten Plänen der türkischen Invasion veröffentlicht.
Zusammenfassung:
Der türkische Geheimdienst MIT hat den von ihm geführten Anführern der Söldner- und Terrorverbände in Nordsyrien, denen Erdogan in ihrer Gesamtheit den Titel „National Army of Syria” zugesprochen habe, versichert, das Endziel der Operationen sei ein Sunnitisches Staatswesen auf syrischem Boden, dem die Gründung einer „Autonomen Zone“ voraus gehen soll, die Jarabulus / Al Bab, Afrin und Idleb vereine. Unter dem Dach dieser „Syrischen Nationalarmee“ gebe es noch Verbände, die einst vom CIA begründet, betreut und finanziert worden sind, noch immer aus amerikanischen Kriegskassen 1 bezahlt würden, und deren Loyalität der MIT mißtraue. Diese Gruppen würden in der laufenden ersten Phase der Kämpfe in Afrin dezimiert und verheizt 2.

ANF nennt die Bezeichnungen der Gruppen, die Anzahl ihrer Kämpfer und die Höhe ihres Söldnerlohns. Man kann nicht ausschließen, daß diese Angaben falsch sind, aber es ist unwahrscheinlich. Es wäre ein allzu grober Fehler, wenn ANF’s Quellen sich mit Fälschungen diskreditierten,  die Betroffene aus eigener Anschauung erkennen. Dasselbe, wenngleich in weit schwächerem Maß, gilt für die dem MIT zugeschriebenen Aussagen zum Ziel der Operationen.

Der Zusammenhang mit Mattis Aussagen ergibt sich aus diesem Satz (meine Hervorhebungen):

… the one thing that has marked our communication is absolute honesty and transparency with one another and a full briefing by the minister of defense of Turkey to the assembled 29 nations on the military operation they have going on.

Das war in der Antwort auf die Frage nach Risiken eines türkisch-amerikanischen Zusammenstoßes in Manbij enthalten. Nahezu im Klartext sagte Mattis, die türkische Invasion sei eine NATO-Operation gegen die Combined Joint Task Force – Operation Inherent Resolve..
Die „Koalition gegen den IS“ war die Adresse, die der Fragesteller mit dem Manbij-Konflikt beruft, ihr gehören die Truppen in Manbij an. OIR sind, je nach Zählweise, 9 Mitglieder (die Gründungsmitglieder), 15 Mitglieder, die Kampftruppen stellen, oder 60 Mitglieder, die der Koalition angehören, aber mehrheitlich nur Geld und Logistik beisteuern. Die NATO (29 Mitglieder) ist seit letztem Jahr ein „Mitglied“ der OIR (gegen den erklärten Willen Frau Merkels, die jedoch wenige Stunden später, nach einem Treffen mit Stoltenberg, plumps, umfiel), obwohl sie ein multinationaler Verband ohne politische Hoheit ist. Richtiger wäre zu sagen, sie gehört OIR an, weil ihre hoheitliche Adresse das Büro des SACEUR ist, des Oberkommandierenden der NATO – Truppen. Wir erleben mit OIR einen Probelauf supranationaler Militärherrschaft. Es hat sich seit Obamas Amtsantritt 2009 gezeigt, daß der amerikanische Paß des Bürovorstehers von untergeordnetem Belang ist. Stavridis alliierte sich mit Clinton, Cameron und Sarkozy gegen das Weiße Haus, sein Nachfolger Breedlove, ein lauter Obama-Kritiker, wurde in Washington von Kerry abgeschirmt, der zwischen Weißem Haus und DoS-Establishment vermittelte. Seit Amtsantritt Trumps liegt das Weiße Haus in Feindesland.

Für OIR erwarb US-Außenminister Kerry auf dem NATO-Gipfel in Wales Sept. ’14 den USA die Zustimmung von 8 NATO-Mitgliedern, zuzüglich des assoziierten Australien. Das Oberkommando übernahm einen Monat später US-State Department. Ein Jahr später erhielt OIR im UN-Sicherheitsrat eine formelle völkerrechtliche Deckung, UNSC Resolution 2249, weil auch Russland sie, gegen den Willen der NATO und des DoS, für seine Syrienintervention einen Monat zuvor in Anspruch nahm. Obama nötigte seine UN-Botschafterin, die zertifizierte Russland-Hasserin Samantha Power, der Resolution zuzustimmen.

Mattis hat sich mit den zitierten Worten ferner öffentlich darauf festgelegt, daß die türkischen Operationen mit der NATO abgestimmt, also NATO-Operationen seien, komme, was da wolle. ANF wiederum schloß den Bezirk Manbij nicht in die anvisierte „Autonome Sunnitische Zone“ ein. Unterstellt, die kurdischen Informationen stimmen, sind die türkischen Drohungen gegen Manbij und die dort stationierten Truppen, unterstrichen mit gelegentlichen Terrorangriffen auf den Bezirk, tatsächlich eine robuste Nötigung des Pentagon, dem ein Teil des unter CJTF-OIR agierenden amerikanischen Personals untersteht, weil CENTCOM es kommandiert, obwohl die politische Hoheit, wie oben zu sehen war, beim DoS liegt.

Ja, das ist ein wenig schwindelerregend, doch so geht es nunmal zu im Imperium, spätestens seit Killary’s Libyenkrieg mit Hilfe Camerons und Sarkozys gegen den Willen der Pentagon – Führung und der dem EUCOM fernstehenden US-Generäle. Zu erkennen war das Schisma in den letzten Wochen vor allem durch Op Eds untergeordneter CENTCOM Offiziere, wie Brett McGurk, den offizielle Stellen in der Türkei zum feindlichen Agenten erklärt haben und nicht mehr einreisen lassen. Es gibt noch ein halb Dutzend weiterer Beispiele, darunter kürzlich ein Artikel in der NYT, der Klagen und Anklagen des Kommandeurs der US-Truppen in Manbij bewarb, ich nehme mir jetzt nicht die Zeit, das alles heraus zu suchen. CENTCOM-Commander Votel deckte seine Untergebenen lauwarm, indem er sie nicht öffentlich rüffelte und sich ansonsten bedeckt hielt. Ich will auch erwähnen, daß AMN gestern mitteilte, die SAA habe Beweise, daß DoS in Deir Ezzor für das DMC (Deir Ezzor Military Council) eine eigenständige, parallele Kommando- und Finanzierungslinie aufgebaut habe, die das DMC und seine Söldner, überwiegend ehemalige Qaida und ISIL-Verbündete, ob dazu gepresst oder nicht, vom SDF und damit CENTCOM frei stelle. Es ist für meine Argumentation nicht ausschlaggebend, ob die Info stimmt, oder eine Psy-Op ist – in beiden Fällen stützt sie meine Analyse und Darstellung.

Mattis zieht gegenüber Dunford und Scaparrotti den Schwanz ein und gibt die Schuld – dem Iran!

I think it’s best that we leave Syria.

Damit beugte sich Mattis der via Türkei glaubhaft gemachten NATO-Drohungen gegen CENTCOM-Truppen. Aber wie er das tut, will beachtet sein. Hier wird es vielleicht noch deutlicher:

And in Iraq, it’s the same — it’s the same sort of thing.

Gerade hat das DoS eine knappe Milliarde Dollar für Kurdistan – ja, Kurdistan – locker gemacht, für den syrischen und irakischen Teil 3. Gerade hat Tillerson in Kuwait für die Fortsetzung der verdeckten Besatzung des Irak durch OIR-Truppen geworben und von einem Dutzend Mäulern den Schlachtruf „Wir bleiben!!“ ertönen lassen, gegen den erbitterten, militanten, Krieg versprechenden Widerstand einer satten Hälfte der organisierten irakischen Bevölkerung. Gestern erst hat die NATO dem irakischen Präsidenten das Okay wenigstens für eine neue Trainingsmission abgezwungen.
Wie ein trotziges Kind stellt sich Mattis nun in einem Sätzchen frontal gegen DoS und NATO  – an die Seite zweier grauer Eminenzen hinterm Vorhang; Trump und Putin, die, jeder von seiner Seite des neuen „Eisernen Vorhangs“ aus, weiteren Schäden dieses Krieges des Imperiums gegen sich selbst zu wehren trachten.

The Syrians and Staffan de Mistura’s efforts by the U.N. to solve this in Geneva is the right way to go … our goal is to get this into the Geneva process and solve it. It will not be solved by Assad or by the Russians or by anyone else. It’s got to be solved under the U.N. auspices and it’s got to be done that way.

Mattis weiß so gut wie jeder auf der Welt, daß „Genf“ nur ein Titel gegen „Astana“ ist, daß an der UN noch nie was gerichtet wurde noch werden wird und Trump wie Putin sie nurmehr als Verzögerungstitel 4 ins Spiel bringen.

Mattis kindische Klage über den Iran lest oben selbst nach, ich mag sie nicht neu zitieren. Ihre Ursache läßt sich vielleicht nur psychologisch klären, bei Gelegenheit einer mit Mattis zu leerenden Flasch Whisky. Dennoch gehört sie in meine Analyse, deshalb:

And they’re right next door, as you know, to Syria, with all of the chaos there that presents — presents an ongoing threat. And you see this isn’t just about Turkey. In that case, you also see the disruption in Jordan and Lebanon and Iraq.

Daß in dieser Aufzählung Israel fehlt ist kein Zufall oder Versehen. Mattis notorische Anklagen gegen den Iran haben andere Zwecke und Ziele, als gleichlautende Sätze aus dem DoS, der Knesset und dem zionistischen Kriegsministerium. Mattis, ich erwähnte es schon einmal, ist kein Politiker, er haßt Politiker, wenngleich aus Motiven, die Trumps Verachtung für das Washingtoner Establishment eher fern stehen dürften. Als ein „Kopf“, so weit er einen hat, ist er Militärhistoriker und ihr findet seine Urteilsgründe eher in Machwerken, wie diesem. Iran dürfte in seinem Gemüt die Rolle der des verlorenen und vergeudeten geopolitischen Partners spielen, des potentiell buchstäblich bombenfesten Ankers einer mittelöstlichen und zentralasiatischen Geo- und Militärpolitik der Marinemacht USA.
Anders, als die Spießgesellen in Türkei und Israel, wird er denken. 


  1. ANF nennt das Pentagon als Geldquelle. Das ist sehr wahrscheinlich ein Irrtum. Das DoS hat eine eigene Kriegskasse, die verwaltungstechnisch den Befehlshabern der eingesetzten Truppen und / oder Agenten zugeordnet ist, also CIA-Abteilungen und JSOC. 
  2. Letztere Angabe schaut wie eine Kriegslist der Autoren aus, aber sie ist plausibel, weil ehemalige CIA-Assets aus türkischer Sicht notwendig der Spionage verdächtig sind. 
  3. … nachdem Irakisch Kurdistan schon vor zwei Jahren (oder so, ich weiß nicht mehr genau) $400 Mio. aus der US-Kriegskasse zugesprochen bekam. 
  4. Ich vermute, der Grund dafür und die Bremswirkung, die der Titel noch hat, liegt überwiegend in der Selbstbindung Chinas an UNSC – Beschlüsse. Die ist für alle Imperiumskämpfer, die russischen eingeschlossen, eine Rückendeckung. 
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3 Antworten zu US-Kriegsminister beugt sich dem Druck aus NATO und Israel, gibt türkischer Forderung nach syrischer Provinz statt

  1. tgarner9 schreibt:

    Die Pressekonferenz Tillersons und Cavusoglus bestätigt, die Türkei bekam im Rahmen ihres NATO-Auftrages freie Hand für ein Besatzungsregime westlich des Euphrats, gegen die Zusicherung, in einer Weise – ich füge hinzu, in einem Zeitmaß! – vorzugehen, das den USA erlaubt, ein Gesicht zu wahren. Zwischen den USA und der Türkei wird in künftigen Konsultationen ein Besatzungsregime über Nordsyrien ausverhandelt werden, das „Stabilität und Sicherheit“ bis zu gesamtsyrischen Wahlen unter UN-Kontrolle garantieren soll. Für dieses Besatzungssystem indossierte Tillerson ausdrücklich das türkische Bedürfnis und Vorhaben zu Rücksiedelung von Flüchtlingen, also Vertreibung und Bevölkerungstransfer wenngleich diese Vokabeln selbstverständlich nicht fallen..
    https://www.rt.com/news/418978-us-turkey-tillerson-visit/
    (Den Text könnt ihr ignorieren, auf das Videodokument von Ruptly kommt es mir an)

    Womit unterstrichen ist, daß Tillersons und Cavusoglus Bekenntnis zum Fernziel einer Wiederherstellung der „territorialen Einheit“ Syriens eine platte Lüge ist. Die UN kann nicht unter Verletzung der kriegs- und menschenrechtlichen Konventionen tätig werden.

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  2. Pingback: Verlässlich erscheinende Quelle: Türkei hat Finanzierung des HTS (Qaida, Nusra) Oberkommandos in Idleb übernommen | Themen & Essays

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