Wer demütigte Tillerson in Ankara?

(Vgl.a. den Eintrag zu James Mattis Auftritt in Brüssel)

Der US-Außenminister hatte schon zu Beginn der Pressekonferenz mit Amtskollege Cavusoglu den türkischen Forderungen in allen Punkten stattgegeben, wenn auch in diplomatisch allgemein gehaltener Wortwahl:

We want to coordinate how to stabilize areas together and who will occupy those areas. And the objective and intent is to return these villages, these cities back to the composition of people who were there before they were overrun by Daesh. So we’re going to address Manbij first. It’s one of the first areas we’re going to work on. The United States made commitments to Turkey previously. We’ve not completed fulfilling those commitments. Through the working group we’re going to address that, and Manbij is going to receive priority.

Beachtet, daß er der Türkei ausdrücklich den Status einer US-zertifizierten Besatzungsmacht einräumt.
Etwas weiter unten sattelte Tillerson noch auf, er verpflichtete sich, persönlich, den türkischen Ultimaten Gehör in Washington zu verschaffen:

What we have agreed is our objectives for Syria are precisely the same. There are – there’s no daylight between Turkey and the U.S. objectives: defeat ISIS, stabilize the country, create stabilization areas so eventually refugees and internally displaced persons can begin to return home …

Das „daylight“ zwischen den türkischen und amerikanischen Vorhaben, das den Zuhörern und Beobachtern bestens bekannt ist, verschob Tillerson in die unverbindliche Fortsetzung des Satzes:

… and support the political solution for Syria that will result in …. (blablawuffwuff)

Doch das war Cavusoglu nicht genug!

If Manbij is 95 percent Arab town, it actually does not make any sense that YPG is going to provide security there … It’s not just for Manbij, but we will start from there. And once YPG leaves that and after we have the trust established, we will be able to take steps together with the United States of America, but now YPG needs to leave that zone, and this is a commitment that the United States of America has made to us, and we will be talking about the implementation of how this promise will be kept.

Er bekräftigte nicht nur das Ultimatum, dem Tillerson sich gefügt hatte, er unterstrich es mit einer demütigend offensiven Lüge, jenen „95 %“. Sie ist eine doppelte Ohrfeige, denn nicht nur liegt die Zahl der Kurdischsprachigen mindestens 7 fach höher, die YPG’s bestehen zu einem hohen Prozentsatz aus einheimischen Arabern (arabisch sprechender Bevölkerung) – einige Verbände sind rein arabisch.  Cavusoglu verlangt von den US-Truppen einen Bevölkerungstransfer, einen Genozid.
Etwas, das übrigens das gesamte US-Truppenkontingent Nordsyriens zu leisten außerstande wäre. Die Luftwaffe müßte ein Flächenbombardement anordnen, um ans Ziel zu kommen.

Reuters assistiert Cavusoglu

Es ist vollständig ausgeschlossen, daß Cavusoglu sich auf der Grundlage eigener, türkischer Autorität derart verpflichtete und aus dem Fenster lehnte. Die Türkei kann die US-Truppen schwerlich aus Manbij heraus bomben – selbst wenn Tillerson selbst so etwas angeregt hätte, stünde eine Meuterei der US-Truppen und ihrer Generäle in Washington an, falls Trump keine „angemessene Antwort“ erteilen wollte.

Reuters sattelte auf Tillersons Demütigung in Ankara noch auf. Aus der türkischen Presse war der unsubstantiierte „Vorschlag“ gekommen, die türkische Armee könnte den US-Truppen helfen, die YPG’s aus Manbij über den Jordan zu treiben. Der „Vorschlag“ gehört in dieselbe Klasse, wie Mattis „unschuldige“ Bemerkung gegenüber dem türkischen Verteidigunsminister, die USA könnten ja versuchen, die YPG’s dazu zu bringen, an der Seite der Türkei gegen die PKK zu kämpfen 1. Reuters gibt die antiamerikanische Ohrfeige der türkischen Presse in seiner Überschrift für einen offiziellen Vorschlag aus. Ansonsten berichtet der Artikel treulich über Natur und Schärfe des türkischen Ultimatums, nennt es freilich nicht so.

Es mag an dieser Stelle nützlich sein, wenn ihr euch vorstellt, Lavrov würde in Cavusoglus Stil und Weise über den Abzug der als „Berater“ in der Ukraine stationierten britischen, amerikanischen und polnischen Soldaten nebst diversen NATO-Söldnern verhandeln wollen. Danach schaut stichprobenweise die Presse an, welche der Auftritt in Ankara in West und Ost bekommen hat. Dann wißt ihr hoffentlich, von welcher Adresse, an welche drei Adressen Cavusoglus Ultimatum und Demütigung des US-Emissärs erging 2.


  1. Ich glaube nicht, daß Canikli (oder Daily News) das erfunden hat. Falls doch, war es eine in Stil und Sache treffliche Erfindung. 
  2. Will jemand dagegen wetten, daß Tillerson spätestens im Sommer aus dem Amt scheidet?
    Die Auflösung des „Rätsels“ geht so:
    Tillerson: „Gewiß, wir möchten euch nicht als NATO-Partner verlieren …
    Cavusoglu, Tillerson rechts, links, rechts ohrfeigend: Wir … sind … bessere … NATO … Partner … als … ihr! 
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3 Antworten zu Wer demütigte Tillerson in Ankara?

  1. tgarner9 schreibt:

    Zusatz
    Ich hatte seinerzeit die Geschichte des „amerikanischen Versprechens“, die YPG’s zum Rückzug von Manbij zu bewegen, teilweise dokumentiert, hier:
    https://tomgard.blog/2016/11/08/krieg-gegen-rojava/

    Das Versprechen kam nicht von Obama, nicht von Kerry, sondern General Dunford. Der ansonsten u.a. damit auffiel, die Raqqa-Operation zu verschleppen und zu bremsen, bis Obama der Geduldsfaden riß und den Beginn in der Eigenschaft des Oberbefehlshabers anordnete, damit bis zur Amtsübernahme Trumps Fakten geschaffen würden.

    Eine weitere Rolle spielten natürlich die türkischen Massaker an der Zivilbevölkerung Afrins im Grenzbereich zu Al Bab. Vielleicht entscheidender war der Umstand, daß die SAA zu dieser Zeit Anstalten machte, auf Tabka vorzurücken. Es gab sehr unzweideutige Ansagen vor allem aus der YPJ, den Frauenverbänden, daß sie ihrerseits nicht auf Tabka marschieren würden, wenn die Räumung Manbijs auf dem Tisch bliebe. Ein Kompromiss klärte die Lage. Die YPG’s formierten eilig eigene Verbände in Manbij, unter dem Kommando des Military Council und bildeten sie aus. Zu Beginn der Tabka-Operation meldete die Leiterin der YPJ’s die Ausbildungsmission abgeschlossen und die ursprünglich aus Kobane und Hasaka in Manbij eingerückten Verbände wurden größtenteils an die Tabka /Raqqa – Front verlegt,
    Die Angaben dieses Absatzes ohne volle Gewähr, da aus dem Gedächtnis. So viel ist immerhin klar: Tillersons „Eingeständnis“, man sei gegenüber der Türkei wortbrüchig, oder diplomatischer: „Noch im Wort“, ist eine Lüge, oder historische Unwahrheit, wenn er es nicht besser weiß.

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  2. Pingback: „Tillerson ‚unaware‘ of reason for sacking: official“ | Themen & Essays

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