Ist der Netanyahu schon weg geputscht, oder noch nicht?

(Zusatz:
Stunning: Ghouta ist von den Titelseiten der Tagesschau und Spon genommen. Bei der BBC ist es unter „ME“ noch aktuell, aber auf der Titelseite figuriert eine vergleichsweise außerordentlich konziliante Zusammenfassung eines Interviews mit Iran Deputy FM Abbas Araghchi )

Diese vielleicht noch nicht zu beantwortende Frage halte ich für die Ursache der bemerkenswerten Kür, die ich heut nacht kommentiert habe.

Ja, natürlich, der Jude sei an allem schuld, denke der TomGard, denkt ihr, bis auf die wahrscheinlich genau zwei Leser, die das nicht denken, was ich daran erkenne, daß sie gelegentlich einen meiner empfohlenen, oder gar für das Verständnis eines Textes für notwendig erklärten Verweise, auch annehmen und begehen.

Genau um Letzteres geht es an dieser Stelle. Ich kann euch die Lektüre eines zur OpEd erklärten Editorials des Gründers und Herausgebers der Times of Israel, David Horovitz, nicht ersetzen, trotz dessen Redundanz 1, das ist nicht möglich.
Euch die Bezüge zu den Hintergründen und Voraussetzungen des Textes zu liefern, die meines Erachtens minimal nötig sind, ihn zu begreifen, ist ebenso wenig möglich, ich kann nicht in eure Köpfe schauen. Wenigstens das zu liefern, was ich unter verallgemeinerten Kenntnissen von meinen Adressaten weiß, ist nicht praktikabel, ich bin nicht mal ganz sicher, ob ich alle wesentlichen Elemente in diesem Blog angesprochen habe.

Auf der anderen Seite ist das immanente Textverständnis blitzartig abgehakt, dazu reicht, genau genommen, die Überschrift:

Why the choice between Netanyahu and the rule of law is no choice at all

Horowitz versichert die Leser, ihre Überzeugung, das Staatswesen Israels sei eine jüdische Militärherrschaft – ich verzichte hier auf die Anführungszeichen um „jüdisch“, weil es halt nicht darum geht, was ich, sondern was Horowitz Adressaten unter „jüdisch“ verstehen wollen und / oder sollen – korrekt ist und bleiben wird, aber nicht so sehr an die Person Netanyahus gebunden sei, wie sie vielleicht annehmen oder gar fürchteten 2.

Antworten auf die Frage, worauf die Überzeugung, die Horovitz vermitteln will, der Verlust Netanyahu werde die zionistische Militärherrschaft nicht beschädigen, vielleicht eher stärken, gründe bzw. gründen soll, liegen außerhalb des Textes – die Antwort „weil Demokratie“ dürfte unter Horovitz Adressaten niemand ernst nehmen. Zu einigen wenigen administrativen Voraussetzungen könnt ihr hier was lesen.

Wie virulent der Putsch gegen Netanyahu ist, könnt ich erstmal rasch an den aktuellen Schlagzeilen der ToI ermessen:
Jewish dad of Florida school shooting victim to Trump: ‘It stops here’
und …

Hoppla! Guggt mal auf den link-txt:
https://www.timesofisrael.com/israel-slides-down-world-corruption-index-amid-burgeoning-pm-graft-allegations/
Jetzt lautet der Titel: Israel seen as slightly more corrupt amid burgeoning PM graft allegations und der Text ist nahezu ins Gegenteil verkehrt.  So zeigt zwar nicht der Text, aber der Vorgang, was ich sagen wollte.

Ansonsten verweise ich abermals auf die Kategorie Israel 3 und die Seite MENA.

Noch ein Wort zu den Implikationen für vergangene Einträge.
Ich arbeite nicht mehr so sauber, wie ich könnte, ich hätte andernfalls bemerken müssen, wie nahe der revoltierende Flügel der Zionisten dem Putsch schon stand und wie groß sein internationaler Einfluß daher sein könnte – beachtet den Konjunktiv.
Als ich titelte, „Breiter Angriff der NATO-Ziocons auf Status Quo der Aufteilung Syriens„, war mir allgemein klar, daß es auf die Frage „Wer soll das sein und was genau wollen sie?“, zu dieser Zeit keine Antwort geben könnte. Fehleinschätzungen auf der Grundlage solcher Unklarheit sind logischerweise nicht nur mir, sondern auch Beteiligten der Vorgänge unterlaufen, die ich kommentiert habe, und das vielleicht seit mehr als einem Jahr. Ich werde z.B. selbst noch einmal Sec. John Kerry at the Saban Forum in diesem Licht studieren. Mißverständnisse dürfte es insbesondere im Hinblick auf den jahrelangen Grabenkampf zwischen EUCOM, CENTCOM und Pentagon-Führung gegeben haben, u.a. schlicht deshalb, weil deren Vertreter im jordanischen MOC Seite an Seite mit israelischen und saudischen Kollegen wirkten und seit fast einem Jahr dort auch NATO-Offiziere mit einer vielleicht schon eigenen Agenda hockten. Ich übersehe im Moment noch kein Stück davon, und vieles ist im Nachhinein ohnehin palle.

Damit gehe ich erst einmal zu einem langen Frühstück über und anschließend aufs Trainingsrad.

 


  1. Die ist in manchen Texten der wesentlichste Bestandteil. Hier wohl nicht, aber sie weg zu lassen, ist.m.E. ein Fehler. 
  2. Ich erinnere mich, in einem Text von 2012 ausführlich die in gewisser Weise urkomische Verwandschaft der syrischen mit der israelischen Militärdespotie besprochen zu haben. Sie ist ein Motiv dafür, daß im ganzen Imperium die Psy Op „Assad muß weg“ Leitmotiv des Syrienkrieges war und blieb, während es in der Provinz Israel praktisch keine Rolle spielt. Ein nettes Thema übrigens. Im Libyenkrieg war „Gaddafi muß weg“ tatsächlich das strategische Hauptmotiv und wurde versteckt unter „Gaddafi ist ein MONSTER“. Hugh Roberts hat in „Who said Gaddafi hat to go? einiges zur Antwort auf die Frage beigetragen, warum das so lief und in gewisser Weise laufen mußte
  3. Verdrossen und demoralisiert, wie ich zeitweise bin – mein Schreiben ist ja längst der Zeitvertreib eines Astronauten auf einem Irrflug, der vielleicht in einem Jahr, vielleicht in 20 Jahren, in der Sonne enden wird – sind meine Einträge nur teilweise kategorisiert – es ist mehr da. 
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3 Antworten zu Ist der Netanyahu schon weg geputscht, oder noch nicht?

  1. tgarner9 schreibt:

    Ich habe beschlossen, ein bißchen was zur Vorgeschichte dieses Putsches zu schreiben. Selbst das kleinste Bisschen umfaßt eine Geschichte von fast vierzig Jahren – beginnend mit dem sog. „Reagan-Plan“ und seiner Rolle bei der Ermordung Jitzhak Rabins, der ein Putsch gegen Rabins Außen- und Innenpolitik folgte, welcher in Netanjahus erste Regierungszeit ab 1996 mündete.
    Das braucht ein bißchen Zeit, erst recht deshalb, weil es eine passende Gelegenheit ist, meine unzureichenden Bemerkungen zu „Verschwörungstheorie“ ins Praktische zu wenden. Ich verschwinde für zwei Tage im „tank“.

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  2. tgarner9 schreibt:

    Der BBC „Arab affairs editor“ hat massiv gegengesteuert – mit dem deutlichsten Plädoyer für einen vernichtenden israelischen Angriff auf Damaskus, das ich in der Presse außerhalb Israels je gelesen habe:
    http://www.bbc.com/news/world-middle-east-43126727
    Setzt das Racket hierauf? :
    Juniper Cobra.
    Siehe auch:
    http://www.jewishpress.com/news/breaking-news/us-israel-deploying-anti-missile-batteries-across-jewish-state-for-joint-military-drill/2018/01/31/
    JPost betont, daß es ein NATO-Unternehmen ist:
    the largest IDF and US European Command joint exercise taking place this year with over 2,500 US troops deployed in Europe participating alongside 2,000 Israeli Aerial Defense troops, logistics units, medical forces, and additional IDF units.

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  3. tgarner9 schreibt:

    Debka bestätigt, daß Russlands Regierung Israel diplomatische Garantien gegen „iranische Angriffe“ ausgestellt hat, besteht aber darauf, daß die nichts taugen.

    Eine Erwähnung wert ist das nur, weil es ein Echo eines Op-Ed in der ToI vom 17.2. ist:
    http://blogs.timesofisrael.com/russias-high-wire-balancing-act-in-syria/

    On February 15, the deputy Russian ambassador, Leonid Frolov, said that Russia would support Israel in the event of an Iranian attack on Israel. As he put it, “In case of (Iran’s) aggression against Israel, not only will the United States stand by Israel’s side — Russia, too, will be on Israel’s side.”

    Der Schlußsatz:

    But the day may yet come when a military incident in Syria spins out of control and triggers a war that no one, not even the Russians, can avert.

    Der Autor ist ein umtriebiges Mitglied der jüdischen Lobby Canadas, die nicht zum ersten Mal damit auffällt, daß sie noch militanter auftritt, als die US-Lobby. Und Canada ist seit 2011 aus Sicht der NATO der mit Abstand treuere und verläßlichere nordamerikanische Partner.

    Es gibt in den letzten Tagen eine gewaltige Masse von Psy-Ops und PR-Auftritten, die hinreichend, wenngleich nicht zureichend, zu beschreiben (!) sind als Verdichtung einer Sehnsucht nach dem „erlösenden Schlag“. Ich hab darauf schon mal angespielt („gordischer Knoten“). Eines der frapierensten Beispiele lieferte der Chef der ICG, Robert Malley, in einem Fernsehinterview:

    Andererseits ist das nicht verwunderlich. Wer die Lage mit Verstand analysiert hat, weiß schon seit langem, daß sie auf einen „erlösenden“ israelischen Schlag zuläuft, ob der IDF das schmeckt, oder nicht. Ich selbst wiederhole das seit 2013. Die „Verdichtung“ ist also erstmal nichts weiter, als der idiopathische Reflex eines unhaltbaren Zustandes im Imperium, die Leut wissen nicht was ihnen warum geschieht.

    Wiederum umgedreht ist Militärpolitik und militärische Aktion nur in seltenen Fällen etwas anderes, als solch idiopathischer Reflex. Als ein solcher kann und muß er in erster Instanz als ein Mittel auftreten, den „Feind“, also Russland, unter Druck zu setzen. In Malley’s Konstrukt ist der Feind zum verhinderten Freund stilisiert, was die Verdichtung, siehe die Einleitung, noch mehr, und sehr konkret um die IDF schließt.

    Nimmt man jetzt die durch die jüngste UN-Resolution geschaffene Lage hinzu, die sich hinziehen wird, ist zum Allermindesten zu sagen, daß ca am 8. März in Israel eine Situation anstehen wird, in der nach klassischem patriarchalen Muster ein Mann (oder eine Frau, das ist wurscht),, „es kann nur einen geben“, versucht sein wird, Schicksal zu spielen und glauben könnte, er müsse tun was er tun müsse. Das wird gewiß nicht Netanyahu sein, sondern eine Figur, die höchst wahrscheinlich nie in Erscheinung getreten ist noch treten wird.

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