Der Kreml geht in Syrien in die Offensive

AMN spricht von „Flächenbombardement“ der Ortschaft Al-Latamenah im Norden des Verwaltungsbezirk Hama. Der Angriff dürfte einen größeren Wirkungskreis haben.

Al Latamenah wurde nicht zum ersten Mal schwerst bombardiert. Schon 2015, zu Beginn der russischen Intervention, setzte die RuAF dort ein robustes Ausrufezeichen gegen einen mit „FSA“ gelabelten War-Room der CIA, der Kräfte der offiziellen White-House-Proxies, Ahrar al Sham und Al Nusra (heute HTS) gegen die SAA bündelte und in den Genuß moderner US-Waffen kam. Washington schrie Zeter und Mordio. Die Killary-Fraktion dachte nicht daran, die Unterstützung für Ahrar und Al Nusra einzustellen. 2016 wiederholte die RuAF den Angriff. Jedesmal wurden die Verteidigungsanlagen unterirdisch verstärkt – diesen Abschnitt der Front, gedacht, die trotz der Umgehung über Al Kanaseer wirksame Isolierung Aleppos dauerhaft zu befestigen, wollten CIA und DoS unbedingt halten.

Es folgte eine Phase, in welcher der Kreml türkische Ambitionen gegen die Amerikaner auszuspielen trachteten. „Ahrar“ sollte gute, vertragsfähige „Opposition“ werden, Nusra / HTS isoliert und damit die Spielräume geschaffen werden, die es mittelfristig über den Astana-Prozess erlauben sollten, die M5 von Hama nach Aleppo wieder zu öffnen.

Tatsächlich schlossen Ahrar und die umgenannte Al Nusra nach einigen Scharmützeln einen Burgfrieden. Ich habe das dokumentiert, nehme mir aber nicht die Zeit, das heraus zu suchen, denn es wurde in vielen westlichen Medien thematisiert und bestätigt.

Ab Dezember ’16 stellte die Türkei die Unterstützung Ahrars offiziell ein und begann im Rahmen der Astana-Vereinbarungen eine Zusammenarbeit mit Al Nusra (HTS), angeblich mit dem Ziel, einen vertragsfähigen „gemäßigten“ Flügel für die in Astana ausgekasperte „Deeskalationszone“ zu kooptieren und den „radikalen Rest“ im Osten der Provinz Idleb und Nordosten Hamas militärisch in die Submission zu zwingen.

Es wurde sehr rasch offenbar, daß die Türkei nicht daran dachte, den Deal zu achten. Ihre „Deeskalations“-Truppen bezogen zunächst gegen die Vereinbarung ausschließlich an der Grenze zu Afrin Stellung. Als türkische Truppen im Januar und Anfang Februar in den Osten der „Deeskalationszone“ vorrückten, wurde klar, daß sie das Gebiet zusammen mit HTS gegen die SAA zu sichern trachteten. Auch darüber habe ich ausführlich berichtet.

Am 17. Feb. meldete Sam Heller unter Berufung auf die Oppositionsquelle Enab Baladi, die Türkei habe die Finanzierung des von HTS und Ahrar gemeinsam betriebenen War Room Dahr al-Ghuzat (Repelling the Invaders) übernommen. Andere Quellen bestätigten das indirekt, wie ich berichtete. Vergleicht dazu, wenn ihr wollt, auch dies (Southfront, übersetzt), dies (dito) und AMN. Die Berichte ergeben, daß die Vereinigung der Banden unter türkischer Führung zunächst Turfkämpfe nach sich zogen, welche die Lage komplizierten.

Es folgt daraus:

Der massive Angriff auf Al-Latamenah ist eine unmißverständliche Ansage aus dem Kreml, die türkische Sabotage der Bemühungen um dauerhafte Waffenruhen in allen „Deeskalationszonen“ nicht länger hinzunehmen.

Das dürfte aber nicht alles sein. Die Dislozierung von SU-57 in Syrien, bislang vier, wie es heißt, ist keine defensive Maßnahme. Der „fifth generation“ multirole fighter zeichnet sich gegenüber den bereits in Syrien stationierten Kräften dadurch aus, daß er über erheblich bessere Ausstattung für Bodenangriffe aus großer Distanz verfügt.

Dazu hat man m.E. zu bedenken, daß der Kreml von der Türkei auf dem diplomatischen Parkett in eine unhaltbare Position gebracht wurde. Ich habe dazu in den letzten zwei Wochen schon viel geschrieben und gedenke nicht, das zu wiederholen. The gist:

Die russische Zusammenarbeit mit der Türkei setzt darauf, daß das NATO-Alignement der Türkei an der „Russischen Front“ interessen- und vernunftbasiert kalkulierbare Grenzen hat. Das unterstellt allerdings, daß es ein breites Feld von Differenzen zwischen NATO-Interessen und türkischen Nationalinteressen und ein gewisses strategisch-taktisches Gleichgewicht zwischen den Beteiligten gibt. In Syrien ist ein Teil dieses Gleichgewichts bis zur Stunde physisch repräsentiert in den amerikanischen Truppen östlich des Euphrat.
Merkt bitte auf die Schizophrenie auf, daß die russische Politik offiziell unentwegt gegen die amerikanische Präsenz hetzt, obwohl sie in ihrer Türkei- und Syrienpolitik darauf setzt, daß sie bleibt. Sie ist unverzichtbarer Bestandteil der anvisierten vorläufigen Aufteilung Syriens unter Stabilisierung seines urbanen Zentrums,  Damaskus – Hama – Latakia, unter einem halbwegs tauglichen Einbezug des „Außenpostens“ Aleppo. Entsprechend professionell sehen die russisch-amerikanischen Beziehungen auf militärischer Ebene aus, wie sich u.a. in dieser Affäre bemerklich machte. Dagegen sprechende Vorfälle gibt es, weil das US-Kommando nicht unumstritten ist und EUCOM- wie CENTCOM-Offiziere die von Mattis repräsentierte strategische Linie wiederholt zu sabotieren suchen und dies unter der Deckung der NATO-Generäle straflos tun können.
Aktuell jedoch gibt es gleich eine Reihe von Daten, die voraus künden, daß Mattis die Kontrolle verloren und aufgegeben hat – auch darüber habe ich berichtet. Es erscheint nun möglich, daß die US-Truppen sich aus Rojava zurück ziehen werden und nur noch Tabka, sowie Stellungen entlang der irakischen Grenze halten werden.

Unter diesen Umständen kann der Kreml nicht länger militärisch stillhalten, oder seine ganze Syrienpolitik bricht zusammen.
Daher erwarte ich, daß, falls die Türkei die „Ansage“ von Al-Latamenah nicht in Idleb UND Afrin honorieren sollte – und für Afrin ist das praktisch ausgeschlossen, die Operation ist zu verpflichtend geworden – sehr bald erste russische Angriffe auf türkische Truppen in Syrien folgen werden. Die militärpolitischen Grundlage der russischen Syrienintervention (s.a. die Kommentare) läßt da Optionen und diejenige die mir hier an erster Stelle passend erscheint, sind Angriffe auf „HTS“ im Grenzgebiet zwischen Afrin und Idleb, wo, jüngsten Meldungen zufolge, auch die NDF-Milizen konzentriert werden, die an der Seite der YPG gegen die türkische Intervention kämpfen.

Da kommen die SU-57 ins Spiel. Die Ansage des türkischen Regierungssprechers:

“Any step for the benefit of the PYD/PKK in Afrin will be counted as a terrorist act and those responsible will be a legitimate target,” Kalin said during a news conference on Wednesday“

kann durchaus NATO-Luftabwehrfeuer von türkischem Territorium auf russische Maschinen einschließen, die in oder um den Regierungsbezirk Afrin Bodenziele angreifen. Mit dem neuen Gerät lassen sich solche Angriffe aus gebührender Entfernung von NATO-Stellungen ausführen. Über die russischen Basen ist, wie gesagt, ein nuklearer Schirm aufgespannt.

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Eine Antwort zu Der Kreml geht in Syrien in die Offensive

  1. Sheeple schreibt:

    Ach jetzt droht die russische Politik doch zu kollabieren?
    Also ein Punkt den du scheinbar von Anfang an nicht wahrhaben willst trotz deiner extremen Analyse Fähigkeit:
    Also ersten war den Amis von anfang an nicht zu trauen, in keinster Weise. deren bestreben war es von Anfang an und schon IMMER Assad zu stürzen und Syrien aufzuteilen. Alles was die Chaosvögel im offenen und geheimen gemacht haben hatte nur das Ziel, keine Ausnahme. Täuschung des russischen Gegners inklusive.
    Aus genau diesem Grund muss es von anfang an Russische Politik gewesen sein die Amis oder auch alle anderen NATO Partner aus Syrien rauszuhalten was sie nicht taten und weswegen sie nun in dieser verzwickten Lage stecken. Den ich habe keine Ahnung wie sie die türken noch „friedlich“ aus Syrien rausbekommen wollen.
    Die Kunst dabei ist es nun dies so zu tun das KEIN russischer Soldat auf einen NATO Soldat schießt.
    Aus diesem Grund war die Idlib Deeskalation von Anfang an eine Farce von türkischer Seite.
    Das Russland nun ihr modernstes Gerät nach Syrien bringt hat nicht gutes zu heißen. Sondern eher das sie langsam aber sicher am Ende ihrer Möglichkeiten ankommen, eben weil irgendwer in Moskau glaubt die Chaosvögel „sanf“ zum Rückzug zwingen zu können. Das Versagen dieser Politik zeichnet sich seit dem Idlib einmarsch der Türken klar ab.
    Russland wird WEIT massiver reagieren müssen um die Chaosvögel zum Einleken zu bewegen. Probelm dabei: Die wollen gar nicht einlenken, ich denke das in deren Reihen es tatsächlich irre gibt die einen echten all Out Waffengang gegen Russland anstreben. Und das mit allen Mitteln.

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