Zu taktischen Grundlagen und strategischen Voraussetzungen des NATO-Angriffes auf russische Regionalmacht

Mit Verweisen auf eine Reihe jüngster Artikel in „Defense News“ will ich den Eintrag Zur militärpolitischen Grundlage der russischen Syrienintervention ergänzen und in den größeren Rahmen stellen, den er hat.

Selbstredend ist das ein Thema, das ein Freischärler, wie ich, nicht mal in dreimonatiger Arbeit so bearbeiten kann, wie das theoretisch nötig wäre. Beim Vorgänger habe ich einfach hinerzählt, was ich weiß und nur wenige Leute außerhalb des damit befassten professionellen Kreises aus eigenen Kenntnissen rekonstruieren können. Jetzt werde ich mich im Wesentlichen darauf beschränken, zu zitieren.

Escalate to de-escalate? US and Russia trade jabs on nuclear arms use

„Escalate do de-escalate“ ist das Schlagwort zur taktischen und strategischen Aufstellung der russischen Regionalmacht in Syrien, wie ich sie im o.a. Eintrag skizziert habe. Bei der diesjährigen Münchner Sicherheitskonferenz war das lt. DefenseNews wie folgt Thema:

Seated on a podium John Sullivan, the U.S. deputy secretary of state, found himself treading familiar waters with Sergey Kislyak, first deputy chairman of the committee on foreign affairs in the parliament’s upper chamber. At issue were the morbid intricacies of the circumstances under which each country would unleash atomic arms on the other.

Beachtet den Link, der auf die nukleare NATO-Doktrin hinsichtlich „Cyberangriffen“ verweist. Der Autor will erkennen lassen, daß die nukleare Erstschlagsdoktrin der NATO und der USA, deren Aktivierung ins Belieben der IT-Spezialisten in Geheimdiensten und Streitkräften auf dem luftigen Feld von Nullen und Einsen gelegt ist, und die, dieser virtuellen Natur gemäß, jederzeit mit einer False-Flag-Operation getriggert werden könnte, die defensive Position der russischen Regionalmacht kennzeichnet und bestimmt. Erst danach beruft er, in allgemeiner Formulierung, die weniger flüchtigen Schauplätze:

Specifically, exactly how close to the brink of destruction by way of a conventional attack must one country be before it would shoot back with nukes. Sullivan and Kisliyak accused one another of following a doctrine of “escalate to de-escalate,” which means something like placing a nuclear punch just tiny enough to make a full-blown atomic war seem disproportionate in response, but powerful enough to end whatever skirmish is in progress.

Das ist die Lage, die Putin anläßlich des Abschusses einer SU34 durch NATO-Flieger 2015 für die taktische Aufstellung der russischen Expeditionsstreitkräfte in Syrien angesagt hatte.

Es ist zugleich die Lage, welche die NATO um Kaliningrad berufen hat, indem sie nahezu alle militärischen Vorbereitungen zu einer Blockade der russischen Exklave traf, zuzüglich Truppenstationierung und weiterer Maßnahmen im Baltikum, die eine konventionelle Antwort der russischen Seite sofort an die Schranke nuklearer Eskalation durch die NATO bringen könnte. Die Antwort: Stationierung der „Iskander“ in Kaliningrad, eine Kurzstreckenwaffe, die hinsichtlich „taktischer“ und „strategischer“ nuklearer Verwendung variabel ist.

Es ist weiter die Lage, welche die NATO im Raum des taktischen und strategischen „Stand-Off“ um das Schwarze Meer nicht erst geschaffen, aber akzentuiert hat, als sie in Rumänien einen Teil des „AEGIS-Raketenabwehrschirms“ operationell werden ließ. Das betrifft Moldavien, die Ukraine, Krim, evtl Georgien. Im Text ist das so aufgenommen:

The accusations and denials included: Violations of the Intermediate-range Nuclear Forces Treaty by way of the Russian SSC-8 cruise missile or the American MK-41 shipborne vertical launch system and Aegis Ashore launcher

(Zur russischen SSC-8 später.) Hier macht sich der Autor nicht die Mühe, zu leugnen, was die NATO verleugnet, nämlich daß die Bestandteile des sog. „Abwehrschirms“ jederzeit mit nukleartauglichen Cruise Missiles zu nuklearen Angriffspositionen umgewidmet werden können, ohne daß dies jemand Außenstehender bemerkt, und deshalb mit einiger Wahrscheinlichkeit bereits entsprechend ausgestattet sind.
Die Nuclear Posture Review, in der Washington den Beschluß zur Aufrüstung nuklearer Eskalationsspielräume beschlossen hat, kennzeichnet daher den aktuellen, nicht erst einen zukünftigen Stand der Dinge. Der Autor enthält sich nicht, diesen Stand höhnisch zu charakterisieren, nämlich so:

So Strangelovian was the conversation at times that the speaker immediately following, 2017 Nobel Peace Prize laureate Beatrice Fihn, executive director of the International Campaign to Abolish Nuclear Weapons, joked that she needed a drink when entering the stage.

Was mich annehmen läßt, daß es sich um Hohn handelt? Die Erwähnung der russischen SSC-8.
Das ist die obsolete taktische Nuklarwaffe der RF. Der Autor und sein geneigtes Publikum kennen die modernen Waffen, mit denen die RF der NATO-Strategie eigene Eskalationsspielräume entgegen gesetzt hat. Von der „Kalibr“ war im letzten Eintrag schon die Rede, jetzt erwähne ich noch die  BrahMos, mit der Russland seinen Regionalmachtstatus gleichsam zu exportieren im Begriff ist, nämlich nach Indien. Nominell sind die Dinger gedacht, der indischen Luftwaffe die Option von präemtiven „Präzisionsangriffen“ – ein Euphemismus – auf das nucleare Arsenal und die Raketenwaffen Pakistans zu verschaffen, aber realer ist die mit der BrahMos zu schaffende Gegenmacht zur amerikanischen Flotte, falls diese zur Blockade der Seestraßen zwischen Pazifik und Indischem Ozean schreiten wollte. Defense News betont also bis zum Schluß, es gebe kein „Gleichgewicht“, sondern eine russische Defensive, die aufrecht zu halten das strategische Ziel sein müsse. Der Wink ist deutlich genug: USA und NATO stünden jederzeit bereit, das „Escalate to de-escalate“ Strategem mit ihren ganz großen Kalibern zum Sandkastenspiel herab zu setzen. Warum? Das verrät ein Artikel von gestern.

„Augment alliance cohesion“

Ich habe schon mehr aufgefaltet, als ich vor hatte und mein Zeit-Management erlaubt, verlinke ohne Besprechung Mattis Bekehrung zur Angriffsstrategie der NATO auf Russland und China (vom 6.Feb.).
Zum Follow up von gestern will ich kursorisch den Hauptpunkt hervor heben. Da heißt es kurz und trocken:

So, what is the strategic utility of nonstrategic assets? For the U.S. and NATO, these weapons primarily serve to extend America’s overall nuclear deterrent to allies and augment alliance cohesion — despite disagreement within NATO regarding stationing U.S. nuclear weapons on European soil.

Da sind die Drangsale russischer Regionalmachtinteressen, deren Verfolgung nuklear abzusichert die NATO Russland zwingt, und das darin einbeschlossene Gefährungspotential, kurzerhand zu Peanuts herab gesetzt. Das nukleare Potential der NATO zielt auf die Alliierten, diejenigen, deren nationale und regionale Interessen Überlappungszonen mit russischen (und chinesischen) Interessen aufweisen. Das klar zu stellen griff der Autor auf einen Vorgang zurück, der mir zwar nicht entgangen ist, den ich aber nicht ausreichend gewürdigt hatte und der mir deshalb entfallen war:

Five Nato states to urge removal of US nuclear arms in Europe
Belgium, the Netherlands, Germany, Norway and Luxembourg set to make a joint declaration ‚in the next few weeks‘
Belgium, the Netherlands, Germany, Norway and Luxembourg will make a joint declaration „in the next few weeks“, a Belgian official said, with the intention of influencing a growing debate within Nato over the usefulness of nuclear weapons in alliance strategy.

Das war im Februar 2010. Ungefähr ein halbes Jahr später „stand“ der Plan zum NATO-Überfall auf Libyen, ausgearbeitet als ein französisch-britischer Manöverplan namens „Southern Mistral“, öffentlich vorgestellt ca. im Oktober. Im Februar 2011 „gings los“, parallel zu den erst noch halbherzigen Unternehmungen, einen „arabischen Frühling“ in Syrien zu stiften, die zu scheitern drohten, und erst mit dem Export von libyschen, tunesischen, algerischen, türkischen, saudischen und sonstigen Jihadis nach Syrien ab Oktober 2011 „in Fahrt“ kamen.

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2 Antworten zu Zu taktischen Grundlagen und strategischen Voraussetzungen des NATO-Angriffes auf russische Regionalmacht

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